Gogol´sche Tradition in Dostoevskijs Werk „Der Doppelgänger“


Hausarbeit, 2012
17 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Gogol´sche Tradition

3 Fortsetzung der Gogol´schen Tradition in „Doppelgänger“
3.1 Sprachstil
3.2 Sujet und Charaktere
3.3 Sozialkritik

4 Dostoevskij versus Gogol´
4.1 Abweichungen in „Doppelgänger“
4.2 Der eigene Weg

5 Fazit

6 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Mit der vorliegenden Arbeit zum Thema „Gogol´sche Tradition in Dostoevskijs Werk „Der Doppelgänger“´ soll ein Einblick in die frühe Phase des russischen Realismus gewährt werden. Ihr konkretes Ziel ist es, zu untersuchen, inwieweit die literarische Tradition Gogol´s in Dostoevskijs zweitem Werk ihre Fortsetzung findet.

Der 1846 erschiene Roman löste heftige Debatte zwischen den Vertretern gegensätzlicher Kunstauffassungen. Die Vertreter der naturalistischen Schule waren im Großen und Ganzen zunächst vom Werk begeistert, ihre Gegner, die sich an Puškin als literarischen Etalon orientierten, warfen Dostoevskij vor, dass er Themen und Motive aus den Erzählungen Gogol´s übernommen habe.[1] Ihr Vorwurf war nicht unbegründet, denn das Werk weist deutliche Ähnlichkeiten zu Gogol´s Petersburger Erzählungen auf. Worin diese Ähnlichkeiten bestehen wird im zweiten Schritt dieser Arbeit untersucht, nachdem man zunächst eine Definition der Gogol´schen Tradition formuliert, aus deren Perspektive „Doppelgänger“ zu analysieren ist.

Nach anfänglicher Begeisterung wurde der Roman auch seitens der „Naturalisten“ wie z.B. Belinskij kritisiert, so dass Dostoevskij selbst zugeben musste:

„Повесть эта мне положительно не удалась, но идея ее была довольно светлая, и серьезнее этой идеи я никогда ничего в литературе не проводил. Но форма этой повести мне не удалась совершенно […] если б я теперь принялся за эту идею и изложил ее вновь, то взял бы совсем другую форму[…]“

Um welche Idee es sich handelt und welche Abweichungen vom Kanon der Gogol´schen Schule der „Doppelgänger“ aufweist wird ebenfalls im Folgenden untersucht. Daran anschließend wird Dostoevskijs Werdegang als eine Fortentwicklung der Gogol´schen Tradition skizziert.

Die theoretische Grundlage der Arbeit besteht hauptsächlich aus Untersuchungen solcher Literaturkritiker wie Pereverzev („Gogol´ Dostoevskij Issledovanija“), Belij („Die Kunst Gogol´s“), Vinogradov („Ėvoljucija russkogo naturalisma. Gogol´ i Dostoevskij“) und Neuhäuser („Das Frühwerk Dostoevskijs. Literarische Tradition und gesellschaftlicher Anspruch“). Ihre Arbeiten sind zum Teil einseitig, aber bieten dennoch hervorragende Anhaltspunkte, mit denen man weiterarbeiten kann.

2 Gogol´sche Tradition

„Все мы вышли из гоголевской шинели“ – sollte Dostoevskij einmal gesagt haben. Dieses Zitat sollte er tatsächlich bei einem Gespräch mit dem französischen Literat de Wog verwendet haben, der es später fälschlicherweise in seinem Buch als eigene Äußerung Dostoevskijs aufnahm. Der sowjetische Literaturkritiker Rejser konnte allerdings beweisen, dass diese Worte aus einem Artikel über Dostoevskij in „Rftvue des deux Mondes“ (1885) von Eugène-Melchior de Vogüé stammen[2]. Aber auch abgesehen von diesem Zitat existiert in Dostoevskijs Werken eine gewisse Verbindung zu Gogol´, die in vielerlei Hinsicht zu erkennen ist. Es ist nicht nur Sprache, sondern auch der Inhalt, die Atmosphäre und die Gestalten, die eine Ähnlichkeit zu Gogol´s Arbeiten aufweisen. Diese Parallelen zu Gogol´ lassen sich vor allem in dem Frühwerk Dostojevskij finden – aus Popriščin ging Goljadkin hervor, aus Bašmačkin – Procharčin[3]. Um diese zu untersuchen, sollte erst definiert werden, was die „Gogol´sche Tradition“ ausmacht.

