Quantitative Untersuchung der Produktivität deverbaler Substantive auf -(er)ei in einem diachronischen Zeitungstext-Korpus


Magisterarbeit, 2007
192 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Motivation & Zielsetzung
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Zum Suffix -(er)ei
2.1 Einleitung
2.2 Herkunft und Gesehiehte
2.3 Phonologisehe Form
2.4 Bedeutungsgruppen von -(erJei-Bildungen
2.4.1 Vorgangsbezeiehnungen
2.4.2 Ortsbezeiehnungen
2.4.3 Resultatsbezeiehnungen
2.4.4 Kollektivbezeiehnungen
2.4.5 Distributionelle Tests bei Zweifelsfällen
2.5 Exkurs: Konkurrierende Wortbildungstypen
2.5.1 Das Zirkumfix Gc- (-c)
2.5.2 Das Suffix -ung
2.6 Zusammenfassung

3 Zur Korpuserstellung & Belegerhebung
3.1 Hinführung
3.2 Korpusdesign-Kriterien
3.2.1 Umfang
3.2.2 Repräsentativität
3.3 Anwendung
3.3.1 Umfang
3.3.2 Grundgesamtheit
3.3.3 Auswahlverfahren
3.3.4 Korpustyp
3.4 Erhebung der Belege
3.5 Zusammenfassung & Fazit

4 Zur Produktivität
4.1 Definition und Hinführung
4.2 Messmethoden
4.2.1 Produktivitätsberechnung nach Baayen
4.2.2 Frequenz der Neologismen
4.3 Kriterien für die Produktivitätsberechnung
4.3.1 Wortbildungstypen von -(eijei
4.3.2 Morphologische Domäne von Vorgangsbezeichnungen (WBTi)
4.4 Einflussfaktoren
4.4.1 Blockierung (blocking)
4.4.2 Stilistische Einschränkungen
4.5 Zusammenfassung & Fazit

5 Zur Analyse
5.1 Zeitabschnitt I (1800 - 1850)
5.2 Zeitabschnitt II (1851 - 1900)
5.3 Zeitabschnitt III (1901 - 1950)
5.4 Zeitabschnitt IV (1951 - 2000)
5.5 Diachronische Auswertung der Produktivitäten
5.6 Detailanalyse des Wortbildungstyps -(eijei
5.6.1 Zeitabschnitt I
5.6.2 Zeitabschnitt II
5.6.3 Zeitabschnitt III
5.6.4 Zeitabschnitt IV
5.6.5 Diachronischer Vergleich

6 Zusammenfassung Quellenverzeichnis Literaturverzeichnis

A Wortliste &. Belegstellen
A.l Zeitabschnitt I (1800 - 1850)
A.l.l Vorgangsbezeichnungen (WBTi)
A.l.2 Ortsbezeichnungen (WBT2)
A,1,3 Resultatsbezeidinungen (WBT3)
A,1,4 Kollektivbezeiehnungen (WBT4)
A.1,5 Unklare Wortbildungen
A.2 Zeitabschnitt II (1851 - 1900)
A.2,1 Vorgangsbezeiehnungen (WBT4)
A.2,2 Ortsbezeiehnungen (WBT2)
A.2,3 Resultatsbezeiehnungen (WBT3)
A.2,4 Kollektivbezeiehnungen (WBT4)
A.2,5 Unklare Wortbildungen
A.3 Zeitabschnitt III (1901 - 1950)
A.3,1 Vorgangsbezeiehnungen (WBT4)
A.3.2 Ortsbezeiehnungen (WBT2)
A.3.3 Resultatsbezeiehnungen (WBT3)
A.3.4 Kollektivbezeiehnungen (WBT4)
A.3.5 Unklare Wortbildungen
A. 4 Zeitabschnitt IV (1951 - 2000)
A.4.1 Vorgangsbezeiehnungen (WBT4)
A.4.2 Ortsbezeiehnungen (WBT2)
A.4.3 Resultatsbezeiehnungen (WBT3)
A.4.4 Kollektivbezeiehnungen (WBT4)
A. 4.5 Unklare Wortbildungen

В Kategorisierung der WBTi-Basiswörter
B. l Zeitabschnitt I (1800 - 1850)
B. l.l BV
B.l,2 BS
B.2 Zeitabschnitt II (1851 - 1900)
B.2.1 BV
B.2.2 BS
B.3 Zeitabschnitt III (1901 - 1950)
B.3.1 BV
B.3.2 BS
B.4 Zeitabschnitt IV (1951 - 2000)
B.4.1 BV
B.4.2 BS

Danksagung

Ich danke ,,,

,,, Prof, Dr, Ulrike Demske für die ausgezeichnete Betreuung dieser Arbeit und dafür, dass sie mir bei Problemen immer hilfreiche Bücher und Aufsätze geben konnte,

,,, Dagmar Bornträger für das genaue und unkomplizierte Erklären aller Prüfungs­abläufe,

,,, Christian Sehömer dafür, dass er bei allen technischen Fragen ein Retter in der Xot war und stundenlang stoisch Beleglisten, Tortendiagramme und Tabellen formatiert hat,

,,, Stephanie Sehlindwein für das aufmerksame Korrekturlesen und das monatelange, geduldige Zuhören,

,,, meinen Eltern Melitta und Karl Hahnfeld für ihre jahrelange Unterstützung,

Abbildungsverzeichnis

2.1 Prozentualer Anteil der WBT an der Gesamtzahl der -(orJoi-Bildungen (nach Wellmann, 1975)
2.2 Verteilung der Basiswortklassen bei Vorgangsbezeichnungen (nach Well­mann, 1975)
2.3 E-Struktur von Zuständen nach (nach Rapp, 1997)
2.4 E-Struktur von Tätigkeiten (nach Rapp, 1997)
2.5 E-Struktur von Zustandswechsel und Prozessen (nach Rapp, 1997) ...
2.6 Zeitintervallstruktur von Tätigkeiten und Zuständen (nach Lohnstein, 1996)
2.7 Zeitintervallstruktur von Prozessen und Zustandswechseln (nach Lohn­stein, 1996)
2.8 Zeitintervallstruktur von habituellen Zuständen (nach Lohnstein, 1996)
2.9 Prozentuale Verteilung der Basiswörter von Ortsbezeichnungen (nach Wellmann, 1975)
2.10 Prozentuale Verteilung der Basiswortklassen bei -(cijci3 (nach Well­mann, 1975)

3.1 Textsuche im Korpus
3.2 Exportoptionen

5.1 Produktivität der Wortbildungstypen in ZA I
5.2 Produktivität der Wortbildungstypen in ZA II
5.3 Produktivität der Wortbildungstypen in ZA III
5.4 Produktivität der Wortbildungstypen in ZA IV
5.5 Anzahl von Tokens und -(br)oi-Bildungen im Korpus
5.6 Produktivitätsentwicklung der vier Wortbildungstypen
5.7 Anzahl der deverbalen und denominalen WBTi-Hapaxe im Untersu­chungszeitraum
5.8 Produktivität der Wortklassen als Basis von -(erjeT-Ableitungen , , , ,

Tabellenverzeichnis

2.1 Semantische Struktur der Verbklassen (nach Rapp, 1997)
2.2 Verteilung der charakteristischen Merkmale der -(brjoi-Wortbildungstypen
2.3 Semantische Muster und WBT, durch die sie realisiert werden (nach Mötsch, 2004)

3.1 Statistische Daten des erstellten Korpus

5.1 Produktivitätsanalyse ZA I
5.2 Produktivitätsanalyse ZA II
5.3 Produktivitätsanalyse ZA III
5.4 Produktivitätsanalyse ZA IV
5.5 Übersieht WBT
5.6 Anzahl und Produktivität der Basiswort-Sorten des WBT x

1 Einleitung

Arbeiten, die sieh wie die vorliegende mit Produktivität beschäftigen, behandeln in erster Linie den Zusammenhang zwischen Frequenz von Wörtern, die mit bestimm­ten Wortbildungstypen gebildet wurden, und Produktivität dieser Wortbildungstypen (WBT), Produktivität wird dabei als die — diachronisch nachweisbare — Eigenschaft von WBT verstanden, Neubildungen hervorzubringen (Kiesewetter, 1991), Diese Ei­genschaft ist graduell und wird mit Kategorien wie „inaktiv/unproduktiv“, „schwach aktiv/produktiv“, „aktiv/produktiv“, „stark aktiv/hoch produktiv“ beschrieben. So gibt es Wortbildungstypen, die gegenwartssprachlich inaktiv sind (ld) und andere (la), mit denen scheinbar unendlich viele neue Wörter gebildet werden können (Fleischer et ah, 1995).

