Jacob Burckhardt und Friedrich Nietzsche gehören zu den bekanntesten Persönlichkeiten in der jüngeren Geschichte der Geisteswissenschaften. Burckhardt gilt noch heute und weit über die Schweiz hinaus als einer der bedeutendsten (Kultur-)Historiker, seine monumentalen Werke bleiben nicht nur im wissenschaftlichen Betrieb bekannt und präsent. Nietzsche seinerseits gehört zu den bekanntesten deutschsprachigen Denkern aller Zeiten, Bücher über seine Person und seine Philosophie füllen ganze Bibliotheken. Was rechtfertigt nun eine weitere Beschäftigung mit zwei so häufig analysierten und so verschiedentlich kommentierten Wissenschaftlern und Autoren?
Obwohl die persönlichen und beruflichen Beziehungen zwischen den beiden anhand der Korrespondenz und den Berichten von Dritten bereits rekonstruiert und aufgearbeitet werden konnten, so werden sowohl Burckhardt als auch Nietzsche häufig unabhängig voneinander betrachtet. Indem man Burckhardts historische Betrachtungen und Nietzsches philosophische Konzepte ausschliesslich als eigenständige Forschungsfelder begreift, werden mögliche inhaltliche Bezüge oder Einflüsse dabei oft ausgeblendet. Die nachfolgende Darstellung wird sich auf genau solche Schnittmengen konzentrieren und versuchen, bestimmte Zusammenhänge zwischen Burckhardts Geschichtsbild und Nietzsches Weltanschauung herauszuarbeiten.
Burckhardt und Nietzsche teilten trotz zahlreichen und tiefgreifenden persönlichen Unterschieden auch eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten. Eine davon war das leidenschaftliche Interesse an der Kultur der Antike. Ausgehend von diesem Interesse und gefördert durch den persönlichen Umgang mit Burckhardt entwickelte Nietzsche im Laufe der Zeit auch ein ausgeprägtes Interesse an der italienischen Renaissance. Weil sich die wenigen Arbeiten, die sich um inhaltliche Synthesen zwischen Burckhardt und Nietzsche bemühen, zumeist auf den Bereich der Antike konzentrieren, werden nachfolgend hauptsächlich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den jeweiligen Auffassungen und Darstellungen der italienischen Renaissance im Fokus stehen.
Diese Arbeit wird grundsätzlich versuchen, Nietzsche nicht nur als Philosophen wahrzunehmen, sondern auch und vor allem seine Auffassung der Geschichte, insbesondere sein Verständnis, seinen Begriff und seine Deutung der italienischen Renaissance zu erfassen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Burckhardt und Nietzsche: Die Elemente
2.1. Jacob Burckhardt
2.1.1. Leben und Werk
2.1.2. Das Geschichtsverständnis Burckhardts
2.1.3. Die Idee der drei Potenzen
2.1.4. Die Begriffe „Krise“ und „Grösse“
2.1.5. Der Begriff der Renaissance
2.2. Friedrich Nietzsche
2.2.1. Leben und Werk
2.2.2. Grundzüge seines Denkens
2.2.3. Die Bedeutung menschlicher Wahrheiten
2.2.4. Gottes Tod und die Folgen
2.2.5. Ursprung und Wesen der Moral
2.2.6. Der Immoralismus
2.2.7. Darüber hinaus
3. Burckhardt und Nietzsche: Die Synthese
3.1. Professionelle und persönliche Beziehung
3.1.1. 1869-1879: Basler Jahre
3.1.2. 1879-1897: Distanz und Entfremdung
3.2. Nietzsches Begriff der Renaissance
3.2.1. Frühe Phase: Der Begriff des Individualismus
3.2.1.1. Zwischen Wagner und Burckhardt
3.2.1.2. „Historical turn“: Individualismus und schöpferische Kraft
3.2.2. Mittlere Phase: Konsolidierung und Befreiung
3.2.2.1. Krise und Konsolidierung
3.2.2.2. Aufklärung und Befreiung
3.2.3. Späte Phase: Radikalisierung der Thesen
3.2.3.1. Radikalisierung und Personifizierung
3.2.3.2. Die Apotheose Cesare Borgias
3.2.3.3. Implikationen und Bedingungen des Renaissance-Individualismus
3.3. Über Nietzsche hinaus: Der Renaissancismus
3.3.1. Verklärung und Überwindung
3.3.2. Das Problem der Dekadenz
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen dem Renaissanceverständnis des Kulturhistorikers Jacob Burckhardt und der Philosophie Friedrich Nietzsches. Ziel ist es, inhaltliche Schnittmengen, Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede in ihren jeweiligen Deutungen der italienischen Renaissance herauszuarbeiten und den Einfluss Burckhardts auf die Entwicklung des Renaissancebegriffs bei Nietzsche nachzuzeichnen.
- Vergleichende Analyse des Geschichtsverständnisses von Burckhardt und Nietzsche.
- Untersuchung der professionellen und persönlichen Beziehung zwischen beiden Denkern.
