Der Jude – ein Typus, der sich durch die Weltanschauung und das Weltverständnis der
Jahrhunderte zieht: der ewig Fremde, der Gehasste, Vertriebene, Hinterlistige, Hässliche,
Habgierige, Betrüger, das Schreckbild in Kunst und Realität. Dieser Vorstellung vom
Juden bediente man sich auch in der Literatur. Spätestens seit der Barockzeit war „Jude“
geradezu gleichzusetzen mit dem habgierigen Wucherer, man brauchte ihn nicht extra
charakterisieren, denn seine Zugehörigkeit zum Judentum erklärte schon seine
Eigenschaften. Man findet derart negativ besetzte Judenfiguren in der gesamten
Weltliteratur, bis hin zu den antisemitischen Werken des 20. Jahrhunderts.1 Eine
Ausnahme bilden die in literarischen Stoffen verarbeiteten biblischen Figur en, deren
Judentum meistens für den Inhalt keine Bedeutung hat und nicht thematisiert wird, sowie
die zu bekehrenden Juden in den kirchlichen Spielen des Mittelalters und der Barockzeit.2
Der Beginn eines Umdenkens zeichnete sich im 18. Jahrhundert ab, als die Vordenker
der Aufklärung den allgemein verbreiteten und nicht sonderlich angefochtenen
Antisemitismus zu hinterfragen begannen. Auf dem Gebiet der deutschen Literatur werden
Ch. F. Gellert und G. E. Lessing allgemein als die beiden großen Schriftsteller betrachtet,
die als Erste positive Judenfiguren zeichneten. In Gellerts „Leben der schwedischen Gräfin
von G***“ (1746) taucht ein Jude auf, dem ein christlicher Graf das Leben rettet und der
dieses auf edle Weise belohnt. Lessing schuf zwei weise und edle Judengestalten, den
Nathan und den namenlosen Reisenden, um den es in folgender Arbeit unter anderem
gehen soll. Der „edle Jude“ wurde zum Objekt öffentlicher Diskussion.
Von jüdischer Seite aus entwickelte sich im 18. Jahrhundert ebenfalls eine
Aufklärungsbewegung, die sogenannte „Haskala“ mit Moses Mendelssohn an der Spitze.
[...]
1 Zu Judenfiguren auf der deutschen Bühne bis zur Aufklärung siehe Jenzsch, Helmut: Die literarische Tradition der
Judenfigur bis zur frühen Aufklärung. In: ders.: Jüdische Figuren in deutschen Bühnentexten des 18. Jahrhunderts. eine
systematische Darstellung auf dem Hintergrund der Bestrebungen zur bürgerlichen Gleichstellung der Juden, nebst einer
Bibliographie nachgewiesener Bühnentexte mit Judenfiguren der Aufklärung. Diss. Hamburg 1971. S. 67-87.
2 Siehe Jenzsch.
Inhaltsverzeichnis
MARCUS HERZ‘ BILD DES GEBILDETEN JUDEN
Einleitung
1. Das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen in „Die Juden“ von Gotthold Ephraim Lessing
1.1 Inhalt
1.2 Aussagen der „deutschen“ Figuren über Juden allgemein
1.3 Verhältnis der „deutschen“ Figuren zu dem reisenden Juden
1.4 Verhältnis des Juden zu den Deutschen und seine Reaktion auf die geäußerten Vorurteile
2. Das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen in „Die abgedankten Officiers“ von Stephanie dem Jüngeren
2.1 Die Judenfigur in „Die abgedankten Officiers“
2.2 Verhältnis der „deutschen“ Figuren zum Juden
3. Das Leitbild des gebildeten Juden im „Freymüthigen Kaffegespräch“
Schluss
Benutzte Literatur
Primärtexte
Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Bild des gebildeten Juden im 18. Jahrhundert, basierend auf der Theaterkritik von Marcus Herz, die sich mit Lessings „Die Juden“ und Stephanies „Die abgedankten Officiers“ auseinandersetzt, um das damalige jüdische Selbstverständnis und die gesellschaftliche Wahrnehmung zu analysieren.
- Darstellung und Funktion von Judenfiguren im deutschen Theater des 18. Jahrhunderts.
- Analyse der antisemitischen Vorurteile und deren Reflexion in literarischen Werken.
- Gegenüberstellung des „edlen Juden“ bei Lessing und der komischen Judenfigur bei Stephanie.
- Untersuchung der Rolle von Sprache, Bildung und Assimilation für das jüdische Selbstbild.
