Wie viel Hitlermythos steckt noch heute in deutschen Geschichtsbüchern?


Essay, 2014
19 Seiten, Note: 2,3
Louise Dober (Autor)

Leseprobe

„In Wien wurde ich zum Antisemiten“ Wie viel Hitlermythos steckt noch heute in deutschen Geschichtsbüchern?

von Adisa Causevic

Ich verließ die Hauptschule, Werkrealschule und das Gymnasium mit ein und demselben Hitler-Geschichtsbild: ein armer Junge, dessen Mutter durch die Verweigerung eines jüdischen Arztes gestorben ist und in Wien schreckliche Dinge erleben musste. Nach jedem Geschichtsunterricht hatten ich und meine Klassenkameraden immer wieder Mitleid mit Adolf Hitler und uns wurde all die Jahre suggeriert, dass nur dieses große Leid und die Abweisung des Arztes zu Hitlers Grausamkeit führen konnten. Man sprach nicht von Ideologie und wissenschaftlichen Fakten, sondern in der heutigen Retroperspektive, aus der Sicht eines ehemaligen Anhängers, der versuchte, uns diese Geschichte zu erklären. Die Behauptung meiner Mitmenschen, dass es an der Schulart gelegen hatte, kann ich zurückweisen. Die Erfahrungen aus meinem Praxissemester und die Erfahrung mit Schülern aus anderen Schulen in meiner Freizeit zeigten mir, dass alle Schulen und Lehrer den gleichen Inhalt unterrichteten, nur die Intensität der Auseinandersetzung mit dem Thema variierte. Dieser grobe Verstoß lag also nicht am System. Doch wo liegt die Ursache für die immer wieder auftauchende Fehlinformation zu Adolf Hitler im Geschichtsbild vieler Menschen?

Kritisch wird es auch bei der Betrachtung der heutigen Geschichtsbücher im Schulunterricht. Bei der Analyse der Schulbücher lege ich meinen Fokus zuerst auf die Hauptschule und dann auf das Gymnasium.

Die drei Hauptbiographien sind zum einen Hamann[1], Ullrich[2] und Reuth[3], sowie Steinert[4] als Schnellnachschlagewerk.

Als Grundlage dienen die drei verschiedenen Auflagen[5] des Buchs „Mein Kampf“ von Adolf Hitler. Neben der psychologischen Betrachtung der Familie Hitler werde ich mein Hauptaugenmerk auf die Schulbücher legen und die Missstände in diesen darstellen. Unser wichtigstes Gut sind unsere Kinder und deren Bildung. Sie werden erstaunt sein, wie wenig hier auf die Qualitätssicherung der Schulbücher Wert gelegt wird.

Die Familie Hitler:

