Der puritanische Gottesdienst - Ein Überblick


Seminararbeit, 2003
18 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Zu den theologischen Grundsätzen und der Gemeindestruktur der Puritaner

II. Der Puritanische Gottesdienst
1. Der Sabbat – Tag des Herrn.
2. Die Räumlichkeiten..
a) Das Gebäude
b) Der Innenraum
3. Der Ablauf des Gottesdienstes
a) Hauptgottesdienst
b) Abendmahl
c) Nachmittagsgottesdienst
4. Einzelne Bestandteile des Gottesdienstes
a) Die Predigt
b) Das Gebet
c) Der Gesang

Schlusswort

Benutzte Literatur

Einleitung

Die Reformation als zentrales Ereignis der frühen Neuzeit hat sehr weite, zunächst ungeahnte und unbeabsichtigte Kreise gezogen. Zahlreiche Splittergruppen und Neubildungen von Kirchen, Gemeinden und Glaubensrichtungen führten zu einer Konfessionenvielfalt innerhalb des Christentums, die man heute kaum überblicken kann. Einen eigenartigen Verlauf nahm die Reformation in England. Die dort unter Heinrich VIII. entstandene Anglikanische Staatskirche mit dem Monarchen als Oberhaupt ließ Organisation und Liturgie der früheren Katholischen Kirche weitgehend unverändert. Dass die Abspaltung von der Römischen Kirche nicht vordergründig religiös motiviert war, rief in frommen Kreisen Empörung und Widerstand hervor. Innerhalb der Anglikanischen Kirche bildete sich eine Bewegung, die eine radikale Umorganisation der Kirche wollte, gegen alle Elemente protestierte, die mit Papsttum, Menschenverehrung, kultischen Ritualen zu tun hatte. Die Menschen, die sich für eine „reine Kirche“ einsetzten, wurden „Puritaner“ genannt, von „to purify“ - reinigen. Hinter dem Begriff Puritaner verbirgt sich eine Anzahl von mehreren Gruppen – Independenten, Kongregationalisten, Separatisten u.a. Da die Separatisten wegen ihrer radikalen Glaubensausübung verfolgt wurden, flohen sie zu Beginn des 17. Jahrhunderts in die Niederlande, von wo aus ein Teil von ihnen 1620 auf der bekannten „Mayflower“ nach Nordamerika auswanderte. Ihnen folgten in den nächsten Jahren zahlreiche Glaubensgenossen, aber auch andere Siedler. In der neuen Welt hatten sie weitgehend die Freiheit, ihren Glauben nach eigenen Vorstellungen zu leben. Ihre Glaubensausübung unterschied sich sehr stark von der der Staatskirche. Das äußerte sich unter anderem deutlich in der Durchführung ihrer Gottesdienste. Nichts darin erinnerte mehr an die kirchliche Messe, weder der Raum noch der Inhalt des Gottesdienstes. Im Mittelpunkt standen nicht mehr die Sakramente sondern die Predigt.

Da viele Puritaner Tagebücher führten, von denen viele noch erhalten sind, und auch sonst viele schriftliche Quellen hinterlassen haben, sind wir heute recht gut über ihr Alltagsleben und ihre Sonntagsbräuche informiert. In meiner Hausarbeit möchte ich beschreiben, wie der puritanische Gottesdienst gestaltet wurde, worauf man dabei Wert legte und wie das sich von der Anglikanischen Kirche unterschied. Ich beschränke mich dabei auf die Separatisten in Neuengland im 17. Jahrhundert. Da ich die Kenntnis der puritanischen Theologie größtenteils als bekannt voraussetze, widme ich diesem Thema zu Beginn nur ein paar Sätze.

