Aspekte der Unterweltfahrt in Vergils 'Aeneis', im 'Roman d'Eneas' und in Heinrichs von Veldeke 'Eneasroman'


Examensarbeit, 2014
87 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Protagonisten der Unterweltfahrt
1.1 Aeneas
1.1.1 Das Begehren um Zutritt in die Unterwelt: Die Ansprache des Aeneas
1.1.2 Angst, Tränen, Freude und Scham: Die Emotionen des Aeneas
1.1.3 Ein Exkurs: Verantwortung, Selbstreflexion und die Autorität der Götter in den mittelalterlichen Romanen
1.2 Sibylle
1.2.1 Die Beschreibung der Sibylle
1.2.2 Die Funktionen und Fähigkeiten der Sibylle
1.2.3 Die Heimat der Sibylle

2 Die Begegnungen des Aeneas mit Dido und Anchises
2.1 Dido
2.2 Anchises
2.2.1 Ein Exkurs: Die Erscheinung des Anchises vor der Unterweltfahrt
2.2.2 Die Begegnung des Aeneas mit Anchises in der Unterwelt: Die Heldenschau
2.2.3 Ein Exkurs: Der Blick in die Zukunft im Epilog der mittelalterlichen Romane in Anknüpfung an die Heldenschau des Anchises

3 Die Kreaturen der Unterwelt
3.1 Charon
3.2 Cerberus

4 Der antike Götterapparat und die Opfergabe
5 Die Topographie der Unterwelt
5.1 Der Tartarus
5.2 Das Elysium
5.3 Die Gewässer der Unterwelt
5.3.1 Die Namensgebung und die Beschaffenheit der Flüsse
5.3.2 Ein Exkurs: Die Wirkung des Vergessenstranks und die Seelenwanderungslehre
5.4 Der Eingang der Unterwelt
5.5 Der Ausgang der Unterwelt

Fazit

Vollständiges Quellen- und Literaturverzeichnis

Primärtexte und verwendete Übersetzungen

Forschungsliteratur

Hilfsmittel

Einleitung

Für den Großteil der heute überlieferten, hochmittelalterlichen Erzählliteratur ist die stoffliche Grundlage in literarischen Zeugnissen der Antike zu finden. Das historische Alter der Erzählungen, die schriftliche Fixierung sowie die lateinische Sprache galten im Mittelalter als Garanten einer historischen Wahrheit und spiel- ten eine zentrale Rolle für den Erfolg der Adaptationen bei einem Leserkreis, dem offenkundig fiktive Erzählungen inakzeptabel erschienen.1 Die sogenannten „An- tikenromane“ finden ihre Vorlagen in Epen, deren Datierung auf die Zeit von den Griechen um das Jahr 1200 v. Chr. bis zur Völkerwanderung im vierten bis sechs- ten Jahrhundert n. Chr. vorgenommen wird.2 Einen Höhepunkt der Adaptations- technik erlebte die europäische Gesellschaft im zwölften Jahrhundert in Form viel- zähliger französischer Werke,3 deren Neuinszenierungen antiker Literatur beim zeitgenössischen Publikum hohen Anklang fanden und von deutschsprachigen Dichtern ins Mittelhochdeutsche übertragen wurden.4

Vergils zwischen 29 und 19 v. Chr. entstandene „Aeneis“5 gilt als römisches Nati- onalepos und ist heute in über 200 Handschriften überliefert.6 Es ist das schriftli- che Bindeglied zwischen der griechischen und der römischen Kultur. Elementar ist das sechste Buch des insgesamt zwölf Bücher umfassenden Epos, da es das Ge- samtwerk nach Homerischem Vorbild in zwei Hälften teilt: eine iliadische und eine odysseische.7 Es beschreibt die Reise des Protagonisten Aeneas in die Unter- welt, wo er unter der Führung der Seherin Sibylle seinen verstorbenen Vater auf- sucht. Dieser prophezeit seinem Sohn in der sogenannten Heldenschau die glanz- volle Zukunft seines Geschlechts, aus dem Romulus, der Gründungsvater Roms, hervorgehen werde.

Wieder aufgegriffen wurde der Stoff aus Vergils „Aeneis“ im zwölften Jahrhun- dert, als ein anonymer Dichter um das Jahr 1160 den französischen „Roman d’Eneas“8 verfasste. Das heute in neun Handschriften überlieferte Werk ist somit als Antikenroman einzuordnen.9 Trotz massiver Eingriffe in die Erzählkonzeption durch den Anonymus wird der Handlungsverlauf aus Vergils „Aeneis“ weitestge- hend übernommen. Auch die Unterweltfahrt des Aeneas, die im „Roman d’Eneas“ in etwa die Verse 2261 bis 3020 umfasst, wird ausführlich geschildert und nimmt eine bedeutende Rolle ein.10

Noch in den Jahren vor 1174 wurde der „Roman d’Eneas“ vom deutschen Dichter Heinrich von Veldeke aufgegriffen, und es entstand der deutschsprachige „Eneas- roman“11, der heute in sieben annähernd vollständigen und in genau so vielen fragmentarischen Handschriften überliefert ist.12 Fertiggestellt wurde das Werk dem Epilog zufolge nach kurzzeitiger Unterbrechung aufgrund eines Diebstahls des Manuskripts bis zum Jahr 1186.13 Dabei hatte Veldeke wohl sowohl das fran- zösische Werk als auch Vergils „Aeneis“ selbst als Vorlage.14 Während jedoch die zentralen Eingriffe durch Änderungen des Anonymus vorgenommen wurden, war der deutsche Dichter insbesondere auf die Überbietung der französischen Vorlage sowie auf die Glättung von Widersprüchen bedacht.15 Dabei wird die umfangrei- che Darstellung der Unterweltreise des Protagonisten beibehalten und in den Ver- sen 2687 bis 3740 erzählt.16

Gegenstand der vorliegenden Hausarbeit sind Aspekte der Unterweltfahrt in Ver- gils „Aeneis“, im „Roman d’Eneas“ und in Heinrichs von Veldeke „Eneasroman“. Dabei wird eine systematische Untersuchungsmethode angestrebt, deren Grundla- ge eine breit gefächerte Auswahl relevanter Themen ist. Durch einen strukturierten und analytischen Vergleich der drei Werke werden die Gemeinsamkeiten und Un- terschiede der gewählten Aspekte beschrieben, unter Einbezug des aktuellen For- schungsstandes17 eingeordnet und - sofern es möglich erscheint - kritisch hinter- fragt und interpretiert. Aufgrund des Entstehungskontextes der Werke ist es nahe- liegend, Vergils „Aeneis“ an den Anfang einer jeden Untersuchung zu stellen, um davon ausgehend die Ausführungen in den beiden mittelalterlichen Romanen zu erörtern. Unterschieden werden insgesamt fünf inhaltliche Themenbereiche, denen jeweils ein Kapitel gewidmet ist.

