Richard Feldmans Umgang mit Beispielen in seinem Aufsatz „Epistemological Puzzles about Disagreement“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
20 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Feldmans Skepsis bezüglich vernünftiger Dissense

3. Feldmans Beispiele zur Analyse privater Belege und Startpunkte
3.1.1 Private Belege
3.1.2 Zwischenergebnis: private Belege
3.2.1 Feldmans Startpunkte
3.2.2 Zwischenergebnis: Startpunkte

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

In der analytisch betriebenen Erkenntnistheorie ist es eine verbreitete Methode durch Beispiele und Gedankenexperimente Argumente für oder wider bestimmte Standpunkte zu entwickeln. So auch in der gegenwertigen Diskussion um vernünftige Dissense, in der es um die Frage geht, inwiefern zwei oder mehr Personen im epistemischen Sinn darin gerechtfertigt sind oder sein können, sich gegenseitig ausschließende Behauptungen zu vertreten. Anders formuliert: Sind zwei Personen vernünftig, wenn sie auf ihre jeweilige Meinung beharren, obwohl sie voneinander wissen, dass die jeweils andere das Gegenteil behauptet? Ob und wie das möglich ist, da gehen die Meinungen der Erkenntnistheoretiker auseinander. Zur Begründung ihrer Theorien und Begriffe ziehen sie zumeist Beispiele aus allen denkbaren Bereichen heran. Alltägliche Szenen, unterschiedliche Wahrnehmungen, aber auch philosophische Diskurse, religiöser Streit oder politische Auseinandersetzungen werden gleichermaßen benutzt in dieser epistemologischen Suche nach der Rationalität im Dissens.

Mich interessiert in dieser Hausarbeit, inwiefern diese Vorgehensweise zielführend ist oder ob Dissens in verschiedenen Bereichen nicht auch verschieden analysiert werden müsste. Ist ein Streit zwischen zwei Personen darüber, ob gerade Paul oder Petra auf der anderen Straßenseite entlang ging, auf derselben epistemischen Ebene anzusiedeln, wie eine ethische Debatte oder eine politische Diskussion über die Gestaltung gesellschaftlicher Institutionen?

Um das herauszufinden, werde ich mich beispielhaft auf einen Aufsatz von Richard Feldman beziehen, in dem er eine Reihe verschiedener Beispiele für seinen Argumentationsgang ins Feld führt. Die leitende Fragestellung wird dabei stets sein, ob Feldmans Schlussfolgerungen aus den Beispielen zwingend und vor allem ob sie, ohne weitere Gründe anzugeben, verallgemeinerbar sind. Dabei werde ich sowohl einfache als auch komplexe Beispiele aus Feldmans Aufsatz auswählen. Sie sollen miteinander verglichen werden, wenn Feldman sie in einem inhaltlichen Zusammenhang verwendet, aber auch einzeln für sich dahingehen untersucht werden, ob sie Feldmans Argumentation zwingend stützen.

Beginnen werde ich mit einer kurzen Skizzierung des Standpunkts von Feldman in der Debatte um vernünftige Dissense. Danach werde ich drei Beispiele und ihre Anwendung aus seinem Aufsatz vorstellen und analysieren. Dabei wird durchgehend problematisiert, ob Feldmans Umgang mit Beispielen und die Schlussfolgerungen, die er aus ihnen zieht, gerechtfertigt sind oder noch weiterer Erklärungen bedürfen.

2. Feldmans Skepsis bezüglich vernünftiger Dissense

Richard Feldman kommt in seinem Aufsatz „Epistemological Puzzles about Disagreement“1 zu einem ernüchternden Ergebnis:

„Consider those cases in which the reasonable thing to think is that another person, every bit as sensible, serious, and careful as oneself, has reviewed the same information as oneself and has come to a contrary conclusion to one's own. And, further, one finds oneself puzzled about how that person could come to that conclusion. An honest description of the situation acknowledges its symmetry. […] In those cases, I think, the skeptical conclusion is the reasonable one: it is not the case that both points of view are reasonable, and it is not the case that one's own point of view is somehow privileged. Rather suspension of judgment is called for. And this is true, even if suspending judgment in such cases might be extremely difficult to do.“2

