„Alles wäre vollkommen, wenn zum Mannsein nicht auch der Kontakt zu den Frauen und Mädchen gehören würde, die einen in die Falle locken wollen, deren bloße Existenz eine ständige Bedrohung der Männlichkeit darstellen würde.“ Diese Behauptung stellt Louise Kaplan bezüglich Jungen auf, die sich in der Pubertät und somit auf der Suche nach der Ausbildung einer Männlichkeit befinden, die den gesellschaftlichen Ansprüchen gemäß des Geschlechterverhältnisses gerecht wird. In männlich-hegemonialen Kulturen stehen Jungen unter dem Druck, sich als hegemoniales Geschlecht zu setzen und zu behaupten. Zur hegemonialen Männlichkeit gehört eine radikale Abgrenzung zum Weiblichen und eine Abwertung derselben, sowie ein erfolgreiches Bestehen im Kampf um die Binnenhierarchie der Männlichkeit. Ganz oben auf der „Männlichkeitsskala“ befinden sich solche Männer, die die tradierte Zuschreibung geschlechtsspezifischer Eigenschaften erfüllen: Sie stehen mit einem Beruf in der Öffentlichkeit, der ihren rationalen Charakter und produktiven Kräfte betont und somit einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag darstellt. Im privaten Bereich werden Dominanz und Potenz bei gleichzeitiger Autonomie gefordert. Dieses Soll zu erfüllen ist alles andere als einfach und bringt in der männlichen Subjektkonstitution eine fragile Männlichkeit hervor, die aufgrund des gesellschaftlichen Zwangs zur Heterosexualität von Weiblichkeitsabwehr und somit vom Männlichkeitsdilemma gezeichnet ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Männlichkeitsdilemma
3. Produktion von Männlichkeit
4. Die „Kapitulation vor dem Eros“
5. Genitalitätskonstitution
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das psychosoziale Spannungsfeld, in dem Männlichkeit in hegemonalen Gesellschaften konstruiert wird, und analysiert, warum die Abwehr des Weiblichen ein zentraler Bestandteil männlicher Subjektkonstitution ist.
- Die Dynamik des Männlichkeitsdilemmas zwischen Autonomieanspruch und Abhängigkeit.
- Die Rolle von Weiblichkeitsabwehr bei der Identitätsbildung von Männern.
- Die Bedeutung des phallischen Genitalprimats für die männliche Subjektkonstitution.
- Strategien der Dehumanisierung und ihre Folgen für die Geschlechterbeziehungen.
Auszug aus dem Buch
Die Konstitution von Männlichkeit
Das Männlichkeitsdilemma benennt das sich stets wiederholende Drama von der Abhängigkeit von Frauen einerseits und dem Unabhängigkeitsanspruch als „freier Mann“ andererseits. Es ist als Erweiterung des Sexualitätsdilemmas zu verstehen, das sich auf den per se freien Trieb und die unumgängliche libidinöse Bindung an ein Objekt bezieht. Der Trieb ist frei, die Libido jedoch „klebrig“. Sie heftet sich an das Objekt der Begierde und löst so das Dilemma aus, wonach die Triebbefriedigung ausschließlich mithilfe des Objekts möglich ist. Für das spezifische Männlichkeitsdilemma bedeutet dies: Aufgrund der Abhängigkeit vom Objekt des Triebes ist die eingeforderte Autonomie gefährdet.
Erschwerend hinzu kommt, dass die Autonomie durch die Frau gefährdet ist, auf die sich bei „hegemonialen Männern“ das sexuelle Interesse beschränken muss. Der Weg der Entwicklung der auf sozialem wie auch insbesondere auf sexuellem Gebiet ständig mitschwingenden Weiblichkeitsabwehr soll im Folgenden nachvollzogen werden.
