Rezensionen als Auftrag literarischer Erziehung

Ein Plädoyer für die Kritikfähigkeit unterhaltender Literatur. Doppelrezension zum Regionalkrimi „Ostfriesenmoor“ von Klaus Peter Wolf


Hausarbeit, 2013
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Terminologische Klärung
2.1 Kriminalliteratur
2.2 Die Aufgabe einer Rezension
2.3 Einschätzung des vorliegenden Romans

3. Doppelrezension zu „Ostfriesenmoor“
3.2 Rezension: Positiv
3.3 Rezension: Negativ

4. Fazit

Literatur:

1. Einleitung

Literatur wurde lange Zeit lediglich in gute (Hoch-) und schlechte (Trivial-) Literatur aufgeteilt. Während Hochliteratur höchste ästhetische Ansprüche erfülle, sei Trivialliteratur (frz. trivialis: ‚jedermann zugängig‘) „massenhaft verbreitete Unterhaltungsliteratur, die sich durch die klischeehafte Wiederholung vorgeprägter Themen, Grundmuster und Schablonen auszeichnet“[1]. Diese Literaturform biete wenig Spielraum für Interpretation oder politische Debatten.

Um 1800 schließlich wird durch den Begriff der Annihilation verfügt, dass sogenannt schlechte Literatur als nicht kritikfähig eingestuft und von der literaturkritischen Kommunikation ausgeschlossen wird. Dennoch lassen sich bereits früh Forderungen ablesen, dass unterhaltende Literatur[2] in die literarische Kritik mit einbezogen werden soll. Robert Prutz fordert 1847, dass auch unterhaltende Literatur berücksichtigt werden solle, da sie schließlich einen großen Teil der Gesellschaft erreiche und somit einen funktionalen Wert für die Menschen habe.[3]

Schließlich löst Hans-Friedrich Foltin 1965[4] die Bewertungs-Dichotomie gute versus schlechte Literatur ab, indem er ein Dreischichten-Modell entwickelt, welches auch heute Verwendung findet. Nach diesem zerfällt Literatur in Dichtung bzw. Hochliteratur (oberste Hierarchiestufe), Unterhaltungsliteratur (mittlere Stufe) und Trivialliteratur (unterste Stufe). Foltin folgt hierbei der Argumentation, dass Geschmack „immer soziokulturell geprägt ist“[5] und Literatur somit nicht objektiv und allgemeingültig beurteilt werden könne. Mittlerweile widmet sich die Forschung zunehmend Untersuchungen bezüglich Gattungskonventionen wie Handlungsbausteinen, Erzähl- und Themenmotiven etc., um Qualitätsmerkmale der Literaturschichten benennen zu können. Dennoch fällt es immer noch schwer, die Grenzen zwischen den Stufen zu bestimmen, denn durch das neue Modell wurde bewusst „wie fließend in ästhetischer Hinsicht die Übergänge zwischen den verschiedenen Schichten der Literatur sind und welche unübersehbaren Wechselbeziehungen etwa auch in der Benutzung gleicher Stoffe und Motive bestehen.“[6]

Obwohl Foltins Modell ein Umdenken angestoßen hat, erreicht unterhaltende Literatur auch in der modernen Literaturkritik nur schwer positivere Einschätzungen. Besonders die Beurteilung von Kriminalromanen steht in auffallendem Kontrast zu deren Popularität. Trotz ihres großen Marktanteils (oder gerade deswegen) von 25,95% (im Jahr 2012 auf dem deutschen Buchmarkt im Bereich Belletristik)[7] wird Kriminalromanen vorgeworfen, sie besäßen ein stereotypes Schema, seien unrealistisch gestaltet und zudem nicht sonderlich intellektuell, da sie die breite Masse ansprechen.[8] Zwar kann diesen Argumenten, wie sich in der folgenden Analyse zeigt, nicht direkt widersprochen werden, doch sie sollten aus einem anderen Standpunkt aus betrachtet werden, wodurch die kritische Auseinandersetzung mit unterhaltender Literatur dringend notwendig wird. Die vorliegende Arbeit leistet also einen Beitrag zur Literaturkritik, indem sie über die übliche Auswahl von Literatur hinausgeht und unterhaltende Literatur in die Kommunikation mit einbezieht. Das Ziel dieser Arbeit ist, zu zeigen, dass auch Kriminalliteratur kritikfähig ist, wenn auch hierzu teils andere Bewertungsmaßstäbe zugrunde liegen.

2. Terminologische Klärung

2.1 Kriminalliteratur

In der Literaturwissenschaft hat sich eingebürgert, Kriminalliteratur in zwei „idealtypische Stränge“[9] zu unterteilen, die „sich berühren können, sich im Allgemeinen aber aufgrund inhaltlicher wie formaler Kriterien auseinanderhalten lassen, obwohl sie dem gleichen ‚Gattungskontext‘ angehören.“[10] Den einen Strang bildet der Detektivroman (engl. to detect [lat. detegere]: ‚aufdecken‘, ‚enthüllen‘), welcher inhaltlich dadurch gekennzeichnet ist, dass bereits zu Beginn der Erzählung ein Verbrechen begangen wird, welches im weiteren Verlauf durch Detektivarbeit aufgeklärt wird. Im Gegensatz dazu steht der zweite Strang: Der Thriller (engl. to thrill: ‚schauern‘; thriller: ‚Schauerroman‘) bzw. der kriminalistische Abenteuerroman zeichnet sich dadurch aus, dass viele aktionsgeladene Szenen enthalten sind, wie zum Beispiel Verfolgungsjagden oder Kampfszenen. Die kombinatorische Detektivarbeit rückt in den Hintergrund.

Für die vorliegende Arbeit wird der Detektivroman „Ostfriesenmoor“ (2013) von Klaus Peter Wolf herangezogen. Der Roman ist der 7. Band einer Reihe, die regional auf Ostfriesland festgelegt ist. Die Hauptcharaktere des Romans bleiben in allen Bänden erhalten, lediglich die Kriminalfälle alternieren. Besonders auf Buchreihen lassen sich die Argumente der Stereotypie und der massenhaften Verbreitung scheinbar besonders fruchtbar anbringen. Dennoch, um es mit den Worten von Richard Alewyn zu sagen: Ist „eine Krankheit etwa für den Mediziner dadurch weniger interessant [...], daß sie epidemisch auftritt“?[11]

2.2 Die Aufgabe einer Rezension

Die Rezension (lat. recensio: ‚Musterung‘) ist die verbreitetste und wichtigste Textsorte der Literaturkritik. Bereits im Jahr 2000 erscheinen täglich in der deutschsprachigen Presse und dem Rundfunk über 40 Rezensionen und weit mehr als 10.000 im Jahr, darunter auch FAZ, SZ und Welt mit mehr als 1.000 Büchern jährlich.[12] Heute werden dank des Mediums Internet allein im Rezensionsforum literaturkritik.de schon über 1.000 Rezensionen im Jahr veröffentlicht.

Bei ca. 90.000 Neuerscheinungen pro Jahr auf dem deutschen Markt leisten Kritiken eine Orientierungshilfe im Sinne eines journalistischen Gebrauchstextes für den Rezipienten. Eine Rezension liefert einen Überblick über das behandelte Buch, indem sie diesem mittels ausgewählter Kriterien einen Stellenwert in der Literatur zuweist. Nach Pfohlmanns kleinem Lexikon der Literaturkritik sind diese Kriterien: a) biografische Infos über den Autor, b) Infos über vorangegangene Werke und deren Vergleich, c) Infos über bisherige Einschätzungen des Autors, d) Vergleich des Werkes mit den Werken anderer Autoren, e) Inhalt und Thema des Buches, f) Zitate aus dem besprochenen Buch bzw. des Autors, g) Bewertung des Textes h) Interpretation.[13] Besonders Buchhändler profitieren von Kritiken, da der boomende Online-Handel ihre Kundenzahl verringert und sich Buchhändler allein durch ihre Beratungskompetenz vom Online-Geschäft abheben können. Doch auch dieser Vorteil wird im Hinblick auf die vielen Laien-Rezensionen im Internet verschwindend gering, da vielen Kunden das Lesen einer solchen genügt, um den Kauf zu tätigen.

