Religion und die "versteckte" Religionskritik in Eckhard Henscheids "Die Mätresse des Bischofs"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
25 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

Einleitung: Als der »Schwachsinn« das Laufen lernte

1. Einführung in den Roman »Die Mätresse des Bischofs«
1.1. Von falschen Versprechungen und fehlender Religiosität – der Romantitel
1.2. Die Iberer-Brüder

2. Religion & religiöse Motive im Roman
2.1. Das k atholische Dünklingen & der unzuverlässige Agnostiker Landsherr
2.2. Sexualität, Obsession & Religion – die Funktion der Iberer-Brüder

3. Die versteckte Religionskritik – die Anekdoten vom Marquis und Erzbischof

Schluss: Ein sinnloser Roman voller Sinn

Literatur

Einleitung: Als der »Schwachsinn« das Laufen lernte

»Der Mensch steht unter dem Affen, eben deswegen, weil er die Sprache hat.«

Ludwig Tieck, William Lovell

Eckhard Henscheids knapp 1.000-seitige »Trilogie des laufenden Schwachsinns« wurde bis heute 400.000 Mal gedruckt. In Anbetracht dieses Erfolges stellt sich die Frage, warum kaufen und lesen so viele Menschen eine Trilogie, die vom Autor selbst als »schwachsinnig« betitelt wird?

In der Sekundärliteratur fanden und finden Henscheids Werke bisher eher wenig Beachtung, was vielleicht auch daran liegen mag, dass ihn einst der Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki einen „Idioten“ nannte und sich an Henscheids Werken die Geister scheiden, obwohl er als virtuoser Sprachjongleur gilt, der „seine ganz eigene saukomische Sprache gefunden hat, in der hoher Ton und niedere Beweggründe munter Trampolin springen“ (vgl. KUBITZA 2011).

Im Zentrum dieser Arbeit steht nicht die komplette »Trilogie des laufenden Schwachsinns«, sondern der „psychologische“ Roman »Die Mätresse des Bischofs«, explizit die Rolle der Religion und die versteckte Religionskritik im Roman.

»Die Mätresse des Bischofs« schließt die Trilogie des Schwachsinns ab, auch wenn Henscheid in seiner 1.000-seitigen Trilogie nur wenig Handlung und Wesentliches bietet, scheint es dem Anschein halber im Roman mit den Themen Religion und Sex um durchaus kontroverse Themen zu gehen und die Erwartungshaltung an den Miterfinder des Satiremagazins Titanic in puncto Religionskritik und einem satirischen Umgang mit den Themen Religion und Sex ist verständlicherweise hoch.

Im ersten Teil der Arbeit wird diese hohe Erwartungshaltung als Maßstab genommen und in den Roman eingeführt. In Form einer Analyse des Romantitels und den damit einhergehenden falschen Versprechungen Henscheids und der fehlenden Religiosität des Titels, die mit dem Inhalt des Werkes kontrastiert, erfolgt eine Einordnung der Iberer-Brüder, um die es eigentlich im Roman geht.

Im zweiten Teil der Arbeit stehen die religiösen Motive und Religion im Fokus, die anhand des fiktiven Ortes Dünklingen und der Figur Siegmund Landsherr exemplarisch untersucht werden sowie die (religiöse) Funktion der Iberer-Brüder.

Im letzten Teil erfolgt eine Interpretation der versteckten Religionskritik, um in den abschließenden Bemerkungen dem sinnlosen Roman einen Sinn abzugewinnen, der für die Literaturwissenschaft, den Leser und die Gesellschaft relevant sein könnte.

1. Einführung in den Roman »Die Mätresse des Bischofs«

1.1. Von falschen Versprechungen und fehlender Religiosität – der Romantitel

Der Titel von Eckhard Henscheids Roman Die Mätresse des Bischofs führt den Leser bereits vor der Lektüre in die Irre. Henscheid suggeriert dem Leser mit seinem Romantitel, es ginge um einen Bischof und eine Mätresse, also um die Themen Religion und Sex, aber Henscheid – als homodiegetischer Erzähler des Romans, der den Leser zusammen mit seinem Ich-Erzähler Siegmund Landsherr in die erzählte Welt des Kleinstadtkaffs Dünklingen entführt – nutzt zu Beginn des Romans die Möglichkeit, um seine Titelwahl zu erklären und eine Lesertäuschung einzuräumen:

