Affektive Störungen im literarischen Werk Georg Büchners am Beispiel der Werke "Woyzeck" und "Lenz"


Hausarbeit, 2013

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Psychische Erkrankungen im literarischen Werk Georg Büchners
2.1 Woyzeck
2.2 Lenz
2.3 Vergleichende Darstellung der Krankheitsbilder

3. Diagnostik aus moderner psychiatrischer Sichtweise

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit behandelt die Thematik der affektiven Störungen im literari- schen Werk Georg Büchners am Beispiel der Werke „Woyzeck“ und „Lenz“. Die beiden Hauptfiguren aus Büchners fragmentarischem Drama sowie seiner kurzen Novelle re- präsentieren deutlich psychisch erkrankte Menschen, die durch gesellschaftliche Unter- drückung oder soziale Dissoziation in den Wahnsinn getrieben werden. Am Beispiel der Figuren Woyzeck und Lenz soll gezeigt werden, wie die Thematik der Psychiatrie in Büchners Werken implementiert und literarisch umgesetzt ist. Dazu sol- len zunächst die beiden Figuren als psychisch Kranke dargestellt werden, woraufhin ein Vergleich der jeweiligen Symptomatik folgt. Ausgehend von der Tatsache, dass Woy- zeck und Lenz oft also bloße „Wahnsinnige“ charakterisiert werden, sollen im weiteren Verlauf Affekthandlungen sowie psychotisch verzerrte Wahrnehmungen der Hauptfigu- ren aus moderner psychiatrischer Sichtweise diagnostizierbar gemacht werden, sodass eine eindeutigere Erklärung für den psychischen Verfall von Woyzeck und Lenz geboten werden kann.

Anzumerken ist hierbei, dass der Deutungsversuch spezifischer affektiver Störungen lediglich auf literaturwissenschaftlichen Untersuchungen der Werke Georg Büchners basiert. Eine klinisch eindeutige Diagnose kann und soll daher nicht gestellt werden. Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Werke „Woyzeck“ und „Lenz“ unter dem Gesichts- punkt der Psychiatrie zu untersuchen und die Hauptfiguren dahingehend zu analysieren, wie sich psychische und insbesondere pychotische Erkrankungen bei ihnen auswirken.

2. Psychische Erkrankungen im literarischen Werk Georg Büchners

Die Werke „Woyzeck“ und „Lenz“ beschreiben sehr eindrucksvoll den psychischen Ver- fall zweier Hauptfiguren, die durch verschiedene Faktoren in den Wahnsinn getrieben werden. Dennoch ist Büchner nicht der erste Dichter, der die Thematik der Psychiatrie in seinem literarischen Stoff verarbeitet: „Die Romantik hatte zuerst psychische Grenz- zustände literarisch dargestellt [...], das Wirken des Unterbewussten in Träumen, die Verdrängung von Wunsch- und Angstvorstellungen, die Spiegelung seelischer Stim- mungen in Landschaftsbeschreibungen [...].“1 Büchner konzentriert sich bei der Bear- beitung von „Woyzeck“ und „Lenz“ auf historische Fälle, in denen tatsächlich von gleichnamigen Personen die Rede ist. Zum Einen bezieht er sich auf den historischen Johann Christian Woyzeck, der aus Eifersucht seine Geliebte umgebracht hat und zum Anderen auf Jakob Michael Reinhold Lenz, von dem durch überlieferte Quellen des Pfarrers Johann Friedrich Oberlin berichtet wird. Büchner konzipiert mit Hilfe der historischen Grundlagen das Drama „Woyzeck“ sowie die Novelle „Lenz“ und stellt dabei den Aspekt der affektiven Störungen noch deutlicher und realistischer hervor als er aus den historischen Quellen zu entnehmen ist. Im Folgenden soll daher auf die literarischen Figuren und ihre psychische Situation eingegangen werden.

