Der Zusammenhang zwischen Bildung und Fertilität

Anhand der Lebenslaufanalyse von Hochschulabsolventinnen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die historische Geburtenentwicklung in Deutschland
2.1 Unterschiede in der Geburtenentwicklung zwischen Ost- und Westdeutschland
2.2 Einflussfaktoren der Geburtenentwicklung
2.3 Fertilitätsdaten von Akademikerinnen

3. Die Lebenslauftheorie nach Kohli
3.1 Die Disparitäten zwischen dem weiblichen und männlichen Lebenslaufmodel

4. Die Fertilitätsentscheidungen von Akademikerinnen betrachtet durch die LebenslaufperspektiveS

5. Der strukturell bedingte Vereinbarkeitskonflikt zwischen Beruf und Familie

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Weniger, älter, vielfältiger.

Im Hinblick auf den multikausalen und facettenreichen Charakter des demografischen Wandels in Deutschland, lassen sich dessen Hauptmerkmale, anhand dieser drei Adjektive übersichtlich zusammenfassen. Die Bevölkerungsstruktur in Deutschland zeichnet sich durch eine gestiegene und auch noch weiter steigende Lebenserwartung aus, die verbunden mit einer gleichzeitig gesunkenen und auf niedrigem Niveau verweilenden Geburtenrate, eine Überalterung sowie einen Rückgang der Bevölkerung zur Folge haben wird. Der Bevölkerungsrückgang konnte in der Vergangenheit durch starke Zuwanderung mehr als ausreichend kompensiert werden. Jedoch wird der zukünftigen Einwanderungspolitik das Potential fehlen, die fehlende Nachhaltigkeit der Bevölkerungsentwicklung ausgleichen zu können. Die Auswirkungen der Trends sind schon in der Gegenwart spürbar und werden sich in den nächsten Jahren noch intensivieren und beschleunigen.

Durch das Verschieben der Bevölkerungsstruktur ergeben sich zahlreiche Herausforderungen für die Politik, da alle Lebensbereiche der Menschen vom demografischen Wandel betroffen sind. Um eine Antwort auf die langfristige Entwicklung zu finden, wird ein Handlungsbedarf in vielen gesellschaftlichen Bereichen benötigt. Die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland zu erhalten und ein Funktionieren der sozialen Sicherungssysteme zu garantieren, gehören dabei zu den größeren Aufgabenfeldern der zukünftigen Bevölkerungspolitik.

Neben den Sterbefällen und den Wanderungen, als Parameter der Bevölkerungsbewegung, bestimmen ebenfalls die Geburten den Wandel der Struktur und die Größe einer Bevölkerung. Der Rückgang der Geburtenziffer geriet besonders in den Fokus der Bevölkerungspolitik, da die direkten Folgen für die Wirtschaft und die Gesellschaft besonders negativ sind. Als Beispiel sei die Sicherung des wirtschaftlichen Wohlstandes genannt, die nur durch ein angemessenes Reproduktionsniveau einer Gesellschaft gewährleistet sein kann. Die Geburtenentwicklung ist ebenfalls Indikator für die Planung von Einrichtungen zur Kindesbetreuung und Schulen sowie für die Nachfrage von Ausbildungs- und Studienplätzen. Die Rückläufige Geburtenrate ist kein neuartiges Phänomen und beschränkt sich nicht allein auf Deutschland, das in dieser Entwicklung am weitesten fortgeschritten ist, sondern ist Charakteristika der Bevölkerungsbewegung zahlreicher Industrienationen Europas. Aufgrund der auffällig niedrigen Geburtenziffer in Deutschland stellt sich die Frage nach den Faktoren, die zu dieser Entwicklung geführt haben. Nur wenn man die Ursachen kennt, lassen sich politische Lösungen finden, die wenn sich dieser säkulare Prozess auch nicht umkehren lässt, ihn doch wenigstens abschwächen können. Eine Ursachenanalyse lässt die Geburtenrate als multikausales Interdependenzgefüge erkennen, welches zahlreichen Teilkomponenten zugrunde liegt. Diese haben einen direkten oder indirekten Einfluss auf die Geburtenentwicklung.

Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit wird dabei auf eine Teilkomponente des Geburtenrückgangs gelegt. Die negative Korrelation zwischen dem steigenden Bildungspotential der Frauen, die zunehmende weibliche Erwerbsbeteiligung und der geringen Fertilitätsrate, gilt als empirisch belegt. Die Komponenten Bildungs- und Erwerbsbeteiligung sind von einer starken Interdependenz gekennzeichnet und sollen im Folgenden immer im Zusammenhang betrachtet werden.

Es ist zu klären, warum gerade Frauen mit formal hoher Bildung eine derart niedrige Geburtenrate zeigen. Ziel dieser Arbeit ist es, dass Verhältnis zwischen diesen beiden Aspekten zu erläutern. Zu diesem Zweck wird im ersten Kapitel zunächst ein Überblick über die historische Entwicklung der Geburtenrate in Deutschland gegeben um zu beschrieben, zu welchem Zeitpunkt der Trend auftrat und wie stark seine Wirkung auf die Fertilitätsrate war. Auch wird aufgrund der Relevanz für die Zielsetzung dieser Hausarbeit die unterschiedliche Fertilitätsentwicklung zwischen Ost- und Westdeutschland aufgegriffen. Sie soll als Vorwissen für eine später folgende Themenabhandlung fungieren. Im folgenden Kapitel soll anhand neuerer empirischer Daten der Einfluss aufgezeigt werden, den die Bildung auf die Geburtenrate hochqualifizierter Frauen hat und somit eine Übersicht zum gegenwärtigen Stand liefern. Mit der Zuhilfenahme der Lebenslauftheorie nach Kohli gelingt es, die Disparitäten zwischen dem männlichen und weiblichen Erwerbslebenslauf herauszustellen. Darauf aufbauend werden durch die Einnahme der Lebenslaufperspektive der Akademikerinnen die Ursachen der negativen Korrelation im Einzelnen analysiert. Es soll gezeigt werden, welche Faktoren die niedrige Fertilitätsrate bei Hochschulabsolventinnen bedingen. Anschließend kann im nächsten Punkt, im Zuge der Ursachenerläuterung, ein effektiver Lösungsansatz aufgezeigt werden, der nicht nur dem Trend der geringen Geburtenrate bei Akademikerinnen entgegenwirken kann. In einem abschließenden Fazit werden die gewonnen Erkenntnisse zusammengetragen.

2. Die historische Geburtenentwicklung in Deutschland

Die Entwicklung der Geburtenrate in Deutschland, anhand der Anzahl an Lebendgeburten ausgedrückt durch die absolute Geburtenziffer, steht seit 1875 im Zuge eines Reduktionsprozesses, der sich in zwei Bereiche einteilen lässt. Der erste Prozessablauf wird gemeinhin als erster demografischer Übergang bezeichnet. Dieser Abschnitt soll im Folgenden auf seine wichtigsten Entwicklungsmerkmale zusammengefasst werden, da eine detaillierte Beschreibung für die Zielsetzung dieser Arbeit vernachlässigt werden kann. Die demografische Phase umfasst die Geburtenentwicklung im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert und beschreibt das Angleichen einer anfänglich hohen Geburtenrate an eine rückläufige Sterblichkeitsrate bis hin zu einem gemeinsamen Stand auf niedrigem Niveau. Und daraus folgend die rückläufige Entwicklung des zunächst starken Bevölkerungswachstums hin zu einer abnehmenden Bevölkerungszahl. Zusammenfassend wird diese Entwicklung als Übergang von einer vorindustriellen hin zu einer industriegesellschaftlichen Bevölkerungsweise bezeichnet. Der fortschreitende Modernisierungsprozess im Zuge der Technisierung und Industrialisierung der Gesellschaft geht einher mit einer Vermehrung von Wohlstand, der Zunahme von Bildung und das Herausbilden „moderner“ Mentalitäten (Hradil 2006: 40). Nachdem durch den ersten Geburtenrückgang zu Beginn des 20. Jahrhunderts das Angleichen der Geburtenrate an die Sterberate konstatiert wurde, beschreibt der zweite demografische Übergang den fortlaufenden Trend einer rückläufigen Kinderzahl nach historisch bedingten Schwankungen auf das gegenwärtige niedrige Niveau unterhalb der Sterberate. Der Beginn lässt sich mit der einsetzenden Posttransformationsphase gegen Ende des 2. Weltkrieges 1945 verorten. Die Geburtenrate stieg in den 50er Jahren aufgrund nachgeholter Geburten, die während der Kriegszeit nicht realisierbar waren. Den Effekt verstärkend, sank das Alter zur Heirat und zur Familiengründung. Dieser Umstand, zusammen mit der zu dieser Zeit herrschenden optimistischen Grundstimmung, ausgelöst durch den zunehmenden Wohlstand in Zeiten des Wirtschaftswunders, sorgte für den sogenannten „Baby-Boom“. In Westdeutschland stieg im Zeitraum von 1952 bis in die Mitte der 60er Jahre die Anzahl der Kinder pro Frau von 2,1 auf 2,5. Damit war die für die Reproduktion der Nachfolgegeneration benötigte Anzahl von 2,1 Kindern überschritten und es kam zu einem Bevölkerungswachstum aufgrund der Geburtenzahl im eigenen Land (Hradil 2006: 49). Als weiterer Faktor in der Veränderung des generativen Verhaltens beschreibt der sogenannte „Pillenknick“ gegen Ende der 60er Jahre die vorerst letzte signifikante Zäsur in der deutschen Geburtenentwicklung. Anders als der Name vermuten lässt, ist das Auftauchen des neuartigen Verhütungsmittels nicht alleinige Ursache für den Abfall der Geburtenrate in der Zeitspanne von 1965-1976. Die Kinderzahl sank von 2,5 auf 1,4 Kinder pro Frau (Hradil 2006: 49). Eine frühe Mutterschaft wurde in dieser Zeitspanne vermieden um der beruflichen Ausbildung und Erwerbstätigkeit Vorrang zu gewähren. Dieser Vorgang beschreibt den Anfang der zunehmenden Erwerbs- und Bildungsbeteiligung der Frauen, sowie die einsetzende und noch andauernde Abkehr vom traditionellen Rollenverständnis. Auch die Familienplanung konnte im Zuge der neuen Verhütungsmethode deutlich präziser durchgeführt werden. Neben der Einführung der „Pille“, führten veränderte Moralvorstellungen und Normenlockerung bezüglich Abtreibungen, zu einer fortschreitenden Divergenz zwischen Sexualität und Elternschaft. Dieses Ursachenbündel führte zu dem niedrigen Geburtenniveau von 1,4, auf dem es sich heute noch ohne große Schwankungen befindet. Seit fast drei Jahrzehnten werden nur 2/3 der Kinder geboren, die benötigt würden, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten. Das Reproduktionsniveau sank anhand der gestiegenen Lebenserwartung von 3,5 auf 2,1 Kinder pro Frau. Laut Statistischen Bundesamt wurden im Jahre 2010 rund 678.000 Kinder geboren.

2.1 Unterschiede in der Geburtenentwicklung zwischen Ost- und Westdeutschland

Durch den durchgängigen Bevölkerungsverlust, der nur in den drei Jahren nach Ende des zweiten Weltkrieges durch die Aufnahme Vertriebener einen positiven Anstieg erlangte, sowie kurzzeitig in den späteren 70er Jahren, lässt sich die Bevölkerungsentwicklung in Ostdeutschland als „Sonderfall“ bezeichnen (Geissler/Mayer: 43). Signifikant für diese Entwicklung ist der nahezu permanent anhaltende Geburtenrückgang. In mehreren Zeitabschnitten lassen sich starke Unterschiede im generativen Verhalten zwischen Ost- und Westdeutschland festmachen, die sich anhand verschiedener historischer Rahmenbedingungen erklären lassen.

Die bis 1945 analog verlaufende Geburtenentwicklung in Ost- und Westdeutschland weist bis 1975 keine signifikanten Unterschiede auf. Simultan zur westdeutschen Entwicklung stieg die Geburtenrate nach Ende des 2. Weltkrieges in Ostdeutschland stark an, um in den späten 60er Jahren rapide abzufallen. In einem Zeitraum von 1955 bis 1964 stieg die Anzahl an Geburten von 820.000 auf 1.065.000 Lebendgeburten, um danach 1978 auf 576.000 nahezu halbiert zu werden (Geissler/Mayer 2011: 45). Gegen Mitte der 70er Jahre war die Kinderanzahl pro Frau mit der heutigen Situation in Gesamtdeutschland vergleichbar. Es wurden nur 2/3 der Kinder geboren, die für das Erreichen des Ersatzniveaus benötigt worden wären (Hradil 2006: 49). Als Reaktion darauf beschloss die DDR-Regierung ein familienfreundlicheres Umfeld zu schaffen. Mit institutionellen Maßnahmen, wie einer verbesserten Kinderbetreuung, bezahlte Freistellung von werdenden Müttern von ihrer ausgeübten Erwerbstätigkeit oder auch durch Bevorzugung von Familien bei der Wohnungssuche, intendierte die Regierung die Tendenz zur Familienbildung zu erhöhen. Gegen 1980 erschien die erhöhte Anzahl der Kinder pro Frau mit 1,8 als ein Erfolg dieser Maßnahmen. Ob diese Entwicklung auf die direkten staatlichen Maßnahmen zurückgeführt werden kann, ist dabei jedoch umstritten. Anstelle einer strukturbedingten erhöhten Geburtenbereitschaft, gehen einige soziologische Meinungen von einem Vorziehen ohnehin geplanter Geburten aus (Hradil 2006: 49). Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung führte ein radikaler Geburtenrückgang um 60% zu einer historisch niedrigen Geburtenrate. Die 1993 und 1994 gemessene Quote von 0,8 Kindern pro Frau ist zurückzuführen auf psychologische Faktoren, die durch die Neuorientierung in einer völlig neu entstandenen Lebenssituation, einen bedeutenden Einfluss auf die Familienplanung der Menschen hatten. Durch das Ausleben neuer Freiheiten oder auch die strukturbedingten Unsicherheiten, wie dem Wegfall von Kinderbetreuungseinrichtungen oder Arbeitsmarktunsicherheiten, wurde die Familienplanung und jegliche andere Änderungen im Privatleben zunächst zurückgestellt. Dies spiegelte sich auch in der stark absinkenden Heiratsziffer wieder (Geissler/Mayer 2011: 46). Insgesamt kann diese Entwicklung als eine Anpassung an westdeutsche Verhaltensmuster betrachtet werden.

Die Geburtenentwicklung in Ostdeutschland erholte sich im Laufe der Zeit von dem demografischen Schock. Mitte der 90er Jahre kam es zu einem erneuten Anstieg, der im Jahre 2000 mit einer zusammengefassten Geburtenziffer von 1,1 unter dem Niveau Westdeutschlands lag. Auch 2006 lag die Rate mit 1,3 unter dem westdeutschen Wert von 1,34. Es folgte eine beobachtbare Annäherung an die stabilen aber dennoch niedrigen Verhältnisse der alten Bundesländer. Gegenwärtig ist die Geburtenziffer in den neuen Bundesländern durch einen stärkeren Zuwachs geprägt. 2010 war ein Plus von 2,6% zu verzeichnen, so dass mit rund 100.000 geborenen Kindern die meisten Geburten in den neuen Bundesländern zu verzeichnen sind (destatis.de 2012: 7).

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Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Der Zusammenhang zwischen Bildung und Fertilität
Untertitel
Anhand der Lebenslaufanalyse von Hochschulabsolventinnen
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Demografie, soziale Mobilität und sozial (-politisch)e Ungleichheit: Alters- und Infrastruktur moderner Gesellschaften
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
18
Katalognummer
V273024
ISBN (eBook)
9783656654216
ISBN (Buch)
9783656654193
Dateigröße
600 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fertilität, Bildung, Geburtenrückgang, Demografie, Hochqualifizierte, Geburten, Beruf, Familie
Arbeit zitieren
Fabian Raddatz (Autor:in), 2013, Der Zusammenhang zwischen Bildung und Fertilität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273024

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