Raumtheorien im Text von Thorsten Benkel "Die Sichtbarkeit des Frankfurter Bahnhofsviertel. Ein soziologischer Rundgang"

Eine kritische Analyse


Seminararbeit, 2013
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 DAS WECHSELSPIEL VOM PHYSISCHEN UND SOZIALEN RAUM IM TEXT VON THORSTEN BENKEL
2.1. Definitionen und Untersuchungsgegenstand
2.2. Raumtheoretische Überlegungen: Pierre Bourdieu und Martina Löw
2.2.1. Pierre Bourdieu: absolutistische Vorstellung von Raum
2.2.2. Martina Löw: relativistische Vorstellungen von Raum
2.3. Klischees und Wahrheitsmekrmale
2.4. Unsichtbarkeit, Unsicherheit vs. Sichtbarkeit des Bahnhofsviertels
2.5. Ausblick: Theorie und Wirklichkeit

3. FAZIT

QUELLENVERZEICHNIS

Internetquellen

ANHANG
Anhang 1: Bild 1
Anhang 2: Bild 2
Anhang 3: Offener Brief der Einwohner des Bahnhofsviertels

1 EINLEITUNG

Der Frankfurter Bahnhof wurde am 18 August 1888 offiziell eröffnet. Mit dem Ziel ein luxuriöses Leben den Einwohnern zu bieten wurden innerhalb der nächsten 23 Jahre die hochwertigen Häuser um das Bahnhof gebaut. Geplant war das Errichten einer großen Einkaufsmeile mit den preiswerten Wohnungseinrichtungen. Jedoch wurde der Plan nicht verwirklicht und es entstand im Laufe der Jahrzenten ein heute deutschlandweit bekanntes Rotlichtmilieu mit zahlreichen Hotels und dazu gehörigen Freizeitangeboten. Wie es auf der Internetseite von dem Frankfurter Bahnhofsviertel geschickt beschrieben ist: „Ein kin­derfreundlicher Stadtteil ist das Bahnhofsviertel nicht, aber für Menschen, die gerne mobil und viel auf Reisen sind, ist der Stadtteil, wegen seiner Verkehrsanbindung ideal.“ (Mahler 2013)

Das Bahnhofsviertel ist das zweitgrößte Viertel in Frankfurt am Main mit einer geringen Einwohnerdichte von 2125 Personen auf der Fläche von 52,5 Hektar, dafür aber einer hohen Besucherquote von neun Tausend Gästen. (Vgl. Mahler 2013) Das Viertel etabliert sich als die Visitenkarte der Stadt, zumindest steht es auf der offiziellen Internet­seite, die die Stadt repräsentativ im Internet machen soll. (siehe Anhang 1) An dieser Stelle ist es fraglich, ob solche Behauptungen nun wirklich einen positiven bzw. werbefähigen Charakter tragen. Mit dem Thema des Bahnhofsviertels in der Stadt Frankfurt setzte sich Thorsten Benkel in seinem Buch „Das Frankfurter Bahnhofsviertel. Devianz imöffentli­chen Raum “ kritisch auseinander.

Zur Analyse wurde in dieser Hausarbeit der Text von Thorsten Benkel „Die Sichtbarkeit des Frankfurter Bahnhofsviertel. Ein soziologischer Rundgang“ genommen. Zur Wahl des Textes haben einerseits eigene Überlegungen über die Normalität der Dinge und soziale Unterschiede innerhalb vieler Bahnhöfer in Deutschland beigetragen. Anderseits finden in dem analysierten Text mehrere raumtheoretische Ansätze ihren Platz, die zur Analyse einiger Phänomene im Bahnhof­viertel erforderlich sind. Diese vorzustellen und am Beispiel des Frankfurter Bahnhofsviertels kri­tisch zu reflektieren wird zum Ziel der vorliegenden Hausarbeit gesetzt.

Folgende Fragen sollen diskutiert werden:

- Wie sieht der Bahnhofs viertel in der Wirklichkeit aus, wenn man diesen aus verschiedenen Sichten betrachtet?
- Welche sozialen Prozesse finden sich hier statt und welche bleiben verborgen?
- Sind die raumtheoretischen Vorstellungen von Löw und Bourdieu für eine de­taillierte Analyse des Phänomens „Frankfurter Bahnhofsviertel “ geeignet?
- Welche Raumtheorien wären außerdem für die Analyse des im Text untersuch­ten Themas angebracht?

