"Son scellerato perché son uomo". Das Motiv des Bösen in Arrigo Boitos Libretto "Otello"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

18 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Figur des Bösewichts in der Oper

3. Kulturgeschichtlicher Zusammenhang
3.1. Das Phänomen der Scapigliatura
3.2. Arrigo Boito und seine Idee des Bösen

4. Analyse des Bösewichts Jago anhand der „Credo“-Arie im Libretto "Otello"
4.1. Handlung und Hauptcharaktere
4.2. Boitos Umarbeitung der Shakespeare’schen Vorlage „Othello“
4.3. Jagos Credo des Bösen

5. Schluss

6. Literaturnachweis

1. Einleitung

“Im Angesicht des Bösen sind wir fassungslos, empört, die Welt ist aus den Fugen - weil jemand sie bewusst zerstört. Das gilt selbst dann, wenn man eine solche Tat später als Gutachter nachzuvollziehen versucht; häufig beschleicht einen da ein gewisses Kältegefühl, ein ungutes Kribbeln.”1 - Seit Menschengedenken löst die Darstellung des Bösen in uns Entsetzen und ein Gefühl von Spannung und Angst aus, von denen Theaterstücke, Kriminalromane und Kinofilme leben. Die Faszination des Bösen, das sich in Gewalt, Mord und Totschlag ausdrückt, rückt stets die Frage in den Mittelpunkt, welche Motive die Bösewichte für ihr Handeln haben. Jago, die Figur des Bösen in der Oper “Otello” von Giuseppe Verdi, soll in der folgenden Arbeit als Beispiel dienen, das Wesen des Bösen zu veranschaulichen. Verdis Librettist Arrigo Boito steht im Mittelpunkt der Analyse, da er den wesentlichen Teil der Umarbeitung der Shakespeare’schen Vorlage „Othello“ in ein operntaugliches Libretto beiträgt. Boito zählt zu den prägendsten Persönlichkeiten des künstlerischen und kulturellen Lebens in Norditalien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er war ein Zeitgenosse des Postrisorgimento, in der sich eine zunehmende Auseinandersetzung mit dem Bösen in der Literatur und Philosophie wiederspiegelt, die mit den gesellschaftspolitischen Umständen gekoppelt war. Deshalb muss das Augenmerk auch auf die damalige Situation in Norditalien geworfen werden, nicht zuletzt um das Weltbild des Librettisten Boito zu verstehen, sondern auch um sich die Bedeutung des Bösen in der damaligen künstlerischen Bewegung der Scapigliatura zu vergegenwärtigen.

Jagos Arie „Credo in un dio crudel“, die uns das universell und das menschlich Böse vor Augen stellt, ist die einzige Szene in der Oper, in der der Bösewicht einen Einblick in sein Seelenleben gibt und seine Motivation, Böses zu tun, offenbart. Deshalb soll diese Szene im Abschluss analysiert werden. Es soll herausgefunden werden, was eine Figur zum Bösewicht macht, was das Böse eigentlich ist und welche Besonderheit die Figur Jago darstellt.

2. Die Figur des Bösewichts in der Oper

In der Oper kommt man ohne die Motive, die die Protagonisten zu Bösewichten und Bühnenschurken machen, kaum aus. Sie sind für die Dramaturgie eines Stückes erforderlich, denn sie geben eine bestimmte Richtung vor. Um ein interessantes Opernstück vorzuführen, muss die Harmonie der Handlung gestört werden; Normalität, glückliche und zufriedenstellende Konstellationen reichen nicht aus, um eine “opernnotwendige Peripetie”2 zu bewirken. Eifersucht, Neid, verletzter Stolz, gekränkte Liebe, Glücksverlangen, Selbstbehauptung, Habgier oder Machstreben sind allgemein nachvollziehbare gesellschaftliche Konstanten, die die Protagonisten in skrupellose Bösewichte, Intriganten, Verräter oder Heuchler verwandeln - das Auftreten solcher Personen entspricht elementarer Notwendigkeit. Denn zum einen würde sich ohne Konflikte keine dramatische Handlung entwickeln, zum anderen repräsentiert das Bühnenstück ein in typisierten oder individuellen Konstellationen verfasstes gesellschaftliches Sein bzw. eine bestimmte gesellschaftliche Befindlichkeit, die vom Rezipient als gesellschaftliches Modell verstanden werden kann.3 Da es keine Gesellschaft ohne gemeinschaftsgefährdende Konflikte, Verstrickungen und Unvereinbarkeiten gibt, muss diese auch zur Bühnenwirklichkeit werden. Das Drama impliziert somit immer einen gesellschaftlichen Sinn.