Naemi Fast, Eppstein, 1. März 2003

I. Zu den theologischen Grundsätzen und der Gemeindestruktur der Puritaner

Grundsätzlich gehen die Puritaner von der Bibel als Autorität aus, nach der sie ihr Leben gestalten. In diesem Sinne sind sie Anhänger der Reformationsbewegung, die in der katholischen Kirche eine Institution sah, deren religiöse Praxis bei weitem nicht mehr den biblischen Grundsätzen entsprach. Reformatorisch-protestantische Ausgangspunkte der Puritaner sind also die Autorität der Bibel, die Errettung aus Gottes Gnade und durch den persönlichen Glauben. Des weiteren sind sie Anhänger der calvinistischen Sonderlehre, welche die göttliche Prädestination stark betont. Nach dieser Lehre konnte niemand seiner Errettung endgültig sicher sein, denn niemand wusste, ob er zum ewigen Leben oder zur ewigen Verdammnis vorherbestimmt war. Sie sahen in allen politischen, kirchlichen, familiären oder persönlichen Ereignissen die Hand Gottes.

Die calvinistische Lehre wirkte sich stark auf die Lebensführung der Puritaner aus. Das äußerte sich unter anderem in der Auffassung, das Leben sei ein ständiger Gottesdienst, was zu strenger Fleißethik, disziplinierter Arbeitsmoral und der Bereitschaft zum gründlichen intellektuellen Gottesdienst führte.

Die Grundsätze der neuenglischen Puritaner, deren Bewegung man als „Kongregationalisten“ bezeichnete, waren einfach[1]: Ablehnung jeglicher kirchlicher und staatlicher Autorität, Ablehnung des „Book of Common Prayer“, weil es dem Zweiten Gebot[2] widerspricht, absolute Autorität der Ortsgemeinde, zur Gemeindemitgliedschaft durften nur Bekehrte zugelassen werden, die einen göttlichen Lebenswandel führen, die Gemeinde ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Gläubigen.

Nach dem Vorbild der neutestamentlichen Gemeinde wurden bei den Puritanern diejenigen, die bestimmte Aufgaben in der Gemeinde hatten, nicht Würden- oder Amtsträger genannt, sondern „Diener“. Der wichtigste Dienst in der Gemeinde war der „Dienst am Wort“ für den der Pastor zuständig war. Der Lehrer wachte über die Reinheit der Lehre, der Diakon war für irdische Belange zuständig und die Ältesten für die Leitung der Gemeinde. Allgemein galt wie überhaupt im Protestantismus das „Priestertum aller Gläubigen“ und die Gleichwertigkeit aller Gemeindeglieder.

II. Der Puritanische Gottesdienst

1. Der Sabbat – Tag des Herrn

Der geheiligte Tag der Puritaner war wie in allen christlichen Kulturen der Sonntag. Sie bezeichneten ihn nach alttestamentlichem Vorbild als „Sabbath“, der von Sonnenuntergang am Samstag bis Sonnenuntergang am Sonntag dauerte[3]. Man nannte ihn auch „Lord’s Day“. An diesem Tag war jegliche Arbeit, Reisen, Wandern, Reiten, Herumlungern, Schwimmen, Jagen, Besuch von Kneipen und Versammeln außer zu gottesdienstlichen Zwecken verboten.[4] Eine Entweihung wurde streng bestraft. Cotton Mather bezeichnet den Sabbat als „Day of Sacred Rest“ und schreibt dazu:

„Not only our own works but also our own words, yea, and our own thoughts, must on the Lords-day be Rested from [...] Tis Gods Time and will not admit any Pastime. Sports on Lords-day; Never did any thing sound more sorrowfully or more odiously. [...] The Lords-day is as often polluted by Idleness, as by any sort of Profaneness. We never do more Amiss, then when we do nothing at all. By Sins of Omission; By Sleeping immoederately; by Walking only to take the air.“[5]

Der Sabbat war also der Tag des Herrn und stand ganz im Zeichen des Gottesdienstes. Man versammelte sich morgens um 9 Uhr oder früher zum Hauptgottesdienst, der mehrere Stunden dauerte. Die Pause vor dem Nachmittagsgottesdienst, der um 14 Uhr begann, war oft ziemlich kurz. Einmal, stellenweise auch zweimal im Monat wurde gegen Ende des Hauptgottesdienstes das Abendmahl gefeiert. Des weiteren gab es einmal in der Woche eine Bibelstunde.