„Einzugestehen ist hier nämlich fürs erste eine grobe, feiste Lüge, eine glänzende und gleißende Lesertäuschung. Denn keineswegs von einer »Mätresse des Bischofs« handelt mein Buch [...] sondern tatsächlich und jetzt ohne Flunkerei von der Beobachtung, Beschreibung und Ausdeutung zweier älterer Brüder, trostlos oder, je nachdem, tröstlich häßlichen sogar, und wen sollen diese beiden Iberer-Brüder schon groß interessieren?“ (HENSCHEID 2010, 8).

Die Glaubwürdigkeit der Diegese wird von Anfang an untergraben und die Frage, wen so etwas interessiert, ist durchaus berechtigt, denn in Wahrheit handelt der Roman weder von einem Bischof noch von einer Mätresse. Statt einer nackten Frau, die mit einem Bischof das Bett teilt, und einer ordentlichen Portion Sex bekommt der Leser zwei langweilige und asexuelle Brüder aufgetischt, die noch bei ihrer Mutter wohnen und die abwechselnd in einer metafiktionalen Erzählweise durch den Erzähler (Henscheid) und den Ich-Erzähler Siegmund Landsherr beobachtet, beschrieben und deren Verhalten interpretiert wird, ohne dass der Leser so recht unterscheiden kann, ob jetzt Henscheid oder Landsherr das Zepter in der Hand hält. Hinzukommt, dass die Iberer-Brüder als Lust- und Sexobjekte stilisiert werden, was die Brüder zweifelsohne nicht sind, aber der Erzähler Henscheid und Landsherr durchaus dem Leser zu suggerieren versuchen. Dieser Stil ist zurückzuführen auf „eine durchgehend bei Henscheid zu findende Technik, die mit üblicherweise für spektakuläre Anlässe reserviertem dramatisierenden Vokabular geringfügigste Gegebenheiten als Sensation ausgibt“ (vgl. KRONAUER 1990, 13).

Der Leser muss sich dementsprechend in Die Mätresse des Bischofs auf einen beobachtenden Erzähler verlassen, dessen Glaubwürdigkeit und Authentizität gleich zu Beginn des Romans durch Henscheid selbst torpediert und untergraben wird.

So räumt Henscheid weiter ein:

„Tatsächlich spielt der Bischof in meinem psychologischen Roman nicht die geringste Rolle, mal abgesehen davon, daß wir letzten Endes doch alle mehr oder weniger Opfer des Klerus sind und seines mörderischen Menschen- und Seelenverschleißes, der mich wohl auch auf die Brüder leitete“ (HENSCHEID 2010, 9).

Die Themen Religion und Sex spielen zwar in abgewandelter Form eine zentrale Rolle im Roman, aber nicht so wie es der Titel dem Leser weißmachen will. Henscheid bezeichnet diesen literarischen Kunstgriff als „Sexualtrick“ und als „Kauflockmittel“, mit dem er möglichst viele Leser anlocken wollte bzw. möglichst eine Million Leser aufklären möchte (vgl. ebd., 9). Wer jedoch eine aufklärerische Religionskritik oder auf eine tiefergreifende Erläuterung hofft, warum wir alle „Opfer des Klerus“ sind oder Religion zu einem „mörderischen Menschen- und Seelenverschleiß“ beiträgt, der sieht sich mit einer weiteren Lesertäuschung konfrontiert, die der reißerische Titel zwar ankündigt, die der Autor aber nicht liefert – zumindest nicht direkt.

Der Titel »Die Mätresse des Bischofs« weist allerdings auf die antithetischen Paarungen hin, die im Roman relevant sind:

„Die »Mätresse« ist zweigeteilt in Roman und Tagebuch. Diese Großstruktur kennzeichnet die durchgehend antithetische Anlage des Werks, das unter der Barock »Regel des Gegensatzes« steht, angefangen beim Titel, angefangen beim Schauplatz Dünklingen, dessen Form zwischen Ei und Kreis schwebt, eine Ellipse, mit zwei Brennpunkten also. In seinen Stadtmauern liegen die beiden Versammlungsorte »Café Aschenbrenner« und die Gaststätte »Zum Paradies« einander pragmatisch gegenüber. Neben dem »Aschenbrenner«, in der Mitte des Städtchens, ragt die Stadtpfarrkirche »St. Gangolf«, deren Himmelsdeckenfresko einst als Randfigur Hitler zugefügt wurde“ (KRONAUER 1990, 9).

