Seitdem die Bundesregierung Deutschlands erste Abkommen zur Anwerbung ausländischer Arbeitnehmer abschloss, ist Deutschland von Immigration geprägt. Ein Großteil der nach Deutschland vermittelten Gastarbeiter stammte aus der Türkei und besonders aus dieser Gruppe ließen sich viele dauerhaft in Deutschland nieder. Die größte Einwanderungsgruppe Deutschlands gilt zugleich als diejenige mit den stärksten Integrationsproblemen. Damit Integrationsmaßnahmen zielgerichtet ergriffen werden können, müssen Missstände solcher Art zunächst erkannt werden, was empirisch abgesichertes Datenmaterial voraussetzt: Die Lebensbedingungen türkischer Migranten müssen empirisch gemessen und die Befunde politischen Entscheidungsträgern zugänglich gemacht werden. Gerade in allgemeinen Bevölkerungsbefragungen sieht man sich aber mit dem Problem hoher Ausfallquoten bei Migranten konfrontiert. Erfolgen diese Ausfälle entlang von Eigenschaften, die Gegenstand integrationsrelevanter Fragestellungen sind, kann dies die Aussagekraft von Forschungsergebnissen einschränken.
Obwohl Personen mit Migrationshintergrund als schwierige Zielgruppe gelten, ist ihr Teilnahmeverhalten nur vereinzelt Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Die Untersuchungen, die systematisch das Teilnahmeverhalten von Migranten analysieren, leiden unter methodischen Schwächen. So existieren kaum Beiträge, die sich differenziert mit dem Teilnahmeverhalten von Gruppen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund befassen. Darüber hinaus werden Migranten in Bevölkerungsbefragungen wie in methodischen Untersuchungen über ihre Staatsangehörigkeit definiert. Auf diese Weise lässt sich die Bevölkerungsgruppe türkischer Migranten nur unvollständig erfassen, denn es werden bestimmte Subgruppen systematisch nicht erfasst.
Um das Nonresponse-Verhalten bei türkischstämmigen Migranten in Bevölkerungsbefragungen erklären und mögliche Konsequenzen für die Repräsentativität von Erhebungsdaten aufzuzeigen, wird zunächst ein Überblick über den theoretischen Hintergrund zu Nonresponse gegeben. Anschließend wird dargestellt, wie Migranten in allgemeine Bevölkerungsbefragungen integriert werden. Es folgt eine nähere Betrachtung des Teilnahmeverhaltens türkischstämmiger Migranten. Hierzu werden verschiedene methodische Untersuchungen einbezogen und kritisch gewürdigt. Auf Basis der zuvor gewonnenen Erkenntnisse sollen schließlich Maßnahmen zur Verringerung selektiver Ausfälle bei türkischstämmigen Migranten bewertet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Nonresponse in Bevölkerungsbefragungen
3. Migranten in Bevölkerungsbefragungen
4. Nonresponse bei türkischstämmigen Migranten in Bevölkerungsbefragungen
4.1 Erreichbarkeit
4.2 Befragungsfähigkeit
4.3 Kooperationsbereitschaft
4.4 Auswirkungen des Nonresponse-Verhaltens
5. Instrumente zur Verringerung selektiver Ausfälle
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Nonresponse-Verhalten bei türkischstämmigen Migranten in querschnittlichen allgemeinen Bevölkerungsbefragungen. Ziel ist es, die Ursachen für Ausfälle auf verschiedenen Stufen des Teilnahmeprozesses zu analysieren, die Auswirkungen auf die Repräsentativität der Daten aufzuzeigen und mögliche Instrumente zur Verringerung dieser selektiven Ausfälle kritisch zu bewerten.
- Theoretische Grundlagen des Nonresponse-Problems in Befragungen
- Methodische Herausforderungen bei der Integration von Migranten in Auswahlverfahren
- Detaillierte Analyse der Erreichbarkeit, Befragungsfähigkeit und Kooperationsbereitschaft
- Diskussion von Instrumenten wie multilingualen Fragebögen und bilingualen Interviewern
Auszug aus dem Buch
4.1 Erreichbarkeit
Auf der ersten Stufe des Teilnahmeprozesses lassen sich bei Migranten regelmäßig signifikant höhere Ausfallwahrscheinlichkeiten beobachten als bei Deutschen. In der Basiserhebung des SOEP betrug der Unterschied in der Erreichbarkeit zwischen Ausländern und Deutschen vier Prozentpunkte (Vgl. Esser et al. 1989:104), während er sich im ALLBUS von 1994 bis 2002 zwischen 2,3 Prozentpunkten (1996) und 4,7 Prozentpunkten (2000) bewegte (Vgl. Feskens et al. 2006:291f.). Der Anteil der Nichterreichbaren lag im ALLBUS unter Ausländern bei sieben (1994), fünf (1996), 10,5 (2000) und 6,9 Prozent (2002) (Vgl. Ebenda). Es ist jedoch zu beachten, dass die Nichterreichbarkeit nicht immer eindeutig von einer Teilnahmeverweigerung getrennt werden kann. So besteht die Möglichkeit, dass Zielpersonen, obwohl sie anwesend sind, nicht auf Kontaktversuche reagieren oder Interviewer Teilnahmeverweigerungen absichtlich als Nichterreichbarkeit klassifizieren (Vgl. Haunberger 2011:68). Weiterhin sind zur Interpretation dieser Befunde Informationen über das Feldgeschehen notwendig. Dies betrifft vor allem die uneinheitliche Kategorisierung stichprobenneutraler und systematischer Ausfälle. So wurden etwa im GGS 2005/2006 36,4 Prozent der türkischen ZP nicht erreicht, was verglichen mit Befunden anderer Erhebungen sehr hoch ist. Die Autoren der Studie führten die ungewöhnlich hohe Nichterreichbarkeit auf die schlechte Qualität der zur Verfügung gestellten Adressen zurück (Vgl. Ette et al. 2007:16f.). Daher hätte zumindest ein Teil der Fälle von Nichterreichbarkeit als stichprobenneutraler Ausfall kategorisiert werden müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, dass bei allgemeinen Bevölkerungsbefragungen türkischstämmige Migranten häufig hohe Ausfallquoten aufweisen, was die empirische Erfassung ihrer Lebensbedingungen erschwert.