(1) a. hochproduktiv: f[X]y -er]N Dreher, Finder, Langschläfer, Stotterer

b. aktiv: f[X]y -bar]ADJ trinkbar, drehbar, entschuldbar

c. schwach produktiv: f[X]N -tum]N Piratcntum, Judentum, Schriftstcllcrtum, Brauchtum

d. inaktiv: [ИУ N fahren Fahrt, nähen Naht, schlagen Schlacht

Produktivitätsunterschiede lassen sieh jedoch nicht nur bei WBT mit verschiedenen Affixen nachweisen, sondern auch bei WBT, die mit demselben Affix verbunden sind. So gilt der Untersuchungsgegenstand des vorliegenden Beitrags, das Suffix -(cijci, in der Literatur als unterschiedlich stark produktiv. Mit dem Suffix sind nach Mötsch (2004) — wie in (2) dargestellt — vier Wortbildungstypen verbunden. Darunter gelten die Vorgangsbezeichnungen (2a) gemeinhin als hochproduktiv, Ortsbezeichnungen als produktiv, Gegenstands- und Kollektivbezeichnungen (2e-d) als schwach- bzw, unpro­duktiv,

(2) a. Vorgänge: Blödelei, Hopserei; Gaunerei, Geckerei

b. Orte: Brauerei, Druckerei; Gärtnerei, Konditorei; Käserei, Ziegelei

c. Gcgcnst ände Result at c : Kritzelei, Näscherei; Rüpelei, Lumperei

d. Kollektive: Akt ei, Kartei, Kumpanei

Hinter der Beobachtung der variierenden Produktivität stehen viele spannende, teil­weise in der Wissenschaft bisher ungeklärte Fragen, Beispielsweise: Woher wissen Spre­cher bzw, Sprecherinnen[1] eigentlich, ob man mit einem WBT zurzeit neue Wörter bil­den kann oder nicht? Und was führt dazu, dass manche Affixe produktiver sind als andere? Liegt es daran, dass einige Affixe eine klarere Bedeutung haben als andere, semantisch transparenter sind (unsicher vs, obsiegen)? Oder sind produktivere Affixe deshalb produktiver, weil sie das Basiswort in seiner Lautstruktur nicht verändern, sie phonologiseh transparenter sind (Realisier-ung vs, Realis-ation)? Oder ist die höhere Produktivität einfach damit zu begründen, dass ein bestimmter WBT an mehr Wörter angesehlossen werden kann, er eine größere Anwendungsdomäne hat? Fragen, zu deren Klärung diese Arbeit zwar nicht beitragen kann, die jedoch einen Eindruck vermitteln, wie relevant das Thema Produktivität auf vielen Ebenen der Linguistik ist,

1.1 Motivation & Zielsetzung

In der Sprachwissenschaft wurde bereits häufiger festgestellt, dass diachronisch ausge­richtete Arbeiten zur Wortbildung — trotz der sieh seit den 1980er Jahren tendenziell verstärkenden Wiederbesinnung auf wortbildungshistorisehe Fragen — selten geblieben sind (Kiesewetter, 1991), Immer öfter wird der Wunsch nach aktuellen Untersuchun­gen zur historisch orientierten Wortbildungsforsehung geäußert — nach Arbeiten, in die neu gewonnene linguistische Erkenntnisse einfließen können, die helfen, Einsich­ten in die sprachliche Entwicklung zu vertiefen und die Funktionsweise des Wortbil­dungssystems besser zu verstehen, Kiesewetter (1991) weist darauf hin, dass in der Linguistik ein Bedarf an Studien besteht, die sieh mit Fragen der Wortbildung in Be­zug zum Sprachwandel beschäftigen. Eine Methode Sprachwandel naehzuweisen ist, sieh mit Veränderungen der Produktivität auseinanderzusetzen. Somit sind historisch angelegte Untersuchungen zur Wortbildung, gerade wenn sie Frequenz und Produk­tivität einzelner Wortbildungstypen thematisieren, von besonderem Interesse für die moderne Sprachwissenschaft, Die vorliegende Arbeit will diesem vielfachen Wunsch nach aktuellen Studien naehkommen und zur historischen Wortbildungsforsehung bei­tragen, Gegenstand dieser Untersuchung sind alle Wörter mit der Struktur [[ßW]V/N H—(er)ei\N — im Speziellen die Vorgangsbezeichnungen auf -(er)ei, wie z, B, Stellen­jagerei, Bastelei, Kuppelei. Das Suffix und seine Ableitungen sind in der Forschungsli­teratur bereits von Mötsch (2004), Fleischer et ab (1995), Wellmann (1975) und Kurth (1953) behandelt worden. Bis auf Wellmanns und Kurths Untersuchungen sind die vorliegenden Darstellungen aber eher kurz und reichen in ihrem Anspruch über einen systematischen Überblick über die mit -(eijei verbundenen Wortbildungstypen nicht hinaus. Einzig Wellmanns Arbeit ist dem vorliegenden Beitrag vergleichbar. Sie ist korpusbasiert, lässt Rückschlüsse auf die Produktivität der einzelnen Wortbildungsty­pen zu und weist — durch Vergleichsbefunde mit Adelung[2] — in begrenztem Maße eine historische Bezugnahme auf. Das Korpus, das Wellmanns Studie zugrunde liegt, enthält jedoch vornehmlich Texte aus den 1940-60er Jahren, Vereinzelt sind zwar Tex­te zu finden, die zu Beginn des 20, Jahrhunderts veröffentlicht wurden. Dennoch ist Wellmanns Korpus — im Gegensatz zu dem für diese Arbeit zusammengetragenen - als synchronisches anzusehen, Neben der Ausrichtung des Korpus besteht ein weite­rer deutlicher Unterschied zu Wellmanns Studie: Die Produktivitätsbestimmung der -(or)ci-Wortbildungstypen beruht nicht allein auf Auszählung der belegten Ableitun­gen, Die vorliegende Untersuchung nutzt dafür die in den Arbeiten von Baayen und Hay (2001), Baayen (1992, 1991) und Baayen und Lieber (1991) formulierten Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen Frequenz und Produktivität, Trotz dieser Unter­schiede sind Wellmanns Ergebnisse für diese Untersuchung von besonderem Interesse, da sie teilweise zu direkten Vergleichen herangezogen werden können, Ziel der Arbeit ist es, anhand eines diachronisch angelegten Zeitungstext-Korpus, das in synchronische Perioden eingeteilt worden ist, zu untersuchen, ob sieh seit 1800 eventuell Veränderungen in der Produktivität nachweisen lassen: (i) allgemein für alle Wortbil­dungstypen des Suffixes und (ii) im Besonderen für die Vorgangsbezeichnungen auf -(er)ci, bei denen zusätzlich überprüft werden soll, ob gefundene Veränderungen in Zusammenhang mit der Anwendungsdomäne stehen. Eine solche Produktivitätsunter­suchung der -(br)oi-Xominalisierungen ist nicht nur als wortbildungshistorische Doku­mentation von Interesse, Mit ihrer Hilfe könnten auch Prognosen angestellt werden, wie das Potenzial der -(er)ci-Wortbildungstypen in Zukunft einzuschätzen ist,

1.2 Aufbau der Arbeit

In Kapitel 2 werden das Suffix -(er)ei und seine Wortbildungstypen ausführlich darge­stellt, Diese Einführung reicht von den Ursprüngen des Suffixes über die phonologische Form hin zu den Wortbildungstypen, Neben der detaillierten Beschreibung wird hier vor allem die theoretische Grundlage für die angestrebte Korpusanalyse geschaffen. Es werden (i) die Einteilung der WBT nach der Systematik von Mötsch (2004) vorgestellt und begründet, (ii) distributioneile Tests zur Unterscheidung der vier WBT definiert und erläutert sowie (iii) mit der Beschreibung der semantischen Klassifizierung der Ver­ben nach Rapp (1997) und Vendler (1967)die nähere Analyse der Anwendungsdomäne der Vorgangsbezeichnungen vorbereitet. Das Kapitel schließt mit einem kleinen Exkurs über Wortbildungstypen, die mit dem WBT -(er)ci1 konkurrieren bzw, in einem kom­plementären Verhältnis zu ihm stehen.