Gogol´ entsprang aus Puschkin´s Erbe, trat von ihr jedoch ab, entwickelte einen eigenen literarischen Stil und gab damit einen Anstoß für eine ganz neue Strömung in der russischen Literatur – die „naturalistische Schule“.[4] Belinskij und eine Reihe anderer Kritiker sprechen ihm die Gründung dieser neuen literarischen Richtung zu, die nicht nur für russische, sondern für ganze Weltliteratur bedeutend wurde.

Die zeitgenössischen Literaturkritiker haben Kriterien formuliert, anhand deren ein Autor zu der „naturalistischen Schule“ gezählt wird, dazu gehören u.a. folgende: gesellschaftlich-relevante Thematik, die ein breites Publikum ansprach, kritische Auseinandersetzung mit der sozialen Wirklichkeit sowie der Realismus des künstlerischen Ausdrucks, der gegen die Verschönerung der Realität ankämpfte. Die Umsetzung dieser Kriterien ist allerdings so unterschiedlich, dass die „naturalistische Schule“ nicht als homogene literarische Strömung, sondern eher als Formalität verstanden werden soll. Durch seine Werke prägte Gogol´ als Begründer der Schule in besonderer Weise die literarische Entwicklung und übte einen enormen Einfluss auf die nachkommenden Autoren, Černyševskij spricht sogar von der „Literatur der Gogol´schen Periode“. Diese zeichnete sich vor allem durch ihre kritische Haltung zur Wirklichkeit aus.[5] Aber Gogol´ gründet nicht nur eine neue literarische Richtung, sondern setzt auch einige Traditionen fort: Seine Innovationen sind in einer Auseinandersetzung mit der Dichtung seiner Gegenwart und der Vergangenheit entstanden.[6] Dank Gogol´ bekam die Literatur eine soziale Ausrichtung: Anstatt ihres Selbstzwecks wurde zu ihrem Ziel die Aufklärung der gesellschaftlichen Umstände erklärt. Es wurden neue Prototypen entwickelt und die sprachliche Gestaltung erfuhr eine Wandlung, um dem neuen literarischen Ziel zu dienen.[7]

Gogol´ Gestalten entspringen der Puškins Schule – es sind „kleine Menschen“ aus der Masse. Während früher ein von der Realität ferner, ausgedachter Held mit einer oder anderen hervorgehobenen Eigenschaft im Mittelpunkt literarischer Arbeiten stand, treten spätestens seit Gogol´s Petersburger Erzählungen einfache, realitätsnahe und keinesfalls herausragende Persönlichkeiten als Hauptfiguren in der Literatur auf. In diesen Gestalten spiegelt sich ihre eigene kleine Welt wieder, die allen Leser auf eine oder andere Weise nicht fremd ist. Jeder seiner Helden ist trotz seines gewöhnlichen Charakters in erster Linien ein Individuum wie jeder andere, das in der Masse nicht untergeht. Darum ist jeder Charakter, der sogar eine zweitrangige Rolle spielt, bei Gogol´ originell und gleich interessant.[8] Gogol´sche Gestalten können bei den Lesern sowohl Mitgefühl als auch Stauen erwecken, aber vor allem wirken sie als real und menschlich.[9]

Als Realist versucht Gogol´ die Wirklichkeit nicht zu verschönern und einzelne Aspekte des Lebens nicht hinter Symbolik oder Allegorie zu verbergen. Mit solchen besonderen Mitteln wie Satire und Phantastik offenbart Gogol´ sehr geschickt die Laster der Gesellschaft. Aber vor allem für seine satirischen Methoden, mit welchen er alles ästhetischen Idealen nicht Entsprechende bloßstellt, ist er bekannt geworden. Auf diese Weise enthüllte Gogol´ die menschlichen Schwächen und Macken. Černyševskij schrieb dazu: „[Гоголь] первый представил нас нам в настоящем виде, первый научил нас знать наши недостатки и не гнушаться ими“.[10]

