Die Tageliederparodie

Das Zusammenführen von Tageliedsituation und bäuerlichem Milieu bei Steinmar und Oswald von Wolkenstein


Term Paper, 2013
21 Pages, Grade: 1,3

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Gliederung

Einleitung

1. Das Erkennen einer Tageliedparodie

2. Steinmars „Ein kneht, der lag verborgen“
2.1 Autor und Werk
2.2 Analyse
2.3 Beurteilung

3. Oswalds von Wolkenstein „Stand auff, Maredel!“
3.1 Autor und Werk
3.2 Analyse
3.3 Beurteilung

4. Vergleich der Tageliedparodien

Literaturverzeichnis

Einleitung

Der Begriff der „Parodie“ wird bis heute in der Forschung kontrovers diskutiert. Inwieweit grenzt er sich von Begriffen, wie „Nachahmung“ oder „Satire“, ab? Und welche Kriterien lassen einen Text zu einer „Parodie“ werden? Fragen, auf die es bisher keine allseits anerkannten Antworten gibt.

Umso anspruchsvoller ist es, sich mit diesem Thema wissenschaftlich auseinanderzusetzen und den Parodie-Begriff gar auf mittelalterliche Texte anzuwenden. Beispielsweise das traditionelle, wenn auch fragwürdige, Kriterium der „Komik als Wirkung“ ist an dieser Stelle wenig anwendbar, da es uns aus heutiger Sicht weitestgehend unmöglich ist einzuschätzen, was auf die Menschen zur damaligen Zeit „komisch“ gewirkt haben könnte.[1] Dennoch ist zu betonen, dass die Parodie im späten 12. bis 13. Jhdt. unter anderem ein beliebtes Mittel zur Auseinandersetzung mit einzelnen Texten oder Textgattungen darstellte[2] und sie demnach in diesem Kontext ein interessantes Forschungsgebiet liefert.

Im Folgenden soll sich nun insbesondere mit der Parodie im Tagelied beschäftigt werden. Im Blickfeld der Untersuchungen stehen dabei Steinmars „Ein kneht, der lag verborgen“ und Oswalds von Wolkenstein „Stand auff, Maredel!“. Beide Lieder zeichnen sich durch das Zusammenbringen der Tageliedsituation mit dem bäuerlichen Milieu aus und sind demnach vergleichbar. Herauszustellen sei, ob es sich bei beiden Texten wirklich um Tageliedparodien handelt, sowie die Art und Weise des Ineinandergreifens von traditionellen und parodistisch veränderten Elementen.

Zunächst soll in einem einleitenden Abschnitt näher auf das Erkennen einer Tageliedparodie im Allgemeinen eingegangen werden, bevor sich im Weiteren spezifisch mit den Texten Steinmars und Oswalds auseinandergesetzt wird. Nach einer Beschreibung von Autor und Werk erfolgt eine Analyse der Texte in Hinblick auf die Art der Darstellung des bäuerlichen Milieus und den Mitteln, welche sie zu Parodien werden lassen, bevor es anschließend zu einer Bewertung der möglichen Intention des Tageliedes kommt. Schließlich werden in einem letzten Abschnitt beide Tageliedparodien verglichen.

Zum gegenwärtigen Forschungsstand ist zu sagen, dass zu Oswald von Wolkenstein generell weit mehr Sekundärliteratur zu finden ist; wohl aufgrund der genaueren Kenntnisse zu seiner Person. Dennoch ist Steinmars Werk auf seine parodistischen Merkmale hin weit intensiver untersucht worden, insbesondere von Borck in seinem Aufsatz „Zu Steinmars Tageliedparodie: Ein kneht der lac verborgen[3]. Bei der Neuinterpretation dieses Liedes hat sich Lübben mit ihrem Buch „Ich singe daz wir alle werden vol“[4] hervorgetan. Oswalds Tagelied ist dagegen von Okken/Mück[5] einer genauen Untersuchung nach satirischen Elementen im Wortschatz unterzogen worden. Eine explizite Analyse der Tageliedmerkmale in seinem Lied ist bisher jedoch nicht erschienen. Als allgemeine, wie auch teilweise auf Steinmar Bezug nehmende, Lektüre zum Thema ist Mehlers Aufsatz „Techniken der Parodierung dargestellt an ausgewählten Beispielen der mittel- und frühneuhochdeutschen Tageliedparodie“[6] zu empfehlen.