Im dritten Kapitel wird naeh einer kleinen Einführung in die Korpustheorie die Me­thode der Korpuserstellung und Belegerhebung dargestellt, Kapitel 4 ist ganz der Produktivität gewidmet. Die theoretischen Ansätze in der Pro­duktivitätsforschung werden kurz angerissen und die Vorgehensweise zur Produktivi­tätsbestimmung erläutert. Abschließend werde ich kurz auf zwei Faktoren eingehen, die sieh auf die Produktivität von WBT auswirken können.

Den Hauptteil der Arbeit bildet Kapitel 5, Dort werden die erhobenen Belege naeh den zuvor festgelegten Kriterien und Vorgehensweisen zuerst in vier synchronischen Schnitten analysiert. Anschließend werden die Befunde in den diachronischen Kontext gesetzt und ausführlich diskutiert. Diese synchronisch-diachronische Untersuchung er­folgt (i) allgemein für die vier Wortbildungstypen und (ii) ausführlich in Bezug auf die Anwendungsdomäne der Vorgangsbezeichnungen auf -(er)ci.

Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse im sechsten Kapitel.

2 Zum Suffix -(er)ei

2.1 Einleitung

Denkt man an Xominisierungen, die mit dem Suffix -(er)ci gebildet sind, kommen ei­nem zuerst Bildungen wie (3a) in den Sinn, Wörter, die man selbst täglich bildet, um auszudrücken, dass die in der Ableitung thematisierte Handlung wiederholt auftritt und als negativ empfunden wird. Weil solche pejorativ bewerteten Vorgangsbezeichnungen auf -(cijci heute vorherrschend sind, vergisst man darüber leicht, dass mit dem Suffix noch drei weitere Bedeutungsgruppen realisiert werden können: Orts-, Gegenstands­/Resultats- und Kollektivbezeichnungen (3c-e). Außerdem existieren durchaus Vor­gangsbezeichnungen, die nicht negativ bewertet sind (3b),

(3) a. Streiterei, Jobsucherei
b. Fischerei, Malerei
c. Brauerei, Metzgerei, Käserei
d. Stickerei, Schnitzerei; Lumperei, Ferkelei
e. Aktei, Kartei, Kumpanei

Wie kommt es, dass ein semantisch so vielfältig verwendbares Suffix im Gegen­wartsdeutsehen vornehmlich zur Bildung pejorativ-iterativer Vorgangsbezeichnungen verwendet wird? Durch einen kleinen Einblick in die geschichtliche Entwicklung des Suffixes, wird versucht dieser Frage auf den Grund zu gehen. Danach werden kurz die phonologischen Besonderheiten des Suffixes und seiner Allomorphe beleuchtet. Denn wie man bei den Beispielen (4) sehen kann, tritt das Suffix in mehreren Varianten auf,

(4) a. Ess-crci, Sau-erei
b. Pfarr-ci, Tyrann-ei
c. Schurkc-rci, Affc-rci
d. Fremdwort-elei, Volkstüm-clci
e. Wüste-nei

Dass das ursprüngliche Suffix -ci ist und -crei nur eine Variante dieses Ursprungssuf­fixes, würde man heute aufgrund der Überzahl von -oroi-Bildungen kaum für möglich halten. Für die Dominanz des Allomorphs gibt es jedoch phonologische Gründe, die in Abschnitt 2,3 aufgezeigt werden. Den Hauptteil dieses Kapitels bildet die Auseinander­setzung mit den Bedeutungsmustern, den vier Wortbildungstypen des Suffixes -(cijci. In Abschnitt 2,4 wird jeder dieser Wortbildungstypen (WBT) detailliert dargestellt:

An welche Basiswörter schließen sieh die WBT an? Wie wird ihre morphologische Ak­tivität in der aktuellen Forschung eingeschätzt? Der Schwerpunkt liegt hier auf dem WBTi zur Ableitung von Vorgangsbezeichnungen, dessen Produktivität in dieser Ar­beit ausführlich untersucht werden soll. Abschließend werden die Affixe Ge- (-c) und -ung vorgestellt. Sie sind exemplarische Beispiele für Wortbildungstypen, die in einem konkurrierenden bzw, komplementären Verhältnis zum WBTi stehen. Es wird kurz erläutert, ob und inwiefern diese beiden Affixe bei der Beurteilung der Produktivität des Suffixes -(cr)ci in Betracht gezogen werden müssen,

2.2 Herkunft und Geschichte

Die ursprüngliche Form des Femina bildenden Suffix -(cr)ci ist -ei (mhd, -Je). Es stammt aus mittellateinischen Entlehnungen, erste Belege (beispielsweise abbateia ,Abtei? vgl, Fleischer et ah, 1995, 148) sind bereits im 10, Jahrhundert bezeugt. Weil das Suf­fix in mehreren Allomorphen auftritt, worunter -erei das häufigste ist, sprechen die meisten Spraehwissensehaftlerinnen heute vom Sufffix -(er)ei (einzige Ausnahme sind Fleischer/Barz), Die ersten Substantive, die auf -críe enden, sind im 12, Jahrhundert belegt. Doch nicht alle dieser Wörter wurden auch tatsächlich mit dem Suffix -cric gebildet. Bei einigen, wie dem Beispiel in (5), gehört die Silbe -er zum Wortstamm, nicht zum Suffix (vgl, Öhmann, 1973, 412),

(5) costone

von lat. custoria ,Amt des Küsters? ,Schatzkammer“

Öhmann vermutet, dass aber auch diese Wörter zur Verbreitung des Suffixes -críe/-erei beigetragen haben, da vermutlich durch „falsche Silbentrennung“ (S, 412) der Eindruck entstanden sei, die Silbe gehöre zum Suffix — eine Fehlanalyse, die schon früh eingesetzt habe und der das Allomorph wohl seine heutige Vorherrschaft verdan­ke, Erst im 13, Jahrhundert ist eine Reihe eindeutiger Derivate auf -críe belegt (vgl, Öhmann, 1973, 412):

(6) ratserie ,Raserei“ tanzcric ,Tanzcrci“ vrczzcric ,Fresserei“

Hier beginnt der eigentliche „Triumphzug“ der Suffixvariante -erei im Deutschen, Ih­re Entstehung und Weiterentwicklung ist vor allem dem starken französischen Einfluss zu dieser Zeit zuzuschreiben. Es wird davon ausgegangen, dass die deutsche Bildungs­weise von Verbalabstrakten anfangs Vorbilder im Altfranzösischen hatte. So erwähnt Öhmann, dass gerade im Französischen bewanderte Dichter — wie Gottfried von Strass­burg und Heinrich vor dem Tiirlin — in Lehnübersetzungen altfranzösische Wortkon­struktionen mit -críe nachbildeten. An die französischen Ursprünge erinnert übrigens noch heute die für das Deutsche unübliche Endbetonung des Suffixes, Doch nicht allein die Rezeption des französischen Suffixes -cric begünstigte den Erfolg des deutschen Suffixes -crei. (Öhmann, 1973, 414-415) nennt im Wesentlichen drei Faktoren:

1, Mit der Endung -crìa gelang es, den „lästige|n| Hiat zwischen i und vorausge­hendem Vokal“ zu vermeiden. Interessant ist besonders, dass es neben -cría im Mittelhochdeutschen nicht selten auch Ableitungen auf -cnic gab — oft sogar beim selben Wort:

(7) frczzcric - frczzcm'c ,dic Fresserei“ hoppcric - hoppcnic ,das Humpeln“ Auch durch das eingefügte ,n“ war es möglich, einen Hiat zu umgehen. Warum es zu solchen Bildungen kam, ist unklar, Nach Öhmanns Hypothese könnte die Auf­fassung, beim französischen Vorbild -cric handle es sich um eine Zusammenwaeh- sung der französischen Infinitiv-Endung -er mit dem Suffix -io (8, zu deutschen Bildungen mit ähnlicher Struktur geführt haben,

(8)[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]

2, Rhythmische Gründe (Näheres siehe Abschnitt 2,3)

3, Die große Häufigkeit der Lautgruppe ,er“, die im deutschen Wortschatz in ver­schiedenen Funktionen vorkam und gerade als Endung von Nomina Agentis schon früh zum Ausgangspunkt vieler -erie-Bildungen wurde.