In dem Abschnitt 2.1. werden zuerst die Begrifflichkeiten bestimmt, die für ein Verständnis des untersuchten Themas relevant sind. Im Abschnitt 2.2. werden die theoreti­schen Überlegungen von Bourdieu und Löw dargestellt und anhand von Grafiken visuali- siert. Auf den theoretischen Grundlagen basiert sich die eigene Reflexion des analysierten Textes, die sich in danach folgenden Abschnitten etabliert. In den Abschnitten 2.3. und 2.4. werden die Begriffe Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit des Frankfurter Bahnhofsviertels an­hand von Beispielen aus dem Text von Thorsten Benkel diskutiert. Dabei wird es auf die Theorien von Löw und Bourdieu zurückgegriffen. Abschnitt 2.5. enthält eigene Überle­gungen zu dem Fall von „Frankfurter Bahnhofsviertel“ sowie eine kurze Darstellung von den raumtheoretischen Überlegungen von Henri Lefebvre. Abschließend werden die Schlussfolgerungen zusammengefasst und die am Anfang der Untersuchung gestellte Fra­gen beantwortet. Die im Text dargestellten Grafiken wurden auf Grundlage der im Ab­schnitt 2.2. beschriebenen Theorien selbst entwickelt und dargestellt.

2 DAS WECHSELSPIEL VOM PHYSISCHEN UND SOZIALEN RAUM IM TEXT VON THORSTEN BENKEL

2.1. Definitionen und Untersuchungsgegenstand

Zurückkehrend an die eigentliche Bedeutung des Wortes sichtbar, so ist es festzu­halten, dass was sichtbar ist, ist „mit den Augen wahrnehmbar, deutlich zu erkennen.“ (Duden 2002: 819) Das Substantiv Sicht bedeutet aber auch „die Möglichkeit in die Ferne zu sehen“. (Ebd.) Aus dieser Perspektive gesehen, wird es verständlich, dass die Sichtbar­keit als Begriff im Buch von Thorsten Benkel pragmatische sowie raumtheoretische Züge annimmt. Der Begriff vereinigt sowie die Anschaulichkeit des Gegebenes, was zu sehen ist, auch ihre Perspektive, wie es noch gesehen sein kann. Unter der Sichtbarkeit im engeren Sinne wird nach Benkel basierend auf der raumtheoretischen Vorstellung von Bourdieu eine Be­trachtungsweise des sozialen Raumes verstanden, welche auf den ersten Blick dem Betrachter ein­fällt, ohne es wissenschaftlich begründet wird. Das Sichtbare ist genau das was wirklich existiert, bevor es methodisch begründet und aus der wissenschaftlichen Perspektive bewertet wird. (Vgl. Benkel 2010: 20-23)

Die Unsichtbarkeit ist demnach eine Palette von Ereignissen, Eindrücken, Tatsachen und Vorkommnissen, die sich nicht unmittelbar in der Öffentlichkeit etablieren, welche aber aus dem vollständigen Bild über das Bahnhofsviertel nicht wegzudenken sind. (Ebd.)

Der Begriff Raum in der vorliegenden Hausarbeit basiert sich auf den Definitionen vom französischen Konstruktivsten Pierre Bourdieu und der deutschen Soziologin Prof. Dr. Martina Löw. Auf den Begriff wird es in dem nächsten Abschnitt näher eingegangen.

Der Gegenstand der Untersuchung ist der Bahnhofsviertel der Stadt Frankfurt. Der Autor unternimmt den Versuch die unsichtbaren Dimensionen des Bahnhofslebens darzus­tellen, die im alltäglichen Leben oft außer Acht gelassen werden. Der Bahnhof in Frankfurt zeichnet sich nicht durch die architektonische Besonderheiten aus, sondern durch das Le­ben um ihn herum. Er gilt „als Herzstück des paneuropäischen Kapitalwesens.“ (Benkel 2010: 23) Der Fokus wird also im Text von Benkel auf einen sozialen Raum gelegt. In dieser Hausarbeit wird es dennoch bezweckt die Problematik aus verschiedenen Rekursen zu betrachten.