Das Böse findet sich vor allem seit dem 18. Jahrhundert als typisches Motiv in Opern vor. Die Figuren des Bösen gelten als nicht gesellschaftsfähig, sie stören und zerstören die Harmonie eines gesellschaftlichen Gefüges und drohen die Hauptregeln des Zusammenlebens aufzuheben.4 In den heroischen Opern des 18. Jahrhunderts verkörpern die Hauptrollen ausschließlich Idealfiguren und Helden, der Bösewicht spielte maximal nur eine zweitrangige Rolle. Im Regelfall waren die bösen Figuren aber nicht per se böse, sondern handelten aus politischen, gesellschaftlichen oder emotionalen Konflikten motiviert, der Bösewicht war also nie grundsätzlich böse:

„Das heißt nicht, dass in der Opera seria keine Konflikte ausgetragen würden. Nur sind sie in der Regel nicht durch die personifizierte Macht des Bösen hervorgerufen, sondern durch politische und emotionale Verstrickungen der Personen. Das Böse, das geschieht, ist nie einfach oder vorwiegend motiviert durch das Böse.”5

Die Begrenzung der Boshaftigkeit ergibt sich zum einen aus der Funktion der Gattung Oper.

Da die Opera seria die Herstellung und Befestigung der Gemeinschaft zum Ziel hatte, musste es am Ende der dramatischen Handlung ein Lieto fine geben, das heißt, die Gegenspieler mussten nach kathartischen Momenten, z.B. durch Versöhnung, die Ordnung und Harmonie in der Gemeinschaft wiederherstellen. Deshalb durfte der Bühnenschurke nicht vollkommen böse sein, sondern war fähig zu einer inneren, positiven Wandlung. KUNZE erkennt, dass sich im 19. Jahrhundert dieser Blickwinkel änderte: „Das Böse wurde zum unentrinnbaren, tückischen Walten des Schicksals, gegen das Widerstand zu leisten sinnlos, weil aussichtslos ist. Das Böse erscheint, in welchem Gewande auch immer, wie die Fatalität schlechthin - gesichtslos, körperlos, potentiell überall gegenwärtig (…).“6 Vor allem in den Werken Arrigo Boitos nimmt die Idee des Bösen einen wichtigen Platz ein: Jago, Barnabas, Ariofarne, Zoroastro, Simon Mago oder Mefistofele - Boito etablierte in der Operngeschichte den Typus eines Bösewichts, der als “Bilderbuch-Schurke“7 angesehen werden kann. “Boitos Bühnenschurken sind vollkommen schlecht, sie haben nie Mitleid und bereuen ihre Taten nicht. Sie tun Böses um des Bösen Willen, zerstören alles Gute und Schöne, was sich ihnen in den Weg stellt und sind dabei auch noch meistens erfolgreich.”8 Laut Boito sind diese abgrundtief schlechten Figuren in ihrer nihilistischen Weltsicht eine “l’incarnazione del No eterno al Vero, al Bello, al Buono.”9 Die Möglichkeit einer Versöhnung und der Wiederherstellung von Harmonie und Ordnung ist vornherein genommen, ein Lieto fine kann nicht zustande kommen. Boitos Bösewichten kommt eine Sonderstellung zu, sie sind Außenseiter schlechthin, sie passen in keine Gemeinschaft und sind unumkehrbar böse, da sie das Böse um ihrer selbst willen ausüben.

Die politische Theoretikerin und Publizistin Hannah ARENDT (1906 - 1975) setzte sich mit der „Banalität des Bösen“ und dem „radikal Bösen“ auseinander.10 Auf der Suche nach Erklärungen für den Holocaust entnahm sie den Begriff des „radikal Bösen“ von Immanuel Kant, der damit die menschliche Veranlagung beschrieb, gegen gesellschaftliche Normen und Moralvorstellungen zu verstoßen.