Mit den beiden zentralen Protagonisten der Unterweltfahrt, Aeneas und Sibylle, befasst sich Kapitel 1. Für die Figur des Aeneas werden drei ausgewählte Bereiche von tragender Bedeutung untersucht: Mit seiner Ansprache vor Sibylle vollzieht der Held einen wichtigen Schritt, um seine Reise in die Unterwelt zu legitimieren und zu ermöglichen. Das zweite Thema sind die verschiedenen Emotionen des Protagonisten, die ihn während seiner Reise erfassen. Schließlich folgt der dritte Abschnitt, der der Frage nachgeht, inwiefern der Figur des Aeneas in den unterschiedlichen Darstellungen Eigenverantwortung attestiert werden kann und ob er sein eigenes Handeln kritisch reflektiert. Auch für die Figur der Sibylle werden insgesamt drei Aspekte ausgewählt: Zunächst werden die verschieden konzipierten Beschreibungen der Sibylle betrachtet. Anschließend folgt eine Analyse der in den Jenseitsdarstellungen auftauchenden Handlungen der Sibylle, um davon ausgehend ihre (übermenschlichen) Fähigkeiten und Funktionen abzuleiten. Die Betrachtung des Wohnortes der Sibylle, der gleichzeitig Informationen zur Lokalität des Unterwelteingangs liefert, rundet die Untersuchung ab.

Im zweiten Kapitel wird der Fokus auf die unterschiedlich dargestellten Begeg- nungen des Aeneas mit zwei Verstorbenen gelegt: Dido und Anchises. Dabei wer- den die jeweiligen Reaktionen der Figuren, das Verhältnis zwischen Aeneas und Dido sowie die Heldenschau des Anchises thematisiert. Um ein höheres Maß an Vollständigkeit zu gewährleisten, wird der Analyse der Begegnung des Helden mit seinem Vater ein Abschnitt vorangestellt, in dem die Erscheinung des Anchises und die Überbringung des Auftrags zur Reise in die Unterwelt betrachtet werden. Darüber hinaus folgt ein Exkurs über den Epilog der mittelalterlichen Adaptatio- nen, da hier eine Wiederaufnahme beziehungsweise eine Fortsetzung der Helden- schau des Anchises aus der Unterweltszene zu verzeichnen ist.

Charon und Cerberus, zwei zentrale Gestalten der Unterwelt, bilden den zu untersuchenden Gegenstand von Kapitel 3. Vordergründig sind hier die unterschiedlich konzipierten Beschreibungen sowie die Bedeutungen der Kreaturen sowohl für die Unterwelt selbst als auch für Aeneas und seine Reise.

Im vierten Kapitel wird die Verarbeitung des antiken Götterapparates in den Un- terweltszenen der mittelalterlichen Romane analysiert. Da jedoch für die Handlung des sechsten Buchs von Vergils „Aeneis“ die Funktion der Götter nur von einge- schränkter Bedeutung ist, wird auch ebendieses Phänomen beleuchtet und erklärt.

Die Topographie der Unterwelt bildet den Untersuchungsbereich des letzten Kapi- tels, das in insgesamt fünf Abschnitte unterteilt wird. In den ersten beiden Passa- gen werden die Darstellungen des Tartarus und des Elysiums behandelt. Es folgt eine Betrachtung der verschiedenen Unterweltflüsse. An dieses dritte Unterkapitel anknüpfend, steht ein Exkurs über die Verarbeitung der antiken Seelenwanderungslehre aus Vergils „Aeneis“ in den mittelalterlichen Romanen. Im vierten und fünften Abschnitt werden die Topographie des Eingangs beziehungsweise des Ausgangs der Unterwelt thematisiert.

1 Die Protagonisten der Unterweltfahrt

Ein typisches Merkmal für Erzählungen von Jenseitsreisen im Mittelalter ist, dass sie aus der Sicht eines einzelnen Protagonisten geschildert werden.18 Das gilt ein- geschränkt auch für die Darstellungen im „Roman d’Eneas“ und in Veldekes „Eneasroman“. So wird die Rolle des Achates, des treuen Begleiters des Aeneas, der in der lateinischen Darstellung - insbesondere während der Vorbereitung auf die Katabasis - der Hauptfigur stets zur Seite steht, gestrichen. Sibylle ist zwar auch in den mittelalterlichen Romanen nahezu omnipräsent und wird deshalb hier als Protagonistin neben Aeneas aufgeführt, die Jenseitserzählung findet jedoch mit einem Fokus auf Aeneas statt, dessen Wahrnehmungen, Emotionen und Reaktio- nen im Fokus der Erzählung stehen, während dasselbe auf Sibylle nicht zutrifft.19

1.1 Aeneas

In Bezug auf die Figur des Aeneas werden im Folgenden drei ausgewählte Aspek- te untersucht, die für die Unterweltszene besonders zentral erscheinen: die An- sprache des Aeneas vor Sibylle mit dem Begehren um Zutritt ins Jenseits, die dar- gestellten Emotionen sowie die Frage nach der Eigenverantwortung des Helden für sein Handeln und eine damit verbundene Selbstreflexion.20 Die Grundlage dafür bilden die Reaktionen des Aeneas auf die verschiedenen Wahrnehmungen in der Unterwelt, die von den Dichtern als Überleitungen zwischen den ansonsten sprunghaft skizzierten Ortswechseln eingebracht werden.21

1.1.1 Das Begehren um Zutritt in die Unterwelt: Die Ansprache des Aeneas

Vergils „Aeneis“ zufolge führt Achates Sibylle zu Aeneas und den anderen Troja- nern (Aen. VI, 33-35). Das Gespräch zwischen Aeneas und Sibylle bei ihrem ers- ten Zusammentreffen beginnt die Seherin. In einer ersten Rede (Aen. VI, 56-76) bittet Aeneas Sibylle darum, ihn mithilfe ihrer Weissagung (sors, Aen. VI, 72) in das Geheimnis (arcanum, Aen. VI, 72) seines Schicksals (fatum, Aen. VI, 72) ein- zuweihen. Gewährt wird ihm sein Anliegen durch einen prophetischen Spruch der Sibylle (Aen. VI, 83-97),22 von der unmittelbar zuvor der Gott Apollo Besitz er- griffen hat (Aen. VI, 77-80). Danach folgt in direkter Rede die ausführliche An- sprache des Aeneas, in der er sein Begehren vorstellt, begründet und zu legitimie- ren versucht (Aen. VI, 106-123). Er beginnt seine Rede demütig (supplex, Aen. VI, 115) und betont flehend (precari, Aen. VI, 117),23 nennt Anchises als Ziel sei- ner Reise (Aen. VI, 108f.), hebt hervor, dass er von seinem Vater zur Sibylle (Aen. VI, 115f.) geschickt worden sei, und führt mit vielen Einzelheiten aus, wie Anchi- ses aufgrund seines unermüdlichen Einsatzes während der Irrfahrten auf den Mee- ren sein Leben ließ (Aen. VI, 112f.). Zur Legitimation seines Vorhabens hebt er fünf Helden und deren Geschichte hervor, die bereits vor ihm in die Unterwelt hinabgestiegen sind: Orpheus (Aen. VI, 119f.), die Brüder Pollux und Castor (Aen. VI, 121f.), Theseus (Aen. VI, 122) und Herkules (Aen. VI, 122f.). Aeneas schließt seine Rede mit einem Verweis auf seine göttliche Herkunft, womit er sich auf eine Stufe mit den genannten Helden stellt (Aen. VI, 123) und seinem Anliegen, die Unterwelt zu betreten, - nun mit deutlich weniger Demut - Nachdruck verleiht.

Im Gegensatz dazu findet das Treffen zwischen Aeneas und Sibylle dem „Roman d’Eneas“ zufolge in einer deutlich kleineren Gesellschaft statt: seul Achatés mena o lui (RdE 2263). „[N]ur Achates nahm er [sc. Aeneas] mit sich“. Die Besitzer- greifung der Seherin durch Apollo, den Dialog, der der Bitte des Aeneas voraus- geht, sowie den Spruch der Sibylle tilgt der Anonymus und entfernt somit sämtli- che mythologischen Elemente, die die Begegnung in der „Aeneis“ prägen.24 An- stelle dessen wird das Gespräch durch den Trojaner begonnen, der unvermittelt sein Anliegen vorträgt, das in direkter Rede wiedergegeben wird:

„ Dame “ , fait il, „ en cest païs m ’ ont ç a li deu a tei tramis; ge sui prochains de lor ligniee, nez sui de Troie l ’ essiliee; par lor comant m ’ estuet aler a mon pere en enfer parler, n ’ i puis aler se par vos non, mais vos m ’ otreient a guion.

Jadis i ala Orpheüs et Herculés et Theseüs, repairiésont plusor mortal ç a sus del regn ë enfernal. Preier vos voil me conduiez, de par les deus ne me targiez. ”

(RdE 2275-2288)

„Herrin, sagt er, „die Götter haben mich hierher / in dieses Land zu dir geschickt; / ich bin ein naher Verwandter ihres Geschlechts, / gebürtig aus dem zerstörten Troja; / auf ihr Geheiß muß ich gehen, / um mit meinem Vater in der Hölle zu sprechen, / ich kann dort nur durch euch hingelangen, / aber euch gewähren sie mir als Führer. / Einst stiegen Orpheus dort hinab / und Herkules und Theseus, / mehrere Sterbliche sind aus dem höllischen Herrschaftsbereich / nach hier oben zurückgekehrt. / Ich möchte euch bitten, daß ihr mich führt, / mich im Namen der Götter nicht warten laßt.“

Das demütige Flehen entfällt. Aeneas scheint sich bereits sicher, dass Sibylle ihn durch die Unterwelt führen wird.25 Die einzige Verwendung des Verbs „bitten“ (preier, RdE 2287) erscheint wie eine bedeutungslose Floskel. Der Held ist über- zeugt, dass ihm sein Begehren nicht abgelehnt werden könne, und fordert darüber hinaus sogar einen zeitnahen Aufbruch (RdE 2288). Des Weiteren fehlt die aus- führliche Beschreibung der Taten des Anchises zu dessen Lebzeiten.26 Stattdessen tritt der Götterbefehl ins Zentrum der Rede. Während Aeneas in der „Aeneis“ sei- ne Rede mit dem Hinweis auf die göttliche Herkunft schließt, bildet sie hier den Anfang. Dabei korreliert die mehrfache Betonung des Götterauftrags mit der Aus- sparung des Flehens. Auch wenn er es nicht explizit macht, ist Aeneas nicht aus freien Stücken zur Sibylle gereist. Da es ihm jedoch nicht zusteht, den Befehl der Götter zu missachten, ist es selbstverständlich, dass er die Reise antritt. Dasselbe gilt in gleichem Maß für Sibylle. Auch für sie besteht keine Option; genau so wie der Trojaner muss auch sie sich dem Willen der Götter beugen. Nichtsdestotrotz verweist Aeneas auf drei der vier Helden, die in Vergils „Aeneis“ im gleichen Kontext genannt werden: Orpheus, Herkules und Theseus.27 Der dargelegten Ar- gumentation zufolge ist eine solche Form der Legitimation eigentlich nicht nötig. Es ist anzunehmen, dass der Anonymus die Nennung der Helden aus Treue der lateinischen Vorlage gegenüber beibehält.

Veldeke verändert sowohl die Rahmensituation als auch die erzähltechnische Konzeption der Rede des Aeneas grundlegend. So befindet sich der Protagonist alleine bei Sibylle (ER 2676-2679), da er seinen Gefährten die gesamte Unterwelt- reise bewusst verschweigt.28 Nach einer kurzen und freundlichen Begrüßung von beiden Seiten (ER 2742-2748) beginnt Aeneas - in Anlehnung an den französi- schen Roman - das Gespräch unvermittelt mit der Darstellung seines Anliegens. Dieses wird jedoch - anders als in den beiden Vorlagen - nur indirekt wiederge- geben:

do sagite er ir rehte

sinen namen und sin gislahte vnd war er varn solde vnd durch welhe schulde

er z zir dar quam. (ER 2751-2755)

Über die Einzelheiten verrät der deutsche Erzähler nichts. So findet sich weder ein Verweis auf Anchises als Ziel der Reise noch auf die Vorgänger des Aeneas zur Legitimation der Unternehmung.29 Dadurch kürzt Veldeke hier den mythologi- schen Kontext, in dem die Unterweltfahrt des Aeneas steht. Während der Protago- nist in der „Aeneis“ - offensichtlich unsicher bezüglich der Antwort der Sibylle - um Einlass flehentlich bittet, wird er im französischen Roman als selbstsicher dar- gestellt. Der deutsche Erzähler jedoch bleibt diesbezüglich vage und ohne konkre- ten Hinweis auf die Wortwahl des Helden. Die unmittelbare Antwort der Sibylle lässt allerdings darauf schließen, dass der Protagonist in seiner Rede auf den Göt- terauftrag verweist:

[…] die dich da her sanden, vnser meister, die gote, bistu rechte ir bote vnd wellent sie ez gebieten, dv endarft mich niht mieten. […] (ER 2762-2766) Somit verzichtet auch Veldeke nicht auf das elementare Kriterium, das das Anliegen des Protagonisten legitimiert und Sibylle dazu verleitet, ihre Unterstützung ohne Zögern anzubieten.

1.1.2 Angst, Tränen, Freude und Scham: Die Emotionen des Aeneas

Auf die Geschehnisse in der Unterwelt reagiert Aeneas mit in der „Aeneis“, im „Roman d’Eneas“ und in Veldekes „Eneasroman“ variierenden Emotionen. Explizit genannt werden insbesondere die Angst, die Scham und die Freude. Darüber hinaus finden sich diverse Momente, in denen der Protagonist weint.

Eine für die Unterweltszene in den mittelalterlichen Romanen zentrale Emotion des Aeneas ist die Angst,30 während der lateinische Erzähler die Furchtlosigkeit des Helden beim Eintritt in die Unterwelt ausdrücklich betont: ille ducem haud timidis vadentem passibus aequat. (Aen. VI, 263) - „Furchtlos folgte der Führung in gleichem Schritte Aeneas.“ Lediglich eine Textstelle der „Aeneis“ legt eine Form von Furcht des Helden kurz nach Eintritt in das Jenseits nahe: corripit hic subita trepidus formidine ferrum / Aeneas strictamque aciem venientibus offert (Aen. VI, 290f.). - „Jäh von Grauen gepackt greift hastig Aeneas zum Schwert und / zückt die blanke Schneide dem Andrang entgegen“. Die lateinische Formu- lierung lässt sich neben dem in der Translation Göttes benutzten Begriff „Grauen“ auch als „Angst“ oder „Furcht“ übertragen. Es bietet sich allerdings auch eine we- sentlich mildere Übersetzungsmöglichkeit an: „Beunruhigung“. Dass Vergil der Hauptfigur mit dieser Formulierung Angst und Furcht attestieren möchte, wird zwar durch den Übersetzungsvorschlag Göttes suggeriert, ist insgesamt jedoch unwahrscheinlich.