Für den Autor ist der Bahnhofsviertel trotzt der räumlichen Einschränkung ein uni­verselles Modell der modernen Gesellschaft, welche rund um die Uhr präsent ist. Dieses Modell spiegelt das Moderne und Postmoderne wieder. Auch das Nachtleben ist ein unent­behrliches Teil dieser Gesellschaft. Der Bahnhofviertel wird also von Benkel symbolisch bzw. metaphorisch gesehen. Er fungiert als ein Symbol für eine Art Gesellschaft auf einem kleinem Territorium, welche in ihrem Inneren alle Gesellschaftsklassen vereinigt, wenn auch diese nur durch Zufall auf einander treffen. Herbei handelt es sich um eine spezifi­sche Raumvorstellung, welche in den raumtheoretischen Ansätzen sowie bei Bourdieu auch bei Löw zu finden sind.

In dem Zeitraum von 2008 bis 2010 wurden vom Benkel auf diesem Gebiet syste­matische Untersuchungen durchgeführt, welche zum Entstehen des analysierten Buches beigetragen haben. Beobachtungen, Interviews und Gesprächsprotokolle wurden zu Grun­de des in dieser Hausarbeit analysierten Textes gelegt. Zunächst sollen jedoch die raum­theoretischen Überlegungen von Bourdieu und Löw näher vorgestellt werden, die sich in ihrer Herangehensweise deutlich unterscheiden. Dabei ist es unabdingbar die beide An­sichtspunkte für den Fall „Frankfurter Bahnhof“ darzustellen, weil das Bahnhofsviertel als Phänomen anhand einer Theorie sich nicht untersuchen lässt.

2.2. Raumtheoretische Überlegungen: Pierre Bourdieu und Martina Löw

2.2.1. Pierre Bourdieu: absolutistische Vorstellung von Raum

Der soziale Raum ist eng mit einem physischen Raum verbunden, deswegen ist es problematisch eine klare Trennungslinie zu ziehen. Da es fast jeder Ort oder Platz von den Menschen bewohnt ist, weist er die Züge des sozialen Handels. Wenn unter dem physi­schen Raum ein konkretes Gebäude gemeint ist, so ist ein sozialer Raum ein abstrakter Begriff. Der sozialer Raum ist eine Art Oberbegriff für zahlreiche Institutionen, die sich nach bestimmten Interessen oder Güter zusammenstellen und eine Gruppe bilden. Die Be­ziehungen innerhalb und außerhalb dieser Gruppe bilden ein Feld. Gegenüber dem abstrak­ten Begriff vom sozialen Raum stellt Bourdieu einen physischen oder „reinfizierter sozia­ler Raum“ oder aber auch „angeeigneter physischer Raum“. Die Hierarchie der Gesell­schaft prägt in ihrer Linie die Zuordnung sozialer Räume in der Gesellschaft. Da das Ver­hältnis des physischen Raumes zum sozialen Raum und umgekehrt ambivalent ist so ergibt sich eine Zugehörigkeit zu den bestimmten Klassen. (Vgl. Bourdieu 1991: 25-34)

Ein einfaches Beispiel wäre die Annahme, dass in Schlosser nur die Prinzessen wohnen. Neben den Prinzessen können natürlich aber auch Könige, Gräfe und Baronessen wohnen. Diese gehören zu einer bestimmten Klasse. Mit einem Schloss werden daher posi­tive Emotionen verbunden. Wenn man zum Beispiel von Gulag spricht so entstehen sofort Assoziationen anderer Natur. Das bedeutet, dass ein physischer Raum und mit ihm ver­bundene Vorstellungen, Assoziationen und Zuordnungen zu bestimmten Klassen die Wahrheitswerte besitzen, welche vom sozialen Raum geprägt wurden.

