Vom Zweifel zum Wissen. Die ersten beiden Bücher von Fichtes "Bestimmung des Menschen"


Essay, 2014

12 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Zweifel – Das erste Buch der „Bestimmung des Menschen“

3. Wissen – Das zweite Buch der „Bestimmung des Menschen“

4. Die Bedeutung der Emotionen beim Übergang vom ersten zum zweiten Buch

5. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Johann Gottlieb Fichtes „Die Bestimmung des Menschen“[1] von 1800 stellt einen Versuch Fichtes dar, die Grundzüge seiner Transzendentalphilosophie in verständlicher Weise der Öffentlichkeit darzulegen. Das Werk lässt sich damit in die Kategorie der Fichte´schen Populärphilosophie einreihen. In ihm präsentiert Fichte eine spezielle, idealistische Weltanschauung, die vor allem den herausgehobenen Status des Ich im Erkenntnisprozess hervorhebt.

Die „Bestimmung des Menschen“ ist nicht in der Art klassischer philosophischer Texte geschrieben. Das Werk besteht vielmehr größtenteils aus dem Monolog eines Ich-Erzählers, der die philosophischen Thesen quasi vor den Augen des Lesers entwickelt. Was genau Fichte mit dieser Darstellungsart bezweckt, wird später, in Kapitel 4, erklärt.

Die „Bestimmung des Menschen“ wurde vom Autoren in drei Bücher eingeteilt. Im zweiten Buch „Wissen“ konstruiert das Ich im Dialog mit einem anonymen Geist eine idealistische Erkenntnistheorie. Aus den Ergebnissen des Argumentationsverlaufs entsteht das Problem, dass die Realität völlig aufgelöst wird, da es dann nichts „als blossen Bewusstseyns“ (S.241) gebe. Dieses Problem wird im dritten Buch „Glaube“ gelöst, indem das Handeln des Menschen als konstitutiv für die Entstehung von Realität bestimmt wird (vgl. S.249ff.). Dieses befriedigende Ergebnis wird im weiteren Verlauf des dritten Buches noch durch einige weitere Überlegungen ergänzt, die aber nicht mehr in den engeren Kreis der Erkenntnistheorie gehören. Fichtes System ist damit nach dem Stand des Jahres 1800 umfassend auf populäre Weise aufgearbeitet worden.

Was dieses Bild eines kohärenten philosophischen Werkes allerdings trübt, ist das erste Buch der „Bestimmung des Menschen“, das mit „Zweifel“ betitelt ist. Paradoxerweise wird hier ein philosophisches System entworfen, das der Lehre von Fichte diametral entgegengesetzt ist. Es handelt sich um die These einer völlig determinierten Welt, von deren Kräften das Subjekt komplett bestimmt ist. Diese Lehre wird so unvermittelt präsentiert, dass der Leser ohne Kenntnis anderer Werke Fichtes zunächst glauben könnte, hier von der persönlichen Ansicht des Autoren zu lesen.

Der theoretische Widerspruch zwischen den Büchern I und II wird das Thema dieser Arbeit sein. Zunächst werden die Argumentationslinien und die wichtigsten Thesen der beiden Bücher besprochen und verglichen. Im Anschluss wird erörtert, welchen Zweck Fichte damit verfolgte, offensichtlich falsche Theorien im ersten Buch zu vertreten, um sie dann im zweiten Buch zu widerlegen.

2. Zweifel - Das erste Buch der „Bestimmung des Menschen“

Das erste Buch beginnt mit einem optimistischen Monolog des Ich, in dem knapp und präzise eine empiristische Erkenntnistheorie umrissen wird: „Nur der übereinstimmenden Aussage meiner Sinne, nur der beständigen Erfahrung, habe ich Glauben zugestellt […]. Dafür bin nun auch der Richtigkeit dieses Theiles meiner Erkenntnis so sicher, als meines eigenen Daseyns“ (S.169). Alles Wahrnehmbare ist dem Ich also völlig gewiss. Jedoch spürt es trotz dieser Gewissheit einen Wissensmangel in sich, und es stellt die Frage, die das ganze Werk durchziehen wird: „Aber, - was bin ich selbst, und was ist meine Bestimmung?“ (ebd.).

