Hypermedienkompetenz. Soziale Aspekte moderner Technik

24/7: Wie die ständige Erreichbarkeit die Gesellschaft verändert


Bachelorarbeit, 2014

49 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und personliche Motivation
1.1 Vorgehensweise

2. Klassische Skizzierung von „Medienkompetenz“
2.1 Baackes Definition von Medienkompetenz
2.2 Was bedeutet „Hypermedienkompetenz“ ?

3. Moderne Technik und ihre sozialen Aspekte
3.1 Arten von modernen Medien und ihre Verwendung
3.2 Positive und Negative Aspekte neuer Medien
3.3 Das Allround-Gerat „Smartphone“

4. Die standige Erreichbarkeit
4.1 Die hypermediale Gesellschaft
4.2 Wann ist genug genug ?
4.3 „Verlust“ des bewussten Lebens

5. Ist ein Ausstieg aus der Online-Welt moglich ?
5.1 Vor-und Nachteile
5.2 Den richtigen Umgang mit Smartphone und Co lernen
5.3 Aktuelle Studien zum Smartphone
5.3.1 MenthalApp
5.3.2 JIM-Studie 2013
5.3.3 Mediatisierte Sozialisation im Jugendalter

6. Die Gesellschaft im (medialen-) Wandel
6.1 Der Begriff des sozialen Wandels
6.2 Nicht vergessen: Einfach mal offline sein!

7. Zusammenfassung

I. Literaturverzeichnis

II. Anhang

1. Einleitung und personliche Motivation

Heute schon offline gewesen? Diese Frage mag zunachst fur einige etwas merkwurdig erscheinen, allerdings ist sie bei unserem heutigen Medienkonsum gar nicht abwegig. Um sich dessen bewusst zu werden, reicht es fast schon aus, wenn man sich mal einen Nachmittag lang in ein Strafienkaffee setzt, in den Park geht, in einer Bar sitzt oder auch beim Einkaufen die Augen offen halt. Was wir sehen, sind zahlreiche Menschen, die mit nach unten geneigtem Kopf die Strafie entlang gehen und in regelmafiigen kurzen Intervallen ihr Smartphone in der Hand haben, um Facebook und Co ,,zu checken“. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie alleine oder mit Freunden unterwegs sind. Das Smartphone als All-in-One-Gerat, ein Alleskonner, welches ganz individuell vom Nutzer spielend leicht stetig erweitert und programmiert werden kann, ist fur die meisten Menschen heute gar nicht mehr wegzudenken. Es ist nicht mehr einfach nur ein mobiles Telefon, mit dem telefoniert und gar SMS geschrieben werden konnen. Nein, das Smartphone ersetzt zahlreiche alltagliche Dinge. Es ist Uhr, Wecker, Kalender, Notizbuch, Musikanlage, Nachrichtendienst, Navigationsgerat und sogar Freund und vieles mehr. Vor allem diese Vielfaltigkeit und Leichtigkeit fuhrt dazu, dass es aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken ist. Aber wo soll das alles hinfuhren? Taglich kann das Nutzungsverhalten vieler Smartphone-Besitzer beobachten werden und so fing ich an, mir uber dessen Auswirkungen Gedanken zu machen. Es ist fur mich unverstandlich, wenn man sich mit seinen Freunden trifft und im Extremfalljeder aber nur mit dem Handy beschaftigt ist oder daruber mit den Anwesenden kommuniziert wird. Durch die vielseitige Benutzeroberflache des Smartphones geschehen zu viele Dinge gleichzeitig und es fehlt die Zeit des Abschaltens. Aufgrund dieser Beobachtungen und Divergenzen zum klassischen Medienkonsum kam ich zu dem Thema dieser Bachelor-Arbeit. Hypermedienkompetenz: Soziale Aspekte moderner Technik oder 24/7: wie die standige Erreichbarkeit unsere Gesellschaft verandert. Mit dieser Arbeit mochte ich den enormen Einfluss neuer Medien auf die Gesellschaft aufzeigen und herausfinden, ob und wenn ja, wie sich durch den Dauereinsatz des Smartphones die Gesellschaft verandert und schon verandert hat. Aus Grunden der besseren Lesbarkeit bedient sich die vorliegende Bachelor-Arbeit vorwiegend mannlicher Substantive, jedoch ist damit die weibliche Form eingeschlossen. Wenn zum Beispiel von Smartphone-Nutzern die Rede ist, sind immer Smartphone-Nutzer und Smartphone-Nutzerinnen gemeint.