2.1 Woyzeck

Woyzecks psychische Verfassung ist im gesamten Verlauf des Dramas als stark beeinträchtigt anzusehen. Als gesellschaftlich ausgebeuteter Soldat, der sich unter anderem Ernährungsexperimenten unterziehen muss, wird er zunehmend in den Wahnsinn getrieben. Fasst man die Ursachen für Woyzecks psychische Zerrüttung zusammen, ergibt sich eine Vielzahl an verflechteten Strukturen, denen Woyzeck unterliegt:

die Existenzangst, die ihn aufgrund seiner Situation als Pauper plagt, der entmenschende Drill, den das Militär ihm abverlangt, die Arbeitshetze, die aus seinen vielfachen Lohntätigkeiten resultiert, die physische Entkräftung und psychische Zerrüttung, die das Ernährungsexperiment bewirken, und schließlich der Schock, in den ihn die Mitteilung über die Untreue Maries versetzt2

Es wird deutlich, dass Woyzeck aufgrund seiner sozialen Stellung in einem ständigen Überlebenskampf agiert und zudem durch die allgegenwärtige Armut in einen Teufels- kreis gerät, der sich psychisch negativ auf ihn auswirkt. Bernhard Greiner beschreibt, dass ihn die Armut in die ununterbrochene Arbeit treibt und das Ernährungsexperiment und der damit verbundene physische Verfall den Wahnsinn Woyzecks auslösen.3 Woy- zeck leidet an Halluzinationen und Wahnvorstellungen; er fühlt sich schon zu Beginn des Dramas von nicht existierenden Umwelteinfüssen bedroht: „Es geht hinter mir, un- ter mir, hohl, hörst du? Alles hohl da unten. Die Freimaurer!“4 Schon hier wird der Realitätsverlust deutlich, dem er unterliegt. Hervorgerufen wird dies durch die menschenverachtende physische Ausbeutung durch den Doktor, der Woyzeck als rein medizinisches Versuchsobjekt behandelt. „Nebenwirkungen dieses Menschenversuchs sind die Halluzinationen, unter denen Woyzeck leidet.“5

Die beschriebenen Wahnvorstellungen steigern sich im Verlauf des Dramas, wenn er von der Untreue seiner Geliebten erfährt. Er steigert sich in Spekulationen hinein und wird letztlich von Mordfantasien überwältigt: „Immer zu! immer zu! Still Musik. He was, was sagt ihr? Lauter, lauter, stich, stich die Zickwölfin tot? stich, stich die Zick- wölfin tot. Soll ich? Muß ich? Hör ich‘s da auch, sagt‘s der Wind auch? Hör ich‘s im- mer, immer zu, stich zu, stich tot, tot.“6 An dieser Stelle wird erkennbar, dass Woyzeck gänzlich psychisch verwirrt ist und erneut Stimmen hört, die ihn dazu auffordern, seine Geliebte umzubringen.

Einen wesentlichen Beitrag zu Woyzecks psychischen Verfall leistet der Doktor. Bevor der „Wahnsinn“ eintritt, leidet Woyzeck zunächst an zunehmendem physischen Verfall, wie aus den Szenen H2, 7; H3, 1 und H4, 13 hervorgeht: „Woyzeck ist stark abgema- gert, zittert, leidet unter unregelmäßigem Puls, Schwindelanfällen und schneidenden Kopfschmerzen.“7 Ausgehend von diesen somatischen Beschwerden entwickelt sich zwangsläufig eine psychische Störung, die die Hauptfigur paranoid erscheinen lässt. Er fühlt sich verfolgt und bedroht. Dies wird zudem verstärkt durch „Dauerbelastungen wie Existenzangst, entmenschende[m] Drill und Arbeitshetze“.8 Woyzeck kann keinen Widerstand gegen Doktor und Hauptmann leisten; er kann sich nicht gegen die „Obrig- keit“ auflehnen, da er sein Leben sonst ganz aufgeben müsste. Seine Paranoia sowie die oft attackenartig einsetzenden Psychosen sorgen dafür, dass er sich nicht mehr unter Kontrolle hat und nicht mehr rational denken kann. Dies wird besonders dann deutlich, wenn er von Maries Untreue erfährt: „Durch den Schock, den ihm Maries Untreue ver- setzt, wird er über eine Grenzlinie gestoßen: Der Damm der Bewusstseinskontrolle bricht“9 und Woyzeck sticht seine Geliebte nun tatsächlich tot.

