Ortlos wohnen: Der Bauwagenplatz als Heterotopie


Seminararbeit, 2013

14 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Untersuchung des Bauwagenplatzes Bambule anhand Foucaults Heterotopien
2.1. Bauwagenplätze als alternative Wohnform
2.1. Eläuterung der Heterotopien von Michel Foucault
2.3. Die sechs Grundsätze der Heterotopie am Beispiel der Bambule

3. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auf Bambule habe ich im Rahmen eines Spazierganges in Altona aufmerksam geworden. Da in meinem Heimatort Moskau ähnliche Bauwagensiedlungen nicht existieren, war ich von dieser Wohnform überrascht. Als ich ein paar Menschen, die aus dem Bambule rausgegangen sind, gesehen habe, war ich auch überrascht, weil sie gepflegt aussahen und modern gekleidet wurden. Dies passte für mich nicht zusammen, weil ich dachte, dass die Menschen an einem solchen Platz aus finanzieller Not wohnen können. Der Platz wirkte ungewöhnlich auf mich, der gehörte für mich gedanklich nicht zur Stadt. Ich konnte auch nicht zuordnen, ob es sich um einen privaten oderöffentlichen Platz handelt. Als ich mich im Studium mit Heterotopien auseinander gesetzt habe, dachte ich gleich an die Bauwagensiedlung Bambule.

In dieser Seminararbeit möchte ich eine alternative Wohn- und Lebensform Bambule in Bezug auf Heterotopien (aus griechischem „hetero“ - anders und „topos“ - Ort1 ) untersuchen. Heterotopien sind Räume, die nach eigenen Regeln existieren. Sie sind verwirklichte Utopien, die als Alternative zur Außenwelt existieren und von dieser abgegrenzt sind.

Am Beispiel des Bauwagenplatzes Bambule in Hamburg soll untersucht werden, ob die Bambule „eine verwirklichte Utopie“ ist und inwiefern man das Leben auf einem Bauwagenplatz als Heterotopie bezeichnen kann.

Die Heterotopie-Theorien finden Anwendung in verschiedenen Wissenschaftszweigen, zum Beispiel in der Stadtforschung, Literaturwissenschaft, Philosophie und weiteren Disziplinen. Jürgen Hasse bietet eine allgemeine Einführung in die Lebens- und Wohnformen der Bauwagen- plätze. Es gibt dagegen kaum Studien speziell über die Bambule. Lediglich die Presse bietet eine Auswahl an Artikeln darüber. Der mediale Diskurs ist politisch eher konservativ markiert. Es dominiert ein einseitiges Bild von Zwangsräumungen und Protesten. In der vorliegenden Arbeit wird jedoch Abstand von politischer Wertung und medialem Diskurs genommen.

Nach der Einleitung wird Michel Foucaults Theoriemodell der Heterotopie kurz erläutert. Im dritten Abschnitt soll zuerst das Wohnen auf dem Bauwagenplatz als eine alternative Lebens- form dargestellt werden. Danach wird speziell auf die Bambule eingegangen. Anschließend wird anhand von Foucaults Theoriemodell die Bambule auf die Merkmale einer Heterotopie un- tersucht. Im Fazit werden wesentliche Ergebnisse der Arbeit thesenförmig zusammengefasst und Fragestellungen beantwortet.

2. Untersuchung des Bauwagenplatzes Bambule anhand Foucaults Heterotopien

2.1. Bauwagenplätze als alternative Wohnform

Wohnen ist ein „Ausdruck des Lebens“2. Jeder Mensch hat ein Recht auf Wohnraum und darf selbst entscheiden wie und wo er lebt. In unserer Gesellschaft existieren verschiedene Lebens- und Wohnformen. Neben „normalen“ bürgerlichen Wohnformen, existieren auch verschiede alternative Wohn- und Lebensformen. JÜRGEN HASSE untersucht in seinem Buch „Unbedachtes Wohnen. Lebensformen an verdeckten Rändern der Gesellschaft“ ungewöhnliche Wohnsituationen und alternative Wohnprojekte. Unter den ungewöhnlichen Wohnsituationen und alternativen Wohnprojekten versteht HASSE die verschiedene Formen der Abweichung von der bürgerlichen „Normalität“, zum Beispiel das Wohnen in Gefängnis, im Kloster, in einer Loftwohnung oder auch auf einem Bauwagenplatz.