Der Gegensatz, dass ein Bischof, trotz seines Zölibats, mit einer Mätresse das Bett teilt bzw. überhaupt eine Mätresse haben könnte, wird bei Henscheid leider nicht thematisiert. Vielmehr kündigt der Titel die antithetische Anlage des Werkes an, so steht der »Bischof« einerseits für die sexuelle Enthaltsamkeit und ablehnende Haltung des Ich-Erzählers Landsherr in Bezug auf die eigene Sexualität, andererseits steht der Titel generell für die Paarung Sexualität (Mätresse) und Geschlechtslosigkeit bzw. Enthaltsamkeit (Bischof). »Bischof« und »Mätresse« müssen dementsprechend metaphorisch interpretiert und auf den Inhalt adaptiert werden. Das Religiöse, das zwangsläufig mit einem »Bischof« assoziiert wird , setzt Henscheid in seinem Roman ein, um dem etablierten Katholizismus mit der »Mätresse« eine Ersatz-Obsession entgegenzustellen, die auch wie eine Ersatz-Religion anmutet, wobei die »Mätresse« gleichbedeutend mit den Iberer-Brüdern im Roman ist. Auf diese Weise fungiert der Titel des Romans bereits als eine Art Religionskritik, die durch den vermeintlichen Agnostiker Siegmund Landsherr und dessen Obsession der Iberer-Brüder, den Katholizismus persifliert und karikiert, indem Landsherr die Lücke mit den Iberer-Brüdern zu füllen versucht, die dessen Abkehr von der eigenen Religion hinterlassen hat.

Die Suche des Menschen (und des Siegmund Landsherr) nach einem übergeordneten Sinn des Lebens ist ein zentrales Thema im Roman und gleich der erste Satz weist ebenfalls auf dieses Motiv hin.

„Es ist ja nun wirklich die große Frage, ob der Sinn des Lebens, das Glück dieser Erde eher in der Betrachtung und in der Besitznahme einer nackten Frau besteht oder vielmehr in der jahrelangen und zähen Beobachtung zweier älterer Brüder, noch dazu fremder [...]“ (HENSCHEID 2010, 7).

Der Roman thematisiert eine doppelte Abkehr, einerseits von der Sexualität und andererseits von der Religion bzw. die Ersetzung der Religion/Sexualität durch eine Ersatz-Religion bzw. Ersatz-Obsession. Die Sinnhaftigkeit des Lebens ist ein zentraler Konflikt im Roman, der auch zwischen dem Leser und dem Inhalt aufkeimt, denn der Roman bzw. die Handlung entbehrt jeder Sinnhaftigkeit, aber der Leser verlangt nach einem Sinn. Auf die Enttäuschung des irreführenden Titels folgen somit weitere Enttäuschungen, die nicht beim Titel enden.

„Der Titel – er ist also nichts als eine Vignette, Tribut an die leidig ennuyierende Sexualsucht unserer modischen Druckproduktion und diese zugleich bitter decouvrierend“ (ebd., 9).

Der Erzähler Henscheid und Landsherr empfinden die Sexualsucht als langweilig und ermüdend. Ihre Absicht ist es, dem Leser diesen wahren Charakter der Sexualität vor Augen zu führen, wobei nicht ganz klar ist, inwieweit Sexualität und Religion hier voneinander abgrenzbar sind, da die Kritik an der Sexualsucht durchaus mit der Abkehr vom Katholizismus gleichgesetzt werden könnte, da beides vom Menschen mit glühender Leidenschaft praktiziert wird und sich auch Landsherr im Roman nicht nur von seiner Religion sondern auch von seiner Ehefrau abwendet.

Der Titel birgt also einen ersten Ansatz für die Interpretation des Romans, deshalb werde ich auf diesen Aspekt im zweiten Teil dieser Arbeit noch einmal detaillierter eingehen.

