Der Fort- und Weiterbildungsbedarf in deutschen Krankenhäusern steht im Zeichen besonderer Herausforderungen der Personalentwicklung und des betrieblichen Bildungsmanagements. Drei Gründe untermauern diese Aussage, die detailliert und statistisch aufbereitet bei Deloitte (2013) und Jung (2009) nachzulesen sind :
Zunächst ist der sehr hohe Bedarf an Fort- und Weiterbildungen selbst zu nennen. Das liegt schlicht an der kurzen Halbwertszeit medizinischen Wissens. Darüber hinaus bringen aber auch neue oder veränderte Versorgungsrichtlinien einen regelmäßigen
Fortbildungsbedarf mit sich.
Als zweiter Grund können gesundheitspolitische Entscheidungen angeführt werden, wie zum Beispiel die Umstellung der Leistungsvergütung auf ein Fallpauschalensystem seit den frühen 2000er Jahren. Sie erhöhen den Kostendruck auf Klinikbetreiber und ziehen zur Steigerung der Kosteneffizienz ein Maßnahmenbündel zur Rationalisierung der Arbeitsprozesse nach sich. Gleichzeitig müssen Kliniken, um im Konkurrenzkampf
der Branche zu bestehen, ein hohes Maß an Behandlungsqualität nachweisen. Für Mitarbeiter bedeutet dies, dass sie ihr Wissen und ihre Handlungskompetenz möglichst effizient zum Einsatz bringen sollten, dass sie sich darüber hinaus im Ablauf der
Arbeitsprozesse auskennen und dabei gleichzeitig eine hohe Expertise entwickeln müssen. Die Notwendigkeit von Fortbildungen ist auch hier offensichtlich.
Eine dritte Herausforderung des Fort- und Weiterbildungsbedarfs in deutschen Krankenhäusern stellt der zunehmende Fachkräftemangel vor allem im Bereich des Pflegedienstes
und des ärztlichen Dienstes dar. Der notwendige Einsatz angelernter Aushilfen und die Integration qualifizierter Fachkräfte aus dem Ausland gehen oft mit erhöhtem Einarbeitungs- und damit Schulungsbedarf einher.
Bei Klinikverantwortlichen ist das Interesse, diesen dauerhaft umfangreichen Bedarf an Fort- und Weiterbildungen möglichst kostenschonend zu decken, verständlicherweise groß. Der Einsatz von zeitflexiblen, ortsunabhängigen und damit im Vergleich zu Präsenzveranstaltungen kostengünstigeren eLearning Kursen scheint in diesem Zusammenhang große Vorteile mit sich zu bringen (vgl. Management & Krankenhaus 2012, Succi & Cantoni 2008, S. 39). [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Erläuterung zentraler Begriffe
2.1 eLearning
2.2 Akzeptanz
III. Die subjektwissenschaftliche Lerntheorie (SLT) nach Holzkamp
3.1 Ausgewählte Aspekte der SLT
3.1.1 Begründetes Lernen
3.1.2 Operative und thematische Lernaspekte
3.1.3 Bewusstes Lernhandeln
3.1.4 Handlungsspielräume im Spannungsfeld lebensweltlicher Bedingungen
3.1.5 Expansives und defensives Lernen
IV. Das Technology Acceptance Model (TAM) nach Davis
4.1 Kernaussagen des TAM
4.2 Komponenten des TAM
V. Integration von subjektiven Variablen in das TAM
5.1 Lerngründe
5.2 Intendiertes Lernen
5.3 Handlungsspielräume
5.4 Expansive und defensive Akzeptanz
VI. Fazit
VII. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen
Diese Arbeit untersucht die Akzeptanz von eLearning-Angeboten bei medizinischem Klinikpersonal unter Einbeziehung der subjektwissenschaftlichen Lerntheorie nach Holzkamp und des Technology Acceptance Models (TAM), um Hypothesen über die Einflussfaktoren auf das Lernverhalten zu formulieren.
- Analyse der subjektwissenschaftlichen Lerntheorie (SLT) zur Erfassung von Lernmotiven.
- Untersuchung des Technology Acceptance Models (TAM) als Erklärungsrahmen für Technikanwendung.
- Integration subjektiver Variablen (wie Lerngründe und Handlungsspielräume) in das TAM.
- Ableitung von Hypothesen zur Akzeptanz bei verschiedenen medizinischen Berufsgruppen.
- Kritische Bewertung der Verbindung von lerntheoretischen und technologieorientierten Ansätzen.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Begründetes Lernen
Anders als die lerntheoretischen Konzepte des Behaviorismus, Kognitivismus und auch des Konstruktivismus, die sich auf das Beobachten, Beschreiben und Bewerten der äußeren Bedingungen des Lernens verlegen, rückt die subjektwissenschaftliche Lerntheorie sinn- und bedeutungsvolle Beweggründe der Lernenden in den Mittelpunkt des bildungswissenschaftlichen Diskurses (Drees 2012, S. 107, Faulstich 2013, S. 97, Müller 2006, S. 347). Inhalte und Rahmenbedingungen des eLearning Angebotes, seien sie auch noch so durchdacht an den Mann und die Frau gebracht, bedingen nicht schon automatisch seine Akzeptanz und die damit unterstellte Lernbereitschaft. Diese kausale Verknüpfung greift nach Holzkamp zu kurz, um damit individuelle Lernhandlungen zu erklären (Holzkamp 1995, S. 27ff.). Mitarbeiter verhalten sich zu diesen Bedingungen, reagieren darauf und gehen damit um. Ungeachtet äußerer Arrangements und Absichten treffen elektronische Lernangebote auf subjektive Interessenslagen und emotional-motivationale Befindlichkeiten (Faulstich 2013, S.79, Schaal 2012, S. 23). Darin wurzelnd zeichnen sich subjektive Begründungsmuster ab, die das Akzeptieren und natürlich auch die fehlende Akzeptanz der Mitarbeiter verständlich und in ihrer Komplexität zugänglich machen.
