Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der ‚schönen Zigeunerin’ in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts. Auffallend ist, dass die deutschen Autoren fast keine rein sinnlichen,
verführerischen Zigeunerinnen geschaffen haben, wie das beispielsweise in der französischen Literatur der Fall ist. Von einigen Ausnahmen abgesehen handelt es sich bei den ‚schönen Zigeunerinnen’ der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts größtenteils um unerfahrene Zigeunerkinder, meist auf der Schwelle zum Erwachsenwerden. Als Musterbeispiel für die Figur der ‚schönen Zigeunerin’ in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts gilt meistens Goethes Mignon. Die Arbeit konzentriert sich sowohl auf Mignon selbst wie auch
auf zwei durch sie angeregte Figuren. Zum einen handelt es sich hier um die Figur der Erwine aus Joseph von Eichendorffs Roman 'Ahnung und Gegenwart', zum anderen um die spanische Tänzerin Emanuela aus E.T.A. Hoffmanns Erzählung 'Der Zusammenhang der Dinge'.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
1. Die Zigeuner in der Literatur des 19. Jahrhunderts
2. Mignon als Urbild vom ‚schönen Zigeunerkind’
II. Mignon und die ‚schöne Zigeunerin’ des 19. Jahrhunderts
1. Mignon
1.1. Forschungsstand und Quellen
1.1.1. Forschungsstand
1.1.1.1. Die ‚Bildungsroman’-Interpretationstradition
1.1.1.2. Die Tradition der Romantik
1.1.2. Mögliche Quellen von Goethes Mignonfigur
1.2. Mignon in Wilhelm Meisters Lehrjahre
1.2.1. Äußere Merkmale: Name, Erscheinungsbild und Herkunft
1.2.2. Mignons Wesen: seltsam und naturverbunden
1.2.2.1. ‚Hier ist das Rätsel’: Mignons wunderliche und rätselhafte Art
1.2.2.2. ‚Naturhaftigkeit & Ursprünglichkeit’ im Gegenspiel zu ‚Künstlichkeit und Rationalität’
1.2.3. Mignon als Künstlerin
1.2.3.1. Mignons Eiertanz: mechanisches Artistenkunststück oder Ausdruck ihres Seelenlebens?
1.2.3.2. Gesang
1.2.4. Mignons Verhältnis zu den ‚Anderen’
1.2.4.1. Mignon und Felix
1.2.4.2. Mignon und Wilhelm
1.2.5. Mignons rätselhaftes Schicksal
1.2.6. Bedeutung der Mignonfigur im Roman
1.3. Fazit: Mignon als Zigeunerfigur
2. Erwine
2.1. Forschungsstand und Quellen
2.2. Erwine in Ahnung und Gegenwart
2.2.1. Äußere Merkmale: Name, Erscheinungsbild und Herkunft
2.2.2. Erwines Wesen: sonderbar und naturverbunden
2.2.2.1. „Eine wunderbare Laute aus alter Zeit, die jetzt niemand mehr zu spielen versteht“
2.2.2.2. ‚Naturverbundenheit & Freiheit’ im Gegenspiel zu ‚Rationalität & Einsamkeit’
2.2.3. Erwine als Künstlerin
2.2.3.1. Gesang
2.2.3.2. Schreiben
2.2.4. Erwines Verhältnis zu den ‚Anderen’
2.2.5. Erwines rätselhaftes Schicksal
2.2.6. Bedeutung von Erwine im Roman
2.3. Fazit
2.3.1. Erwine und Mignon
2.3.2. Erwine als ‚schöne Zigeunerin’
3. Emanuela
3.1. Forschungsstand und Quellen
3.2. Emanuela in Der Zusammenhang der Dinge
3.2.1. Äußere Merkmale: Name, Erscheinungsbild und Herkunft
3.2.2. Emanuelas Wesen: realitätsnahe und verantwortungsbewusst
3.2.3. Emanuela als Künstlerin
3.2.3.1. Eiertanz: Virtuoses Artistenkunststück
3.2.3.2. Gesang als Ausdruck der Sehnsucht
3.2.4. Emanuelas Verhältnis zu den ‚Anderen’
3.2.5. Emanuelas Schicksal
3.2.6. Bedeutung von Emanuela in der Erzählung
3.3. Fazit
3.3.1. Emanuela und Mignon
3.3.2. Emanuela als ‚schöne Zigeunerin’
III. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Magisterarbeit untersucht die literarische Figur der ‚schönen Zigeunerin’ in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts. Ziel ist es, anhand einer detaillierten Analyse von Goethes Mignon als Urbild sowie zwei weiteren, durch sie beeinflussten Figuren – Erwine aus Joseph von Eichendorffs „Ahnung und Gegenwart“ und Emanuela aus E.T.A. Hoffmanns „Der Zusammenhang der Dinge“ – aufzuzeigen, wie zigeunerhafte Merkmale zur Charakterisierung genutzt wurden. Dabei steht die Frage im Zentrum, warum diese Figuren als Vorbilder für das Motiv dienen und wie sie in das Spannungsfeld zwischen Naturhaftigkeit und bürgerlicher Zivilisation eingebettet sind.