Die Teilnahme an den Sonntagsgottesdiensten war obligatorisch, so wie es in England schon seit dem Mittelalter war. Wiederholte Abwesenheit erregte die Aufmerksamkeit der Gemeindeleitung und konnte bestraft werden.[6] Das entspricht der Anweisung in Hebr.10,25. Dennoch darf man den Gottesdienstbesuch nicht zu schnell als Zwang abstempeln, denn viele erhaltene schriftliche Zeugnisse der Puritaner zeugen von echtem Glauben und ehrlichem Streben, gottgefällig zu leben. In mancher Hinsicht war der Gottesdienst am Sonntag wohl auch der Höhepunkt in der Woche, an dem man zusammenkam und gut ausgearbeiteten biblischen Vorträgen lauschen konnte. Man legte Wert darauf, nicht als einzelner Christ dazustehen, sondern in einer Gemeinschaft von Gleichgläubigen aktiv seinen Glauben auszuleben.[7]

Interessant ist vielleicht noch die Feststellung, dass die Puritaner bewaffnet zum Gottesdienst gingen. Sie waren keine Pazifisten und hatten aus Sicherheitsgründen stets genügend Waffen auch im Gottesdienst dabei zu haben. So wurde z. B. 1640 in Massachussets befohlen, dass die Gottesdienstbesucher versehen sein sollten mit „a competent number of peeces, fixed and compleat with powder and shot and swords every Lords-day to the meeting-house“. Um das sonntägliche Gewährladen zu rechtfertigen, war ihnen verboten, auf Menschen zu schießen, gestattet war der Gebrauch der Waffe nur gegen Indianer und Wölfe.[8]

2. Die Räumlichkeiten

a) Das Gebäude

Das Gotteshaus der Puritaner in Neu-England war nicht eine Kirche im herkömmlichen Sinn. Eines der ersten Gebäude, das in einer neuen Siedlung errichtet wurde, war außer dem Gefängnis das sogenannte „Meetinghouse“, denn die Gottesdienste waren von großer Wichtigkeit für sie. Das Meetinghouse war ursprünglich für Zusammenkünfte aller Art gedacht, sowohl zu geistlichen, als auch zu weltlichen Zwecken, weshalb es auch nicht die Bezeichnung „Church“ erhielt. In Ermangelung eines anderen Versammlungsgebäudes konnten Gottesdienste durchaus auch in Zelten, unter Bäumen, unter freiem Himmel oder im geräumigen Haus eines Siedlers stattfinden.[9].

Alice M. Earle beschreibt in ihrem Klassiker „Home life in colonial days“[10] die Meetinghouses der ersten Generation, die sich nicht wesentlich von Wohnhäusern unterschieden. Es waren einfache Blockhäuser mit Reed- oder Strohdach, ohne Turm. Die Ritzen spachtelte man mit Lehm zu, als Fensterscheiben diente gefettetes Papier.[11]

Je stärker jedoch der Schwerpunkt der Benutzung des „Meetinghouse“ als Kirchenraum wurde, desto mehr begann man auf eine schöne Architektur zu achten. Auch die steigende Qualität der privaten Wohnhäuser bewirkte eine Verbesserung der Kirchenarchitektur. Die Meetinghouses, die in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gebaut wurden, waren meistens rechteckige Holzhäuser mit pyramidenförmigem Dach, auf dem ein Glockenturm mit Aussichtsplattform thronte.[12]

Ein weiterer Typus des Meeting-house war der nach Christopher Wren – ein langes schmahles Gebäude mit einem Kirchturm an der Seite, ähnlich vielen europäischen protestantischen Kirchen.

