Gewalt im Großen Terror


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

8 Seiten, Note: Sehr gut (1,0)


Leseprobe

Gewalt im Großen Terror

3. Essay

Wer zum ersten Mal in die Literatur zum Großen Terror in der Sowjetunion 1937/38 hineinliest, mag sich wundern. Die großen Fragen nämlich, die zu erwar- ten wären, etwa: „Was habe ich mir unter dem Terror vorzustellen?” und dann: „Wie war der Terror möglich?”1 - diese Fragen geraten häufig aus dem Blickfeld. Stattdessen ist viel vom „Terror von oben” und solchem „von unten” die Rede, davon also, wie groß oder klein der Anteil Stalins am Terror war, ob dieser zen- tral geplant wurde oder die Menschen spontan übereinander herfielen.2

Diese Fragen tragen sicherlich zum Verständnis des Terrors bei. Aber sie tra- gen eben nur dazu bei und können allein nicht den Schlüssel zum Verständnis lie- fern. Ohnehin ist klar, dass es diesen einen Schlüssel, diese eine Ursache des sta- linistischen Terrors, nicht gegeben hat. Dennoch vereinfachende Erklärungen prä- sentieren zu wollen, bleibt eine verständliche Versuchung angesichts der Komple- xität des Gegenstandes. So hat der Historiker mit der Sowjetunion den einst größ- ten Staat der Erde als Untersuchungsgebiet vor sich, sieht sich konfrontiert mit Opferzahlen in Millionenhöhe und mit mannigfaltigen Zuständigkeiten, lokalen Eigenmächtigkeiten, mangelnder Infrastruktur, kurz: mit chaotischen Zuständen. Sie (und die noch immer beschränkte Zugängigkeit der Archive) lassen die Be- schäftigung mit Stalins Anweisungen und Andeutungen, überhaupt die Beschäftigung mit der Moskauer Zentrale, vergleichsweise attraktiv erscheinen. Hier läßt sich der Terror abstrakter behandeln.3

Die zentrale Frage aber bleibt, wie bereits erwähnt: „Wie war der Terror mög- lich?” Der Weg zu einer Antwort führt über die zweite Frage, die wir oben schon gestellt haben, nämlich: „Wie sah der Terror im Alltag aus?” Als Gegengewicht zu den abstrakteren Fragen politischer Entscheidungen ist diese Frage unerläss- lich, bewahrt sie doch vor der Gefahr, angesichts der gewaltigen Dimensionen die Waffen des Historikers zu strecken - vielleicht gäbe es schon mehr Untersuchun- gen zum Alltag des Terrors, hätte er in kleinerem Maßstab stattgefunden.

Die Beschäftigung mit der Gewalt, die die Menschen im Terror auf lokaler Ebene einander antaten, bewahrt außerdem davor, sich die abstraktere Sicht der Moskauer Führung zu eigen zu machen, die die Opfer wenn nicht ausschließlich, so doch überwiegend in Form von Erschießungslisten und Volksfeinde-Kontin- genten der einzelnen Republiken wahrnahm. Die Frage nach der konkreten Ge- walt macht dann auch, so hat Stefan Plaggenborg betont, den eingangs erwähnten Streit um Terror „von oben” oder „von unten” müßig.4 Die Forschungen zum an- deren großen Gewaltregime des 20. Jahrhunderts, dem Nationalsozialismus, ha- ben gezeigt, dass „oben” und „unten” immer aufeinander angewiesen bleiben. Ohne Anstachelung oder zumindest Legitimierung von oben kann die Gewalt un- ten nicht solche Ausmaße annehmen. Und ohne die grundsätzliche Bereitschaft unten, Gewalt auszuüben, können die Impulse von oben keine Wirkung zeigen. Stalin radikalisierte die Auseinandersetzung. Aber der Ursprung der Gewalt war er nicht.5

Bei allen Unterschieden zeigt sich hier doch eine grundsätzliche Parallele zwi- schen Stalinismus und Nationalsozialismus. Und auch die eine Frage der Nachle- benden ist in beiden Fällen die gleiche: Warum regte sich unten so wenig Widerstand?