Der Anonymus entwirft ein anderes Bild des Protagonisten: Die Angst des Aeneas wird mehrfach explizit betont. Bereits auf den Auftrag der Anchiseserscheinung, in die Unterwelt hinabzusteigen, reagiert Aeneas mit Furcht: mais plus dote l ’ enfernal veie: / de ce esteit en grant freor. (RdE 2226f.) - „[A]ber mehr fürchtet er den Weg durch die Hölle: / darüber war er in großem Schrecken.“ In Anlehnung an die erwähnte Textstelle in der „Aeneis“ fürchtet sich Aeneas während des Auf- enthalts im Bereich unmittelbar hinter dem Eingang (RdE 2419). Darüber hinaus ergänzt der französische Erzähler, dass Aeneas auch beim Vernehmen der Schreie, die aus dem Tartarus kommen (RdE 2710), auf die Ansprache des Charon (RdE 2535) und auf die Begegnung mit Cerberus (RdE 2595) angsterfüllt reagiere.31 Im Gespräch mit seinem Vater Anchises greift Aeneas selbst die häufig auftretende Angst auf und betont in einem Resümee zur Unterweltreise: sovent en er ë angoissos (RdE 2860). - „[H]äufig war ich deswegen beängstigt“.

Veldeke geht noch weiter als der französische Dichter: Die Angst des Aeneas scheint im ersten Teil der Unterweltfahrt des deutschen Romans omnipräsent32 und setzt - so wie im „Roman d’Eneas“ - bereits unmittelbar nach der Erscheinung des Anchises ein:

Do deme herren div vart z der helle giboten wart, daz duchte in vil freisam. (ER 2653-2655)

Während der Anonymus durch einen Erzählerkommentar betont, dass das Ausse- hen der Sibylle im Allgemeinen Furcht (peor, RdE 2271) beim Betrachter erwe- cke,33 empfindet der deutschen Fassung zufolge Aeneas selbst diese angest (ER 2691), als er ihr begegnet.34 Die Panik, die den Protagonisten beim Betreten der Unterwelt befällt, wird von Veldeke insgesamt dreimal genannt (ER 2895, 2905 und 2909).35 Dazu kommt - so wie im „Roman d’Eneas“ - die Begegnung mit Charon: Eneas der mare / forhte in, do ern gisach (ER 3074). Zweimal wird die Angst genannt, als Aeneas das Boot des Charon betritt: es wart getr bet sin sin er angest wa s da vil groz. (ER 3143) Sch ließlich folgt - erneut derۧdۦ(ER 3139); französischen Vorlage treu bleibend - eine letzte Erwähnung bei der Begegnung mit Cerberus: do erforhte sich Eneas (ER 3256). Gesteigert wird die Angst vor Cerberus derart, dass Aeneas das gesamte Unternehmen in Frage stellt und sogar bereut, je in die Unterwelt gestiegen zu sein: vnde r in div vart. (ER 3257) Auf- grund der Tatsache, dass im „Eneasroman“ Veldekes die Angst des Aeneas derart häufig explizit genannt wird, ist es umso verwunderlicher, dass der deutsche Dich- ter eine Erwähnung der französischen Vorlage weglässt: die Furcht beim Anblick des Tartarus. Über den Grund hierfür lässt sich nur spekulieren, dass es Veldeke möglicherweise unangemessen erschien, weshalb ein tugendhafter Held wie Aeneas explizit Angst vor den Schrecken des Strafortes empfinden sollte, der als Aufenthaltsort für die verwerflichsten Sünder dient.

Für das sechste Buch von Vergils „Aeneis“ bilden Tränen ein zentrales Motiv. So weint Aeneas beim Aufbruch nach Cumae (Aen. VI, 1). Außerdem wird zweimal betont, dass die Trojaner um den verstorbenen Misenus weinen (Aen. VI, 176f. und 212), über dessen Tod auch Aeneas selbst trauert (tristis, Aen. VI, 185). Dar- über hinaus finden sich insgesamt drei explizite Anmerkungen, dass der Held bei der Begegnung mit der verstorbenen Dido Tränen vergieße (Aen. VI, 455, 468 und 476). Schließlich findet auch das Gespräch mit Anchises unter Tränen statt: sic memorans largo fletu simul ora rigabat. (Aen. VI, 699) - „Also sprach er [sc. Aeneas] und Ströme von Tränen netzten sein Antlitz.“ Insgesamt weisen die Trä- nen einen symbolischen und demonstrativen Charakter auf. Die Katabasis des Aeneas ist geprägt von Begegnungen mit verschiedenen Weggefährten, die eng mit ihm verbunden waren und seinetwegen starben. Der Kummer, den er über ih- ren Verlust und ihr Schicksal empfindet, wird durch die Tränen ausgedrückt.36

Auch der Anonymus integriert ebendieses Motiv an zwei Stellen: Der Vorlage treu folgend, weint Aeneas, als er vergeblich versucht, seinen Vater zu umarmen:

Eneas plor ë et sospire (RdE 2867). - „Eneas weint und seufzt“. Schließlich er- gänzt der französische Dichter Tränen des Aeneas beim Abschied von Anchises: Al departir Eneas plore (RdE 3014). - „Beim Abschied weint Eneas“. Die Strei- chungen sind auf die Kürzung der Misenusepisode37 beziehungsweise auf die Neukonzeption der Begegnung des Aeneas mit Dido zurückzuführen.38

In der Unterweltdarstellung von Veldekes „Eneasroman“ existiert kein Hinweis darauf, dass Aeneas weint. Das Motiv wird vom deutschen Dichter gänzlich ge- tilgt. Der Grund, weshalb Veldeke auch die Tränen bei der Begegnung des Aeneas mit Anchises streicht, steht in Verbindung mit der Emotion der Freude, deren in Vergils „Aeneis“, im „Roman d’Eneas“ und in Veldekes „Eneasroman“ jeweils unterschiedlichen Verwendungsweisen im Folgenden ausgeführt werden.

Im sechsten Buch des lateinischen Epos findet sich lediglich eine Szene, die Freu- de inkludiert: Aeneas reagiert erfreut (laetus, Aen. VI., 193) auf die Ankunft der beiden Vögel, die seine Mutter ihm gesandt hat, um ihn im Wald zum goldenen Zweig zu führen.

Obwohl der Anonymus die beiden Vögel streicht,39 übernimmt er im gleichen Kontext die explizite Nennung der Emotion, indem er eine geringfügige Änderung vornimmt: Aeneas freut sich nicht über ein Auftauchen der Vögel, sondern über das Finden des Zweiges selbst: Quant il le vit, molt s ’ en fis li é (RdE 2341). - „Als er [sc. Aeneas] ihn [sc. den Zweig] erblickte, freute er sich sehr darüber“. Dazu kommt eine zweite Nennung der Begeisterung über die erfolgreiche Suche nach dem Zweig: Eneas fu joios et liez (RdE 2345). - „Eneas war froh und vergnügt“. Schließlich ergänzt der Anonymus einen ausführlichen Abschnitt über die Reakti- on des Helden auf die Heldenschau des Anchises und betont mehrfach das Hoch- gefühl des Protagonisten:

Molt est danz Eneas espris de ce qu ’ il a iluec apris, molt se fait liéde sa ligniee qu ’ il veit ki tant iert essalciee, que li monz iert vers lui enclin et regnera toz tens senz fin.

Enz en son cuer en a grant joie, obli ë a le duel de Troje, et nequedent pensis esteit des batailles que il avreit, des mals que li estuet sofrir, ainz que il puisse a ce venir.