Traditionell tendierten die Menschen zum gemeinschaftlichen gruppenbezogenen Zu- sammenleben (Mehrgenerationenhäuser, engere Familienbeziehungen). In unserer heutigen Ge- sellschaft wohnen dagegen immer mehr Menschen als Single, als Kernfamilie oder in einer Zweckwohngemeinschaft (WG). Daneben wird jedoch der Wunsch nach mehr gemeinschaftlich orientierten Wohnformen stark3. Solche kommunalen Gruppen definiert HALL als einen oder mehrere zusammenhängende Wohneinheiten, die danach streben, Werte und Ideale, die in der übrigen Gesellschaft nicht anerkannt sind, zu verwirklichen4. Der Sinn der Bauwagensiedlung besteht darin, alternative Form des Zusammenlebens zu schaffen. Laut HASSE steht „Im Mittel- punkt dieses alternativen Wertsystems […] Selbstdarstellung, Phantasie, die Sinnstiftung indivi- duellen Lebens durch die Kraft der Gemeinschaft sowie die Abweisung äußerer Zwänge“5.

Wohnen auf einem Bauwagenplatz kann als eine „mobile“ kommunale Gruppe zählen. Ein Beispiel für einen Bauwagenplatz bietet die Bambule6. Der Bambule existiert seit 1993. Damals befand sie sich im Karolinenviertel. Seit 2006 befindet sich die Bambule hinter der Fabrik in Altona zwischen der Bahrenfelder- und der Gaußstraße.

Die Lebensform seiner Bewohner weicht von der “Normalität” der bürgerlichen Gesell- schaft ab und führt manchmal bei Außenstehenden zu Negativität, Aggression und Unverständnis. Die Bauwageneinwohner leben nicht wie der Großteil der Stadtbewohner in eigenständigen Wohnungen oder Häusern, sondern „am Rande der Gesellschaft“ auf einem Grundstück zusammen. Oft befindet sich dieses entweder am Stadtrand oder in alternativen Szenevierteln. Laut dem Hamburger Wohnwagengesetz vom 25. Mai 1999 dürfen Bauwagen nicht dauerhaft bewohnt werden, sondern nur als Übergangslösung dienen7.

Im Folgenden werden Merkmale und Eigenschaften dargestellt, die den meisten Bauwa- genplätzen eigen sind. Als wichtiges Merkmal gilt eine kleine begrenzte Fläche, die gemein- schaftlich von Menschen und Tieren bewohnt und gepflegt wird und Pflanzen angebaut werden. Die Menschen leben dort ausökonomischen, politischen, sozialen undökologischen Gründen zusammen. Eine weitere wichtige Eigenschaft ist der schonende Umgang mit natürlichen Res- sourcen und Verbesserung der Ökobilanz. Auch für eine gemeinsame Abwasserentsorgung soll gesorgt sein. Aufkommende Probleme sozialer Art werden unter sich gelöst. Außerdem sollen Konflikte mit Akteuren von außen (Nachbarn, Staat) mit Hilfe des Sprecherrats einvernehmlich geklärt werden. Die Aufnahme neuer Mitglieder wird von der Gemeinschaft geregelt und läuft nach bestimmten Verfahren ab8.

2.1. Eläuterung der Heterotopien von Michel Foucault

Michel Foucault (1984 - 1926) war ein französischer Philosoph des Poststrukturalismus. Er erläutert in seinem Vortrag im “Cercle d’etudes architecturales” und in einem Radiointerview bei Radio France die Grundlagen der Heterotopien, der gesellschaftlichen Gegenorte, die er auch als „andre Räume“ bezeichnet. „Es handelt sich also um Orte, die auf Machtverhältnissen basie- ren, die ein Wissen produzieren, einsetzen und aktivieren, das dem Restraum fremd und unheim- lich ist.“9 Diese Räume stehen in Verbindung zu allen anderen Räumen, widersprechen ihnen aber. Foucault unterscheidet bei diesen Räumen zwischen Utopie und Heterotopie. Er schreibt über die Heterotopien in seinem Artikel „Von anderen Räumen“10. Die Utopien (aus griechischem - „ohne Ort“)11 sind idealisierte Vorstellungen von einer Gesellschaft, die nicht in der realen Welt existieren. “Es sind Orte, die in einem allgemeinen, direkten oder entgegengesetzten Analogieverhältnis zum realen Raum der Gesellschaft stehen. Sie sind entweder das vervollkommnete Bild oder das Gegenbild der Gesellschaft, aber in jedem Fall sind Utopien ihrem Wesen nach zutiefst irreale Räume.”12