Bei der Bestimmung eines Raumes legt Bourdieu Wert auf das Kapital. Nach die­sem Kriterium wird ein angeeigneter Raum definiert. Diese Definition unterliegt einfacher Formel und zwar: je höher ist das Kapital, desto außergewöhnlicher und hochwertiger ist der angeeigneter Raum. Wenn es lediglich ein geringes Kapital vorhanden ist, so bleibt der Raum unbemerkt. Im negativsten Fall, wenn gar kein Kapital vorhanden ist, so bleibt die Person für eine längere Zeit an einem Ort gebunden. Bourdieu verbindet den Besitz der physischer Güter mit der Macht einer höheren Gesellschaftsklasse über eine unterstehen­den einerseits, andererseits weist jedoch auf die Vorteile solchen Hierarchie auf. Darunter wird es die Distanz gemeint, welche für eine Sicherheit für den Besitzer der Güter darstellt sowie auch für die anderen. Es käme durch diese Distanz nicht zum unmittelbaren Zusam­menstoß unterschiedlichen Klassen, was in erster Linie nicht zur Aggression führen würde. Dieses weist darauf hin, dass ein Raum im Allgemeinen als ein soziales Phänomen ver­standen sein kann und nicht als ein duales System. (Ebd.) Bildlich werden die Annahmen von Bourdieu folgendermaßen dargestellt.

In der Grafik werden Kreis- und Viereckformen mit dem Ziel der Unterscheidung zwischen dem sozialen Raum und dem physischen Raum benutzt. Die gleichen Farben sollen sowie in den Kreisen auch in den Vierecken sollen die Zugehörigkeit der einzelnen Klassen zu den entsprechenden Räumen darstellen, weil sich der soziale Raum in dem physischen realisieren lässt. In dem Viereck links sind die Kästchen, die verschiedene an­geeignete Räumen darstellen, unterscheiden sich farbig nach Kapazitäten des Kapitals der sozialen Felder bzw. Subräumen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik 1: Sozialer und physischer Raum nach Bourdieu. Eigene Darstellung

Wenn Bourdieu einen wesentlichen Unterschied zwischen den sozialen und physi­schen Raum kennzeichnet, so bring die Raumvorstellung von Martina Löw neue Facetten in das Verständnis von Begriff Raum und zwar: „dass nur wenn nicht länger zwei verschiedene Realitäten - auf einer Seite der Raum, auf der anderen die sozialen Güter, Menschen und ihr Handeln - unterstellt werden sondern statt dessen Raum aus der Struktur der Menschen und sozialen Güter heraus abgeleitet wird, nur dann können die Veränderungen der Raumphänomene erfasst werden.“(Löw 2001: 264)

2.2.2. Martina Löw: relativistische Vorstellungen von Raum

Martina Löw schlägt eine umfängliche soziologische Konzeption des Raumes vor, die sowie die Dynamik auch den Formenreichtum der Räume diese vereinigt. Das wichtigste Merkmal ist die Dualität von Raum. Die Räume werden “als relationale (An)Ordnungen von Lebewesen und sozialen Gütern an Orten“ verstanden. (Löw 2007: 63) Räumliche Strukturen finden ihre Verwirklichung im Handeln, dabei beeinflussen diese das Handeln selbst. So kommt Löw zu folgendem Ergebnis: „Die Dualität von Handel und Struktur ist in diesem Sinne auch die Dualität von Raum.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Raumtheorien im Text von Thorsten Benkel "Die Sichtbarkeit des Frankfurter Bahnhofsviertel. Ein soziologischer Rundgang"
Untertitel
Eine kritische Analyse
Hochschule
HafenCity Universität Hamburg
Veranstaltung
Raumtheorie Ethnographie der Stadt
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V272652
ISBN (eBook)
9783656648536
ISBN (Buch)
9783656648529
Dateigröße
874 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
raumtheorien, text, thorsten, benkel, sichtbarkeit, frankfurter, bahnhofsviertel, rundgang, eine, analyse
Arbeit zitieren
Anna Korchagina (Autor), 2013, Raumtheorien im Text von Thorsten Benkel "Die Sichtbarkeit des Frankfurter Bahnhofsviertel. Ein soziologischer Rundgang", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272652

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Raumtheorien im Text von Thorsten Benkel "Die Sichtbarkeit des Frankfurter Bahnhofsviertel. Ein soziologischer Rundgang"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden