Eine weit verbreitete Annahme besagt, dass die öffentliche Diskussion über das Geschlechterverhältnis Brüche im Geschlechterrollenmodell fördert. Im Vorfeld der in dieser Arbeit untersuchten Fragen darf indes bereits angenommen werden, dass von einer Generalisierung der These von der „Krise des Mannes“ abgesehen werden sollte. Denn auch wenn das Geschlechterverhältnis in Bewegung geraten ist, verlieren traditionelle Männlichkeitsmuster nicht unmittelbar an Gültigkeit. Vielmehr erweisen sich etablierte kulturelle Deutungsmuster oftmals Neuerungen gegenüber als äußerst widerstandsfähig und ändern sich keinesfalls analog zu gesellschaftlichen Veränderungen, sondern bleiben im Gegenteil weiterhin wirksam.
Sozialwissenschaftliche Thesen konstatieren eine Orientierung an traditionellen Geschlechterrollenstereotypen vor allem im Arbeitermilieu. Der Mittelschicht wird hingegen ein nicht unbeträchtliches Veränderungspotential bezüglich des Geschlechterverhältnisses unterstellt. Von den Männern dort seien progressive Reaktionen auf Neuerungen zu erwarten, da es ihnen leichter fiele, sich mit veränderten Geschlechterrollen zu arrangieren und ihrerseits selbst Veränderungen zu initiieren.
Dieser Behauptung soll anhand der Fragen, wie Männer den Wandel im Geschlechterverhältnis erleben, wie sie auf die Erwartungen von Frauen reagieren, ob dabei habituelle Verunsicherungen entstehen und welche Deutungsmuster in Bezug auf Männlichkeit vorherrschend sind und Anwendung finden, nachgegangen werden. In diesem Zusammenhang steht die Fragestellung nach der Bedeutung des Mannseins in besonderem Maße im Fokus, da hiervon ausgehend verschiedene für die befragten Männer relevante Dimensionen hinsichtlich des Geschlechterverhältnisses entfaltet werden und daraus Rückschlüsse auf die vorliegenden Deutungsmuster von Männlichkeit gezogen werden können. Dabei wird sich zeigen, ob der Prozess der Auflösung von Geschlechterrollen wirklich insbesondere von der Mittelschicht wesentliche Unterstützung erfährt bzw. in welchem sozialen Milieu denn tatsächlich eine Modernisierung von Männlichkeit – die in einer progressiv gewandelten Praxis ihren Ausdruck findet – zu verorten ist. Anhand der Feststellungen von traditionsverhafteten Kontinuitäten einerseits und Modernisierungstendenzen andererseits soll im Hinblick auf die zu erwartenden Entwicklungen im Geschlechterverhältnis auch eine vorsichtige Prognose für die kurz- bis mittelfristige Zukunft getroffen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hintergründe
2.1 Was bedeutet „Geschlecht“?
2.2 Sozialhistorische Betrachtung zur Entstehung der modernen Geschlechterordnung
3. Methodische Anmerkungen
4. Mannsein, Männlichkeit und Geschlechterverhältnis in den sozialen Dimensionen der Milieu- und Generationszugehörigkeit
4.1 Männer mittleren Alters
4.1.1 Männer der leistungsorientierten Mittelschicht
4.1.2 Männer der intellektuellen Mittelschicht
4.1.3 Männer des Arbeitermilieus
4.2 Junge Männer
4.2.1 Studenten
4.2.2 Junge Facharbeiter
5. Vergleichende Auswertung: Verortung von Tradition und Modernisierung
5.1 Vergleiche bezüglich der Milieuzugehörigkeit
5.2 Vergleiche bezüglich der Generationszugehörigkeit
5.2.1 Die Bedeutung von lebensgeschichtlichen Entwicklungsphasen in der jungen Generation
5.3 Zur Modernisierung von Männlichkeit: Dauerreflexion und Pragmatismus
6. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht den Wandel von Männlichkeitskonstruktionen im ausgehenden 20. Jahrhundert und fragt, ob und in welcher Weise eine Modernisierung von Geschlechterrollen stattfindet. Im Fokus steht dabei die Analyse, wie Männer unterschiedlicher sozialer Milieus und Generationen den gesellschaftlichen Wandel des Geschlechterverhältnisses erleben und verarbeiten.
- Habituelle Verunsicherungen und das Fortbestehen hegemonialer Männlichkeitsmuster.
- Die Differenz zwischen intentionaler Reflexion und pragmatischer Lebenspraxis.
- Sozialhistorische Einordnung der modernen Geschlechterordnung seit der Industrialisierung.
- Kontrastierung von Männlichkeitsentwürfen in verschiedenen sozialen Milieus.
- Die Rolle der "feministischen Herausforderung" für männliche Deutungsmuster.