2. Nonresponse in Bevölkerungsbefragungen: Es werden theoretische Grundlagen dargelegt, wie systematische Ausfälle die Repräsentativität von Befragungsdaten durch Stichprobenverzerrungen einschränken können.
3. Migranten in Bevölkerungsbefragungen: Das Kapitel beleuchtet, wie Migranten in den Auswahlverfahren gängiger sozialwissenschaftlicher Studien erfasst werden und welche methodischen Grenzen dabei bestehen.
4. Nonresponse bei türkischstämmigen Migranten in Bevölkerungsbefragungen: Eine detaillierte Analyse der Stufen Erreichbarkeit, Befragungsfähigkeit und Kooperationsbereitschaft sowie deren Auswirkungen auf die untersuchte Gruppe.
4.1 Erreichbarkeit: Untersuchung der Faktoren, die dazu führen, dass türkischstämmige Migranten bei Kontaktversuchen seltener angetroffen werden, unter anderem aufgrund von Alter, Wohnortgröße und Erwerbsstruktur.
4.2 Befragungsfähigkeit: Erörterung der sprachlichen Hürden, die für türkischstämmige Migranten in deutschsprachigen Erhebungen das größte Hindernis für eine erfolgreiche Teilnahme darstellen.
4.3 Kooperationsbereitschaft: Analyse der Motivationsfaktoren für eine Teilnahme, wobei die Kosten-Nutzen-Rechnung unter Berücksichtigung kultureller und bildungsbezogener Variablen im Vordergrund steht.
4.4 Auswirkungen des Nonresponse-Verhaltens: Zusammenfassung der Konsequenzen der Stichprobenverzerrung, insbesondere bezüglich der Unterrepräsentation integrationsbedürftiger Subgruppen.
5. Instrumente zur Verringerung selektiver Ausfälle: Bewertung methodischer Ansätze wie multilingualer Fragebögen und bilingualer Interviewer zur Steigerung der Teilnahmechancen bei türkischstämmigen Migranten.
6. Fazit: Zusammenfassende Einschätzung der Ergebnisse, wonach die Teilnahmechancen durch zielgruppenspezifische Instrumente verbessert werden sollten, um eine bessere Datenlage zu gewährleisten.
Schlüsselwörter
Nonresponse, türkischstämmige Migranten, Bevölkerungsbefragungen, Erreichbarkeit, Befragungsfähigkeit, Kooperationsbereitschaft, Stichprobenverzerrung, Integration, Fragebögen, Sprachkenntnisse, Sozialwissenschaftliche Forschung, Selektive Ausfälle, Migrationshintergrund, Datenerhebung, Teilnahmeverhalten
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Problem des Nonresponse (Ausfälle) bei türkischstämmigen Migranten in allgemeinen Bevölkerungsbefragungen und dessen Folgen für die Datenqualität.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die Ursachen für das Ausbleiben von Befragungen, spezifische Hindernisse für Migranten (wie Sprachbarrieren) und mögliche Instrumente zur Verbesserung der Ausschöpfungsquoten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, das Teilnahmeverhalten von türkischstämmigen Migranten zu erklären, Auswirkungen auf die Repräsentativität der Forschungsergebnisse aufzuzeigen und Lösungsstrategien für die Praxis zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Es handelt sich um eine methodische Analyse auf Basis bestehender Literatur, empirischer Studien (wie ALLBUS, SOEP, PvZ) und Daten des Mikrozensus, um theoretische Konzepte (wie die Kosten-Nutzen-Rechnung) auf die Zielgruppe anzuwenden.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil analysiert die drei Stufen des Teilnahmeprozesses (Erreichbarkeit, Befragungsfähigkeit, Kooperationsbereitschaft) sowie die Auswirkungen von Ausfällen auf sozialpolitisch relevante Handlungsbedarfe.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Nonresponse, Migranten, Bevölkerungsbefragungen, Stichprobenverzerrung, Integrationsforschung und Erhebungsinstrumente charakterisieren.
Inwiefern beeinflusst der Faktor Sprache die Befragungsfähigkeit?
Mangelnde Sprachkenntnisse sind der Hauptgrund für die Befragungsunfähigkeit türkischer Migranten in rein deutschsprachigen Erhebungen, was zu einer systematischen Untererfassung dieser Gruppe führt.
Ist der Einsatz bilingualer Interviewer für alle Institute praktikabel?
Nein, der Einsatz bilingualer Interviewer bringt Zielkonflikte mit sich, da die meisten Institute nicht über einen solchen Personalstamm verfügen und der Aufwand für Schulung und Auswahl als sehr hoch gilt.
Warum zeigen ältere türkische Migranten ein so abweichendes Erreichbarkeitsmuster?
Die Studie vermutet, dass ältere Migranten aufgrund ihrer Erwerbslosigkeit oder längerer Aufenthalte im Heimatland schwerer zu Hause anzutreffen sind als die deutsche Vergleichsgruppe.
- Citation du texte
- Anna Severin (Auteur), 2014, Nonresponse bei türkischstämmigen Migranten in allgemeinen Bevölkerungsbefragungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272591