Die Religiosität der Objekte im Nouveau Roman

Gustave Flauberts "Madame Bovary" und "Un cœur simple"


Hausarbeit, 2012
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Religionsverständnis und Religiöse Objekte
2.1 In Madame Bovary
2.2 In Un c œ ur simple

3 Der Vergleich der Todesszenen in

Madame Bovary und Un c œ ur simple

4 Fazit

Anhang

I Bibliographie

Einleitung

The subject of Flaubert's approach to religion is as omnipresent in his work and as complicated as the subject of the role of the author1. Dieses Zitat beschreibt das komplizierte Verhältnis Gustave Flauberts zur Religion. Er war der Überzeugung der Autor müsse in seinem Werk sein wie „ Dieu dans l'univers2. Flaubert selbst war jedoch keineswegs religiös und bezeichnete sich selbst als unfähig zu glauben. Trotzdem wendete er sich in seinem Werken immer wieder diesem Thema zu, sei es aus Faszination oder um Kritik an ihr zu üben.3 So sind auch die beiden Werke Madame Bovary und Un c œ ur simple religiös geprägt. Beide Hauptfiguren, das Dienstmädchen Félicité und Emma Bovary, sind auf ihre Weise vom christlichen Glauben fasziniert und sehen sich selbst als gläubig an, beide Figuren transformieren den Glauben auf ihre Art und sowohl bei Emma Bovary als auch bei dem Dienstmädchen Félicité spielt das Objekt eine besondere Rolle. Darauf soll in dieser Arbeit genauer eingegangen werden. Der religiöse Diskurs in den beiden Werken Flauberts wird hierzu unter besonderer Berücksichtigung des Objekts untersucht werden. Dazu wird zunächst die Darstellung der Objekte und das damit verbundene Religionsverständnis der beiden Figuren betrachtet. Es soll unter anderem überprüft werden, in welchem Verhältnis Emma und Félicité zu diesen Objekten stehen, um welche es sich handelt und wie diese im Raum, sei es in einer Kirche oder in einem anderen sakralen Raum, inszeniert sind (2). Anschließend wird die Rolle der religiösen Objekte in den Todesszenen analysiert (3). Abschließend werden die Ergebnisse in einem Fazit zusammengefasst und vergleichend diskutiert (4).

2 Religionsverständnis und Religiöse Objekte

Im Folgenden sollen die beiden Werke Madame Bovary und Un c œ ur simple näher daraufhin untersucht werden, welches Religionsverständnis die Figuren haben und welche Rolle das Objekt und die Kirche als Raum zur Inszenierung dieser Objekte spielen.

2.1 In Madame Bovary

Einen ersten Kontakt zur Religion hat Emma Bovary, als sie in ihrer Jugend eine Klosterschule besucht. Es wird beschrieben, welchen Eindruck das religiöse Umfeld auf sie macht. Der eigentliche Glaube spielt hier keine wirkliche Rolle, die junge Emma ist vielmehr fasziniert von der Atmosphäre der Kirche und der religiösen Rituale, die bei ihr eine Art mystische Entkräftung auslösen. So heißt es:

«Vivant donc sans jamais sortir de la tiède atmosphère des classes et parmi ces femmes au teint blanc portant des chapelets à croix croix de cuivre , elle s'appoussit doucement à la langueur mystique qui s'exhale des parfums de l'autel, de la fraicheur des bénitiers et du rayonnement des cierges. Au lieu de suivre la messe, elle regardait dans son livre les vignettes pieuses bordées d'azur, et elle aimait la brebis malade, le sacré coeur percé de flèches aiguës, ou le pauvre Jésus, qui tombe en marchant sous sa croix.»4

Eine Art mystische Faszination wird bei Emma durch religiöse Objekte ausgelöst, die sie unabhängig von ihrer Bedeutung betrachtet. So sieht sie sich lieber die Vignetten in ihrem Buch an, als den Inhalten der Messe zu folgen. Die Rosenkränze und Kreuze der Ordensschwestern, der duftende Altar, die Kälte des Weihwasserbeckens und die Kerzen - Objekte mit einer tieferen religiösen Bedeutung - beschreiben ihren Eindruck der Messe, es ist deren Ästhetik, die sie beeindruckt, die Kirche ist nur der Ort, an dem diese Objekte inszeniert werden.

Jedes von ihnen verweist auf einen Sinn, der von Mitgliedern einer christlich geprägten Kultur verstanden wird. Betrachtet man das Objekt nach Barthes als „ etwas, das zu etwas dient5 und geht man wie der Sprachwissenschaftler davon aus, dass die „Funktion“ auch das Transportieren einer Symbolik sein kann, so haben diese religiösen Objekte im allgemeinen Verständnis zwei Funktionen: das Transportieren einer christlichen Symbolik und eine Funktion im eigentlichen Sinne bei der Durchführung christlicher Rituale.6 Jesus, der auf seinem Weg zum Kreuz stürzt, verweist beispielsweise auf das Leiden Christi, das Weihwasserbecken wird zum Auffangen von Weihwasser genutzt, das bei verschiedenen religiösen Ritualen verwendet wird. Für Emma Bovary haben diese Objekte jedoch eine völlig andere Funktion. Sie nimmt nur ihre Ästhetik wahr und sucht in der mystischen, romantischen Empfindung, die diese bei ihr auslösen emotionale Bereicherung, genauso wie sie sie in Romanen zu finden versucht:

« Il fallait qu'elle pût retirer des choses une sorte de profit personnel ; et elle rejetait comme inutile tout ce qui ne contribuait pas à la consommation immédiate de son coeur. »7