Interessant ist auch die Bedeutungsentwieklung des Suffixes -(cr)ci. Im Mittelhoch­deutschen ist die kollektive Bedeutung und die ihr nahe stehende Ortsbezeichnung von -io noch üblich (frz, librairie, mhd, liberie ,Bücherei“), In der Gegenwartssprache herrscht die pejorativ-iterative Bedeutung der -(erjei-Bildungen vor (vgl, Wellmann, 1975), Auch wenn den Derivaten anfangs der negative Sinn fehlte und die ältesten mit­telhochdeutschen -forjio-Nominalisierungen nur dann eine pejorative Bedeutung hat­ten, wenn bereits das Grundwort eine solche hatte, die Entwicklung hin zur pejorativen Konnotation setzte bereits früh ein, Öhmann (1973, 417) sieht die Ursache dafür darin, dass „eine wiederholte Handlung leicht als etwas lästiges empfunden |,,, | und deshalb abgewertet wird“. Das Faszinierende an der Entwicklung hin zum negativen Nebensinn von -(erjei-Bildungen ist, dass sie sich in allen Sprachen vollzog, in die das Suffix ent­lehnt wurde. Sowohl beim französischen Suffix -cric als auch dem niederländischen -crij, dem italienischen -crìa und dem englischen -cry lässt sich eine pejorative Bewertung der deverbalen Derivate feststellen. Die Beliebtheit des Suffixes im Gegenwartsdeut­schen erklären Öhmann (1973) und Kurth (1953) u, a, damit, dass sich der Gebrauch des Wortbildungsmittels von ehemals höfischen Kreisen schon früh sozial erweiterte, was Öhmann (1973, 418) der „emotionalen Ladung“ des Suffixes zuschreibt. Dieser ver­danke es auch seine Beliebtheit im studentischen Milieu, von wo aus es sieh seinen Weg in immer „tiefere Bevölkerungsschichten“ ebnete. Heute sei das Suffix vornehmlich in Umgangssprache und Mundart zu Hause, was Maurer (Öhmann, 1973, 418) mit der „Vorliebe der Volkssprache für Wortbildungen mit bestimmten Suffixen |... |, denen ein fester Stimmungsgehalt anhaftet“ begründet.

2.3 Phonologische Form

Je nach phonologischer Umgebung tritt das Suffix -ci in verschiedenen Varianten auf. Wellmann (1975) unterscheidet fünf Allomorphe, wobei -crei das häufigste ist:

1. -erei:
a) gewöhnlich bei BV: Ess-crci, Hcul-crci
b) BS auf Diphthong: Sau-crci
c) BS mit Endung Konsonant: Schclm-civi, Schwcin-crci

2. -ei:
a) BV auf -ora: Mcckcr-ci
b) BS auf Vokal 1 oder -r: Tcufcl-ci, Barbar-ci
c) BS gekürzt: Pfarr-ci
d) nach einigen BS auf -n: Tyrann-ci
e) BS auf -t bzw. -to (mit Tilgung des ,e[3] ): Auskunft-ci, Kart-ci

3. -rei:

BS mit Endung Vokal (meist Personen- oder Tierbezeichnungen auf -o): Kafka- rci; Schurkc-rci, Affc-rci

4. -elei:
a) BV auf -ein1: Sdmüffcl-ci
b) BS auf -tum oder -t: Volkstüm-clci, Fivmdwört-clci

5. -nei:

BS mit Endung auf Vokal: Wüstc-nci

Wie Öhmann (1973) bereits feststellte, wird angenommen, dass der Erfolg der Suf­fixvariante -(er)ci gegenüber dem Ursprungssuffix -ei auf rhyhthmischen Gründen be­ruht. Das endbetonte Suffix -ci hat einen schwierigen Stand, weil im Deutschen der Wortakzent auf dem letzten betonbaren Vokal liegt (Eisenberg, 1998). Dieser Vokal ist bei morphologisch einfachen Verben (stören, reiben) der Vokal vor der unbetonbaren Schwa-Silbe -en, die bei Derivationsprozessen getilgt wird. Gewöhnlich sind Suffixe im Deutschen unbetont und die phonologisehe Strukturiertheit eines Wortes — also der Wechsel von betonten und unbetonten Silben — bleibt deshalb auch nach der Ablei­tung erhalten. Weil aber -ei nicht akzentneutral ist, würden bei Ableitung mit dem Suffix zwei sonore Silben aufeinander treffen, mit der Konsequenz, dass der Vokal der ursprünglich betonten Silbe seine Stimmhaftigkeit verliert (9a), Anders bei dem zwei­silbigen Allomorph -erei. Hier wird ein Aufeinandertreffen zweier betonter Silben durch das inhärente, unbetonte -er- verhindert. Wie (9b) zeigt, bleibt die phonologisehe Struk­turiertheit bei Ableitung mit -erei erhalten, ohne dass der Vokal der akzenttragenden Silbe seine Stimmhaftigkeit verliert. Ein Vorzug, der mit dazu beigetragen haben könn­te, dass Sprecher schon früh die Derivation mit der Suffixvariante -erei präferierten,

(9) a. *Singci, *Rcibci

b. Singerei, Reiberei

2.4 Bedeutungsgruppen von -(erJe/'-Bildungen

Betrachten wir Bildungen wie in den Sätzen (10), so fällt auf, dass Xominalisierungen auf -(er)ei unterschiedliche Bedeutungen haben können, (10) a. Die Betreffenden thun aber jedenfalls am besten, wenn sie sich in ihren Angaben mit peinlicher Treue an die Wahrheit halten. Schönfärberei zieht nicht. [Nr. 132] b. Ein junger Mann, der die Färberei in Wolle, Tuch und Wollgarn erlernt, dersel­ben 2 Jahre vorgestanden hat und jetzt in einer bedeutenden Schönfärberei als Gchüffc conclitionirt, sucht eine Stelle. [Nr. 131] e. Strickmaschinen, welche die Strümpfe fertig stricken und noch verschiedene andere Strickereien fertigen, liefern Wirth L· Comp, in Frankfurt a. M. [Nr. 201] d. Er soll am 26. mit nur 3000 Mann auf der Flucht gewesen scyn, indem Gen. Narvaez an der Spitze seiner Reiterei ihm folgte. [Nr. 73]

Mit dem Suffix können — wie bereits erwähnt — insgesamt vier Bedeutungsmus­ter realisiert werden: (10a) Vorgangsbezeiehnungen, (10b) Ortsbezeiehnungen, (10c) Resultatsbezeiehnungen und (lOd) Kollektivbezeiehnungen, Die Abbildung 2,1 veran­schaulicht, wie hoch der Anteil der einzelnen Wortbildungstypen an der Gesamtzahl aller -(br)oi-Ableitungen ist.

In der Forsehungsliteratur werden dem Suffix jedoch nicht nur diese vier WBT, sondern — je nach Autorin — unterschiedlich viele Wortbildungstypen zugeordnet. Für diese Arbeit wird die Kategorisierung nach Mötsch übernommen, weil er der einzige Autor ist, in dessen Systematik vereinfachend allein die Bedeutung des Derivats einen Wortbildungstypen konstituiert. Ein nahe liegender Schritt, da -(erjei-Bildungen mit gleichem semantischen Muster (11) häufig sowohl von Verben als auch von Substantiven abgeleitet werden können.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.1: Prozentualer Anteil der WBT an der Gesamtzahl der -(cr)d-Bildungcn (nach Wellmann, 1975)

(11) a. Weberei vs. Gärtnerei
b. Spielerei vs. Zuhält er ei

Durch diese Vereinfachung gelingt es Mötsch, die Wortbildungstypen von -(er)ei auf vier zu reduzieren. Natürlich bleiben in diesem Kapitel die Arbeiten von Fleischer et ah (1995), Wellmann (1975) und Kurth (1953) nicht unberücksichtigt. Diese Autorinnen befassen sich ebenfalls ausführlich mit dem Suffix -(cr)ci, mit dem Unterschied, dass sie die Wortbildungstypen nach ihrem Basiswort unterteilen und deshalb zwischen ent­sprechend mehr WBT differenzieren. Wenn Mötschs Beschreibung für die Zwecke dieser Untersuchung zu kurz fasst, werden die Erkenntnisse der anderen Linguistinnen ergän­zend hinzugezogen. Im Folgenden werden die vier Wortbildungstypen gemäß Mötschs Beschreibungssprache formalisiert dargestellt.

2.4.1 Vorgangsbezeichnungen

Die Ableitung auf -(er)ei zur Bildung von Vorgangsbezeichnungen wird von allen Lin­guistinnen, die sich mit dem Suffix beschäftigt haben, als stark aktiv kategorisiert. Die Derivate bezeichnet Mötsch (2004, 333) als iterative Geschehen, die „als eine Ganzheit von Einzelgeschehen eines bestimmten Typs“ verstanden und darüber hinaus als un­erwünscht bewertet werden. Er formalisiert das zugrunde liegende semantische Muster als:

(12) [(PEJORATIV&ITERATIV (V))(Xagens,..,,s )]w ((Xagens)r)

,Referenten sind Geschehen, die sieh aus wiederholten Geschehen des Typs V zusam­mensetzen und pejorativ bewertet sind“

Die Xominalisierungen sind meist von Verben abgeleitet, die Aktivitäten von Lebe­wesen ausdriieken (13a), Daneben weist Mötsch auf Bildungen hin, bei denen als Basis auch ein Xomen Agent is auf -er angenommen werden könnte (13b), Mötsch führt je­doch aus, dass bei diesen Bildungen der verbale Charakter überwiege. Des Weiteren seien Derivate belegt, die Verben auf -cl(n) voraussetzen, die teilweise nicht belegt sind (13c).

(13) a. Mogelei, Tuschelei

b. Aufschneiderei, Angeberei, Stümperei

c. Heimattümelei, Eifersüchtelei, Schönhcitclci

Auch Wellmanns Studie ergab, dass die Mehrzahl aller Vorgangsbezeichnungen (rund 70%, vgl, Abbildung 2,2) von Verben abgeleitet wurden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.2: Verteilung der В asís Wortklassen bei Vorgangsbczcielmungcn (nach Well­mann, 1975)

Wellmanns Korpusauswertung ergab, dass die Basisverben der WBT i-Ableitungen zu den in (14) dargestellten Gruppen gehören. Diese BV sind im Wesentlichen intran­sitiv (über 90% der Bildungen sind von einem intransitiven Verb abgeleitet),

(14) a. Verben, die die Ausführung einer Arbeit tadeln (pfuschen, schlampen)

b. Verben, die ein Verhalten oder eine Meinungsäußerung bezeichnen, das bzw. die negativ beurteilt wird (blödeln, gaffen, tratschen) e. Verben der Verstellung (heucheln, schmeicheln)

d. Verben, die eine Auseinandersetzung bezeichnen (raufen, schlagen, meutern)

e. Verben, die eine Verhaltensweise bezeichnen, durch die sieh eine Person von der Gesellschaft absondert (träumen)

f. Verben, die als lästig beurteilte, alltägliche Tätigkeiten und Vorgänge bezeichnen ( schrei ben, laufen)

g. reziproke Verben (prügeln, küssen)

h. deadjektivisehe Verbableitungen auf -(c)l-n (blödeln, liebeln)

Transitive (15a) und reflexive Verben (15b) seien als Basis nur vereinzelt belegt, Deadjektivisehe Verbableitungen auf -o-(en) (15c) und -ig-(cn) (15d) gehörten nicht zu den möglichen Basen von WBTi. Darüber hinaus seien Präfixverben — gemessen an ihrem großen Anteil am Verbbestand — verhältnismäßig selten als Basis belegt,

(15) a. hänseln, necken, quälen

b. placken, räkeln

e. grauen, glätten, kranken

d. mäßigen, fertigen

Auch Kurth (1953) hat sieh ähnlich intensiv wie Wellmann mit Verben als Basis von Vorgangsbezeichnungen beschäftigt. Da seiner Auffassung nach jedoch die Anwen­dungsdomäne des WBTi sehr umfangreich ist, verfährt er nach dem Ausschlussverfah­ren und listet vor allem die Verben, die keine möglichen Basen des Wortbildungstyps sind:

(16) a. Verben der Sinneswahrnehmung (hören, fühlen, sehen)

b. Verben, die einen inneren Vorgang bezeichnen (ahnen, denken, hoffen)

e. Zustandsverben (wohnen, leben, ähneln)

d. Verben, die plötzliche Vorgänge bezeichnen (bersten, platzen, fallen)

e. Verben, die einen Naturvorgang bezeichnen (atmen, blühen, bluten)

f. Fachausdrückc (federn, käsen, heuen, wursten)

g. Verben der gehobenen Sprache (hohen, harren, ahnden)

Mit diesen von Kurth (1953: 443) erarbeiteten „allgemeinen Regeln“ stimmen Well­manns Ergebnisse überein. Dennoch gibt es Bildungen, die diese „Regeln“ infrage stel­len, So scheint es, dass Xominalisierungen, denen Verben mit propositionalem Komple­ment zugrunde liegen (17), nur möglich sind, wenn dieses Komplement innerhalb der Xominalisierung gesättigt wird (vgl, Fanselow, 1991, 20),

(17) a. *Seherei, *Sagerei, *Wisserei

b. Geisterseherei, Ja-Sagerei, Alleswisserei

Weil kein entsprechendes Verb existiert, muss nach Wellmann bei knapp einem Drit­tel aller mit -(cr)ci gebildeten Vorgangsbezeichnungen ein Substantiv als Basiswort angenommen werden:

(18) Dieberei, Windbeutelei, Zuhälterei

In Mötschs Systematik wird dagegen nicht zwischen deverbalen und denominalen WBTx-Xominalisiernngen unterschieden, Mötsch (2004, 334) ist der Auffassung, dass bei Bildungen, denen kein Verb zugrunde gelegt werden kann, zumindest „eine Verba­lisierung oder ein Ausdruck mit Verb“ vorausgesetzt werden muss. Eine Auffassung, der ich mich in dieser Arbeit anschließe. Auch Wellmann (1975, 303) thematisiert die Tätigkeitskomponente denominaler -(erjeT-Bildungen, Als typisches Beispiel nennt er

(19) , Hier nehme Schurkerei eine Konstruktion aus Prädikativ mit der Kopula sein auf. Das Derivat enthalte jedoch zugleich auch eine Tätigkeitskomponente, wie man an der Konstruktion mit dem Verb ausüben deutlich erkennen könne,

(19) ,ich war ... von Geburt und Natur: ein Schurke. Nur hatte ich bis dahin die Schurkerei nicht in diesem Maße ausgeübt‘ (Roth, Beichte 127)

Eine solche Verbindung zwischen einem prädikativen mit einem verbalen Bestandteil sei charakteristisch für Vorgangsbezeichnungen mit substantivischer Basis, Derivaten wie Schurkerei liege das Muster .handeln als/sich verhalten wie ein Schurke; zugrunde.

Semantische Klassifikation der Basisverben von WBTi-Bildungen In der aktuellen Forschungsliteratur ist die Beschreibung der morphologischen Domäne von -(er)ei1 bislang sehr unsystematisch erfolgt. Für diese Untersuchung wird deshalb eine eigene Beschreibung der Anwendungsdomäne angestrebt. Dazu werden die Basis­worte aller WBTi-Derivate einer der folgenden vier Verbgruppen zugeordnet: Zustän­den (states), Tätigkeiten (activities), Zustandswechseln (achievements) und Prozessen (accomplishments). Mit Rapp (1997) gehe ich davon aus, dass jedem Verb eine seman­tische Struktur angehört, durch die es in einzelne Bedeutungsbestandteile zerlegt wird. Diese semantische Struktur macht Rapp deutlich, indem sie die Verbgruppen als Ter­me von Prädikaten mit zugehörigen Argumenten darstellt, Zustände und Tätigkeiten werden dabei jeweils nur durch ein Basisprädikat repräsentiert, Zustandswechsel und Prozesse durch die Einbettung eines Basisprädikats in ein oder zwei komplexe Prädikate (siehe Tabelle 2,4,1),

Zum besseren Verständnis der vier Verbklassen ist es hilfreich, sich ihre lexikalische Ereignisstruktur (E-Struktur) bildlich vorzustellen, Zustände benennen ein unteilbares Ereignis, Tätigkeiten dagegen bestehen aus einzelnen, gleichartigen Teilereignissen, Die E-Struktur lässt sich wie folgt darstellen:

Zustandswechsel und Prozesse wiederum bezeichnen eine plötzliche bzw, allmähli­che Veränderung von einem Zustand in sein Gegenteil, Bei Zustandswechseln ist die E-Struktur zwei-, bei Prozessen dreiphasig (vgl, Abbildung 2,5), In die komplexen Prä­dikate BECOME und DEVELOP nicht-kausativer Zustandswechsel und Prozesse ist je ein Zustandsprädikat (BE,LOC oder PSYCH) als Argument eingebettet. Bei kausativen ist die Besonderheit, dass das Prädikat CAUSE eine ursächliche Beziehung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2.1: Semantische Struktur der Verbklassen (nach Rapp, 1997)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.3: E-Struktur von Zuständen nach (nach Rapp, 1997)

zwischen zwei Prädikaten herstellt: Es verknüpft das Tätigkeitsprädikat DO mit einem der Zustandsveränderungsprädikate (BECOME oder DEVELOP).

Besonders für die spätere Analyse der WBTi-Basisverben ist es wichtig zu verstehen, dass die Zeitintervalle der vier Verbklassen strukturell verschieden sind. Tätigkeiten und Zustände bezeichnen unspezifische Zeitintervalle (vgl. Vendler, 1967), weil semantisch kein Anfang und kein Ende definiert ist (20). Solche Zeitintervalle nennt Lohnstein (1996, 224) „offene Zeitintervalle“.

(20) a. Thorsten rennt.

b. Thorsten liebt Claudia.

Der Unterschied zwischen Tätigkeiten und Zuständen liegt darin, dass Tätigkeiten in jeder Zeitspanne (2.6a) und Zustände zu jedem Zeitpunkt (2.6b) innerhalb dieses offenen Zeitintervalls wahr sind.

Ähnlich verhält es sich mit Prozessen und Zustandswechsel. Verben, die zu diesen semantischen Klassen gehören, bezeichnen Handlungen in spezifischen Zeitintervallen. Spezifisch deshalb, weil die Randpunkte der Zeitintervalle festgelegt sind. Dabei kann bei Prozessen der Anfang (21a) oder das Ende (21b) semantisch bestimmt sein. Bei

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zustandswechseln ist das Zeitintervall definiert, weil sie nur genau jenen Zeitpunkt bezeichnen, in dem etwas geschieht (2le).

(21) a. Thorsten schließt die Tür.

b. Claudia öffnet die Tür.

c. Thorsten verliebt sich in Claudia.

Prozesse sind in bestimmten Zeitspannen dieses spezifischen Zeitintervalls wahr (2.7a,b), Zustandswechsel zu genau einem Zeitpunkt (2.7c).

Zusammengefasst gelten nach Vendler für die vier Verbklassen folgende Bedingungen:

Tätigkeiten: Thorsten rennt im Zeitintervall T.

- Thorsten rennt in jeder Zeitspanne t im Zeitintervall T

Prozesse: Claudia schreibt ein Buch im Zeitintervall T.

- Claudia schreibt das Buch genau in der Zeitspanne t im Zeitintervall T

Zustandswechsel: Thorsten gewinnt ein Rennen im Zeitintervall T.

- Thorsten gewinnt das Rennen genau zum Zeitpunkt t im Zeitintervall T

Zustände: Thorsten liebt Claudia im Zeitintervall T.

- Thorsten liebt Claudia zu jedem Zeitpunkt t im Zeitintervall T

Darüber hinaus weist Vendler (1967, 27) auf eine für diese Untersuchung wichtige Sonderform hin. In bestimmten Kontexten können Tätigkeiten (22a), Prozesse (22b) und Zustandswechsel (22c) die Bedeutung von Gewohnheiten bezeichnen, sie nehmen dann einen „derived state sense“ an. Dölling (2001, 324) bezeichnet diese habituellen Zustände als spezielle Subsorte von Zuständen, deren Kennzeichen es sei, „dass sie jeweils eine Anzahl von Xicht-Zuständen voraussetzen, über die sie realisiert werden“. Xur so kann erklärt werden, wie diese Subsorte von Zustände eine „dynamische“ Bedeu­tung annehmen kann, obwohl die Situation ,Zustand' sieh von den anderen Situationen dadurch unterscheidet, dass sie statisch ist.

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Abbildung 2.5: E-Struktur von Zustandsweehsel und Prozessen (nach Rapp, 1997)

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Thorsten rennt.

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Thorsten liebt Claudia.

Abbildung 2.6: Zeitintervallstruktur von Tätigkeiten und Zuständen (nach Lohnstein, 1996)

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Abbildung 2.7: Zeitintervallstruktur von Prozessen und Zustandsweehseln (nach Lohnst ein, 1996)

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Abbildung 2.8: Zeitintervallstruktur von habituellen Zuständen (nach Lohnstein, 1996)

(22) a. Thorsten raucht.

b. Claudia schreibt Bücher.

c. Hundefänger fangen Hunde.

Diese Gewohnheiten sind naeh Vendler Zustände, weil sie zu allen Zeitpunkten inner­halb eines Zeitintervalls wahr sind (vgl. Abbildung 2.8). Als Raucher raucht Thorsten auch dann, wenn er gerade nicht raucht. Nehmen wir an, Claudia ist Schriftstellerin. Dann schreibt sie auch dann Bücher, wenn sie gerade nicht am Schreiben ist und es ist immer wahr, dass Hundefänger Hunde fangen — auch wenn sie gerade keine Hunde fangen. Zur besseren Abgrenzung von echten Zuständen werden in dieser Arbeit solche Gewohnheitsbezeichnungen habituelle Zustände genannt.

Die Unterteilung der WBTj-Basisverben in diese vier Verbgruppen ist deshalb rele­vant, weil sie Aufschluss darüber geben kann, ob bei Ableitung mit -(er)ei grammatische Regelmäßigkeiten beim Verhalten der Verben bestehen. Es lässt sieh auch feststellen, ob bei der Derivation eventuell die lexikalisch-syntaktische Struktur des Verbs verändert wird.