„Da Neigungen und die Versuchung in der menschlichen Natur, doch nicht in der menschlichen Vernunft, verwurzelt sind, nannte Kant die Tatsache, daß der Mensch, seinen Neigungen folgend, versucht ist, Böses zu tun, das ‚radikal Böse‘. Weder er noch irgendein anderer Moralphilosoph glaubte, daß der Mensch das Böse um seiner selbst willen wollen könnte; alle Übertretungen werden von Kant so erklärt, daß ein Mensch versucht ist, Ausnahmen hinsichtlich eines Gesetzes zu machen, die er im übrigen als gültig anerkennt.“11

Für ARENDT ist das „radikal Böse“ eine Erscheinungsform des Bösen, das sie einem unwiderruflichen Traditionsbruch gleichsetzt, aber nicht mit dämonischer Bosheit oder einem dämonischen Willen zur Bosheit zu deuten sei. Die menschlichen „bösen Motive von Eigennutz, Habgier, Neid, Machtgier, Ressentiment, Feigheit oder was es sonst noch geben mag“12 genügen nicht, um den Sinn des „radikal Bösen“ zu erklären, denn was es ist „kann man weder verstehen noch erklären.“13 Das Radikale am Bösen sei das sinnlose und zerstörerische Ziel, den Menschen überflüssig zu machen, ohne dass hinter der Tat eine begreifliche Absicht stünde, was die Form des Bösen unverständlich mache.

„Das radikal Böse ist das, was nicht hätte passieren dürfen, d.h. das, womit man sich nicht versöhnen kann, was man als Schickung unter keinen Umständen akzeptieren kann, und das, woran man auch nicht schweigend vorübergehen kann. Es ist das, wofür man die Verantwortung nicht übernehmen kann, weil seine Forderungen unabsehbar sind und weil es unter diesen Folgerungen keine Strafe gibt, die adäquat wäre.“14

Für die Auseinandersetzung mit dem Bösen verweist ARENDT auf die Literatur, z.B. Shakespeare, Melville oder Dostojewski, bei denen die großen Schurken zu finden sind. Auch in den Werken von Arrigo Boito nimmt das Motiv des Bösen einen wichtigen Platz ein. Bevor auf den Bösewicht Jago in der Oper „Otello“ eingegangen wird, ist ein Blick auf den kulturgeschichtlichen Zusammenhang, d.h. auf die geistig-künstlerische Szene in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, notwendig. Denn das vermehrte Vorkommen absolut böser Figuren in Boitos Werk geht einher mit einer intensiven Beschäftigung mit dem Bösen in den künstlerischen, literarischen und philosophischen Bereichen der damaligen Zeit.

3. Kulturgeschichtlicher Zusammenhang

3.1. Das Phänomen der Scapigliatura

Nach 1860 war ein vereinigtes Italien zur politischen Realität geworden, dennoch fehlte es an einer geeinten Gesellschaft. Es fanden sich noch immer viele soziale, politische und wirtschaftliche Probleme vor, die sich in der Kluft zwischen Nord- und Süditalien, den Differenzen zwischen Land und Stadt, Adel und Bürgertum sowie Arm und Reich äußerten. In der Unzufriedenheit über die politischen und sozialen Zustände sahen es die Intellektuellenkreise des Postrisorgimento als ihre Aufgabe an, durch die Künste, die großen Einfluss auf die Politik ausüben können, eine geeinte italienische Gesellschaft durch eine gemeinsame Kultur zu schaffen. Hierfür bedurfte es Neuerungen im Bereich der Künste und der Kultur, die sich nicht an der italienischen Vergangenheit orientieren sollten, indem man die alten, erstarrten Traditionen zu überwinden versuchte. Ein Teil der Reformbewegung der jungen Künstler mit ihrem Appell nach einer Arte dell’Avvenire war, sich von der Romantik mit ihrem formelhaften Regelwerk und von ihren Vertretern wie den Opernkomponisten des Belcanto, Gioachino Rossini, Vincenzo Bellini, Gaetano Donizetti und schließlich auch Giuseppe Verdi zu lösen. In diesem Zusammenhang bildete sich in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts in der Lombardei die Künstlergruppe der Scapigliatura15, der Schriftsteller und Librettisten (u.a. Arrigo Boito, Cletto Arighi, Carlo Dossi, Emilio Praga, Iginio Ugo Tarchetti, Franco Faccio), Komponisten (u.a. Antonio Smareglia, Alfredo Catalani, Carlos Gomes) und Maler (u.a. Tranquillo Cremona, Daniele Ranzoni) angehörten. Sie war keine Schule mit festem Programm, denn die Scapigliati waren eben gegen jene Vereinheitlichungen und Regelwerke, auf denen die traditionellen Schulen basierten.16 Es handelte sich um einen losen, künstlerisch heterogenen Zirkel, eine antibürgerliche, literarische Bewegung, die in ideeller Übereinstimmung eine Erneuerung der Künste forderte. Ihr Einfluss wurde in der Literatur des “Decadent fin de siècle” und der “Twentieth-Century Historical Avant-Gardes” bekundet.17 Zu den Wortführern zählte Arrigo Boito, auf dessen Reformprogramm im Folgenden eingegangen wird.