Der Vater: Alois Hitler

Alois Hitler, Vater von Adolf Hitler, kam im Haus von Johann Trummelschlager, eines Bauern, der sein Pate und möglicherweise auch sein Vater war, zur Welt. Seine Mutter war zu dem Zeitpunkt zweiundvierzig Jahre alt und alleinstehend. Sie weigerte sich, den Namen des Vaters preiszugeben, was auf das zukünftige Leben ihres Sohnes und später ihres Enkels Adolf einen großen Einfluss hatte. Alice Miller, Autorin des Buchs ‚Am Anfang war die Erziehung’[6], beschreibt anhand einer Geschichte, wie lebensnotwendig es für einen Menschen sein kann, „die ungelöste Frage seiner Herkunft zu klären und dem unbekannten Elternteil zu begegnen“.[7] Hitlers Vater Alois Schicklgruber war es nicht möglich. Er wusste nicht, wer sein Vater war. Die brennende Frage nach seiner Herkunft führte dazu, dass er vierzig Jahre später seinen Familiennamen zu ‚Hitler’ ändern ließ. Als Dreißigjähriger wurde Alois Schicklgruber Vater eines unehelichen Kindes namens Theresa, die aus einem Verhältnis mit einer gewissen Thekla P. stammte. Mit sechsunddreißig im Jahre 1873 heiratete er eine fünfzigjährige wohlhabende Beamtentochter aus Braunau am Inn, Anna Glaßl. Ihr Vermögen schien ein Heiratsgrund zu sein. Das Brautpaar entschloss sich, aufgrund des Alters der Braut, keine Familie zu gründen. Während Anna immer mehr kränkelte, begann Alois ein Verhältnis mit Franziska Metzelsberger (genannt Fanni), die 24 Jahre jünger als er war. Damals war sie ungefähr siebzehn Jahre alt. Zu dieser Zeit kam aus Spital in seinen Haushalt auch seine sechzehnjährige Nichte Klara Pölzl, um bei der Pflege der kranken Ehefrau Anna zu helfen. Klara bemerkte, wie ihr Onkel Alois seine Frau Anna mit der Kellnerin Fanni betrog. Anna ließ sich im November 1880 von Alois scheiden und seit dem Zeitpunkt lebte Alois in wilder Ehe mit Fanni, die aus Angst vor Konkurrenz Klara zurück nach Spital schickte. 1882 brachte sie ihren Sohn Alois auf die Welt. Ein Jahr später fand die Hochzeit von Fanni und Alois statt. Die zweiundzwanzigjährige Braut war zu diesem Zeitpunkt hochschwanger und zwei Wochen später kam die Tochter Angela auf die Welt. Die Braut erkrankte noch im gleichen Jahr an Tuberkulose und trotz ihres Widerstands holte ihr Mann wieder Klara Pölzl ins Haus und begann mit ihr ein Verhältnis. Als Fanni im August 1884 starb, war Klara bereits schwanger. Klara und Alois beschlossen nach dem Tod von Fanni, so schnell wie möglich zu heiraten. Da sie verwandt waren, benötigten sie einen päpstlichen Dispens. Klaras Schwangerschaft wurde in dem Ersuchen um Dispens nicht erwähnt. Die Trauung fand am 7. Januar 1885 statt. Der Vater ertrank seinen Frust und seine innere Zerrissenheit mit viel Alkohol und so musste ihn sein Sohn Adolf ab und zu in der Kneipe abholen, was dem zwölfjährigen Buben grässliche Scham bereitete. Gegenüber seinen Kindern war er herrisch, jähzornig und gewalttätig. Prügel waren an der Tagesordnung. Alois Hitler war mörderisch und peinigte seelisch seine Frauen. Um seine Frau Klara Hitler waren nur Gewalt und Tod. „Der Vater verschwand und trat auf, prügelte und herrschte“[8]. Er war streitsüchtig und reizbar. Das Hauptobjekt seiner Gewalt war sein Sohn aus zweiter Ehe, Alois. Der Vater verlangte absoluten Gehorsam und der junge Alois weigerte sich, Fügsamkeit zu zeigen. Dafür wurde er häufig unbarmherzig mit der Nilpferdpeitsche geschlagen. Damals waren körperliche Züchtigungen von Kindern üblich und wurden als günstig für die seelische Entwicklung des Kindes betrachtet. Einmal wurde er bis zum Bewusstseinsverlust geschlagen[9]. Nachdem Alois jr. das Haus mit vierzehn Jahren verlassen hatte, konzentrierte sich die ganze Gewalt und die Wut des Vaters auf den jungen und zerbrechlichen Adolf. Die kalte Beziehung des Vaters zu seinem Sohn Adolf und zu anderen Mitgliedern der Familie, die strenge Erziehung, die dem zukünftigen Diktator zukam – das alles wirkte sich den psychoanalytischen Theorien zufolge auf das Leben Hitlers aus. Aber nicht nur der Vater, sondern auch die Mutter hatte zweifellos großen Einfluss auf ihren Sohn Adolf.

Die Mutter: Klara Hitler, geb. Pölzl

In der Zeit Hitlers Kindheit glich Heiraten für die von der Männergesellschaft unterdrückte Frau ihrer Entwurzelung. Im Regelfall musste die junge Frau alles verlassen, was ihr lieb und teuer war und musste nach der Hochzeit viele Funktionen übernehmen: Mutter, Hausfrau und Rückendeckung ihres Mannes sowie natürlich auch die Frau des Mannes zu sein. Sie konnte sich ihren zukünftigen Ehemann nicht aussuchen oder diesen kennen lernen. Er wurde entweder von den Eltern ausgewählt, oder er erwählte die Frau selbst. Sie durfte keinen Beruf erlernen und wurde auf Nähen, Kochen, Kindererziehung, Kleider und Lebensmittel gedrillt. Ihre Daseinsberechtigung suchte die Frau in ihren Kindern[10]. Ähnlich war dies auch im Fall von Hitlers Mutter Klara.