Auch einige Jahre später, als Madame Bovary sich in einem Moment der Depression an ihre Zeit in der Klosterschule und an den Reiz erinnert, den die Kirche auf sie ausgeübt hat, steht die Ästhetik der Objekte, derer sie sich erinnert, im Vordergrund:

« Elle se rappela les grands chandeliers, qui dépassaient sur l'autel les vases pleins de fleurs et le tabernacle de colononettes. Elle aurait voulu, comme autrefois, être encore confonduedans la longue ligne des voiles blancs, que marquaient de de noir çà et là les capuchons raides des bonnes sœurs inclinées sur leur prie-Dieu ; le dimanche, à la messe, quand elle relevait sa tête, elle aperçevait le doux visage de la vierge parmi les tourbillons bleuâtres de l'encens qui montait.»8

Wieder sind es keine biblischen Inhalte oder Predigten, sondern die großen Kerzenleuchter, die Vasen voller Blumen und die geschmückten Tabernakel, die beschrieben werden. Die mystischen Empfindungen, ausgelöst durch die in der Kirche inszenierten Objekte, werden von der Figur jedoch als wirklicher Glaube empfunden. So glaubt sie, während des Gottesdienstes die Jungfrau Maria aus dem bläulichen Weihrauch aufsteigen zu sehen. Emma setzt die Objekte und die Kirche, die sie vor allem als Ort zu verstehen scheint, an dem diese zu finden sind, mit Religion gleich. So versucht sie, durch die Betrachtung des Tabernakels, der Blumen und der Marienstatue, Gottes Gegenwart herbei zu beschwören, als sie sich mit ihrem zukünftigen Liebhaber in einer Kathedrale trifft und sich bemüht, einem Ehebruch zu widerstehen:

«... pour attirer le secours divin, elle s'emplissait les yeux des splendeurs du tabernacle, elleaspirait le parfum des juliennes blanches epanouies dans les grands vases et prêtait l'oreille ausilence de l'église. »9

Dem Literaturwissenschaftler Paul Greyer zufolge führt Emma ein „ Scheinleben10 in ihrer romantischen, von den Idealen ihrer Romane geprägten Welt und zweifelt die Realität an, wo immer sie dieser Welt nicht entspricht. So gibt sie sich vor Gästen als hingebungsvolle Mutter und gute Hausfrau und gefällt sich in dieser Rolle, solange diese ihrer romantischen Idealwelt entspricht. Holt die Realität sie ein und entspricht dieser nicht mehr Emmas Idealvorstellungen, beginnt sie sich davon abzuwenden.11 In diesem Zusammenhang kann auch das Religionsverständnis der Figur interpretiert werden. So ist sie sich der Tatsache, dass der eigentliche Glaube für sie keine Bedeutung hat, nicht bewusst und empfindet sich in der Wahrnehmung der Emotionen auslösenden Objekte und in der Atmosphäre, die sie dadurch empfindet, als gute Gläubige, wie sie sich auch in einigen Momenten als gute Hausfrau und Mutter gefällt.

Dies wird besonders deutlich, als Emma Bovary nach der Abreise ihres Liebhabers Rodolphe in der Religion Trost sucht. Sie verlangt nach der Kommunion, um sich besser zu fühlen und ihr Zimmer wird durch das Aufstellen eines Altars und der für die Figur so eindrucksvollen Blumen in einen sakralen Raum verwandelt:

« Un jour qu'au plus fort de sa maladie, elle avait demandé la communion ; et à mesure que l'on faisait dans sa chambre les préparatifs pour le sacrement, que l'on disposait en autel la commode encombrée de sirops et que Félicité semait par terre des fleurs de dahlia, Emma sentait quelque chose de fort passant sur elle, qui la débarassait de ses douleurs, de toute perception, de tout sentiment [...]»12

Die Verwandlung ihres Zimmers in einen kirchenähnlichen Raum versetzt Emma sofort in das ihr bekannte mystische Gefühl, allein durch diese immer wiederkehrenden Objekte - die Blumen und den Altar - fühlt sie sich besser. Als sie später beschließt, sich genauer mit der Religion auseinander zu setzen, um diesen Gemütszustand wieder zu erreichen und somit in ihrer Vorstellung zu einer Heiligen zu werden, denkt sie vordergründig an die Beschaffung von Objekten:

[...]


1 Porter, Laurence M.: A Gustave Flaubert Encyclopedia, London 2001, S. 267.

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Flaubert, Gustave: Madame Bovary, Paris 1999, S. 98.

5 Barthes, Roland: Semantik des Objekts S.189, in: Barthes, Roland: Das semiologische Abenteuer, Suhrkamp, 1994, S. 187 – 197.

6 Ebd. S. 191.

7 Flaubert 1999, S.99.

8 Ebd. S. 147.

9 Ebd. S. 367.

10 Geyer, Paul: Zur Dialektik von «mauvaise foi» und Ideologie in Flauberts Madame Bovary, S. 205, in: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch 40/1999, 199 – 236.

11 Ebd.

12 Flaubert, Gustave 1999, S. 328.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Religiosität der Objekte im Nouveau Roman
Untertitel
Gustave Flauberts "Madame Bovary" und "Un cœur simple"
Hochschule
Universität Erfurt  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Poetik der Objekte - Flaubert und der Nouveau Roman
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V271509
ISBN (eBook)
9783656633068
ISBN (Buch)
9783656633051
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
religiosität, objekte, nouveau, roman, gustave, flauberts, madame, bovary
Arbeit zitieren
Maike Kalischer (Autor), 2012, Die Religiosität der Objekte im Nouveau Roman, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271509

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