Heterotopien im Gegensatz dazu sind reale Orte, die eine „verwirklichte Utopie“ darstel- len. Heterotopien existieren in unserer Gesellschaft und haben oft einen widersprüchlichen Cha- rakter.13 „Es gibt […]wirkliche Orte, wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hi- neingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Uto- pien, in denen die wirklichten Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind; gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte“14. Heterotopien sind realisierte Utopien, die mythisch und real den Raum bestreiten15. Beispiele für Heterotopien sind Alters- heime, Friedhöfe, Kinos, Museen, Bordelle und Psychiatrien. Sie können unwirklich erscheinen, in verschiedenen Zeiten existieren, eine Illusion oder Wunschvorstellung sein oder ebenso auch ein anderes Dimensionssystem besitzen.

Die Platzierung einer Heterotopie geschieht oft bewusst und kennzeichnet auch in Relati- on zu ihrer Umgebung die Gesellschaft, in der sie sich befindet. Eine wichtige Denkvorausset- zung der Heterotopie ist der Widerspruch zwischen äußeren Leitsätzen und inneren Grundüber- zeugungen und Werten16. Durch die Heterotopie werden auch konkurrierende Räume beschrie- ben, die ohne Ort nicht existent sind, aber durch ihn nicht eindeutig definiert werden.

In der Differenz zeigen sich diejenigen Kriterien, die Foucault in seinen Grundsätzen aufgelistet hat: kulturelle Relevanz, funktionale Veränderbarkeit, Integration von Unvereinbarem, Heterochronie, Öffnung/Abschließung sowie Illusion und Kompensation. Diese Eigenschaften machen die Heterotopie zum wirklichen Ort.

2.3. Die sechs Grundsätze der Heterotopie am Beispiel der Bambule

In diesem Abschnitt soll näher auf jeden Grundsatz der Heterotopie eingegangen sowie anhand. von diesen Grundsätzen der Bambule analysiert werden.

[...]


1 http://universal_lexikon.deacademic.com/169775/Heterotopie (Zugriff am 26.02.2013)

2 Hasse 2009: 15

3 Ausführliche Geschichte und Soziologie des Wohnens bietet Häßermann/Siebel 2000: 11ff.

4 Hall 1978: 3

5 Hasse 2009: 189

6 Laut Duden bedeutet Bambule: „in Form von Krawallen geäußerter Protest besonders von Häftlingen“ http://www.duden.de/rechtschreibung/Bambule (Zugriff am 26.02.2013)

7 „Wohnwagenstandplätze“ nur „befristet [...] als Übergangsplätze eingerichtet werden können, um Personen, die in Hamburg in Wohnwagen wohnen, bis zu ihrer Vermittlung in feste Wohnungen eine zeitweilige Unterbringung zu ermöglichen" (§ 2 Abs. 2 S. 1. des Wohnwagengesetzes)“.

8 Hasse 2009: 193

9 Chlada 2005: 85f

10 Foucault 1967

11 11http://www.duden.de/rechtschreibung/Utopie (Letzer Zugriff am 26.02.2013)

12 Ebd.: 935

13 Chlada 2005: 85f.

14 Foucault 1967: 935

15 Ebd.

16 Hasse 2009: 234

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Ortlos wohnen: Der Bauwagenplatz als Heterotopie
Hochschule
HafenCity Universität Hamburg
Veranstaltung
Kulturtheorie
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V272654
ISBN (eBook)
9783656648222
ISBN (Buch)
9783656648215
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ortlos, bauwagenplatz, heterotopie
Arbeit zitieren
Anna Korchagina (Autor), 2013, Ortlos wohnen: Der Bauwagenplatz als Heterotopie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272654

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