Für die Durchführung der Untersuchung bediene ich mich einer Doppelrezension: Zu dem Detektivroman werden zwei Rezensionen verfasst. Die eine Rezension betrachtet den Roman aus einem positiven und die andere aus einem negativen Blickwinkel. Die Rezensionen werden eine Kombination aus einer subjekt- und einer objektbezogenen Wertung sein; es wird also untersucht aufgrund welcher Textmerkmale welche Wirkung erzielt wird. Zudem wurde dasselbe Grundgerüst für beide Rezensionen verwendet. Bei der Ausarbeitung war besonders interessant, herauszufinden, wie durch kleine Akzentverschiebungen ein völlig anderes Meinungsbild entsteht. Beurteilungen, die für die negative oder positive Bewertung einen bedeutenderen Einfluss haben, als für den jeweilig anderen Blickwinkel, wurden umfangreichere Textpassagen zugewiesen, die von dem Grundgerüst abweichen können. Die fettgedruckten und eingerückten Zitate dienen dem Zweck, ein beliebtes Mittel von Rezensionen zu veranschaulichen: Diese Zitate würden, wenn sie beispielsweise in einer Tageszeitung abgedruckt werden, vom Text abgehoben erscheinen, um somit die Aufmerksamkeit des Lesers auf prägnante Textmerkmale oder auch Aussagen des Autors zu lenken. Gleichzeitig bieten die Zitate aufgrund ihres interessanten Aussagewertes einen Anreiz für den Rezipienten, mehr zu deren Hintergründen erfahren zu wollen und sich somit der Lektüre der Rezension zu widmen.

[...]


[1] Pfohlmann, Lexikon Literaturkritik.

[2] Da sowohl Unterhaltungsliteratur als auch Trivialliteratur das Primärziel verfolgen, den Leser zu unterhalten, spreche ich von unterhaltender Literatur, wenn ich beide Literaturformen gemeinsam benennen möchte.

[3] Vgl. Prutz, Unterhaltungsliteratur, S. 166f.

[4] Vgl. Foltin, Prosaliteratur, S. 288-323.

[5] Nünning, Metzler, S. 732.

[6] Nusser, Trivialliteratur, S. 9.

[7] Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Link hierzu im Literaturverzeichnis).

[8] Nusser, Kriminalroman, S. 9ff.

[9] Nusser, Kriminalroman, S. 2.

[10] Ebd., S. 2.

[11] Alewyn, Anatomie, S. 52.

[12] Seibt, Gift, S. 62.

[13] Pfohlmann, Lexikon Literaturkritik.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Rezensionen als Auftrag literarischer Erziehung
Untertitel
Ein Plädoyer für die Kritikfähigkeit unterhaltender Literatur. Doppelrezension zum Regionalkrimi „Ostfriesenmoor“ von Klaus Peter Wolf
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Germanistik)
Veranstaltung
Was ist Literaturkritik? Oder: Learning by writing
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V272292
ISBN (eBook)
9783656639749
ISBN (Buch)
9783656639732
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rezensionen, auftrag, erziehung, plädoyer, kritikfähigkeit, literatur, doppelrezension, regionalkrimi, ostfriesenmoor, klaus, peter, wolf
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Sabrina Talbot (Autor), 2013, Rezensionen als Auftrag literarischer Erziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272292

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