1. Das Erkennen einer Tageliedparodie

Mehler stellt die Entstehung der Tageliedparodien als eine Folge von günstigen Umständen dar. Gerade der für das Tagelied unabdingbare erotische Moment habe nach ihm auf der einen Seite die Möglichkeit eröffnet, sich von den bekannten Formen des sogenannten „Hohen Minnesangs“ abzuwenden, und auf der anderen Seite dazu beigetragen, das Interesse für die Kunstform des Tageliedes bis in die Frühe Neuzeit in unterschiedlichsten Publikumskreisen wachzuhalten. Sowohl der hohe Bekanntheitsgrad als auch die erotische Darstellungsweise hätten wiederum den Boden für eine breiter angelegte Produktion der Gattung geebnet, in der schließlich auch die Tageliedparodie ihren Platz fand.[7]

Wie bereits erwähnt weist schon allein die Definition des Begriffs „Parodie“ einige Schwierigkeiten auf. Die sogenannten „traditionellen Definitionskriterien“, die da lauten: „die formale Nachahmung eines Originals, die verzerrende Darstellung und Komik als Wirkung“[8], sind zumindest unzureichend, wenn nicht gar nicht anwendbar auf mittelalterliche Texte (s.o.).[9] Somit ist es bis heute in der Forschung oftmals strittig, bei welchen Tageliedern es sich wirklich um parodistische Werke handelt. Zudem wurden manche Parodien lange Zeit nicht als solche erkannt.

Ein gutes Beispiel hierfür bietet das Tagelied Walthers von der Vogelweide „Friuntlîchen lac“. Jahrelang wurde es in der Forschung als Walthers wohl minderwertigstes Werk dargestellt, welches so untypisch für den doch wortgewandten Dichter sei. John A. Asher war dann der erste, der sich nicht auf einer negativen Kritik ausruhte, sondern zu hinterfragen begann, warum Walther solch ein nicht im Mindesten der Qualität seiner anderen Lieder entsprechendes Tagelied überhaupt geschrieben haben sollte. Nach ihm hätten die Kritiker bisher einfach nicht die wahre Intention des Liedes verstanden, nämlich eine ganze Gattung der Lächerlichkeit preiszugeben. Es handele sich demnach um eine humoristisch gemeinte Parodie, welche erst im mimischen Vortrag gänzlich ihren Sinn entfalte. Zur Unterstützung seiner These weist Asher unter anderem auf mehrere Worte hin, welche auf unterstützende Körperbewegungen hinweisen, und geht ebenso auf Walthers Vortragsweise ein, in welcher bekanntermaßen ein mimisches Spiel mit inbegriffen war. Schließlich erteilt Asher aller bisheriger oftmals überzogenen Kritik an Walthers Tagelied eine Absage, indem er dieses in Hinblick auf seine neue Deutungsweise als „wahres Kunstwerk“[10] bezeichnet.[11] Dennoch wird Walthers Tagelied in der Forschung bis heute kontrovers diskutiert.[12]

Nach Borck ist unter anderem Asher die Erkenntnis zu verdanken, dass die Parodie spätestens ab dem ausgehenden 12. Jhdt. als Mittel zur Auseinandersetzung mit Texten verwendet wurde und sich zunehmender Beliebtheit erfreute. Wie einst Asher stützt er sich bei seinen Überlegungen zu Steinmars Tageliedparodie auf Rotermunds Definition des Parodiebegriffs und charakterisiert diesen als „Veränderung des wirklichen oder fiktiven Originals…durch Übertreibung, Verzerrung, (Karikatur), Unterschiebung, Hinzufügung oder Auslassung, wobei sich zumeist mehrere Änderungsverfahren miteinander verbinden“[13].[14] Auch Mehler arbeitet mit dieser Definition, welche für ihn die „Technik und ihre Mittel“[15] einer Parodie beschreibt. Somit wird auch im Folgenden diese Ausführung die Grundlage für die Untersuchungen der Tageliedparodien von Steinmar und Oswald bilden.

