"Und ist denn nicht das ganze Christentum aufs Judentum gebaut? Es hat mich oft geärgert, hat mir Tränen genug gekostet, wenn Christen so sehr vergessen konnten, daß unser Herr ja selbst ein Jude war."
Dieses Zitat stammt aus dem Werk Nathan der Weise, veröffentlicht 1779 von Gotthold Ephraim Lessing (*1729, † 1789), der seinem Freund Moses Mendelssohn (*1729, † 1786), dem Begründer der jüdischen Aufklärung, damit ein literarisches Denkmal setzen wollte. Es beinhaltet zentrale Wahrheiten im Verhältnis von Christentum und Judentum: Ein Judentum ohne das Christentum kann man sich leicht denken, niemals jedoch ein Christentum ohne das Judentum. „Das Christentum steht in einem Familienzusammenhang mit dem Judentum, wie er enger nicht gedacht werden kann: Das Christentum ist aus dem Schoß des Judentums hervorgegangen.” Die Kirche hat ihren Ursprung in Israel, in Jesus von Nazareth, einem Juden unter dem mosaischen Gesetz (Gal 4,4f). Dies erkennt sie zum ersten Mal 1965 in der Erklärung über die Haltung der katholischen Kirche zu den nichtchristlichen Religionen Nostra Aetate an. In der fast zweitausendjährigen Geschichte davor hat sie ihren Ursprung allzu oft vergessen und mit antijüdischen Traditionen und Feindlichkeit gar unterdrückt. Judenmission war im Mittelalter keine Seltenheit. Den Höhepunkt der Grausamkeit bildet schließlich im 20. Jahrhundert die Schoa. Der Gesprächskreis Juden und Christen fragt zu recht: „Wie haben Menschen, wie haben Christen damals auf Ermordungen, Mißhandlungen und Schändungen in der Reichspogromnacht, die im Gegensatz zu dem, was sich in den Konzentrationslagern abspielte, in aller Öffentlichkeit stattfand, reagiert?[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Erklärung Nostra Aetate
2.1 Entstehungsgeschichte
2.2 Inhalt der Erklärung Nostra Aetate
2.2.1 Artikel 1
2.2.2 Artikel 2
2.2.3 Artikel 3
2.2.4 Artikel 4
2.2.5 Artikel 5
2.3 Rezeption und jüdisch-christlicher Dialog nach Nostra Aetate
3. Der Gesprächskreis Juden und Christen
3.1 Der niemals gekündigte Bund Gottes
3.2 Nein zur Judenmission
3.3 Ein Dialog nach der Schoa?
4. Zukunft braucht Erinnerung
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entwicklung und die wesentlichen Etappen des jüdisch-christlichen Dialogs, ausgehend von der Erklärung Nostra Aetate bis zur Gegenwart, mit einem besonderen Fokus auf die Arbeit und die Stellungnahmen des "Gesprächskreises Juden und Christen". Die zentrale Forschungsfrage befasst sich dabei mit dem Selbstverständnis von Christen und Juden nach Auschwitz und der Notwendigkeit einer neuen Theologie, die das Verhältnis beider Glaubensgemeinschaften verantwortungsvoll gestaltet.
- Die Entstehungsgeschichte und Bedeutung der Erklärung Nostra Aetate als Wendepunkt in der Kirchengeschichte.
- Die kritische Auseinandersetzung mit der Frage nach Schuld, Leid und Versöhnung nach der Schoa.
- Die dogmatische und theologische Debatte um den "niemals gekündigten Bund Gottes" mit Israel.
- Die Ablehnung der Judenmission durch den Gesprächskreis Juden und Christen als notwendige Konsequenz der neuen Dialoghaltung.
- Die Rolle der Erinnerungskultur als Voraussetzung für eine gemeinsame Zukunft.
Auszug aus dem Buch
2.2.4 Artikel 4
Artikel 4 schließlich arbeitet in sieben Absätzen, die zugleich ein Drittel der gesamten Konzilserklärung ausmachen, die komplexe Problematik im Verhältnis von Kirche und Judentum heraus.
Dieser Umfang rechtfertigt sich auch durch die ganz besonderen Bindungen, die zwischen dem Judenvolk und Christus, und folglich auch der Kirche gegeben sind, und darüber hinaus durch die Tatsache, daß sich gerade auf diesem Gebiet im Laufe der Jahrhunderte die schmerzlichsten Mißverständnisse und Vorurteile gebildet und behauptet haben, die es zwischen den Religionen gibt.