Feldman kommt zu dieser skeptischen Schlussfolgerung, nachdem er eine Reihe von Ansätzen daraufhin untersucht hat, ob sie einen vernünftigen Dissens erklären könnten. Vernünftig kann ein Dissens nur sein, wenn die an ihm beteiligten Personen epistemisch gerechtfertigt sind, ihre jeweiligen sich gegenseitig ausschließenden Überzeugungen beizubehalten. Wenn eine Person trotz eindeutiger Belege, die gegen ihre Überzeugung sprechen, diese trotzdem aufrecht erhält, kann sie nicht im epistemischen Sinn gerechtfertigt sein und damit auch nicht den Anspruch erheben, vernünftig zu sein. Im Rahmen der Untersuchung führt Feldman die Unterscheidung Dissens in Isolation, Dissens nach gegenseitiger Offenlegung aller Belege und Dissens in wechselseitiger Anerkennung der Vernünftigkeit ein.3 Ein stabiler vernünftiger Dissens ist nur dann möglich, wenn ein Dissens bei wechselseitiger Anerkennung der Vernünftigkeit denkbar ist. Vernünftige Dissense in Isolation oder nach Offenlegung aller Belege zu konstruieren ist nicht besonders schwer für Feldman. Er findet jedoch keinen Ansatz, der einen Dissens in wechselseitiger Anerkennung der Vernünftigkeit erklären könnte. Jeder Ansatz endet bei ihm nur in den Optionen, dass ein Diskutant den anderen überzeugt oder aber beide ihr Urteil aufgrund ihrer epistemischen Pflicht aussetzen müssten.

Feldman geht von einer equal-wight-view aus, nach der allen Peers in einer Diskussion gleiches Gewicht zukommt. Peers sind Personen, die über vergleichbare Anlagen, Fähigkeiten und Informationen verfügen, um alle Belege angemessen zu berücksichtigen und zu rationalen Schlussfolgerungen zu gelangen. Es interessieren ihn also nur Dissense, die nicht darauf zurückführbar sind, dass ein Diskussionsteilnehmer vielleicht nicht über dieselbe Informationslage verfügt oder aus anderen Gründen kein gleichwertiger Diskutant ist. In epistemologischem Vokabular fragt Feldman, wie ein vernünftiger Dissens zwischen zwei Peers möglich ist, sie sich also alle Belege gegenseitig offen gelegt haben und dennoch bei wechselseitiger Anerkennung ihrer Vernünftigkeit im Dissens verbleiben können.

3. Feldmans Beispiele zur Analyse privater Belege und Startpunkte

Feldman analysiert in seinem Aufsatz mehrere Ansätze auf der Suche nach vernünftigen Dissensen. Zwei davon sind die privaten Belege und die Startpunkte. Zur Untersuchung beider Ansätze benutzt er Beispiele aus verschiedenen Bereichen, die im Folgenden kurz skizziert und ausführlicher analysiert werden, als es in Feldmans Aufsatz der Fall ist.

3.1.1 Private Belege

Private Belege könnten auch Intuitionen genannt werden.4 Sie bezeichnen Belege, die nur einem Peer vollständig zur Verfügung stehen können und nicht mit anderen zu teilen sind. Sollte es solche Belege geben, wären sie eine mögliche Rechtfertigung dafür, dass selbst nach Offenlegung aller mitteilbaren Belege zwei Peers ihre sich gegenseitig ausschließenden Überzeugungen aufrechterhalten. Eine vollständige Offenlegung aller Belege wäre gar nicht möglich, weil ein Teil der Belege rein privater Natur wäre. Da beide Peers wüssten, dass es solche Belege gibt, könnten sie sich ihre Vernünftigkeit wechselseitig anerkennen, auch wenn sie zu keinem Konsens gelangen. Im Folgenden geht es nicht um die Frage, ob es solche privaten Belege wirklich gibt, sondern vielmehr darum, ob die Analysen der beiden Beispiele, die Feldman in diesem Abschnitt benutzt, und ihr Zusammenspiel geeignet sind, diesen Ansatz zu verwerfen, wie er es tut.