Trotz des architektonischen Fortschritts blieben die Meetinghouses schlicht und kahl.[13] Die bildlichen Elemente der katholischen Kirchengebäude, die auch bei den Anglikanern bestehen blieben, galten bei den Puritanern als „papistisch“ und wurden abgelehnt. Das einzige Schmuckstück der Meetinghouses waren die Kirchtürme, die besonders kunstvoll und sehr verschiedenartig gebaut wurden.

Eine Besonderheit war auch die Kirchentür, die auch als Lokalanzeiger genutzt wurde. Bekanntmachungen und Anzeigen aller Art wurden hier angenagelt, denn da jeder Puritaner treu alle Gottesdienste besuchte, war dies der beste Ort der Publikation.

Analog zu den modernen Autoparkplätzen gab es vor dem Meetinghouse eine Reihe von Pflöcken, an die man sein Transportmittel, das Pferd, band.

Viele Meetinghouses hatten einen langen niedrigen Anbau, das sogenannte „Noon-house“ oder „Sabba-day-house“. Es war für die Zeit zwischen den Gottesdiensten gedacht, die oft zu kurz war, um noch einmal heim zu fahren. An einer Seite war der Pferdestall, an der anderen ein Kamin. Kinder durften hier wie im Meetinghouse nicht laut spielen und „sinnlose Reden“ führen.

[...]


[1] Die Grundsätze wurden durch den Bostoner Geistlichen John Cotton formuliert, nach Gaustad, Edwin S.: A religious history of America, New York 1966, S. 50

[2] Das Zweite Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ 2. Mose 20, 4-5

[3] Der alttestamentliche Sabbat begann mit Sonnenuntergang am Freitag und endete am Samstagabend.

[4] Flaherty, David H.: Privacy in Colonial New England, Charlottesville 1972, S. 130.

[5] Mather, Cotton: The Day Which the Lord Has Made, Boston 1703, zitiert bei Flaherty, Privacy in Colonial N. E., S. 130-131.

[6] Mehr zur Gemeindedisziplin bei Flaherty, David H.: Privacy in Colonial N. E., S. 128-129.

[7] Dazu schreibt ein Puritaner des späten 16. Jahrhunderts: „For the meetings of the godlie is like a great many firebrands layde together, in which though there be some heate when they are apart by themselves, yet being laid together it is doubled, and otherwise every one would dye of it selfe: so though every man hath some grace of God’s spirit in himselfe, yet it is greatly increased by conference.“ Nicholas Bownd, The doctrine of the Sabbath, 1595, S. 219, zitiert in Collinson, Patrick: The Elisabethan Puritan Movement, New York 19xx, S. 372.

[8] Siehe Earle, Alice M.: The Sabbath in Puritan New England, Williamstown 1891 (Reprint 1974).

[9] Im neugegründeten Plymouth versammelte man sich zunächst im Fort, das erste Meetinghouse wurde 1648 gebaut, nach Earle, Alice M.: Home Life in Colonial Days, New York 1898, S. 364.

[10] Auf S. 364.

[11] So hatte z. B. das erste Meetinghouse in Boston, das bis 1640 benutzt wurde, Erdwände, einen Erdboden und ein Strohdach.

[12] Ein Beispiel dafür ist das 1681 gebaute Meetinghouse in Hingham, Massachusetts.

[13] Weitere Beschreibung des Meetinghouse nach Earle: Home Life.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der puritanische Gottesdienst - Ein Überblick
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Historisches Seimnar, Abteilung für Neuere und Neueste Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
18
Katalognummer
V27264
ISBN (eBook)
9783638293587
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit beschäftigt sich mit einem sehr wichtigen Aspekt des Lebens der amerikanischen Puritaner in der ersten Siedlerzeit in Nordamerika im 17. Jahrhundert - dem Gottesdienst, seinen Bestandteilen, Formen und Inhalten.
Schlagworte
Gottesdienst, Proseminar
Arbeit zitieren
Naemi Fast (Autor), 2003, Der puritanische Gottesdienst - Ein Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27264

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