Wer im klassischen Athen nach Entsprechungen zu unseren Begriffen von Familie und Verwandtschaft sucht, stößt auf eine Vielzahl von Ausdrücken, die sich oftmals nicht durch einfache Übersetzung auf die heutigen Verhältnisse übertragen lassen. [...]
Nach Aristoteles (s.o.) bildet die Gemeinschaft des oikos die Kernzelle der athenischen Gesellschaft. Ein oikos besteht danach aus der Kombination von den drei Verhältnissen zwischen Vater und Kindern, Ehemann und Ehefrau, Herr und Sklaven, die sich um den männlichen Hausvorstand, den kyrios bilden. Dieser bildet das Zentrum einer Kernfamilie, die sich auf zwei Generationen ausdehnt. Die weitere Verwandtschaft, also Großeltern oder Brüder und Schwestern des Eltern-paares sind hier ausgeblendet. Bei Xenophon hatte der oikos seine Geburtsstunde mit dem Beginn eines ehelichen Zusammenlebens. Söhne, die heirateten, gründeten in der Regel einen eigenen Haushalt. Töchter traten mit der Hochzeit in die Familie ihres Gatten ein.
Weitere Begriffe, die häufig im Zusammenhang mit den Familienverhältnissen im klassischen Athen genannt werden, jedoch in dieser Arbeit nur am Rande eine Rolle spielen, sind die der syngeneia, des genos und der phratria. Syngeneia bezeichnete die weitere Seitenverwandtschaft, welche vom Begriff oikos ausgegrenzt wurde. Unter diesen Ausdruck fielen alle horizontalen Verwandtschaftsbeziehungen zu Brüdern, Schwestern, Tanten, Onkeln oder zu angeheirateten Schwiegerverwandten außerhalb des eigenen oikos. Kam es vor Gericht innerhalb des Kreises der anchisteia, der erbberechtigten Verwandten, zu Streitigkeiten um das Erbe eines Verstorbenen, so wurde in der Regel der vertikalen Verwandtschaftslinie der Vorzug gegeben.
Mehrere solcher weiteren Familienkreise, wie sie die syngeneia bezeichnete, die sich auf einen gemeinsamen Ursprung, den genos, zurückführen konnten, wurden in der phratria zusammengefasst, wobei umgekehrt nicht alle in der phratria zusammengefassten oikoi miteinander verwandt sein mußten.
Der Gliederung des oikos nach Aristoteles folgend, widmet auch diese Arbeit sich zuerst den Sklaven und ihrem Verhältnis zum oikos und dessen kyrios. An zweiter Stelle folgt eine Darstellung der ehelichen Beziehungen zwischen Mann und Frau und des häuslichen Lebens einer athenischen Bürgerin. Gegenstand des dritten Teils ist das Kind der athenischen Familie, sein Verhältnis zu Familie und Gemeinschaft und seine Erziehung.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Sklaven
3. Mann und Frau
3.1 Von Solon bis Perikles
3.2 Die Ehe
3.3 Epikleroi
3.4 Das häusliche Leben der Frau
4. Kinder
4.1 Begrifflichkeiten
4.2 Auswachsen
4.3 Von der Familie zum Staat
4.4 Adoption
4.5 Erziehung
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Strukturen von Familie und Verwandtschaft im klassischen Athen. Ziel ist es, die Bedeutung des antiken Begriffs "oikos" (Hausgemeinschaft) als soziale Kernzelle der athenischen Gesellschaft zu beleuchten und dessen Verhältnis zum Staat sowie die Rolle seiner Mitglieder zu analysieren.
- Die Funktion und rechtliche Stellung von Sklaven innerhalb des oikos.
- Die ehelichen Beziehungen zwischen Mann und Frau sowie die gesellschaftliche Rolle der Bürgerin.
- Die Rolle der Epikleroi und das Erbrecht im athenischen Kontext.
- Aufwachsen, Bildung und Erziehung der athenischen Kinder.
- Die institutionelle Einbettung der Familie in die Polis und die Bedeutung rechtlicher Abstammungsnachweise.