Das erste Beispiel wird in dem betreffenden Kapitel zunächst benutzt, um eine Ahnung davon zu bekommen, was private Belege sein könnten. Feldman zitiert hier ein Beispiel aus der Ethik von Gideon Rosen:

„If, after reflecting on the rational tenability of an ethos that prizes cruelty, cruelty continues to strike me as self-evidently reprehensible, then my conviction that it is reprehensible has a powerful and cogent ground, despite my recognition that others who lack this ground may be justified in thinking otherwise.“5

Um im zweiten Schritt die Probleme des Ansatzes der privaten Belege zu zeigen, wählt er ein anderes Beispiel, bei dem zwei Peers über eine divergierende Wahrnehmung diskutieren. Das Beispiel ist von Feldman bewusst einfach gewählt:

„Suppose that you and I are standing by the window looking out on the quad. We think we have comparable vision and we know each other to be honest. I seem to see what looks to me like a person in a blue coat in the middle of the quad. I believe that a person with a blue coat is standing on the quad. Meanwhile, you seem to see nothing of the kind there. You think that no one is standing in the middle of the quad. We disagree.“6

Offensichtlich ist in diesem Beispiel jeder Peer vernünftig, wenn er in Isolation zu seiner Überzeugung gelangt. Doch sobald beide Peers ihre unterschiedlichen Wahrnehmungen mitteilen, steht die Frage im Raum, wer zu einer falschen Überzeugung gelangt ist. Es können nicht beide Peers recht haben. Entweder stand dort ein Mann in einer blauen Hose oder nicht. Das Problem ist nun, wie können beide nach dem Austausch ihrer Belege und Argumente darin gerechtfertigt sein, ihren Standpunkt aufrecht zu erhalten und sich sogar noch gegenseitig Vernünftigkeit zu bescheinigen. Selbst wenn beide Peers auf Belege verweisen, die sie dem jeweils anderen nicht mitteilen können, ist das für Feldman nicht möglich, da, und das ist sein entscheidendes Argument gegen die privaten Belege, nicht entscheidbar ist, wessen private Belege die besseren sind. Weder Peer 1 noch Peer 2 können sicher sein, dass ihre jeweiligen privaten Belege ihren Standpunkt ausreichend stützen, da sie wissen, dass auch der jeweils andere Peer über Belege verfügen könnte, die er nicht teilen kann. Feldman kommt zu dem Ergebnis, dass beide nur dann vernünftigerweise gerechtfertigt sein können, wenn sie die Überzeugung, die sie aufgrund ihrer Wahrnehmung gewonnen haben, aussetzen. Keiner von beiden sollte auf seinem Standpunkt bestehen.7

Unabhängig davon, ob diese Argumentation gegen die Begründung vernünftiger Dissense durch private Belege überzeugend ist oder nicht, frage ich mich, ob die beiden ins Feld geführten Beispiele in gleicher Weise für diese Argumentation passend sind. Feldmans Vorgehen, von einem komplexen ethischen Problem zu einer einfachen alltäglichen Wahrnehmung überzugehen, scheint allein der einfacheren Verständlichkeit geschuldet zu sein.8

[...]


1 Feldman, Richard: Epistemological Puzzles about Disagreement, in: Hetherington, Stephen (Hg.): Epistemology Futures. Oxford 2006, S. 216-236. Wird im Weiteren mit „Feldman, S. XYZ“ zitiert.

2 Feldman, S. 235.

3 Feldman, S. 220.

4 Feldman, S. 222 ff.

5 Rosen,Gideon: „Nominalism, Naturalism, Philosophical Relativism“, in: Philosophical Perspectives 15 (2001), zitiert nach Feldman, S. 223.

6 Feldman, S. 223. Feldman, S. 224.

7 Feldman selbst schreibt dazu nur: „To see why, compare a more straightforward case of regular sight”.

8 Feldman, S. 223.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Richard Feldmans Umgang mit Beispielen in seinem Aufsatz „Epistemological Puzzles about Disagreement“
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Dissense - Grundprobleme sozialer Erkenntnistheorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V272148
ISBN (eBook)
9783656643159
ISBN (Buch)
9783656643104
Dateigröße
470 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Richard Feldman, Dissens, Epistemologie, Wissen, Wahrheit
Arbeit zitieren
Andreas Wiedermann (Autor), 2013, Richard Feldmans Umgang mit Beispielen in seinem Aufsatz „Epistemological Puzzles about Disagreement“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272148

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