Zur Beantwortung dieser Frage beginnt das Ich bei dem, was es (zu diesem Zeitpunkt) als das Fundamentalste, das vollständig Gewisse ansieht: der Bestimmung der Gegenstände (vgl. S.171). Die Intention des Ich ist es wohl, über die Bestimmung der Gegenstände, vielleicht durch eine Art Analogieschluss, auf die Bestimmung des Menschen schließen zu können. Die individuellen Eigenschaften der Gegenstände lassen sich jeweils eindeutig feststellen. Das macht die wahrnehmbaren Gegenstände „durchgängig bestimmt“ (S.172).

Im nächsten Schritt wird diese Ansicht teilweise revidiert. Das Ich stellt fest, dass sich die Gegenstände bzw. ihre Bestimmung kontinuierlich im Laufe der Zeit verändern (vgl. S.173), was einen neuen Ansatz nötig macht. Es stellt sich nun die Frage, wie die vollständige Bestimmtheit der Gegenstände aufrecht erhalten werden soll, wenn sie sich in einem ständigen Wandel befinden. Was das Ich auf diese Frage antwortet, erweitert die ursprüngliche Theorie entscheidend: „Deswegen, weil ihnen gerade diejenigen vorhergingen, die ihnen vorhergingen, und keine möglichen anderen; und weil die gegenwärtigen gerade ihnen, und keinen möglichen anderen folgten“ (ebd.). Die Bestimmung der Gegenstände ist also „streng gesetzlich“ (S.174) von den vorherigen Zuständen bestimmt. Um es kurz zu fassen: Fichte umschreibt hier auf einfache und populäre Weise die philosophische Position eines radikalen Determinismus. Dieser Determinismus findet seinen beeindruckendsten Ausdruck in einem Beispiel, das Fichte einige Seiten danach anführt. Dort weist er geschickt einen kausalen Zusammenhang zwischen der Position eines beliebigen Sandkorns und dem eigenen Leben nach (vgl. S.178f.).

Dadurch, dass die Gegenstände aus sich heraus nicht bestimmt sein können, da ihre Eigenschaften immer aus den vorherigen Zuständen resultieren, folgert das Ich auf ein „unvollständiges Daseyn“ (S.175) der Gegenstände. „Unvollständig“ deshalb, weil ihre Bestimmung bloß Resultat etwas außer ihnen Liegenden ist. Dieses Äußere lässt sich nun nicht mehr allein in den vorherigen Zuständen verorten: Diese Zustände sind schließlich ebenso unvollständig und deshalb nicht in der Lage, sich selbst zu bestimmen, da sie ja ebenfalls von dem Vorgehenden determiniert sind (vgl. S.173). Wie könnten aber solche unvollständigen Zustände andere Bestimmungen aus sich selbst hervorbringen (vgl. S.175)? Natürlich ist das unmöglich, also muss noch etwas angenommen werden, was selbst keine Bestimmung eines Gegenstands ist, aber gleichzeitig diese Bestimmung der Gegenstände hervorbringt. Bei der Lösung dieses Problems kommt das Ich auf die zentrale und interessanteste These des ersten Buches: „Eine thätige, dem Gegenstande eigenthümliche und sein eigentliches Wesen ausmachende Kraft ist es, welche ich dachte und denken musste, um die allmählige Entstehung und den Wechsel jener Bestimmungen zu begreifen“ (S.176). Das entscheidende Wort ist hier „Kraft“.

[...]


[1] Alle folgenden direkten und indirekten Zitate stammen aus der „Bestimmung des Menschen.“ Die verwendete Textausgabe ist dem Literaturverzeichnis zu entnehmen.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Vom Zweifel zum Wissen. Die ersten beiden Bücher von Fichtes "Bestimmung des Menschen"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V272254
ISBN (eBook)
9783656639763
ISBN (Buch)
9783656639718
Dateigröße
375 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fichte Bestimmung des Menschen Wissen Zweifel
Arbeit zitieren
Dennis Hogger (Autor:in), 2014, Vom Zweifel zum Wissen. Die ersten beiden Bücher von Fichtes "Bestimmung des Menschen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272254

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