Auszug aus dem Buch
2.1 Was bedeutet „Geschlecht“?
„Die Aufgabe einer soziologischen Geschlechterforschung besteht nicht darin, soziale Konsequenzen angeborener Unterschiede zu erklären, sondern zu zeigen, wie der Dimorphismus als Grundlage und Rechtfertigung geschlechtsbezogener sozialer Arrangements verwendet wird, wie solche Arrangements dadurch gültig gemacht werden.“7
Diese Sichtweise impliziert, dass das Konzept von der anatomischen Zweigeschlechtlichkeit ein den meisten Menschen unzweifelhaftes Gedankenmuster ist, das insofern anerkannt werden muss, als Untersuchungen zur (Re-)Produktion von Geschlechterdifferenzen und –ordnungen nicht losgelöst von den vorherrschenden, allgemein in der Gesellschaft akzeptierten und praktizierten Denkweisen geschehen können. Ungeachtet dessen, inwieweit der Dimorphismus tatsächlich als „natürlicher“ und grundlegender Unterschied zwischen den Geschlechtern gegeben ist, ist in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zu berücksichtigen, dass die Zugehörigkeit zu ausschließlich einem definierten Geschlecht für den Großteil der Menschen eine Selbstverständlichkeit darstellt.
Es muss in der soziologischen Geschlechterforschung also differenziert werden, dass es einerseits Ansätze gibt, welche die Existenz von zwei Geschlechtern voraussetzen und darauf aufbauend Untersuchungen anstellen, und dass anderseits theoretische Überlegungen unabdingbar sind, die Geschlecht als soziales Konstrukt begreifen und demzufolge die gängigen Deutungsmuster von Zweigeschlechtlichkeit – welche oftmals aus Geschlecht auch besagte „soziale Konsequenz[en] angeborener Unterschiede“ ableiten – selbst zum Gegenstand der Forschung machen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Thematik der Freisetzung aus traditionellen Rollenbildern ein und hinterfragt, ob trotz gesellschaftlichen Wandels männliche Herrschaftsstrukturen in verborgener Form fortbestehen.
2. Hintergründe: Dieses Kapitel beleuchtet den Begriff "Geschlecht" als soziales Konstrukt sowie die sozialhistorische Entwicklung der modernen Geschlechterordnung im Zuge der Industrialisierung.
3. Methodische Anmerkungen: Es wird das Gruppendiskussionsverfahren erläutert, das zur Ermittlung kollektiver männlicher Orientierungsmuster angewandt wurde.
4. Mannsein, Männlichkeit und Geschlechterverhältnis in den sozialen Dimensionen der Milieu- und Generationszugehörigkeit: Dieser Hauptteil analysiert die empirischen Ergebnisse für Männer mittleren Alters und junge Männer, unterteilt in verschiedene berufliche und soziale Gruppen.
5. Vergleichende Auswertung: Verortung von Tradition und Modernisierung: Hier werden die gewonnenen Erkenntnisse milieuspezifisch und generationsübergreifend gegenübergestellt, um Modernisierungstendenzen zu identifizieren.
6. Schlussbemerkung: Das Fazit resümiert, dass keine generelle "Krise des Mannes" vorliegt und Modernisierung von Männlichkeit eher unspektakulär durch Pragmatismus als durch bewusste Reflexion erfolgt.
Schlüsselwörter
Männlichkeit, Geschlechterverhältnis, soziale Konstruktion, Hegemonie, Habitus, Milieu, Generation, Modernisierung, Gruppendiskussion, Pragmatismus, Geschlechterrollen, traditionelle Rollenverteilung, Feminismus, Arbeitermilieu, Mittelschicht.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das moderne Verständnis von "Mannsein" und Männlichkeit sowie die Reaktionen von Männern auf den Wandel der Geschlechterrollen im ausgehenden 20. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die zentralen Felder sind die Bedeutung der sozialen Herkunft (Milieu), der Generationenzugehörigkeit und die Frage, ob Männer ihre Rolle als Reaktion auf feministische Forderungen aktiv verändern.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, zu analysieren, ob sich traditionelle Männlichkeitsmuster auflösen oder modernisieren und ob die "Krise des Mannes" in der Realität der befragten Gruppen tatsächlich existiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Studie basiert auf der Auswertung von Gruppendiskussionen mit insgesamt 30 homogenen Männergruppen, die mithilfe der dokumentarischen Methode interpretiert wurden.
Was behandelt der Hauptteil der Untersuchung?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Orientierungsmuster von Männern der Mittelschicht und des Arbeitermilieus, getrennt nach Altersstufen, und vergleicht diese hinsichtlich ihrer Modernisierungspotenziale.
Welche Schlüsselbegriffe definieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind der männliche Habitus, die Idee der hegemonialen Männlichkeit sowie die Unterscheidung zwischen intentionaler (reflektierter) und unintendierter (pragmatischer) Modernisierung.
Warum spielt das Arbeitermilieu eine besondere Rolle bei der Modernisierung?
Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass gerade in diesem Milieu durch pragmatische Anforderungen im Alltag eine effektivere Modernisierung der Geschlechterrollen stattfindet als durch theoretische Reflexion.
Weshalb scheitert bei den intellektuellen Männergruppen oft die intendierte Modernisierung?
Da diese Männer den Wandel als "Mission" begreifen, führt die ständige Selbstreflexion oft zu Stress und Identitätskonflikten, anstatt zu einer stabilen, egalitären Praxis.
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- Julia Haase (Author), 2005, Mannsein, Männlichkeit und Geschlechterverhältnis im ausgehenden 20. Jahrhundert. Tradition oder Modernisierung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272432