Ein weiteres besonderes Merkmal, das Gogol´ besonderes auszeichnet, ist die Sprache. Er war der erste russische Schriftsteller, der die volkstümliche Umgangssprache in der Literatur zu verwenden begann, um die Welt des einfachen Volkes wirklichkeitsgetreu wiederzugeben. Laut Gogol´ konnte die russische Realität nur mittels der dem Stand entsprechenden Sprache übermittelt werden. Und so stellt sein Sprachstil eine einzigartige Mischung aus dem Russischen und dem Ukrainischen, aus dem Jargon und der Hochsprache, der Kanzleisprache, der Sprache der Arbeiter, Jäger, Gutsherren usw. dar. Dabei verwendet er zahlreiche Neologismen, Anarchismen und Metaphern, Wortspiele und verschiedene Redewendungen sowie markante Beispiele und Vergleiche. Dadurch wirkt das Geschriebene als real und authentisch und der Leser kann sich leicht die beschriebene Situation vorstellen. Außerdem parodierte Gogol´ die französisch-russische Salonsprache, stellte offen seinen eigenen Stil gegenüber dem romantischen Stil und lehnte jegliche sprachliche Normen ab. Insgesamt zeichnet sich seine Sprache durch Unbefangenheit und zugleich durch Prägnanz und Wirklichkeitstreu aus – Verschönerungen sind ihm fremd. Gogol´ schuf damit einen eigenen Sprachstil, der von allen Einschränkungen, Rahmen und Vorgaben befreit ist.[11] Dieser Stil trug zur Entwicklung neuer davor nicht denkbarer Möglichkeiten in der Literatur, da er auf verschiedene Art und Weise geprägt und entfaltet werden konnte.[12]

Gogol´ ermögliche durch seine literarische Innovationen den Übergang von der Romantik zum Realismus zu vollziehen. Obwohl er selbst an der Schwelle zwischen diesen zwei Epochen steht, gab er einen Anstoß für eine weitere Entwicklung. Viele Autoren orientierten sich an Gogol´, sowohl im positiven als auch im negativen Sinn.

Die Einstellungen zu Gogol´ waren schon zu seinen Lebzeiten geteilt: Er wurde von vielen kritisiert und nicht anerkannt, von vielen als Genie gefeiert. Z.B. Tolstoj stößt sich von Gogol´ ab, sieht in seinen Werken nur das Negativum, das von der wahren Natur des Menschen weit entfernt ist, während Dostoevskij dagegen zunächst in die Fußstapfen seiner späteren Werke zu treten versucht.[13]

[...]


[1] MARTINI-WONDE, A. (o. J): Nachwort. In: DOSTOJEWSKIJ, F.(Hrsg.): Der Doppelgänger. Stuttgart: Reclam, S. 203-214

[2] http://dic.academic.ru/dic.nsf/dic_wingwords/491/%D0%92%D1%81%D0%B5, entnommen am 21.08.2012

[3] PEREVERZEV, V. (1982): Gogol´ Dostoevskij Issledovanija. Moskva: Sovetskij Pisatel´, S. 204.

[4] PALIEVSKIJ, P. (1985): Mesto Gogolja v russkoj literature. In: KOŽINOV, V., OSETROV, E. & PALAMARČUK (Hrsg.): Gogol´: Istorija i sovremennost´. Moskva: Sovetskaja Rossija, S. 85-93

[5] SOVETSKAJA ĖNCIKLOPEDIJA (Hrsg.) (1929-1939): Literaturnaja Ėnciklopedija. Band 7. Artikel: Naturalnaja Škola. Moskva: OGIZ RSFSR, entnommen aus http://feb-web.ru/feb/litenc/encyclop/le7/le7-6211.htm am 21.08.2012

[6] TSCHIŽEVSKIJ, D. (1939): Statt einer Einführung. In: BELYJ, A. (Hrsg.): Die Kunst Gogol´s. München: Wilhelm Fink Verlag, S. 5-8

[7] SOVETSKAJA ĖNCIKLOPEDIJA

[8] PEREVERZEV, S. 80

[9] PALIEVSKIJ, S. 85-93

[10] ČERNYŠEVSKIJ, N. (1952): Sočinenija i pis´ma N.V. Gogolja. In: KULIŠ, P. (Hrsg.): N.V. Gogol´ v vospominanijach sovremennikov. Moskva: Gos. izdat. chudož. lit. S. 557-582

[11] LISIK, L. (2011): Literaturovedy ob osobennostjach jazyka i chudožestvennogo stilja N. Gogolja. In: Molodoj Učёnyj, 5 (28), S. 27-33

[12] BELYJ, A. (1979): Die Kunst Gogol´s. München: Wilhelm Fink Verlag. S. 283

[13] PALIEVSKIJ, S. 85-93

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Gogol´sche Tradition in Dostoevskijs Werk „Der Doppelgänger“
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V271996
ISBN (eBook)
9783656642534
ISBN (Buch)
9783656642527
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dostoevskij und Gogol, Doppelgänger, Gogol´sche Tradition
Arbeit zitieren
Larissa Smir (Autor), 2012, Gogol´sche Tradition in Dostoevskijs Werk „Der Doppelgänger“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/271996

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