Auszug aus dem Buch
1.3.1 Der Baron
„Bekannte hab ich gehabt, aber noch keinen Freund. Und niemals ist mir die Freundschaft so reizend vorgekommen, als seit den wenigen Stunden, da ich nach der Ihrigen strebe.“21 Der Baron ist seinem Retter nicht nur dankbar, sondern empfindet große Sympathie für ihn und ist darauf bedacht, seine Freundschaft zu gewinnen. 22 Dass der Baron hohe Erwartungen an einen Freund und an die Freundschaft stellt, zeigt sich in dem Gespräch zwischen ihm und dem Reisenden, in dem der Baron um die Freundschaft des Reisenden wirbt. Er stellt fest, dass ihrer beider „Gedanken und Urteile so sehr übereinstimmen“, dass er es bedauert, „nicht schon längst einen Freund ihresgleichen gehabt“ zu haben. 23 Er versucht seinen „Wohltäter“, zu einem längeren Aufenthalt unter seinem Dach zu gewinnen und versichert ihm, dass das nicht nur aus Dankbarkeit geschehe, denn Dankbarkeit weist der Reisende zurück, weil er seine Tat als „Schuldigkeit“ ansieht. Im weiteren Verlauf des Gesprächs fallen die oben bereits erwähnten abwertenden Aussagen über die Juden und lobende Anerkennung des Reisenden. Für diese Freundschaft ist der Baron bereit, viel zu opfern. Er schätzt den Reisenden so hoch, dass er seine Tochter, deren Umgang mit Männern er sonst eher einschränkt24, gerne in dessen Gesellschaft sieht und Andeutungen macht, die immer gezielter werden („Ich wollte wünschen, dass er dich leiden könnte – Ich werde es mit Vergnügen sehen, wenn du auch beständig um ihn bist“25) bis er sie schließlich dem Mann als Frau anbietet26.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das negative Judenbild der Barockzeit und skizziert den beginnenden Wandel im 18. Jahrhundert durch Lessing sowie die jüdische Aufklärungsbewegung unter Moses Mendelssohn.
1. Das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen in „Die Juden“ von Gotthold Ephraim Lessing: Dieses Kapitel analysiert Lessings Lustspiel, in dem ein gebildeter, edler Jude den verbreiteten antisemitischen Vorurteilen seiner christlichen Mitmenschen gegenübersteht.
2. Das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen in „Die abgedankten Officiers“ von Stephanie dem Jüngeren: Hier wird Stephanies Werk betrachtet, das die jüdische Figur des Pinkus als „komischen“ Geldverleiher zeichnet, welcher jedoch ebenfalls rechtschaffene Züge aufweist.
3. Das Leitbild des gebildeten Juden im „Freymüthigen Kaffegespräch“: Das letzte Kapitel untersucht Marcus Herz’ Kritik an den genannten Stücken, wobei der Fokus auf dem Ideal des gebildeten, hochdeutsch sprechenden Juden liegt, der sich von den gängigen Stereotypen distanziert.
Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert kritisch über das Ziel der Assimilation und die Vernachlässigung der eigenständigen jüdischen Geisteskultur während der Aufklärung.
Schlüsselwörter
Aufklärung, jüdisches Selbstverständnis, Lessing, Stephanie, Judenbild, Antisemitismus, Assimilation, Marcus Herz, Haskala, Theaterkritik, Toleranz, Jiddisch, Bildungsbürgertum, Edeljude.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Bild des gebildeten Juden im 18. Jahrhundert durch den Vergleich literarischer Bühnenfiguren und einer zeitgenössischen Kritik von Marcus Herz.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis zwischen Juden und Christen, die Rolle von Antisemitismus in der Literatur sowie der Einfluss von Bildung und Sprache auf die Assimilation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, das jüdische Selbstbild im Kontext der Aufklärung und die Art und Weise der literarischen Darstellung jüdischer Figuren zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche und historische Analyse der Primärtexte (Lessing, Stephanie, Herz) unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse der Judenfiguren in den Stücken von Lessing und Stephanie sowie der detaillierten Untersuchung der Theaterkritik von Marcus Herz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselwörter sind Aufklärung, Assimilation, Antisemitismus, jüdisches Selbstverständnis und das Ideal des „edlen Juden“.
Wie unterscheidet sich die Judenfigur bei Lessing von der bei Stephanie?
Lessings Jude zeichnet sich durch hohe Bildung und korrektes Hochdeutsch aus, während Stephanies Figur als komischer, Jiddisch sprechender Geldverleiher dargestellt wird.
Warum lehnt Marcus Herz die Darstellung des Juden bei Stephanie ab?
Herz lehnt sie ab, weil die Figur durch ihr „Jiddisch“ lächerlich gemacht und zur Zielscheibe des Spotts wird, was er als Herabwürdigung der jüdischen Nation empfindet.
- Citation du texte
- Naemi Fast (Auteur), 2003, Marcus Herz' Bild des gebildeten Juden, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27263