2.4.2 Ortsbezeichnungen

Die Verwendung des Affixes -(cr)ci zur Bildung von Ortsbezeichnungen stuft Mötsch (2004, 352) als „aktiv“ ein. Er beschreibt das semantische Muster wie folgt:

(23) [INST & ZWECK (V (AGENS, THEMA))]W (r)

,Referenten, die Institutionen sind, deren Zweck cs ist, eine Tätigkeit V auszuüben“

Mötsch weist daraufhin, dass der Großteil aller WBT2-Bildungen sowohl von Tätig­keitsverben als auch von entsprechenden Nomina Agent is abgeleitet sein könnte (24a). Seiner Meinung naeh lässt sieh die Frage, ob diese Derivate eher Ableitungen von Tä­terbezeichnungen auf -er (mit der Suffixvariante -ei) oder von Verben sind (und eine

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Abbildung 2.9: Prozentuale Verteilung der Basiswörter von Ortsbczcichnungcn (nach Well­mann, 1975)

Ableitung auf -crei angenommen werden müsste), semantisch nicht entscheiden. Mötsch hält es auch für problematisch, die Entscheidung davon abhängig zu machen, ob ein Xomen Agentis bereits lexikalisiert ist. Schließlich wäre auch eine doppelte Derivati­on denkbar, die — vom Verb ausgehend — zunächst eine Täterbezeichnung erzeugt, welche in einem zweiten Schritt in eine Ortsbezeichnung umgewandelt wird. Neben diesen Bildungen gibt es Ableitungen von Täterbezeichnungen, die nicht auf ein Verb zurückzuführen sind (24b) sowie vereinzelte Xominalisierungen, die durch für einen Ort typische Produkte gekennzeichnet sind (24c).

(24) a. Färberei, Druckerei, Brauerei, Weberei
b. Försterei, Sattlerei, Klausnerei
c. Käserei, Mosterei, Polstcrci

Da aber alle Derivate die Bedeutungskomponente „Person übt eine charakteristische Tätigkeit aus“ voraussetzen, trennt Mötsch an dieser Stelle nicht zwischen deverbalen und denominalen Bildungen, sondern fasst diese Xominalisierungen zu einem Wortbil­dungstyp zusammen. Bei Wellmann bildet jeder der unter (24) genannten Subtypen einen eigenen Wortbildungstypen, worunter (24a) der häufigste ist (siehe Abbildung 2.9). Darüber hinaus unterscheidet er die in (25) dargestellten semantischen Varianten der WBT-2-Bildungen.

(25) a. Bildungen, mit der Bedeutung Betrieb, Geschäft, Produktionsstättc Näherei, Bäckerei, Käserei
b. Bildungen, aus dem lexikalischen Umkreis von Wohnung, Sitz, Residenz Bürgermeisterei, Kiisterei
c. Bildungen, mit der Bedeutung Gebiet, Bezirk, Bereich Abtei, Pfarrei, Vogtei

Beim Vergleich mit -(br)oi2-Bildungen aus dem Jahr 1800 konnte Wellmann (1975, 462) feststellen, dass die beiden semantischen Varianten (25b) und (25c) um 1800 wesentlich stärker genutzt wurden als heute. Dagegen sind die Ortsbezeichnungen mit der Bedeutung (25a) gegenüber damals produktiver geworden. Da in dieser Arbeit das Augenmerk auf den -(erjeP-Xominalisierungen liegt, werden die einzelnen Subtypen des WBT-2 im Analyseteil nicht ausführlicher untersucht, sondern vereinfachend als ein einziger Wortbildungstyp dargestellt,

2.4.3 Resultatsbezeichnungen

Durch das dritte semantische Muster des Suffixes -(cr)ci lässt sieh ein Gegenstand charakterisieren, der zugleich betroffener Aktant in einem vom Verb bezeichneten Ge­schehen ist (Mötsch, 2004, 347/46), Das nach Mötsch inaktive Muster wird beschrieben als:

(26) [ & V (Xagens, thema)ÌN ((Xagens, ) v)

,Referenten, die Gegenstände und Thema in einem vom Verb bezeichneten Geschehen sind“

Als Basis solcher Ableitungen sind nach Mötsch nur Verben möglich, wobei die Suf­fixvariante -crei immer an den letzen Konsonanten der Verbstämme trete (27),

(27) Malerei, Stickerei, Schnitzerei

Die WBT3-Derivate sind Klassen zählbarer Gegenstände, In der Forschung wird da­von ausgegangen, dass dem Wortbildungstyp -(er)ei3 neue Prägungen durch Funktions­erweiterung der grammatischen Abstrakta (also der Vorgangsbezeichnungen) zugeführt werden, Wellmann (1975, 427) stellte in seinen Untersuchungen fest, dass dieser Über­gang hin zur Gegenstands- bzw, Resultatsbezeichnung „häufig an die Pluralform ge­bunden IistI, die eine Thematisierung in Richtung auf das ,Objekt“ des BV erleichtert,“ Solche Verschiebungen seien am häufigsten bei Verben zu beobachten, die eine Handar­beit bezeichnen. Die Ableitungen dieser Verben geben dann handwerkliche Erzeugnisse wie in (27) an, Funktionserweiterungen seien aber auch bei Verben festzustellen, die se­mantisch dem Bereich ,Bezeichnungen für das zum Verbrauch bestimmte“ zuzuordnen sind, Ableitungen von solchen Verben benennen dann den Gegenstand, der verbraucht wird (28).

(28) Schlcckcrci(cn), Näscherei (en), Schluckcrci(cn) (für: , Tabletten“)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2.10: Prozentuale Verteilung der Basiswortklassen bei -(cr)ci3 (nach Wellmann, 1975)

Worauf Mötsch nicht näher eingeht, wird bei Wellmann (1975, 433) ausführlicher behandelt: dass es neben Gegenstandsbezeichnungen auch -(br)oi3-Bildungen gibt, die nicht-gegenständliche Objekte benennen, welche Resultate eines vom Verb definierten Geschehens sind. Mötschs Formalisierung müsste demnach abgewandelt werden in:

(29) [ &

V (xagens¿ GEGENSTAND/RESULTAT^ernJk ((Xagens, ) r)

,Referenten, die Gegenstände oder Resultate und Thema in einem vom Verb bezeich­net cn Geschehen sind“

Weil Bildungen wie (30) Objekte bezeichnen, die nicht konkret sind, sind sie seman­tisch schwerer von den Vorgangsbezeichnungen zu unterscheiden. Paraphrasierungen können helfen, Resultatsbezeichnungen als solche zu identifizieren.

(30) Lumperei, Phantasterei, Rüpelei

- das, was ein Lump/Phantast/Rüpel getan hat

Wie jedoch Abbildung 2.10 entnommen werden kann, hat Wellmanns Analyse erge­ben, dass diese Bildungen nur mit etwa 22 % am -(br)oi3-Paradigma — das ohnehin eher selten ist (vgl. Abbildung 2.10, Seite 29) — beteiligt sind. Nach Wellmanns Ana­lyse sind Bildungen, die nicht-gegenständliche Objekte benennen, meist denominai, während Xominalisierungen, die gegenständliche Objekte bezeichnen, von Verben ab­geleitet sind.

2.4.4 Kollektivbezeichnungen

Mit dem letzten Wortbildungstypen können Kollektiva gebildet werden. Mötsch führt diesen WBT in seiner Systematik nicht auf. Wellmann beschreibt ihn als gering frequent mit wenigen okkasionellen Neubildungen. Fleischer et al. führen den WBT als seltenen Typen auf. Kurth äußert sieh nicht zur Aktivität des WBT. Das semantische Muster, das nach Mötsch (2004, 422) Kollektivbildungen — also auch -(cr)ci4 — zugrunde liegt, ist:

(31) [GANZHEIT (N)] (r)

,Referenten, die aus den potentiellen Referenten eines Nomens N ausgewählte Ganz­heiten sind“

Bei WBT4-Xominalisierungen handelt es sieh ausschließlich um Ableitungen von Nomen, die sowohl eine Gesamtheit von Gegenständen (32a) als auch von Personen (32b) benennen können. Die Besonderheit von Kollektivbezeichnungen ist, dass ihre Bedeutung auch im Singular pluralisch ist. Die Ableitungen dieses WBT werden aus­schließlich mit dem Allomorph -ei gebildet. Dabei tritt -ei an ein Substantiv (darunter auch Nomina Agent is auf -er). Eine eventuelle Reduktionssilbe am Ende des Substan­tivs wird getilgt (32a). In einigen Fällen (32c) tritt ein Fugenelement entsprechend dem Pluralzeichen auf (vgl. Fleischer et ah, 1995).