[...]


1 Gerichtspsychiater Hans-Ludwig Kröber, Interview „Das Böse lebt in der Tat“ in ZEIT Online, 27.10.2009: http://www.zeit.de/2009/44/Interview-Das-Boese, Onlinezugriff am 11.11.2013.

2 Strigl, Stefanie: Die musikalische Chiffrierung des Bösen. Eine Untersuchung zum Werk von Arrigo Boito. Hans Schneider Verlag, Tutzing 2007, S. 7.

3 Vgl. Kunze, Stefan: Bösewichter, Außenseiter und Gescheiterte in der Oper, in: Udo Bermbach & Wulf Konold (Hrsg.): Gesungene Welten - Aspekte der Oper. Oper als Spiegel gesellschaftlicher Veränderungen. Reimer Verlag, Berlin & Hamburg 1992, S. 209 - 222, hier S. 209.

4 Vgl. ebd., S. 210.

5 Vgl. ebd., S. 211 f.

6 Kunze, S., S. 216.

7 Strigl, S., S. 8.

8 Strigl, S., S. 9.

9 Nardi, Piero (Hrsg.): Tutti gli Scritti. Verona 1942, S. 100 f. (Prologo in teatro).

10 Als Reporterin nahm H. Arendt 1961 am Eichmann-Prozess in Jerusalem teil, aus dem ihr Buch „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ hervorging. 1965 hielt sie eine Vorlesung „Über das Böse“, in der sie sich mit verschiedenen Auffassungen über das Böse beschäftigte, ohne ein abschließendes Urteil bilden zu können.

11 Arendt, Hannah: Über das Böse. Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik. Piper Verlag, München 2006, S. 28.

12 Arendt, H.: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Piper Verlag, München 2005, S. 941.

13 Ebd., S. 941.

14 Arendt, H.: Denktagebuch 1950 bis 1973, Bd. I & II. Hrsg. v. Ursula Lutz & Ingeborg Nordmann. Piper Verlag, München 2002, S. 7.

15 scapigliato = dt.: zerzaust; Cletto Arrighi (Anagramm von Carlo Righetti) verwendete erstmals den Terminus mit Anspielung auf die unordentliche Kleidung, den lässigen, - formlosen - und provozierenden Lebensstil sowie die antibürgerliche Haltung der Scapigliati („Struwwelköpfe“).

16 Vgl. Strigl, S., S. 17.

17 Vgl. Del Principe, David: Rebellion, Death, and Aesthetics in Italy. The Demons of Scapigliatura, Associated University Presses, London 1996, S. 11.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
"Son scellerato perché son uomo". Das Motiv des Bösen in Arrigo Boitos Libretto "Otello"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Romanische Sprachen und Literaturen)
Veranstaltung
Giuseppe Verdi - Die Libretti und ihre Vorlagen
Note
1,5
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V271756
ISBN (eBook)
9783656626060
ISBN (Buch)
9783656626046
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Giuseppe Verdi, Verdi, Libretto, Jago, Shakespeare, Oper, Bösewicht, Hannah Arendt, Othello, Otello, Libretti, Arrigo Boito, Boito, Scapigliatura, Böse, Credo des Bösen, Credo-Arie
Arbeit zitieren
Solveig Höchst (Autor), 2013, "Son scellerato perché son uomo". Das Motiv des Bösen in Arrigo Boitos Libretto "Otello", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271756

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