Die Produktion bzw. Reproduktion von Männlichkeit erfolgt gemäß van Gennep dem Dreiphasenmodell, das sich in „Trennung“, „Umwandlung“ und „Angliederung“ aufteilt. In der Phase der Trennung soll dem Jungen alles Weibliche ausgetrieben werden, daraufhin das Männliche „installiert“ werden und schlussendlich die Rückkehr in die (weibliche) Welt als ganzer Mann erfolgen. Laut Kaplan geht die Vorpubertät mit einer heftigen Abwendung von weiblichen Wesen einher. Die Jungen zeigen aggressive Verhaltensweisen, zu denen unter anderem die Beschäftigung mit militärischen Szenen und Objekten als auch Angriffe auf „Schwule“ und andere sexuell bedrohliche Gruppen gehören.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung der Arbeit ein und verortet die Problematik der Weiblichkeitsabwehr in einer hegemonial geprägten Gesellschaft.
2. Das Männlichkeitsdilemma: Dieses Kapitel erläutert den Konflikt zwischen dem Wunsch nach männlicher Autonomie und der notwendigen Abhängigkeit vom Objekt des Triebes.
3. Produktion von Männlichkeit: Hier wird das Dreiphasenmodell nach van Gennep auf die Identitätsentwicklung von Jungen angewendet, um die Abgrenzung vom Weiblichen zu erklären.
4. Die „Kapitulation vor dem Eros“: Das Kapitel analysiert, wie Männer mit dem Paradoxon umgehen, dass die notwendige heterosexuelle Bindung eine Bedrohung für ihre angestrebte Autonomie darstellt.
5. Genitalitätskonstitution: Hier wird die Bedeutung des phallischen Primats hervorgehoben, durch das sexuelle und soziale Potenz gleichgesetzt und das Selbst an das Geschlechtsorgan gebunden wird.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Unlösbarkeit der derzeitigen Konstruktion von Männlichkeit zusammen und weist auf die gefährlichen Konsequenzen hin, die sich aus der Weiblichkeitsabwehr ergeben.
Schlüsselwörter
Männlichkeit, Weiblichkeitsabwehr, Männlichkeitsdilemma, Genitalitätskonstitution, Hegemoniale Männlichkeit, Sexualitätsdilemma, Subjektkonstitution, Projektionsmechanismus, Misogynie, Phallisches Genitalprimat, Autonomie, Trieb, Dehumanisierung, Identitätsbildung, Geschlechterverhältnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der psychosozialen Konstruktion von Männlichkeit und der Frage, warum eine Abwehr des Weiblichen für viele Männer konstitutiv ist.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den Schwerpunkten gehören das Männlichkeitsdilemma, die Genitalisierung des Selbstbildes, die Rolle der Mutter als Objekt und die Auswirkungen dieser Prozesse auf die Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die unbewussten Mechanismen aufzudecken, die dazu führen, dass Männer ihre eigene Autonomie durch das weibliche Geschlecht bedroht sehen und wie diese Ängste verarbeitet werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine sozialpsychologische und tiefenpsychologische Perspektive unter Einbeziehung von Theorien zur männlichen Subjektkonstitution (u.a. nach Pohl und Kaplan).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Phasen der Männlichkeitsentwicklung, das Männlichkeitsdilemma, die Funktion des Phallus als Identitätssymbol sowie verschiedene Abwehrmechanismen wie Dehumanisierung und Projektion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist zentral durch Begriffe wie Männlichkeitsdilemma, Weiblichkeitsabwehr, Subjektkonstitution und Genitalitätskonstitution definiert.
Was bedeutet der Begriff „Kapitulation vor dem Eros“ im Kontext der Arbeit?
Er beschreibt den Moment, in dem der Mann sich seiner Abhängigkeit vom weiblichen Objekt bewusst wird, was er als Bedrohung seiner Unabhängigkeit und damit als eine „Kapitulation“ empfindet.
Warum wird die Mutter im Text als zentrales, angstauslösendes Objekt beschrieben?
Die Mutter wird als erste Bezugsperson mit Abhängigkeit verknüpft; da der Junge jedoch alles „Weibliche“ abwehren muss, wird die Mutter zum Symbol der eigenen Schwäche, was eine Abkehr und Abwertung nach sich zieht.
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- Julia Haase (Autor), 2009, Kapitulation vor dem Eros, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272549