- Analyse der Mignonfigur als zentrales Urbild und ihre Funktion im „Wilhelm Meister“.
- Vergleichende Untersuchung der Imitationsfiguren Erwine und Emanuela hinsichtlich ihrer „zigeunerhaften“ Eigenschaften.
- Untersuchung des Motivs des „Kinderraubs“ und der Heimatlosigkeit als Zigeuner-Referenzen.
- Kritische Auseinandersetzung mit den Begriffen „Naturpoesie“ versus „Zivilisation“ im 19. Jahrhundert.
- Herausarbeitung der gemeinsamen Motive von Sehnsucht, unglücklicher Leidenschaft und rätselhaftem Schicksal.
Auszug aus dem Buch
1.2.6. Bedeutung der Mignonfigur im Roman
Mignon kann als erste Phase von Wilhelms Bildungsweg betrachtet werden. Hier handelt es sich um eine lange Phase der Leidenschaft, der Hingabe und des Schmerzes. Wilhelm gelingt es – mit Irrwegen – diese Phase zu überwinden, doch bei Mignon, die mit diesem Stadium gewissermaßen identisch ist, kann die Gefahr der Selbstzerstörung nicht gebannt werden. Hellmut Ammerlahn behauptet: „[…] ohne Wilhelm gäbe es keine Mignon, ohne Wilhelm ist Mignon […] überhaupt nicht zu erfassen“, folglich kann man Mignon nur in Zusammenhang mit Wilhelm verstehen. Auch William Gilby vertritt die Meinung, dass Mignon in allem was sie repräsentiert – sei es eine dämonische, irrationale Kraft, die Welt der Kunst oder auch romantische Sehnsucht – nur das reflektiert, was in Wilhelm existiert. Durch Mignon werden somit Wilhelms Sehnsüchte, seine Unzufriedenheit sowie die Untertöne in seiner Seele symbolisiert.
Folglich ist es eine der Hauptfunktionen Mignons im Roman, symbolisch die „zu- und abnehmenden Tendenzen in Wilhelms Innenwelt“ zu repräsentieren. Sie verkörpert die Entwicklung seiner misslichen Lage und als eine Art Fenster zu seiner Seele ermöglicht sie es dem Leser zu sehen, wie Wilhelm sich schließlich aus dieser Lage herauszieht. Mignon verkörpert somit „alles, was Wilhelm zur Flucht ins Innere und Ferne, zu Hingabe und Heimweh, ins Reich unbedingter Phantasie und Poesie treibt“.