2.2 Lenz

So wie in Büchners „Woyzeck“, wird man auch in der Novelle „Lenz“ mit einer psy- chisch kranken Hauptfigur konfrontiert. Im Gegensatz zu Woyzeck ist sich Lenz seiner psychischen Verfassung bewusst: „Erzählt wird von der Melancholie des Dichters, der befürchtet, dem Wahnsinn zu verfallen, hin und her gerissen ist zwischen Hoffnung und Verzweiflung und schließlich in die Apathie versinkt.“10 Lenz‘ Handlungen sind im Ver- lauf der Novelle sehr affektgesteuert. Er leidet an Angstzuständen und immer wieder- kehrenden Gefühlsschwankungen; diese steigern sich zu einer emotionalen Überwälti- gung, wenn er während seines Aufenthalts bei Pfarrer Oberlin mehrmals panisch nach draußen rennt und sich in einen Brunnen stürzt: „Er mußte dann hinaus ins Freie, das wenige, durch die Nacht zerstreute Licht, wenn seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt waren, machte ihm besser, er stürzte sich in den Brunnen, die grelle Wirkung des Was- sers macht ihm besser, [...].“11

Am deutlichsten wird Lenz‘ psychische Krankheit jedoch schon im ersten Teil der Novelle. Er durchschreitet die Natur und beschreibt diese sehr expressiv. Seine Wahrnehmung der Umwelt wirkt psychotisch und irreal:

[...]; oder wenn [...] kleine Wölkchen auf silbernen Flügeln durchzogen und alle Berggipfel scharf und fest, weit über das Land hin glänzten und blitzten, riß es ihm in der Brust, er stand, keuchend, den Leib vorwärts gebogen, Augen und Mund weit offen, er meinte, er müsse den Sturm in sich ziehen, alles in sich fassen, er dehnte sich aus und lag über der Erde, er wühlte in das All hinein, es war eine Lust, die ihm wehe tat; [...]12

Schnell wird deutlich, dass sich Lenz von den ihn umgebenden Umwelteinflüssen ü- berwältigen lässt. Er verschmilzt geradezu mit der Natur als wäre er mit ihr eins. Diese Überwältigung endet in körperlicher Erschöpftheit und Resignation.

[...]


1 Ariane Martin: Georg Büchner. Stuttgart 2007. S. 228

2 Alfons Glück: Woyzeck. Ein Mensch als Objekt. In: Georg Büchner. Interpretationen. Stuttgart 1990b, S. 177-215.

3 Vgl. Bernhard Greiner: Handbuchartikel „Woyzeck“. S. 113

4 Pörnbacher, Schaub, Simm, Ziegler: Georg Büchner - Werke und Briefe. S. 220.

5 Ariane Martin: Georg Büchner. S. 201.

6 Pörnbacher, Schaub, Simm, Ziegler: Georg Büchner - Werke und Briefe. S. 229

7 Alfons Glück: Interpretationen. Georg Büchner. S. 199-200.

8 Ebd. S. 202.

9 Ebd. S. 202.

10 Ariane Martin: Georg Büchner. S. 211.

11 Pörnbacher, Schaub, Simm, Ziegler: Georg Büchner - Werke und Briefe. S. 140.

12 Ebd. S. 137.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Affektive Störungen im literarischen Werk Georg Büchners am Beispiel der Werke "Woyzeck" und "Lenz"
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Georg Büchner
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V272678
ISBN (eBook)
9783656648291
ISBN (Buch)
9783656648284
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
affektive, störungen, werk, georg, büchners, beispiel, werke, woyzeck, lenz
Arbeit zitieren
Kevin Salzmann (Autor), 2013, Affektive Störungen im literarischen Werk Georg Büchners am Beispiel der Werke "Woyzeck" und "Lenz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272678

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