Der Blick der katholischen Kirche auf das Judentum wird in diesem Abschnitt drastisch erneuert. Einerseits wird sich von einer „falschen Lehre über das Judentum“ in der Vergangenheit distanziert und andererseits findet eine „Hinkehr zum Judentum und den Juden von heute“ statt. Es wird deutlich dargestellt, dass das Verhältnis Judentum und Christentum im Vergleich zu den vorherigen thematisierten Beziehungen ein besonderes und noch bedeutenderes ist, wenn es heißt „gedenkt die heilige Synode des Bandes, wodurch das Volk des Neuen Bundes mit dem Stamme Abrahams geistlich verbunden ist“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Belastung des Verhältnisses zwischen Christentum und Judentum und formuliert die Motivation der Arbeit angesichts einer notwendigen Theologie nach Auschwitz.
2. Die Erklärung Nostra Aetate: Dieses Kapitel analysiert den Werdegang, die Entstehungsgeschichte und die theologischen Kerninhalte des Konzilsdokuments als grundlegenden Wendepunkt im interreligiösen Dialog.
3. Der Gesprächskreis Juden und Christen: Der Hauptteil untersucht das Wirken dieses Gremiums, insbesondere dessen Positionen zu Schuld und Versöhnung sowie die fundamentale Ablehnung der Judenmission.
4. Zukunft braucht Erinnerung: Das Kapitel reflektiert die Bedeutung der Erinnerungskultur als notwendige Basis für den Dialog und die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft.
5. Fazit: Das Fazit zieht eine Bilanz der bisherigen Dialogphasen und unterstreicht die bleibende Aufgabe einer respektvollen, theologisch reflektierten Beziehung zwischen Juden und Christen.
Schlüsselwörter
Nostra Aetate, Gesprächskreis Juden und Christen, Jüdisch-christlicher Dialog, Schoa, Auschwitz, Judenmission, Ungekündigter Bund, Zweites Vatikanisches Konzil, Antisemitismus, Versöhnung, Erinnerungskultur, Theologie, Schuld, Dialog, Theologische Schwerpunkte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum, insbesondere die Wandlung von einer Geschichte der Ausgrenzung hin zu einem Dialog, der auf gegenseitigem Respekt und der Anerkennung eines gemeinsamen Erbes basiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zu den zentralen Themen gehören die Bedeutung der Konzilserklärung Nostra Aetate, die Theologie des "ungekündigten Bundes" Gottes mit Israel, die Aufarbeitung der Schuldfrage nach der Schoa sowie die notwendige Abkehr der Kirche von der Judenmission.
Welches ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Entwicklung und die theoretischen Fundamente des jüdisch-christlichen Dialogs aufzuzeigen und insbesondere die Arbeit des Gesprächskreises Juden und Christen als kritische und dynamische Stimme in diesem Prozess zu würdigen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit basiert auf einer theologischen und historischen Analyse offizieller kirchlicher Dokumente sowie der Stellungnahmen und Arbeitspapiere des Gesprächskreises Juden und Christen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich intensiv den theologischen Debatten innerhalb des Gesprächskreises, insbesondere dem Umgang mit dem Neuen Testament unter dem Aspekt des Antijudaismus, der Frage der Judenmission und der theologischen Reflexion des "ungekündigten Bundes".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Nostra Aetate, jüdisch-christlicher Dialog, Schoa, Ungekündigter Bund Gottes und die Reflexion über christliche Schuld.
Welche Rolle spielt der Begriff "Schoa" in der Argumentation?
Die Schoa wird als der tiefste Einschnitt begriffen, der eine grundlegende Neuausrichtung der christlichen Theologie erfordert, da sie das Versagen der Kirche und die Notwendigkeit einer dauerhaften Erinnerungskultur und Reue verdeutlicht.
Warum wird die Judenmission als "Ärgernis" bezeichnet?
Aus Sicht des Gesprächskreises ist die Judenmission unvereinbar mit der Anerkennung des ungekündigten Bundes Gottes mit Israel, da sie die Legitimität des jüdischen Glaubensweges zum Heil untergräbt und historisch mit Gewalt und Zwangstaufen verknüpft ist.
Was meint der Begriff "ungekündigter Bund Gottes"?
Dieser Begriff postuliert, dass Gottes Verheißungen an das jüdische Volk auch nach der Entstehung des Christentums ihre volle Gültigkeit behalten haben und Israel weiterhin in einer besonderen Heilsbeziehung zu Gott steht.
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- Anna Schaumburg (Author), 2013, Der jüdisch-christliche Dialog nach dem 2. Vatikanischen Konzil, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271518