1.2. Die Iberer-Brüder

Henscheid versteht es in »Die Mätresse des Bischofs« nicht nur zwei literarisch uninteressante Brüder in den Mittelpunkt seines Romans zu stellen, auch der triviale Inhalt des Romans kontrastiert mit Henscheids gehobenem Sprachstil. Das Spannungsverhältnis zwischen der banalen Handlung auf der einen Seite und Henscheids Sprache und Erzählweise auf der anderen Seite wird bis zum Ende aufrechtgehalten. Der Leser befindet sich permanent auf der Suche nach einem Sinn in der völlig sinnlosen Handlung des Romans. Die Iberer-Brüder fungieren dabei als Ausgangsmotiv bzw. -obsession des Erzählers, durch die Henscheid den Leser in seine Welt des Nonkonformismus und der großen Worte mit wenig Inhalt einführt. Die Motive sowie die Intention des Romans werden eher zwischen den Zeilen transportiert, so dass der Leser das von Henscheid Intendierte irgendwo zwischen der Beobachtung, Beschreibung und Ausdeutung der zwei Iberer-Brüder finden muss.

Die Iberer-Brüder bzw. dessen »zähe Beobachtung« setzt Henscheid eingangs des Romans gar mit dem »Sinn des Lebens« und dem »Glück dieser Erde« gleich, doch die ersten Eindrücke täuschen nicht darüber hinweg, dass die Iberer-Brüder während des gesamten Romans lediglich aus der Ferne als Objekte beobachtet werden, ihre Innenperspektive und eine nähere Betrachtung der Brüder dem Leser verborgen bleibt und sie gegen Ende des Romans sogar gänzlich verschwinden bzw. das Interesse von Landsherr an den Brüdern durch die Heirat Finks zerstört wird. Dennoch bringt Landsherrs permanente Suche nach einem Sinn für sein eigenes Leben ihn überhaupt erst in die Situation, dass er sich für die Brüder interessiert. Die Lücke, die die Abkehr von seiner Religion und seiner Sexualität in ihm hinterlassen hat, wird durch das sinnstiftende Beobachten der Brüder vorübergehend ersetzt, so sagt Landsherr, dass es der „mörderische Menschen- und Seelenverschleiß des Klerus“ war, der ihn überhaupt erst auf die Brüder leitete (ebd., 9). Der Spannungsbogen, den die rhetorische Frage, „wen sollen diese beiden Iberer-Brüder schon groß interessieren? (ebd., 8)“, zu Beginn des Romans erzeugt, hält den Leser zumindest eine Weile bei der Stange bzw. er hofft, dass diese Frage im Verlauf des Romans zumindest zu seiner Zufriedenheit geklärt wird. In Wahrheit kontrastiert jedoch die Beschreibung und Rolle der Brüder im Roman mit der Erwartungshaltung des Lesers, denn die Hoffnung, dass er eine Antwort darauf erhält, warum diese Brüder so wichtig sind, erschließt sich dem Leser nicht und so muss der Leser sich selbst die Bedeutung der Brüder erschließen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Religion und die "versteckte" Religionskritik in Eckhard Henscheids "Die Mätresse des Bischofs"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Neuere Deutsche Literatur und Medien)
Veranstaltung
Eckhard Henscheid: Trilogie des laufenden Schwachsinns (050316)
Note
1,7
Autor
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V272930
ISBN (eBook)
9783656652649
ISBN (Buch)
9783656652632
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Henscheid, Trilogie des Schwachsinns, Die Mätresse des Bischofs, Iberer-Brüder, Religion, Religionskritik, Religiosität, Agnostiker, Landsherr, Eckhard Henscheid, Sex, Dünklingen, Interpretation, Literaturwissenschaft, Bischof, Mätresse, Katholizismus, Obsession, Inhaltsangabe, Ersatzreligion, Charly Mä, Stupsi
Arbeit zitieren
B.A. Jan-Christian Hansen (Autor), 2014, Religion und die "versteckte" Religionskritik in Eckhard Henscheids "Die Mätresse des Bischofs", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/272930

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Religion und die "versteckte" Religionskritik in Eckhard Henscheids "Die Mätresse des Bischofs"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden