John Rawls: Gerechtigkeit und Stabilität in pluralistischen Gesellschaften


Hausarbeit, 2004
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Einleitung

II. Gerechtigkeit und Stabilität in pluralistischen Gesellschaften
1. John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit
1.1. Grundlegendes
1.2. Der Urzustand
1.3. Die Gerechtigkeitsgrundsätze
2. Pluralismus und Stabilität bei John Rawls
2.1. Der vernünftige Pluralismus
2.1.1. Das Faktum des Pluralismus und das Faktum der Unterdrückung
2.1.2. Vernünftige Lehren und die Bürden des Urteilens
2.2. Stabilität angesichts des Pluralismus
2.2.1. Die Methode der Vermeidung
2.2.1. Der übergreifende Konsens
2.3. Legitimität von Entscheidungen

III. Schluss

IV. Literaturangabe

I. Einleitung

„Die Neuzeit beginnt mit gewaltigen geistigen Erschütterungen. Die Einheit der bisherigen Weltanschauung zerfällt“[1], bemerkt der Philosophieprofessor Wilhelm G. Jacobs zu den Beweggründen neuzeitlicher Philosophie. Tatsächlich zeichnen sich unsere modernen Gesellschaften durch eine Pluralität unterschiedlicher und teils unvereinbarer Ansichten aus.

Was bedeutet dieser Pluralismus für die politische Theorie? Was sind Gerechtigkeitskonzeptionen wert, wenn doch keinerlei Hoffnung darauf besteht, dass sie je übergreifende Anerkennung finden könnten? Wie ist politische Stabilität möglich, wenn die Bürger eines Staates ganz unterschiedlichen Lehren anhängen?

Der amerikanische Philosoph John Rawls hat mit seiner „Theorie der Gerechtigkeit“ eines der bedeutendsten Werke der politischen und moralischen Philosophie des 20. Jahrhunderts verfasst. Mit seinen neueren Arbeiten versucht er zu zeigen, wie seine Theorie „gegenüber Vertretern divergierender Konzeptionen des Guten gerechtfertigt werden kann“[2], und wie ein stabiler pluralistischer Staat existenzfähig ist.

Eben diese Frage nach Gerechtigkeit und Stabilität in pluralistischen Gesellschaften behandelt diese Hausarbeit. Dafür wird zunächst Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit in Grundzügen vorgestellt. Danach geht die Arbeit auf das Pluralismus-Problem ein, zeigt auf, wie Rawls es mittels der Idee eines „übergreifenden Konsens“ zu lösen versucht, und wann er politische Machtausübung für legitim hält. Zum Schluss wird Rawls’ Antwort auf das Faktum des Pluralismus kritisch hinterfragt.

II. Gerechtigkeit und Stabilität in pluralistischen Gesellschaften

1. John Rawls’ Theorie der Gerechtigkeit

1.1 Grundlegendes

Für John Rawls ist die Gerechtigkeit bei der Beurteilung von Regeln und Institutionen das Maß aller Dinge:

„Die Gerechtigkeit ist die erste Tugend sozialer Institutionen, so wie die Wahrheit bei Gedankensystemen. Eine noch so elegante und mit sparsamen Mitteln arbeitende Theorie muß fallengelassen oder abgeändert werden, wenn sie nicht wahr ist; ebenso müssen noch so gut funktionierende und wohlabgestimmte Gesetze und Institutionen abgeändert oder abgeschafft werden, wenn sie ungerecht sind.“[3]

In seinem Hauptwerk „A Theory of Justice“ von 1971 (deutsch: „Eine Theorie der Gerechtigkeit“) entwirft Rawls daher eine politische Gerechtigkeitskonzeption. Seine „Gerechtigkeit als Fairness“ genannte Konzeption ist, obgleich moralisch, eine politische Konzeption, insofern sie in ihrer Anwendung auf den Bereich des Politischen beschränkt ist – „Ihr Interesse zielt allein auf die [...] fundamentalen politischen, ökonomischen und sozialen Einrichtungen“[4], auf das, was Rawls die „Grundstruktur der Gesellschaft“ nennt.

Dieser Gerechtigkeitskonzeption liegt die Idee der Gesellschaft als ein System fairer Kooperation zum wechselseitigen Vorteil zugrunde.[5] Gesellschaftliche Zusammenarbeit liegt im gemeinsamen Interesse der Bürger. Die Frage nach der Verteilung der Güter, die aus dieser Zusammenarbeit entstehen (wozu neben materiellen Gütern auch „Rechte, Pflichten, Lebenschancen und die sozialen Grundlagen der Sicherheit und Selbstachtung“[6] gehören), führt jedoch zu Interessenskonflikten zwischen ihnen und bedingt daher eine Gerechtigkeitstheorie, die Verteilungsprinzipien formuliert und sie so begründet, dass die Bürger sie als gerecht anerkennen können.[7]

1.2 Der Urzustand

Damit Rawls’ Gerechtigkeitstheorie dem Anspruch genügt, dass sie die Bürger einer Gesellschaft als gerecht anerkennen können, rechtfertigt er sie kontraktualistisch, d.h. mit Hilfe eines hypothetischen Gesellschaftsvertrages. „Gerecht ist eine Gesellschaft demnach, wenn die sie tragenden Institutionen von Grundsätzen geleitet werden, die ihre Bürger selber frei für sie festlegen würden, faire Bedingungen der Freiheit und Gleichheit vorausgesetzt.“[8] Die fairen Bedingungen der Freiheit und Gleichheit, unter denen der Vertrag über die Grundstruktur der Gesellschaft geschlossen werden soll, erreicht Rawls durch seine Konstruktion des Urzustandes.