(RdE 2985-2997)

Herr Eneas ist sehr begeistert / von dem, was er dort erfahren hat, / er freut sich sehr über sein Geschlecht, / von dem er sieht, daß es so sehr erhöht werden wird, / daß die Welt ihm unterworfen sein wird, / und es allezeit ohne Ende regieren wird. / In seinem Herzen empfindet er große Freude darüber, / vergessen hat er die Trauer um Troja, / und dennoch war er nachdenklich / wegen der Kämpfe, die er zu bestehen haben würde, / wegen der Übel, die er erleiden muß, / bevor er zu diesem gelangen kann.

Vergil fasst sich zur Reaktion des Aeneas auf die Heldenschau wesentlich kürzer:

quae postquam Anchises natum per singula duxit / incenditque animum famae venientis amore (Aen. VI, 888f.). - „Und so führte Anchises den Sohn durch alles und jedes / und entflammte sein Herz von Liebe zu künftigem Ruhme.“ Die positi- ve Grundeinstellung des Aeneas in Bezug auf seine Zukunft wird vom französi- schen Dichter übernommen und um verschiedene Facetten - die Freude, die Be- denken wegen der Kriege und die Überwindung der Trauer um Troja - erweitert.

Auch in Veldekes „Eneasroman“ finden sich Anmerkungen zur Freude des Aeneas. Allerdings geschieht dies nicht - wie in den beiden Vorlagen - in Zu- sammenhang mit der Suche nach dem Zweig, sondern ausschließlich in der Elysi- umszene. Zunächst freut sich der Protagonist, seinen Vater zu sehen: des fr wete sich der wigant (ER 3581). Außerdem reagiert er erfreut, als er in der Heldenschau seinen späteren Sohn erblickt: den gisach gerne Eneas. (ER 3640) Schließlich weicht Veldeke von dem Muster der expliziten Darstellung der Freude durch den Erzähler ab und fügt in die Rede des Anchises zwei Kommentare ein, mit denen der Vater seinem Sohn mitteilt, dass er sich über die Heldenschau und die Zu- nne (ER 3683); des machtu w ol ۧ w ۦ kunftsvisio n f reu en könne: de s mahtu haben fro sin (ER 3694). Damit lässt sich auch die Streichung der Tränen erklären. Veldeke schafft eine grundlegend andere Atmosphäre der Begegnung zwischen Aeneas und Anchises. Die positive Stimmung, die freudige Erwartung der Zukunft und die Abkehr von der Vergangenheit, zu der auch der verstorbene Anchises letztlich gehört, stehen in einem Gegensatz zu dem tränenreichen und kummervol- len Wiedersehen, das in den Vorlagen konzipiert ist.

Scham des Aeneas wird nur in den Jenseitserzählungen der mittelalterlichen Romane erwähnt. Der französische Erzähler beschreibt die Reaktion des Protagonisten auf die Verstorbenen aus Troja:

Ne lor osot torner le vis, tant com poeit se resconsot et envers els se vergondot, por ce qu ’ il s ’ en enbla fuitis d ’ entr ’ els, quant il furent ocis. (RdE 2680-2684) Er wagte nicht, ihnen das Gesicht zuzuwenden, / so sehr er konnte verbarg er sich / und er- rötete vor ihnen, / weil er heimlich als Flüchtling / aus ihrer Mitte davonging, als sie getötet wurden.

Dabei wird die Flucht durch das Attribut der Heimlichkeit bewusst durch den fran- zösischen Erzähler in ein negatives Licht gerückt. Demgegenüber steht die Dar- stellung Veldekes von der gleichen Szene, die eng an den französischen Roman angelehnt ist:

do sie Eneas gisach,

do schamite er sich sere. ez duchte in vnere,

daz von in gescheiden was der herzoge Eneas,

von frivnden vnd von magen, die da erslagen lagen

in Troie der witen. (ER 3330-3337)

Der deutsche Dichter mildert die Schwere der Schuld, die Aeneas durch sein Handeln in Troja auf sich geladen hat, ab, indem er als Grund für die Scham nicht explizit eine heimlich unternommene Flucht nennt, sondern die Tatsache, dass der Protagonist von seinen Gefährten gescheiden (ER 3333) ist.40

Die Scham, die der Protagonist gegenüber den Trojanern empfindet, steht in einem größeren Kontext, der die Gründe für und die Folgen von der Flucht aus der eins- tigen Heimatstadt Troja und den mit ihr verbundenen Normkonflikt - die Erfül- lung des Götterauftrags gegenüber dem ehrenvollen Tod im Kampf - beinhaltet.41 Das hat in der Forschung zu einem heterogenen und divergierenden Meinungsbild geführt, dessen wichtigsten Positionen im Folgenden in Form eines Exkurses vor- gestellt werden, um die Emotion der Scham zu kontextualisieren und zu erklären.

1.1.3 Ein Exkurs: Verantwortung, Selbstreflexion und die Autorität der Götter in den mittelalterlichen Romanen

Fromms Deutung der Scham im deutschen „Eneasroman“ ist kurz formuliert: „Eneas schämt sich, weil die Gefallenen von dem seinerzeitigen Götterbefehl nichts wissen können und ihn der Feigheit zeihen müssen.“42 Ein solcher Konflikt wird jedoch nicht durch die Emotion der Scham sachgerecht abgedeckt. Die Frage, wie sich die verstorbenen Trojaner zum Zeitpunkt der Jenseitsreise des Aeneas zu dessen Flucht positionieren, ist nicht so grundlegend wie das im Folgenden kri- tisch zu diskutierende und in Fromms Beitrag unterschlagene Problem, inwiefern der Protagonist eine (wirkliche) Wahlmöglichkeit in Troja hatte und wie die Flucht auf dieser Grundlage zu bewerten ist.

Kasten beschreibt die rationalisierten Motive der handelnden Figuren in den Ro- manen in Abgrenzung von der Darstellung Vergils, nach der die Menschen ohne freien Willen als Werkzeuge der alles kontrollierenden Götter fungieren.43 Wäh- rend somit dem Götterbefehl zur Flucht aus Troja in der „Aeneis“ bedingungslos zu folgen sei und Aeneas ebenjene Handlung nicht hinterfragen müsse und dürfe, stelle sich genau diese Frage für die mittelalterlichen Darstellungen, nach denen die Autorität der Götter zwar einen starken Einfluss ausübe, jedoch nicht mehr den einzigen Faktor für die Entscheidungsfindung des Aeneas bilde.44 Dabei sieht Kas- ten den Unterschied zwischen dem „Roman d’Eneas“ und dem deutschen Roman insofern, als dass Veldeke die vom französischen Dichter eingebrachte Entschei- dungsfreiheit des Helden verstärkt betone, indem er die Alternative des ehrenvol- len Todes in der Schlacht bei Troja aufzeige und dadurch die im Mittelalter ver- breitete Auffassung integriere, dass Aeneas ein Verräter an Troja, seiner Heimat- stadt, sei.45 Die Nennung der Scham wertet sie als expliziten Hinweis auf eine von den mittelalterlichen Autoren intendierte Selbstbestimmung des Helden, die zwar noch beeinflusst werde durch den Willen der Götter, allerdings auch abhängig sei vom Ehrgefühl, wodurch sein Handeln eine „psychologische Motivation“46 erhal- te.47