(32) a. Aktei, Kartei
b. Reiterei, Kumpanei
c. Bücherei, Lancierei

Wellmann gibt an, dass in seiner Untersuchung 2,8% aller Belege mit dem Suffix -(er)ei diesem Wortbildungstypen folgen (siehe Abbildung 2.1, Seite 17). Auch wenn solche Ableitungen gegenwärtig eher selten geworden sind: Noch bis ins frühe 20. Jahr­hundert scheint bei einigen Autorinnen die Verwendung von -(cr)ci zur Bildung von Kollektiva beliebt gewesen zu sein. Kurth (1953, 449/50) beschreibt Beispiele der bei­den Schriftsteller E. M. Arndt (33a) und H. A. Krüger (33b-c). Ebenso verweist er auf einen Brauch studentischen Ursprungs, durch Ableitung mit -(er)ci „vom Namen des Besitzers auf ein Haus oder eine Schankwirtschaft“ zu verweisen (33d), Ein Usus, der nach Kurth besonders in Thüringen und Mitteldeutschland auch außerhalb des studentischen Milieus Fuß fassen konnte.

(33) a. Alcxanclrischc Wcibcrci

,Gesamtheit der weiblichen Wesen, die Kaiser Alexander umschmeichelten' b. Herrnhuterei ,die Herrnhuter' e. Krügcrci

,die Gesamtheit von drei jungen Leuten namens Krüger, die einen gemeinsamen Haushalt führen'

d. Sehrammerei, Reiberei, Voigtländerei

Wie oben bereits erwähnt hat Öhmann auf die Xähe der Kollektiv- zu den Ortsbe­zeichnungen hingewiesen (siehe Seite 14), Bei einigen Bildungen — wie Bücherei und (Sekt-)Kellerei, die ursprünglich mehrere Keller bzw, eine (Sammlung) mehrerer Bü­cher benannten — wird diese Xähe deutlich. Vereinzelt sind auch im Gegenwartsdeut­sehen noch Ableitungen dieses WBT belegt, bei denen nur die kollektive Interpretation möglich ist:

(34) Der Hamburger Verleger Ernst Rowohlt kündigte an, elafi in seiner Taschenbücherei demnächst auch Dramen herausgebracht werden sollen. Als erstes sei ein Band mit Werken von Lessing vorgesehen. [Nr. 866]

Obwohl die beiden genannten Beispiele synehroniseh eher den Ortsbezeichnungen zuzuordnen wären, werden sie — aufgrund der Tatsache, dass es sieh ursprünglich um Kollektiva handelte, die dann eine örtliche Bedeutung entwickelten (ähnlich der Ablei­tung Länderei) — den WBT4-Xominalisierungen zugerechnet.

Auch auf die Berührungspunkte zwischen kollektiver und abstrakter Bedeutung macht Öhmann (1973, 416) aufmerksam. Als Beispiel führt er das mittelhochdeutsche, de­nominale buoberíe an, das in kollektivem Sinn ,die Trossknechte[4] bedeutet und als abstrakter Verhaltensbegriff das ,bübische Wesen' bezeichnet,

2.4.5 Distributionelle Tests bei Zweifelsfällen

Wie Beispiel (10) auf Seite 16 zeigt, ist es aufgrund der Mehrdeutigkeit von -(er)ei- Bildungen nicht immer leicht zu entscheiden, welche Lesart einer Xominalisierung zu­grunde gelegt werden muss. Um in solchen Fällen entscheiden zu können, welchem Wortbildungstypen eine -(br)oi-Bildung angehört, sind distributioneile Tests notwen­dig, die eine eindeutige Zuordnung ermöglichen. Im Folgenden werden Tests aufgezeigt, anhand derer der Untersuchungsgegenstand, der WBTb von den drei anderen Wortbil­dungstypen abgegrenzt werden kann. Gerade die Unterscheidung zwischen Vorgangs­und Resultatsbezeichnung ist in vielen Fällen schwierig, da letztere ein Objekt bezeich­net, das als Resultat des Vorgangs verfügbar geworden sind. Auf diese beiden WBT wird darum detailliert eingegangen. Die distributioneilen Tests zur Abgrenzung der Vorgangsbezeichnungen von Orts- und Kollektivbezeichnungen sind weniger problema­tisch, weshalb sie — zumal beide WBT eher am Rande der Untersuchung stehen — nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Um solche Tests definieren zu können, muss zuerst geklärt werden, durch welche Merkmale sieh die Wortbildungstypen voneinander unterscheiden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2.2: Verteilung der charakteristischen Merkmale der -(cr)d-Wortbildungstypcn

den. WBTj-Bildungen haben also in gewisser Weise eine Zeitstruktur, die grafisch darstellbar ist als:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2. Bei -(br)oi2-Bildungen handelt es sieh um Orte (Brauerei, Gärtnerei) oder — im Falle von Bürgermeisterei, Abtei — um Bezeichnungen für „Regierungsbezirke“, die man betreten und verlassen, die man aber auch physisch verändern (abreisen, öffnen, erweitern) kann.

3. Xaeh dem WBT3 gebildete Derivate sind Resultate, die aus einer vom Basiswort bezeiehneten Tätigkeit hervorgehen. Diese Resultate können entweder konkret sein (Stickerei, Malerei, Schnitzerei) oder nicht-konkret ( Gaunerei, Ferkelei, Lum­perei). Gegenständliche Resultatsbezeichnungen können — im Gegensatz zu den nicht-gegenständlichen — physische Veränderungen erfahren (36).

(36) a. Die Näherin löste die Stickerei vorsichtig von der Bluse ab.
b. *Dic Polizei entfernte die Lumperei von der Straße.

4. Die Kollektiva auf -(er)ei bezeichnen im Gegensatz zu den Derivaten der anderen drei WBT Entitäten desselben Typs (beispielsweise Sämerei ,mehrere Samen', Länderei ,mehrere Länder', Kellerei ,mehrere Keller').

Die beschriebenen Merkmale lassen sieh wie in Tabelle 2.2 zusammenfassen.

[...]


[1] Zur Vereinfachung der Darstellung wird im Weitem nur noch die weibliche Form verwendet: in jedem Fall ist dabei jedoch implizit auch die entsprechende männliche Person mitgomoint.

[2] Adelung, J. CH. (1782). Umständliches Lehrgebäude der Deutschen Sprache zur Erläuterung der Deutschen Sprachlehre für Schulen. 3 Bde. Leipzig, (siehe Wellmarm, 1975, 476)

[3] Wellmann (1975, 28) zählt die -oIoi-Bildungcn mit BV auf -du in seiner Kategorisierung zu den Ableitungen, die mit der Suffixvariante -oi (und nicht -dei) gebildet wurden, weil auch eine ad­jektivische Motivierung angenommen werden könnte (Fröuuu-cl-ci, Blöd-cl-ci, Albcr-ci). Er gibt allerdings zu, dass sich diese Bildungen „einfacher als Ableitungen mit -ei zu Verben auf -(e)l-(u) oder -0-(on)!' erklären lassen, weshalb ich sie in dieser Arbeit als zur Suffixvariante -elei gehörig betrachte.

[4] Vorgangsbezeichnungen auf -(er)ei kann man beschreiben als Zeitintervalle, in denen Teilintervalle mit der vom Verb bezeichneten Handlung V wiederholt .

Ende der Leseprobe aus 192 Seiten

Details

Titel
Quantitative Untersuchung der Produktivität deverbaler Substantive auf -(er)ei in einem diachronischen Zeitungstext-Korpus
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Philosophische Fakultät II)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
192
Katalognummer
V271766
ISBN (eBook)
9783656629108
ISBN (Buch)
9783656629092
Dateigröße
11806 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Suffix -erei, Suffix -ei, Suffix -erie, Wortbildungstypen, Korpuslinguistik, diachronische Lingusitik
Arbeit zitieren
Andrea Hahnfeld (Autor), 2007, Quantitative Untersuchung der Produktivität deverbaler Substantive auf -(er)ei in einem diachronischen Zeitungstext-Korpus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271766

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