Unter der „Technik“ einer Parodie versteht Mehler zunächst einmal die „literarisch-handwerklichen Mittel“[16], welche der Dichter zur Ausgestaltung seines Liedes verwendet, wie auch jene Mittel, welche Hinweise für die gewollte Aufführungspraxis des Textes geben. Insbesondere durch den letzten Aspekt grenzt er sich von anderen Wissenschaftlern ab, welche nur den Textbezug bei der Bestimmung einer Parodie für untersuchenswert halten. Wie Mehler jedoch richtiger Weise betont, wurden die Texte im Mittelalter selten gelesen, sondern viel mehr vorgetragen. Demnach ist es sicherlich mehr als sinnvoll, auch die Vortragsweise eines Liedes zumindest miteinzubeziehen, soweit diese nachvollziehbar ist.[17] Auch dieses soll im Weiteren nicht außer Acht gelassen werden.

[...]


[1] Vgl. Mehler, Ulrich: Techniken der Parodierung dargestellt an ausgewählten Beispielen der mittel- und frühneuhochdeutschen Tageliedparodie, in: Ulrich Ernst (u.a.) [Hrsg.]: Architectura Poetica. Festschrift für Johannes Rathofer zum 65. Geburtstag, Köln (u.a.) 1990, S. 275.

[2] Vgl. Borck, Karl Heinz: Zu Steinmars Tageliedparodie. Ein kneht der lac verborgen, in: Kathryn Smits [Hrsg.]: Interpretation und Edition deutscher Texte des Mittelalters. Festschrift für John Asher zum 60. Geburtstag, Berlin 1981, S. 92.

[3] Siehe ebda, S. 92-102.

[4] Siehe Lübben, Gesine: „Ich singe daz wir alle werden vol“: das Steinmar-Oeuvre in der Manessischen Liederhandschrift, Stuttgart 1994.

[5] Siehe Okken, Lambertus; Mück, Hans-Dieter: Die satirischen Lieder Oswalds von Wolkenstein wider die Bauern. Untersuchungen zum Wortschatz und zur literarischen Einordnung, in: Göppinger Arbeiten zur Germanistik, Göppingen 1981, Nr. 316, S. 114-156.

[6] Siehe Mehler: Techniken der Parodierung, S. 253-276.

[7] Vgl. ebda. S. 255f.

[8] Blank, W.: Deutsch Minnesang-Parodien, in: V. Honemann (u.a.) [Hrsg.]: Poesie und Gebrauchsliteratur im deutschen Mittelalter. Würzburger Colloquium 1978, Tübingen 1979, S. 205.

[9] Vgl. Mehler: Techniken der Parodierung, S. 256.

[10] Asher, John A.: Das Tagelied Walthers von der Vogelweide: Ein parodistisches Kunstwerk, in: Ursula Henning (u.a.) [Hrsg.]: Mediaevalia litteraria. Festschrift für Helmut de Boor zum 80. Geburtstag, München 1971, S. 282.

[11] Vgl. ebda. S. 280-283.

[12] Vgl. Mehler: Techniken der Parodierung, S. 269.

[13] Rotermund, Erwin: Gegengesänge. Lyrische Parodien vom Mittelalter bis zur Gegenwart, ausgewählt und eingeleitet von E. R., München 1964, S. 12f.

[14] Vgl. Borck: Zu Steinmars Tageliedparodie, S. 92f.

[15] Mehler: Techniken der Parodierung, S. 258.

[16] Ebda.

[17] Vgl. ebda. S. 271f.

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Details

Title
Die Tageliederparodie
Subtitle
Das Zusammenführen von Tageliedsituation und bäuerlichem Milieu bei Steinmar und Oswald von Wolkenstein
College
University of Dusseldorf "Heinrich Heine"  (Germanistisches Institut)
Course
Das Tagelied im europäischen Kontext
Grade
1,3
Author
Year
2013
Pages
21
Catalog Number
V272472
ISBN (eBook)
9783656640530
ISBN (Book)
9783656640523
File size
441 KB
Language
German
Tags
Oswald von Wolkenstein, Steinmar, Tagelieder, Parodie, Tageliederparodie
Quote paper
Jana Katczynski (Author), 2013, Die Tageliederparodie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272472

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Title: Die Tageliederparodie


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