- Darstellung der Entwicklung von Nietzsches Renaissancebild in drei Phasen (frühe, mittlere und späte Phase).
- Untersuchung der Bedeutung des Renaissance-Individualismus und des „Willens zur Macht“.
- Reflektion über die Rezeption und den späteren „Renaissancismus“ um die Jahrhundertwende.
Auszug aus dem Buch
2.1.4. Die Begriffe „Krise“ und „Grösse“
Burckhardt unterschied eine Vielzahl von unterschiedlich gewichteten geschichtlichen Krisen, und erkannte „echte Krisen“ als „selten“34. Der Niedergang der Antike, die historische Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit und das mit der französischen Revolution eingeläutete Revolutionszeitalter galten ihm wohl als die tiefgreifendsten und entscheidendsten Epochenübergänge. In den geschichtlichen Krisen erkannte Burckhardt keine Abweichung vom gewohnten Lauf der Geschichte, sondern nur deren Beschleunigung: Wie weiter oben bereits erläutert wurde, betrachtete er den steten historischen Wandel der menschlichen Lebensformen als unabdingbar – der menschliche Geist erschafft in seiner Kontinuität aus den Ruinen des Niedergegangen immer wieder Neues. Während einer historischen Krise wird dieses „Hauptphänomen“ daher weniger ausgehebelt als vielmehr beschleunigt:
„Der Weltprozess gerät plötzlich in furchtbare Schnelligkeit, Entwicklungen, die sonst Jahrhunderte brauchen, scheinen in Monaten und Wochen wie flüchtige Phänomene vorüberzugehen und damit erledigt zu sein.“35
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung legt den Grundstein für die Untersuchung der inhaltlichen Bezüge zwischen Burckhardts Geschichtsbild und Nietzsches Weltanschauung, insbesondere im Hinblick auf die italienische Renaissance.
2. Burckhardt und Nietzsche: Die Elemente: Dieses Kapitel definiert die Grundlagen, indem es Leben, Werk und die zentralen Konzepte der beiden Denker jeweils separat betrachtet.
3. Burckhardt und Nietzsche: Die Synthese: Hier erfolgt die Zusammenführung, in der die persönliche Beziehung und die Entwicklung von Nietzsches Renaissance-Begriff in seinen drei Schaffensphasen analysiert werden.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen und bestätigt den maßgeblichen Einfluss Burckhardts auf Nietzsches Renaissance-Verständnis trotz ihrer inhaltlichen Divergenzen.
Schlüsselwörter
Jacob Burckhardt, Friedrich Nietzsche, Renaissance, italienische Renaissance, Geschichtsphilosophie, Individualismus, Kultur, drei Potenzen, historische Grösse, Cesare Borgia, Umwertung der Werte, Wille zur Macht, Renaissancismus, Dekadenz, Historismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit?
Die Arbeit untersucht, wie Friedrich Nietzsche die italienische Renaissance wahrgenommen und interpretiert hat, insbesondere unter dem Einfluss der kulturhistorischen Schriften von Jacob Burckhardt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Geschichtsverständnis beider Denker, ihr Begriff des Individualismus, die Bedeutung von Moral und ihre Kritik an der Moderne sowie der Einfluss der Antike.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Das Ziel ist es, Nietzsches historisches Denken und seine „Umwertung der Werte“ vor dem Hintergrund von Burckhardts Renaissance-Konzept zu erfassen und die Entwicklung dieses Begriffs bei Nietzsche zu verdeutlichen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine chronologisch-lineare Analyse der Schriften beider Autoren, kombiniert mit einer vergleichenden Untersuchung ihrer Korrespondenz und zeitgenössischer Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Einzelanalyse der beiden Denker und eine darauffolgende Synthese, die ihre Beziehung sowie die drei Phasen von Nietzsches Auseinandersetzung mit der Renaissance detailliert nachzeichnet.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben den Namen der beiden Protagonisten sind „Individualismus“, „Historische Grösse“, „Umwertung der Werte“, „Dekadenz“ und „Renaissancismus“ zentrale Begriffe.
Welche Rolle spielt Cesare Borgia in der Argumentation?
Für den späten Nietzsche wird Cesare Borgia zur historischen Personifizierung des „Übermenschen“ und zum Symbol einer moralisch nicht gebundenen, lebensbejahenden Kraft, die er der christlichen Moral gegenüberstellt.
Wie bewertet der Autor die Beziehung zwischen Burckhardt und Nietzsche?
Der Autor zeichnet eine von anfangs gegenseitigem Respekt geprägte Beziehung nach, die zunehmend von weltanschaulicher Distanz und tragischer Entfremdung bestimmt war, da Nietzsche Burckhardts konservative Haltung nicht mit seinem eigenen radikalen Aufbruch vereinen konnte.
- Arbeit zitieren
- Master of Arts David Venetz (Autor:in), 2010, Das Individuum der Renaissance bei Jacob Burckhardt und Friedrich Nietzsche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271493