Um das Verhalten der Menschen im Falle des Stalinismus verständlich zu ma- chen, ist mehr nötig als die großmaßstäbliche Hochrechnung von Verhaftungen und Erschießungen. Nicht solche im Nachhinein errechneten Zahlen bestimmten die Wahrnehmung der Menschen in der Sowjetunion. Entscheidend ist, in welcher Form ihnen der Terror im Alltag begegnete. Gerd Koenen gibt eine Vorstellung, wie diese Wahrnehmung ausgesehen haben könnte:

„Die Menschenjagd vollzog sich in furchtbarer Stille, meist nachts. Aber auch tagsüber fuhren die „Raben”, die schwarzen Gefängniswagen, durch die Straßen. Die Menschen versuchten nicht hinzuschauen. Über die Verhafteten sprach man nicht, so als hätte es sie nie gegeben. Und niemand konnte und durfte wissen, wie viele es waren.”6

Man mag den Einwand erheben, dass allzu atmosphärische Schilderungen der nötigen Distanz zum historischen Gegenstand abträglich sein. Aber gerade im Stalinismus als einer Zeit, die immer wieder als von „Wahn” und Schizophrenie gekennzeichnet beschrieben wird,7 ist die so schwierige Frage nach der Stimmung in der Bevölkerung grundlegend.

In den letzten Jahren ist eine Reihe von Untersuchungen erschienen, die sich der Wahrnehmung des Terrors in der Bevölkerung angenommen haben. Insbeson- dere das Bild der Opfer des Terrors ist dadurch detaillierter geworden. In der De- batte um „oben” und „unten” ging es noch vornehmlich darum, ob nur die Eliten oder breite Volksschichten dem Terror zum Opfer fielen. Die „skandalöse” (Ste- fan Plaggenborg) These Robert Thurstons, die allermeisten Menschen hätten vom Terror überhaupt nichts gemerkt, kann mittlerweile als widerlegt gelten.8 Stattdes- sen wird eine Kontinuität der Gewaltanwendung gerade gegen soziale Unter- schichten deutlich, die dem „Großen Terror” etwas von seiner Isoliertheit und da- mit von seiner Unfassbarkeit nimmt.

[...]


1 „What made this all possible?” fragen auch J. Arch Getty und Oleg V. Naumov, The Road to Terror. Stalin and the Self-Destruction of the Bolsheviks, 1932-1939, New Haven/London 1999, 571.

2 Vgl. zusammenfassend Dietrich Beyrau, Petrograd, 25. Oktober 1917. Die russische Revolution und der Aufstieg des Kommunismus, München 2001, 167.

3 Wenngleich viele führende Bolschewiki zugleich Praktiker der Gewalt waren, vgl. Beyrau, Petrograd (wie Fn.2), 170.

4 Stefan Plaggenborg, Stalinismus als Gewaltgeschichte, in: Ders. (Hg.), Stalinismus. Neue Forschungen und Konzepte, Berlin 1997, 71-112, 77.

5 Ders., Gewalt im Stalinismus. Skizzen zu einer Tätergeschichte, in: Manfred Hildermeier (Hg.), Stalinismus vor dem Zweiten Weltkrieg. Neue Wege der Forschung, München 1998, 193-208, 206.

6 Gerd Koenen, Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus?, Berlin[2] 1999, 243 f.; zum Versuch, den Terror zu ignorieren siehe auch Catherine Merridale, Steinerne Nächte. Leiden und Sterben in Russland, Mün- chen 2001, 270.

7 Vgl. Beyrau, Petrograd (wie Fn.2), 166; Koenen, Utopie (wie Fn.6), 241.

8 Robert W. Thurston, Life and Terror in Stalin´s Russia, 1934-1941, New Haven/London 1996, 232; dazu Stefan Plaggenborg, in: Hildermeier (wie Fn.5), 196.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Gewalt im Großen Terror
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar: Gewalt und Terror in der frühen Sowjetunion 1917-1953
Note
Sehr gut (1,0)
Autor
Jahr
2003
Seiten
8
Katalognummer
V27286
ISBN (eBook)
9783638293730
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Einer von insgesamt drei Essays zu einem Hauptseminar über "Gewalt und Terror in der frühen Sowjetunion 1917-1953".
Schlagworte
Gewalt, Großen, Terror, Hauptseminar, Sowjetunion
Arbeit zitieren
Hans-Joachim Frölich (Autor), 2003, Gewalt im Großen Terror, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27286

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