Auszug aus dem Buch
3. Mann und Frau
Mit der Gesetzgebung des Solon 594 v. Chr. wurde die Unterscheidung zwischen anständigen Frauen und Prostituierten erstmals gesetzlich für den athenischen Staat festgeschrieben. Durch die an die „Anständigkeit“ gebundenen Bedingungen, die gleichsam die Bedingungen für den Status einer Bürgerin waren, wurden die Frauen, welche diese erfüllen wollten, von der Bühne der Öffentlichkeit in die abgeschlossene Sphäre der Hausgemeinschaft verbannt. Ziel der Gesetze war eine Festigung der demokratischen Elemente der Polis, die Solon unter anderem dadurch zu erreichen suchte, daß er die athenischen Frauen als Konfliktpotential für die männlichen Gesellschaft aus deren Umfeld entfernte.
Noch mit weiteren Maßnahmen griff Solon in die Familienstrukturen ein. Er stärkte die Unabhängigkeit des oikos gegenüber der phratria und schuf die Möglichkeit des posthumen Adoption durch ein Testament. Auch die Weitergabe des Erbes durch eine epikleros, ist ein Produkt der solonischen Gesetze. Diese Maßnahmen übten noch Jahrhunderte später starken Einfluß auf das Leben der athenischen Bürgerinnen und die Unabhängigkeit der ganzen Hausgemeinschaft aus. Ihr Ziel war der Erhalt der einzelnen oikoi. Dadurch sollte eine Ansammlung des Besitzes in den Händen einzelner und eine allzu große Einflußnahme großer Familienverbände auf die Politik verhindert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, Verwandtschaftsverhältnisse im klassischen Athen zu verstehen, und setzt den Fokus auf den Begriff des oikos.
2. Sklaven: Dieses Kapitel behandelt die Sklaven als Wirtschaftsfaktor und ihre Stellung innerhalb des athenischen Haushaltes sowie ihr Verhältnis zum Hausvorstand.
3. Mann und Frau: Das Kapitel analysiert die gesetzlichen Rahmenbedingungen von Ehe und Geschlechterrollen sowie den Alltag athenischer Bürgerinnen.
4. Kinder: Hier wird der Lebensweg von Kindern, ihre Erziehung, rechtliche Anerkennung und Bedeutung für den Fortbestand der Familie untersucht.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und betont die unauflösbare Verknüpfung von Hausgemeinschaft und Polis.
Schlüsselwörter
Klassisches Athen, Familie, Oikos, Sklaven, Ehe, Epikleroi, Kindheit, Erziehung, Adoption, Polis, Solon, Bürgerrecht, Athenische Gesellschaft, Geschlechterrollen, Rechtsgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die soziale und rechtliche Struktur der Familie im klassischen Athen, insbesondere den Begriff des "oikos".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Rollen von Sklaven, Männern, Frauen und Kindern sowie die rechtliche Verknüpfung der Familie mit der Polis.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, das heutige Familienverständnis mit den antiken Gegebenheiten zu kontrastieren und die Funktion des oikos als Keimzelle der athenischen Gesellschaft aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und quellenbasierte Analyse, die staatstheoretische Schriften von Philosophen wie Platon und Aristoteles sowie historische Aufzeichnungen heranzieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet detailliert die Stellung der Sklaven, die Ehegesetzgebung, das Erbrecht der Töchter (Epikleroi) sowie die Erziehung der Kinder und deren Eingliederung in das Bürgerrecht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Kernbegriffe sind Oikos, Polis, Athen, Sklaven, Epikleroi, Bürgerrecht, Adoption und Erziehung.
Welche Rolle spielten die Sklaven im athenischen oikos?
Sklaven waren rechtlich gesehen Besitz, bildeten jedoch einen wesentlichen Bestandteil des oikos, wobei ihr Leben stark von der Art der Tätigkeit und dem Charakter ihres Herrn abhing.
Was bedeutete die Epikleros für das Erbrecht?
Die Epikleros war eine Erbtochter, die als Trägerin des Familienbesitzes fungierte, um diesen innerhalb der männlichen Erblinie zu halten, wobei sie selbst eher als Teil des Erbes denn als freie Erbin betrachtet wurde.
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- Robert Albrecht (Author), 2001, Die Familie im klassischen Athen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/2730