Zu einer grundsätzlich anderen Wertung der Scham kommt Schmitz, die eine Ent- scheidungsfreiheit des Aeneas - wie sie bei Kasten ausschlaggebend für die Deu- tung der Scham ist - für abwegig hält, da die Flucht aus insgesamt drei Gründen unumgänglich sei: „am Anfang der Trojapassage durch das Göttergebot, dann durch den Beschluß der Verwandten und Vasallen und am Ende durch ihre Ein- bindung in das genealogisch-dynastische Prinzip der Erzählung.“48 Dabei schätzt sie die Autorität der Götter auch im deutschen „Eneasroman“ als stark genug ein, so dass der Götterauftrag bindend und in jedem Fall zu erfüllen sei. Als Argument für ihre These führt sie aus, dass es Aeneas mithilfe der Erläuterung des Götterauf- trags erst gelinge, seine Gefährten zu überzeugen, Troja mit ihm zu verlassen, um die göttliche Mission zu erfüllen:49

er sagite in daz da war was

unde waz im was inboten

und giwissaget von den goten, daz er sich niht solde erwern

unde sinen lip solde ernern. (ER 74-78)

Schließlich, so Schmitz, verweisen auch die häufigen Wiederholungen des Götter- befehls durch den deutschen Erzähler auf die Notwendigkeit der Flucht.50 Als Grund, wieso sich Aeneas im deutschen „Eneasroman“ schämt, führt Schmitz an, dass er als hoher Herr, als herzoge (ER 3334) aus Troja, der ê re wegen bei Seines- gleichen sein müsse.51 Durch die Scham werde - im deutschen noch stärker als im französischen Roman52 - signalisiert, dass Aeneas sich des Widerspruchs zwi- schen der Flucht aus Troja und der Einhaltung der ê re bewusst sei, wodurch ein ausgeprägtes Ehrverständnis des Helden betont werde.53 Schmitz, die insgesamt dafür plädiert, dass sich Veldeke stets um eine Idealisierung der Figur des Aeneas bemühe,54 beurteilt die Scham vor den Trojanern als Beispiel ebendieses Phäno- mens.55

Hamm setzt in Bezug auf die Scham des Aeneas andere Schwerpunkte. Während Schmitz darauf verweist, dass Aeneas sich schäme, weil er nicht bei „den Sei- nen“56 sei, betont Hamm jedoch den Unterschied zwischen Aeneas und den Gefal- lenen: „Denn die vier genannten Trojaner, Priamus und seine drei Söhne, gehören dem trojanischen Herrscherhaus an, dem Eneas, ein Herzog in den mittelalterli- chen Romanen, dienstpflichtig ist.“57 Ähnlich wie Kasten sieht auch Hamm die Scham als Hinweis einer „selbstkritische[n] Reflexion des Helden“58 und verweist auf die Parallelen des „Roman d’Eneas“ mit der Theorie, dass Aeneas ein Verräter an seiner Heimatstadt sei.59 Die Umstrukturierung der Szene durch Veldeke60 sieht er als Verschärfung dieses Konflikts des „ambivalente[n], ja problematische[n] Held[en], der die Vorwürfe, die gegen ihn vorgebracht werden, durch das Einge- ständnis seiner vnere zu bestätigen scheint.“61

[...]


1 Vgl. Worstbrock, Dilatatio, S. 1; Schmitz, Poetik, S. 16; Hamm, Erzählpoetik, S. 3.

2 Vgl. Lienert, Antikenromane, S. 9. Die Autorin beschäftigt sich in ihrer Monografie mit dem „Alexanderroman“, dem „Eneasroman“, dem „Trojaroman“ und dem „Apolloniusroman“. Vgl. auch Ebenbauer, Antike Stoffe, S. 250-287. Der Autor geht in seinem Aufsatz kurz auf jeden der Stoffkreise ein und stellt die antiken Werke sowie die mittelalterlichen Bearbeitungen vor.

3 Zur Verarbeitung antiker Romane in der französischen Literatur des zwölften Jahrhunderts sei verwiesen auf Schöning, Thebenroman. Der Autor erläutert sowohl das Phänomen der französi- schen Adaptationen an sich als auch anhand des „Thebenromans“, des „Eneasromans“ und des „Trojaromans“.

4 Um die antiken Erzählungen der mittelalterlichen, christlich geprägten Gesellschaft anzupassen, bedienten sich die Dichter des zwölften Jahrhunderts verschiedener erzähltechnischer Eingriffe, die der antiken Schule der Rhetorik entlehnt sind. So wird der vorgegebene Stoff (materia) durch Verwendung bestimmter Verfahren zu einem kunstvoll wiedererzählten Werk (artifici- um). Die beiden zentralen Techniken sind die quantitative Kürzung (abbreviatio materiae) und Erweiterung (dilatatio materiae) der Vorlage. Vgl. Worstbrock, Dilatatio, S. 27-30; Schmitz, Poetik, S. 262-292; Hamm, Erzählpoetik, S. 8-15.

5 Folgende Ausgabe und Übersetzung werden in der vorliegenden Hausarbeit verwendet: Ver- gilius Maro, Publius: Aeneis. Lateinisch / Deutsch. In Zusammenarbeit mit Maria Götte hrsg. und übers. von Johannes Götte. 6. Aufl. München, Zürich 1983 (Sammlung Tusculum), künftig zitiert als „Aen.“.

6 Vgl. Winter / Hamm, Eneasromane, S. 79.

7 Allerdings geht Vergil spiegelverkehrt vor: Während Homers „Ilias“, die die kriegerischen Auseinandersetzungen in Troja beinhaltet, zeitlich vor der Handlung der „Odyssee“, die die be- schwerlichen Irrfahrten des Odysseus zum Gegenstand hat, zu verorten ist, stellt Vergil die Rei- sen des Aeneas vor die Kriege in Latium.

8 Folgende Ausgabe und Übersetzung werden in der vorliegenden Hausarbeit verwendet: Le Roman d’Eneas. Übers. und eingel. von Monica Schöler-Beinhauer. München 1972 (Klassische Texte des romanischen Mittelalters 9), künftig zitiert als „RdE“.

9 Vgl. Winter / Hamm, Eneasromane, S. 81.

10 Nicht zuletzt ist der Grund hierfür wohl ein hohes Interesse an Jenseitserzählungen im siebten und achten Jahrhundert, das im zwölften Jahrhundert neu auflebte. Vgl. Krause, Unterweltsbil- der, S. 31; Dinzelbacher, Jenseitsvisionen, S. 67-72; Braches, Jenseitsmotive, S. 83.

11 Folgende Ausgabe wird in der vorliegenden Hausarbeit verwendet: Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Die Berliner Bilderhandschrift mit Übersetzung und Kommentar. Hrsg. von Hans Fromm. Mit den Minitaturen der Handschrift und einem Aufsatz von Dorothea und Peter Die- mer. Frankfurt am Main 1992 (Bibliothek deutscher Klassiker 77, Bibliothek des Mittelalters 4), künftig zitiert als „ER“. Auf Übersetzungen des mittelhochdeutschen Textes wird verzichtet.

12 Vgl. Winter / Hamm, Eneasromane, S. 87.

13 Vgl. Ebenbauer, Antike Stoffe, S. 254; Winter / Hamm, Eneasromane, S. 83f. 4

14 Vgl. Schmitz, Poetik, S. 15f.; Ebenbauer, Antike Stoffe, S. 254.

15 Vgl. Hamm, Erzählpoetik, S. 44.

16 Hamm, Erzählpoetik, S. 102 bezeichnet die Unterweltszene auch für den „Eneasroman“ Velde- kes als „Schlüsselpassage“, da sich hier der Held von seiner Vergangenheit löse und sich seiner Zukunft hinwende.

17 Zu den zentralen Forschungspublikationen, die die Unterweltfahrt des Aeneas in zumindest zwei der drei Werke zum Gegenstand haben, gehören Thiel, Eneasroman, insb. S. 110-219; Stebbins, Bildlichkeit, insb. S. 21-77; Fromm, Unterwelt, S. 101-121; ders., Kommentar, insb.

S. 805-819; Kistler, Veldeke, insb. S. 38-76; Hamm, Erzählpoetik, insb. S. 136-233; Kern, Unterwelt, S. 115-130. Die bis heute maßgeblichen Erkenntnisse zum sechsten Buch von Vergils „Aeneis“ liefert Norden, Vergilius.

18 Vgl. Dinzelbacher, Jenseitsvisionen, S. 76f.

19 Hamm, Übergang, S. 115 beschreibt das grundlegende Erzählprinzip kurz und treffend als „Aeneas nimmt wahr, Sibylle erklärt“.

20 Der Fokus liegt hier dem Thema der vorliegenden Hausarbeit entsprechend auf der Unterwelt- fahrt. Insbesondere die umstrittene These, dass die Figur des Aeneas eine Entwicklung durch- mache, sei hier nicht weiter ausgeführt. Auch die kontrastierenden Darstellungen des Aeneas als „Urbild der Sohnestreue [und als] Verräter“ (Fromm, Verräter, S. 139) in der Antike und im Mittelalter seien hier nicht im Detail für die gesamte Handlung vorgestellt. Vgl. hierzu Kasten, Herrschaft, S. 227-245; Fromm, Verräter, S. 139-163; Schmitz, Poetik, S. 111-118; Suerbaum, Aeneis, S. 201-209; Hamm, Erzählpoetik, S. 74-80.

21 Vgl. Hamm, Erzählpoetik, S. 228. Dinzelbacher, Jenseitsvisionen, S. 76f. bezeichnet die suk- zessive Fortbewegung von Ort zu Ort im Jenseits neben dem Fokus auf die Sicht eines einzel- nen Protagonisten als einen weiteren typischen Aspekt für Jenseitsreisen in der mittelalterlichen Literatur. Insgesamt kann dieses Merkmal auch bei der Jenseitsreise des Aeneas entdeckt wer- den, obwohl es durch einige Zwischensequenzen relativiert wird. Speckenback, Jenseitsreisen, S. 28 führt aus, dass das schrittweise Voranschreiten der Protagonisten ohne Übergänge auch exemplarisch an der Unterweltfahrt der „Visio Tnugdali“ festzustellen sei. Die Parallelen der Jenseitsreise des Aeneas mit der des Tnugdalus, auf die auch Hamm, Übergang, S. 120 verweist, seien hier nicht weiter ausgeführt.

22 Vgl. hierzu auch Kapitel 1.2.2 der vorliegenden Hausarbeit.

23 Zur Demut des Aeneas im gesamten Epos vgl. auch Ebenbauer, Antike Stoffe, S. 252. 8

24 Vgl. Kern, Beobachtungen, S. 123. Thiel, Eneasroman, S. 116 betont, dass die „bei Vergil kompliziert verschachtelte[ ] und nicht immer leicht überschaubare[ ] Handlung“ durch die Kürzungen des Anonymus einen wesentlich einfacheren und chronologischen Verlauf einneh- me.

25 Diese Beobachtung korreliert mit der Erscheinung des Anchises vor der Unterweltfahrt (vgl. Kapitel 2.2.1 der vorliegenden Hausarbeit). So erhält Aeneas von seinem Vater im „Roman d’Eneas“ bereits vor der Reise die Gewissheit über den positiven Ausgang seines Vorhabens.

26 Vgl. Thiel, Eneasroman, S. 117.

27 Vgl. Thiel, Eneasroman, S. 117. Warum der Anonymus die Brüder Pollux und Castor ausspart und weshalb er die kurzen Informationen, die Vergil zu den jeweiligen mythologischen Figuren gibt, weglässt, ist unklar. Bemerkenswert ist, dass es sich bei der Rede des Charon (Aen. VI, 392-394; RdE 2519-2528) konträr verhält (vgl. auch Kapitel 3.1 der vorliegenden Hausarbeit): Hier ergänzt der Anonymus Hinweise zum Kontext der jeweiligen Mythen. Kistler, Veldeke, S. 40f. schreibt, dass der französische Dichter dadurch zum einen seine eigenen Kenntnisse prä- sentiere und zum anderen seinem Publikum gerecht werde, das sich - anders als Vergils Publi- kum - nicht sonderlich gut mit der antiken Mythologie auskenne. Für die Rede des Charon er- scheint Kistlers Argumentation schlüssig. Da jedoch bei der Rede des Aeneas das gegenteilige Phänomen festzustellen ist, entsteht ein Widerspruch.

28 Nach der Erscheinung des Anchises holt sich Aeneas den Rat seiner Gefolgsleute ein. Dabei erzählt er ihnen detailliert von der Rede seines Vaters, spart einen Verweis auf die geplante Un- terweltfahrt jedoch bewusst aus:

do sagite der herre Eneas al, daz ime enboten was, sinen hergisellen wande die vart z der hellen. daz versweich er und hal, daz ander sagite er in al und hetes ir rat vmde also gitane tat. (ER 2659-2666)

Bemerkenswert ist, dass beide Vorlagen ein solches Geheimnis nicht enthalten; vielmehr reist der „Aeneis“ zufolge eine Vielzahl von Gefolgsmännern mit zur Sibylle, während dem franzö- sischen Roman nach Achates seinen Herrn dorthin begleitet. Dass die Geheimhaltung der Reise vor den übrigen Trojanern wichtig ist, zeigt sich anhand einer zweiten Textstelle, die ebendies erneut explizit macht: di vart sie do halen / ‹ i › r nachgeb ren. (ER 2884f.) Schmitz, Poetik, S. 136f. deutet Veldekes Eingriff zugunsten einer positiven Darstellung des Protagonisten als un- abhängigen Herrscher. So diene der heimliche Aufbruch einer „Profilierung des Helden anläß- lich der Unterweltepisode.“ (ebd.) In der Forschung herrscht diesbezüglich Konsens. Vgl. auch Stebbins, Bildlichkeit, S. 26f.; Lienert, Antikenromane, S. 82; Fromm, Kommentar, S. 805.

29 Behaghel, Einleitung, S. CL merkt diesbezüglich an, dass die Nennung der Namen jener, die vor Aeneas schon in die Unterwelt gestiegen sind, überflüssig sei, da eine Gelehrte wie Sibylle sich dieser Informationen bereits bewusst sei. Thiel, Eneasroman, S. 118 Anm. 1 nimmt Bezug auf Behaghels Ausführungen und ergänzt, dass insbesondere die Erwähnungen von Herkules und Theseus an dieser Stelle für die Legitimation der Heldenfahrt eigentlich kontraproduktiv seien, da diese aufgrund ihrer Taten im Jenseits negative Beispiele darstellen und Sibylle somit an die Konflikte erinnern, die entstehen können, wenn Sterbliche in die Unterwelt reisen.

30 In der Forschung herrscht Konsens, dass dabei weder der Anonymus noch Veldeke das Bild eines ängstlichen, negativ konzipierten Helden entwerfen, sondern vielmehr die Schwierigkeit des Vorhabens und die Schrecken der Unterwelt für den Leser veranschaulichen. Vgl. etwa Kartschoke, Stellenkommentar, S. 778; Stebbins, Bildlichkeit, S. 27f.

31 Die Erwähnung der Angst des Aeneas vor Charon und Cerberus korreliert mit einer dilatatio materiae des Anonymus: Die descriptiones personae der beiden Kreaturen (vgl. Kapitel 3 der vorliegenden Hausarbeit) machen die Angst des Helden für das Publikum nachvollziehbar.

32 Die häufige Nennung der Angst im deutschen „Eneasroman“ verbindet Stebbins, Bildlichkeit, S. 27f. mit einem weiteren Wortfeld, das sich aus den Adjektiven freislich (ER 2693, 2890, 3204, 3208, 3288), freissam (ER 2939, 3045), grulich (ER 2727) und egislich (ER 3207, 3356) zusammensetzt. Dadurch erhalte die Gesamtkonzeption der Unterwelt „die Aura des Schrecklich-Unheimlichen.“ (ebd., S. 28)

33 Hierfür orientiert sich der Anonymus wohl an der lateinischen Vorlage, nach der die Trojaner beim Anblick der Sibylle Angst empfinden: gelidus Teucris per dura cucurrit / ossa tremor (Aen. VI, 54f.). - „Eiskalt rinnt Schreck durch Mark und Bein der / harten Trojaner“. Dass A- eneas selbst jedoch mit Furcht auf Sibylle reagiert, findet in der „Aeneis“ keine Erwähnung.

34 In Anknüpfung an Anm. 31 zeigt sich, dass auch diese Ergänzung in Zusammenhang mit der Technik der dilatatio materiae durch die mittelalterlichen Dichter steht. Indem Veldeke eine ausführliche descriptio personae der Sibylle hinzufügt (vgl. Kapitel 1.2.1 der vorliegenden Hausarbeit), plausibilisiert er die Angst des Helden vor ihrem Erscheinungsbild, die in dieser expliziten Form weder in der „Aeneis“ noch im „Roman d’Eneas“ zu finden ist.

35 Hamm, Erzählpoetik, S. 217f. verweist darauf, dass Aeneas im deutschen Roman schon wäh- rend des Einstiegs explizit Angst empfinde, während dies im französischen Roman nicht der Fall sei. Wichtig - und von Hamm unerwähnt gelassen - ist jedoch, dass in beiden Adaptatio- nen die Angst vor der Unterwelt bereits während oder unmittelbar nach der Erscheinung des Anchises einsetzt (RdE 2226f.; ER 2653-2655). Insofern ist die These, dass der Protagonist des „Roman d’Eneas“ - in Abgrenzung zur deutschen Fassung - erst nach Betreten des Jenseits von Furcht befallen werde, hinfällig.

36 Das darf jedoch nicht nach modernem Emotionsverständnis missverstanden werden als Schwä- che des Aeneas, der von seinen Gefühlen überwältigt wird. Vielmehr vervollständigen die ex- pressiven Tränen das von Vergil gezeichnete Bild eines vollkommenen Helden.

37 Vgl. Thiel, Eneasroman, S. 128.

38 Vgl. Kapitel 2.1 der vorliegenden Hausarbeit.

39 Vgl. Kapitel 4 der vorliegenden Hausarbeit.

40 Vgl. Schmitz, Poetik, S. 117.

41 Vgl. ebd., S. 116f.; Hamm, Erzählpoetik, S. 165. 17

42 Fromm, Kommentar, S. 813.

43 Vgl. Kasten, Herrschaft, S. 236.

44 Vgl. ebd.; dies., Veldeke, S. 81f. Daraus resultiere auch die Tatsache, dass Aeneas sich vor der Flucht mit seinen Männern berate (ER 70-104), um ihre Meinungen zu der nicht mehr von den Göttern postulierten Entscheidung zu berücksichtigen.

45 Vgl. Kasten, Herrschaft, S. 237. Durch ihre Argumentation unterstellt Kasten dem deutschen Dichter, dass dieser eine bewusst und selbstständig getroffene Fehlentscheidung des Aeneas andeute.

46 Kasten, Herrschaft, S. 238.

47 Allerdings attestiert Kasten, Herrschaft, S. 238 ausgehend von ihren Ausführungen den mittel- alterlichen Dichtern eine Inkonsequenz in ihren Darstellungen, da die Übernahme von Eigen- verantwortung des Aeneas bei dem Wiedersehen mit Dido in der Unterwelt gänzlich weggelas- sen werde. Vgl. hierzu auch Kapitel 2.1 der vorliegenden Hausarbeit.

48 Schmitz, Poetik, S. 116.

49 Vgl. ebd., S. 115.

50 Vgl. ebd., S. 118.

51 Vgl. ebd., S. 117.

52 Für den „Roman d’Eneas“ kommt bereits Thiel, Eneasroman, S. 167f. zu einem ähnlichen Er- gebnis. Er sieht die Scham lediglich als Zeichen dafür, „daß sich Gehorsam gegen die Götter mit menschlichen Ehr- und Treuebegriffen nicht leicht vereinbaren läßt.“ (ebd.) Folglich sei die Scham des Aeneas eine Reaktion auf seine Flucht aus Troja, von der er wisse, dass sie unver-der einbar sei mit der für ihn als Helden eigentlich verbindlichen, ritterlichen ê re; die Option zur freien Entscheidung, wie sie von Kasten dargestellt wird, sieht Thiel nicht.

53 Vgl. Schmitz, Poetik, S. 117f.

54 Ebd., S. 135: „Veldeke […] vervollkommnet [die Protagonisten], wo immer ihm die Quelle dazu Gelegenheit bietet“.

55 Vgl. ebd., S. 118. Hier wird der Unterschied zu Kastens Interpretation besonders deutlich, da diese den durch die Scham betonten Makel des Aeneas einer möglichen Fehlentscheidung in Troja hervorhebt.

56 Ebd., S. 117. Dabei stellt sie Aeneas explizit auf eine Stufe mit den gefallenen Trojanern: „Er [sc. Aeneas] ist ein hoher Herr wie sie, was durch die Erwähnung seines Herzogtitels eigens angezeigt wird“ (ebd.).

57 Hamm, Erzählpoetik, S. 166.

58 Ebd.

59 Vgl. ebd., S. 166f.

60 Während der französische Erzähler namentlich auf Hektor (RdE 2677), Priamus (RdE 2677), Paris (RdE 2678) und Deiphebus (RdE 2678) verweist, referiert der deutsche auf Priamus (ER 3323), Troilus (ER 3324), Paris (ER 3325), Hektor (ER 3325), Antenor (ER 3326) und Atha- mas (ER 3327).

61 Hamm, Erzählpoetik, S. 168.

Ende der Leseprobe aus 87 Seiten

Details

Titel
Aspekte der Unterweltfahrt in Vergils 'Aeneis', im 'Roman d'Eneas' und in Heinrichs von Veldeke 'Eneasroman'
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
87
Katalognummer
V273142
ISBN (eBook)
9783656650102
ISBN (Buch)
9783656650096
Dateigröße
831 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aspekte, unterweltfahrt, vergils, aeneis, roman, eneas, heinrichs, veldeke, eneasroman, vergil, heinrich, eneit, unterwelt, entmythologisierung, adaptation, hades
Arbeit zitieren
Stefan Voßen (Autor), 2014, Aspekte der Unterweltfahrt in Vergils 'Aeneis', im 'Roman d'Eneas' und in Heinrichs von Veldeke 'Eneasroman', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273142

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