Durch die Einnahme des forschenden Subjektstandpunktes in dieser Arbeit sollen subjektive Begründungsmuster zur Geltung gebracht werden, die die Entscheidung für oder gegen eLearning Angebote erklären. Das ermöglicht die Modellierung eines Integrationsprozesses von eLearning Angeboten in Krankenhäusern, der die Denkweise und Kontextgebundenheit von Mitarbeiter mitberücksichtigen kann und damit über das weit verbreitete (An)Reiz-Reaktions Schema hinausgeht. Diesem Schema zufolge ist menschliches Lernen von objektivierbaren und operationalisierbaren Reizen bedingt. Letztlich führt diese Sichtweise zu einer Auffassung, wonach die Gestaltung und Didaktisierung der Lernumgebung (oder auch die programmatische Ablehnung jeglicher Gestaltung), das Lernen bewirken könnten. Dabei entziehen sich subjektive Gründe zu lernen dem Beobachterblick. Holzkamp plädiert jedoch für die wissenschaftliche Erkundung dieser Lerngründe, er ruft den "Standpunkt des Subjekts" als "Standpunkt der Forschung" (Holzkamp 1995, S. 27) aus und spricht damit den "externalistischen", "instruktionistischen" und "deterministischen" Lerntheorien der Vergangenheit ihren Erklärungswert ab (Faulstich 2013, S. 37 ff.).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Beschreibt den hohen Fortbildungsbedarf in Krankenhäusern und führt in die Fragestellung zur Akzeptanz von eLearning-Angeboten ein.
II. Erläuterung zentraler Begriffe: Definiert eLearning als digitale Lernform und Akzeptanz als einen dynamischen, sozialpsychologisch geprägten Prozess.
III. Die subjektwissenschaftliche Lerntheorie (SLT) nach Holzkamp: Erläutert die Grundlagen der SLT und ihre Bedeutung für die Untersuchung subjektiver Lernmotive.
IV. Das Technology Acceptance Model (TAM) nach Davis: Stellt das TAM als Modell zur Vorhersage der Akzeptanz technischer Systeme vor.
V. Integration von subjektiven Variablen in das TAM: Verknüpft die lerntheoretischen Aspekte mit dem TAM und leitet daraus sieben Hypothesen ab.
VI. Fazit: Bewertet die heuristische Verbindung der Ansätze und schlägt weitere qualitative Forschungsansätze vor.
Schlüsselwörter
eLearning, Akzeptanz, subjektwissenschaftliche Lerntheorie, Technology Acceptance Model, TAM, medizinisches Klinikpersonal, Fortbildung, Lernhandeln, Begründetes Lernen, Handlungsspielräume, expansives Lernen, defensives Lernen, Krankenhaus, Bildungsmanagement.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, warum medizinisches Klinikpersonal eLearning-Angebote unterschiedlich annehmen oder ablehnen, wobei der Fokus auf der subjektiven Sichtweise der Mitarbeiter liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder sind die bildungswissenschaftliche Akzeptanzforschung, die subjektwissenschaftliche Lerntheorie (SLT) und das Technology Acceptance Model (TAM).
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Bildung von Hypothesen, die erklären, wie persönliche Einstellungen und subjektive Beweggründe das Nutzungsverhalten gegenüber eLearning im Krankenhaus beeinflussen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt eine theoretische Synthese aus der SLT und dem TAM, um daraus Hypothesen abzuleiten, die in weiterführenden qualitativen Studien (z. B. Grounded Theory) empirisch geprüft werden könnten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert relevante Aspekte des Lernens nach Holzkamp, erläutert die Komponenten des TAM und führt diese Modelle zusammen, um interne Variablen für das Akzeptanzmodell zu definieren.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die zentralen Begriffe sind eLearning, Akzeptanz, der "Subjektstandpunkt", das Technology Acceptance Model sowie die Unterscheidung zwischen expansivem und defensivem Lernen.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen der Nutzung von eLearning durch Ärzte und Pflegepersonal?
Die Arbeit betont, dass Ärzte und Pflegekräfte aufgrund unterschiedlicher beruflicher Sozialisation und spezifischer Handlungsspielräume individuelle Gründe haben, eLearning als hilfreich oder als Belastung zu empfinden.
Warum ist laut der Autorin eine Unterscheidung zwischen expansiver und defensiver Akzeptanz wichtig?
Weil rein quantitative Daten, wie Kursabrufe, nicht zwischen freiwilligem Lerninteresse (expansiv) und der reinen Vermeidung von Sanktionen (defensiv) unterscheiden können, was bildungsstrategische Entscheidungen verzerren würde.
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- Ellen Dietrich (Author), 2014, Die Akzeptanz von eLearning Angeboten bei medizinischem Klinikpersonal, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272535