Während Mignon auf der symbolischen Ebene Wilhelms Innenleben widerspiegelt, so zeigt sich an ihr auf einer anderen Ebene, wie äußerliche, sozialisierende Kräfte die Entwicklung hemmen können. Im Laufe des Romans erfährt der Leser, wie Mignons natürliche Entwicklung gehemmt wurde: Durch Mitglieder ihrer eigenen Familie, durch die Kirche und durch die Gesellschaft im Allgemeinen. William Gilby sieht sie als das unschuldige Opfer von fehlgeleitetem Glauben und Haltungen, welche nicht mit den Naturgesetzen harmonieren. Somit verbildlicht Mignon auf der realistischen Ebene u.a., wie sozialisierende Kräfte die natürliche Entwicklung so sehr deformieren können, dass die Gesamtverwirklichung eines angeborenen Potenzials unmöglich gemacht wird. Des Weiteren ist Mignon der Faden, mit dem die symbolische und die realistische Ebene des Romans miteinander verbunden werden.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Dieses Kapitel erläutert die kulturelle Konstruktion von Zigeunerbildern im 19. Jahrhundert und führt in die Thematik der Zigeunerromantik ein.
II. Mignon und die ‚schöne Zigeunerin’ des 19. Jahrhunderts: Dieser Hauptteil analysiert detailliert die Figur der Mignon bei Goethe, der Erwine bei Eichendorff und der Emanuela bei E.T.A. Hoffmann hinsichtlich ihrer Wesenszüge, ihrer künstlerischen Begabung und ihrer Funktion als „Zigeunerfigur“.
III. Schluss: Der Schlussteil fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Bedeutung der untersuchten Figuren als zentrales Motiv der Literatur des 19. Jahrhunderts.
Schlüsselwörter
Mignon, Erwine, Emanuela, Zigeunerfigur, Zigeunerromantik, Literatur des 19. Jahrhunderts, Naturpoesie, Wilhelm Meisters Lehrjahre, Ahnung und Gegenwart, Der Zusammenhang der Dinge, Sehnsucht, Fremdbild, Kindesraub, Identität, Zivilisationskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die literarische Figur der ‚schönen Zigeunerin’ im 19. Jahrhundert, wobei Goethes Mignon als zentrales Urbild für nachfolgende Figuren dient.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Konstruktion von Fremdbildern, die Idealisierung von „Naturpoesie“, die Bedeutung von Kunst als Ausdruck von Innerlichkeit sowie die gesellschaftliche Ausgrenzung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Es soll nachgewiesen werden, inwiefern Mignon als Vorbild für eine Reihe von „zigeunerähnlichen“ Mädchenfiguren in der Romantik und im Realismus fungiert und welche Merkmale diese Figuren teilen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Motiv- und Charakteranalyse, die den Forschungsstand einbezieht und die Figuren durch einen direkten Vergleich miteinander kontrastiert.
Welche Inhalte werden im Hauptteil schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Analyseschritte, in denen jeweils Mignon, Erwine und Emanuela auf ihre äußeren Merkmale, ihr Wesen, ihre künstlerischen Begabungen sowie ihr Verhältnis zu ihrer Umwelt hin untersucht werden.
Welche Schlüsselbegriffe definieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Zigeunerromantik“, „Naturkind“, „Sehnsucht“, „gesellschaftliche Entfremdung“ und „künstlerisches Genie“ bestimmt.
Warum gilt Mignon trotz ihrer Herkunft als Zigeuner-Urbild?
Obwohl Mignon eine italienische Grafentochter ist, weist sie zahlreiche Merkmale auf, die der zeitgenössischen Vorstellung von Zigeunern entsprachen: Heimatlosigkeit, der Zwang zum Umherziehen, ein „exotisches“ Aussehen und die Ablehnung bürgerlicher Konventionen.
Worin unterscheiden sich Erwine und Emanuela von Mignon?
Während Mignon das „Unirdische“ und „Rätselhafte“ verkörpert, zeichnet sich Erwine stärker durch ihre Verbindung zur Natur aus, während Emanuela realitätsnäher und weniger „ausgegrenzt“ als die beiden anderen Figuren dargestellt wird.
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- Sylvie Langehegermann (Author), 2007, Die 'schöne Zigeunerin'. Goethes Mignon als Urbild einer literarischen Figur des 19. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272898