In diesem Urzustand versuchen freie und vernünftige Menschen aus einer vor-gesellschaftlichen Position heraus, die „Grundbedingungen ihrer Vereinigung [zu einer Gesellschaft] festzulegen.“[9] Nur eine Verfassung, auf die sie sich einstimmig einigen können, kann als gerecht gelten.

Der für den Urzustand geforderten Gleichheit der Menschen steht zunächst die Tatsache entgegen, dass Menschen von Natur aus unterschiedliche Fähigkeiten haben, die Stärkeren somit in einer besseren Verhandlungsposition sind als die Schwachen und nur dem zustimmen werden, was ihre natürlichen Vorteile festschreibt.[10] Um der Bedingung der Gleichheit dennoch gerecht zu werden, konstruiert Rawls den „Schleier des Nichtwissens“:

„Zu den wesentlichen Eigenschaften dieser Situation gehört, daß niemand seine Stellung in der Gesellschaft kennt, seine Klasse oder seinen Status, ebenso wenig sein Los bei der Verteilung natürlicher Gaben wie Intelligenz oder Körperkraft. Ich nehme sogar an, daß die Beteiligten ihre Vorstellungen vom Guten und ihre besonderen psychologischen Neigungen nicht kennen. Die Grundsätze der Gerechtigkeit werden hinter einem Schleier des Nichtwissens festgelegt.“[11]

Der Vertragsabschluss hinter dem Schleier des Nichtwissens ist vergleichbar mit einem Kuchen, von dem die Person, die die Stücke schneidet, nicht weiß, welches sie erhält.[12] So wird erreicht, dass jeder Vertragspartner daran interessiert ist, eine für alle gerechte Lösung zu finden.

1.3 Die Gerechtigkeitsgrundsätze

Wie eine für alle akzeptable Grundstruktur aussehen kann, hängt maßgeblich mit der Beschaffenheit des Urzustandes zusammen. Da sich die Vertragspartner hinter dem Schleier des Nichtwissens befinden, können sie die Verfassung nicht auf ihre persönliche Vorstellungen vom guten Leben zuschneiden. Sie müssen also eine Ordnung anstreben, die allen individuellen Lebensplänen die optimalen Voraussetzungen bietet.[13] Darüber hinaus führt der Schleier des Nichtwissens laut Rawls dazu, dass die Vertragspartner sich auf die Lösung einigen würden, die zu den bestmöglichen Lebensbedingungen für die am wenigsten Begünstigten der Gesellschaft führt. Denn nachdem keiner weiß, zu welcher sozialen Schicht er gehören wird, ist zu erwarten, dass nach der sogenannten „Maximin“-Regel[14] entschieden wird, dass also diejenige Grundordnung gewählt wird, die den worst case am erträglichsten macht.

[...]


[1] Jacobs, Wilhelm G.: Pluralismus und Wahrheit. Zu Beweggründen neuzeitlicher Philosophie. In: Plümacher, Regina (Hrsg.): Herausforderung Pluralismus. Festschrift für Hans Jörg Sandkühler. Frankfurt a.M., 2000. S.245.

[2] Hinsch, Wilfried, in der Einleitung zu: Rawls, John: Die Idee des politischen Liberalismus. Aufsätze 1978-1989. Frankfurt a.M., 1994. S.10.

[3] Rawls, John: Eine Theorie der Gerechtigkeit (i.f. “Rawls 1975“). Frankfurt am Main, 1975. S.19.

[4] Kersting, Wolfgang: John Rawls zur Einführung (i.f. „Kersting 2001“). Hamburg, 2001 (Neufassung). S.37.

[5] Siehe Rawls, John: Politischer Liberalismus (i.f. „Rawls 1998“). Frankfurt a.M., 1998. S.81.

[6] Kersting 2001, S.35.

[7] Siehe Kersting 2001, S.35.

[8] Hinsch, Wilfried: Eine realistische Utopie des Liberalismus. Zum Tod des Philosophen John Rawls am 24. November 2002 (i.f. „Hinsch 2003“). In: Politische Vierteljahresschrift, Vol. 44 (2003), Heft 2. S.141.

[9] Rawls 1975, S.140.

[10] Siehe Kymlicka, Will: Politische Philosophie heute: Eine Einführung (i.f. „Kymlicka 1997“). Frankfurt am Main, 1997. S.66.

[11] Rawls 1975, S.28.

[12] Siehe Kymlicka 1997, S.67.

[13] Siehe Kersting 2001, S.55 f.

[14] Zum Prinzip der Maximin-Regel siehe Kymlicka 1997, S.70 f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
John Rawls: Gerechtigkeit und Stabilität in pluralistischen Gesellschaften
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut (GSI))
Veranstaltung
Übung Politische Theorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
16
Katalognummer
V27272
ISBN (eBook)
9783638293631
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John, Rawls, Gerechtigkeit, Stabilität, Gesellschaften, Politische, Theorie
Arbeit zitieren
Martin Stephan Hagen (Autor), 2004, John Rawls: Gerechtigkeit und Stabilität in pluralistischen Gesellschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27272

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