Klara wurde am 12. August 1860 in Spital geboren. Der Ziehvater ihres zukünftigen Ehemanns Alois Schicklgruber, Johann Nepomuk Hüttler, war ihr Großvater mütterlicherseits. Klara selbst nannte ihren Mann Alois stets nur unterwürfig „Onkel“.

Klara gebar in rascher Folge drei Kinder – Gustav 1885, Ida 1886, Otto 1887. Alle drei starben schon früh, was selbst in Zeiten hoher Kindersterblichkeit ungewöhnlich war.[11] In der Zeit zwischen dem Tod ihrer drei Kinder und der Geburt von Sohn Adolf hatte sie kaum Zeit, ihre Trauer zu verarbeiten. Durch die Geburt von Adolf mussten in ihr unter diesen Umständen Gefühle der Angst und Unsicherheit in Bezug auf ihre Fähigkeiten als Mutter auftauchen.[12] Nach Miller[13] neigen die Mütter, die ein Kind nach einem verstorbenen gebären, zur Idealisierung des verstorbenen Kindes. Das führt zu besonderer Anspornung des lebenden Kindes, da dieses das tote Kind ‚übertrumpfen’ will. Da Adolf als erstes Kind nach drei verstorbenen Kindern geboren wurde, kann sich Miller[14] nicht vorstellen, dass die Beziehung seiner Mutter zu ihm sehr liebevoll gewesen sein konnte. Pilgrim[15] behauptet, dass Mangel an Liebe sich am allermeisten hinter übertriebener Fürsorge versteckt. Psychoanalytiker und Spezialist für Problemkinder, Helm Stierlin, entwickelt die These, dass die Eltern oft die Kinder dazu ‚abkommandieren’, an ihrer Stelle ‚eine bestimmte Mission oder Aufgabe’ zu vollbringen. So empfing Hitler die unmögliche Mission, durch Verfolgung folgender vier Ziele seine Mutter zu rächen: „Zum einen ging es darum, ihr Bedürfnis nach ‚regressiver Belohnung’ an sich zu ziehen und zu nähren, indem er sehr nahe und abhängig blieb“.[16] Er sollte der lebende Beweis ihres Wertes als Mutter sein und durch seine Taten, seine Bedeutung und Macht ihr Leben aufwerten. Schließlich sollte er ihr Verbündeter und Rächer bei den Kämpfen gegen einen unterdrückenden und illoyalen Ehemann sein.[17] Laut Helm Stierlin war für Hitler das unterdrückte Deutschland ein Symbol für die Mutter. Wenn Klara Hitler eine starke Frau gewesen wäre, hätte sie ihn vor dem Vater schützen können. Sie selbst war aber ihrem Mann völlig hörig. Die Befreiung Deutschlands und die Zerstörung aller Juden, d. h. die Beseitigung des bösen Vaters, hätten Hitler die Bedingungen zu seinem Frieden geschaffen. Die Vergangenheit ist aber nicht veränderbar.[18]

[...]


[1] Hamann, Brigitte: Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators. München 1996.

[2] Ullrich, Volker: Adolf Hitler. Die Jahre des Aufstiegs. Frankfurt am Main 2013.

[3] Reuth, Ralf Georg: Hitlers Judenhass. Klischee und Wirklichkeit. München 2009.

[4] Steinert, Manfred: Hitler. München 1994.

[5] Hitler, Adolf: Mein Kampf. München 1925, 1938, 1941.

[6] Miller, Alice: Am Anfang war die Erziehung. Frankfurt 1990, S. 179f.

[7] Ebd., S. 180.

[8] Pilgrim, Volker Elis: Muttersöhne. Düsseldorf 1986, S. 25f.

[9] Miller 1980, S. 180f.

[10] Pilgrim 1986, S. 8f.

[11] Ullrich 2013, S. 27.

[12] Miller 1980, S. 214.

[13] Ebd., S. 215.

[14] Ebd., S. 217.

[15] Pilgrim 1986, S. 11.

[16] Steinert 1994, S. 26.

[17] Ebd.

[18] Miller 1980, S. 222f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Wie viel Hitlermythos steckt noch heute in deutschen Geschichtsbüchern?
Hochschule
Universität Stuttgart  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Fachdidaktik Geschichte 2
Note
2,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
19
Katalognummer
V272595
ISBN (eBook)
9783656645948
ISBN (Buch)
9783656645931
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hitlermythos, geschichtsbüchern
Arbeit zitieren
Louise Dober (Autor), 2014, Wie viel Hitlermythos steckt noch heute in deutschen Geschichtsbüchern?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272595

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