1.1 Vorgehensweise

Hypermedienkompetenz, als Schlagwort dieser Arbeit, wird einleitend mit dem Verstandnis von klassischer Medienkompetenz erlautert Medienkompetenz als Grundbegriff und Arbeitsfeld der Padagogik ist ein weitlaufiger und nicht klar abgegrenzter Begriff. Die Definition von Dieter Baacke soll dabei helfen, einen Uberblick zu bekommen und dient als Untermauerung des Begriffs Hypermedienkompetenz, womit ein zu viel ausgedruckt werden soll. Anschliefiend wird es einen Uberblick uber die neuen Medien geben. In Kapitel 3 geht es zunachst um die neuen Medien im Allgemeinen, wie sie verwendet werden und welche sozialen Aspekte sie beinhalten. Weiter werden Vor- und Nachteile der Nutzung aufgefuhrt und wie sich das Nutzungsverhalten auf die Gesellschaft und die Kommunikations- und Beziehungsnetze auswirkt. Den Schwerpunkt dieser Arbeit stellt das Smartphone, dessen Nutzung und Auswirkungen auf das soziale Miteinander dar. In Abschnitt 3.3 wird die Geschichte des Smartphones erlautert und die Integrierung des Allrounders in der Gesellschaft aufgezeigt. Die Leitfrage, welche diese Arbeit entstehen lassen hat, ist die Frage, wann von einem zu viel bei der Smartphone-Nutzung zu sprechen ist. Die standige Erreichbarkeit andert unser Denken und unsere Kultur. Die meisten Nutzer sagen von sich selbst, dass sie sich ein Leben ohne Smartphone nicht mehr vorstellen konnen. Wie hoch ist also der Suchtfaktor dieses neuen Mediums? Dieser Frage werde ich mit Hilfe aktueller Studien auf den Grund gehen. Das funfte Kapitel beschaftigt sich mit dem Umgang mit Smartphones. Kann der richtige Umgang gelernt werden und wie geht die Padagogik mit den neuen Medien um. Ist ein Offline-Dasein in unserer Gesellschaft noch moglich, ohne den Anschluss zu verlieren? Verschiedene Beispiele und medienerzieherische Projekte werden vorgestellt und die aktuelle Mediennutzung anhand von drei aktuellen Studien dargestellt. Zum Schluss wird es noch einmal ausfuhrlich um den medialen Wandel in der Gesellschaft gehen: Welche Auswirkungen die neuen Kommunikationsmedien haben, wie sich die verschiedenen Beziehungsstrukturen dadurch verandern und welche Rolle dabei der Faktor Zeit spielt.

2. Klassische Skizzierung von „Medienkompetenz“

Medienkompetenz ist seit langem kein fremder Begriff mehr in der Erwachsenen Kinder- und Jugendbildung. Der Begriff der Medienkompetenz war schon immer von zwei Seiten gepragt. Zum einen als Gegenstand (Zeitungen, Rundfunk, Fernsehen, Internet) und zum anderen als Anwendung (Vermittlung von Lerninhalten mit den entsprechenden Medien). Eine einheitliche Definition des Begriffs der Medienkompetenz gestaltet sich sehr schwierig. Medienkompetenz ist ein sehr umfassender Begriff, von dem es dutzende von Definitionen gibt und diese sind oft auch sehr komplex gestaltet. Es ist ein schillernder, unpraziser Begriff und zugleich einer der meist gebrauchten Begriffe in der Medienpadagogik. Um Medienkompetenz explizit erklaren zu konnen, muss der Begriff der Medien hinreichend definiert und die damit verbundenen Fahigkeiten und Fertigkeiten erfasst werden .

,,Unter Medienkompetenz wird das Heranfuhren zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit den bestehenden und zukunftigen Medien verstanden, um eine angemessene Kommunikationskultur aufzubauen (Maier 1998). Die international Bezeichnung fur Medienkompetenz lautet Medialiteracy. Medienkompetenz geht uber das reine Faktenwissen (zum Beispiel: wie nutze ich einen Computer) hinaus und beinhaltet die Fahigkeit mit Wissen umzugehen, es zu ubertragen und weiterzuentwickeln. Die sich schnell verandernde Medienlandschaft mit neuen Medien erfordert eine lebenslange Auseinandersetzung mit den Moglichkeiten und derNutzung des Medienangebots.“ (Moser 2006).

„Der Begriff Medienkompetenz stellt im Prinzip ein Reflex davon dar, dass die wichtigste Dimension des sozialen Wandels in der zweiten Halfte des 20. Jahrhunderts die Entwicklung zur sogenannten Mediengesellschaft war. Dies bildet den Ausgangspunkt fur alle Diskussionen uber Medienkompetenz - ein Ausgangspunkt, uber den spatestens seit dem Siegeszug des Computers, des Internets und der Vernetzung klassischer und neuer Medien zur Multimedialitat Einigkeit besteht. Es soll daher im Folgenden auch fur die Konzeptualisierung des Konstrukts Medienkompetenz von dieser Einigkeit ausgegangen werden, ohne sie im Einzelnen ausfuhrlicher zu begrunden“ (Moser 2006)

2.1 Baackes Definition von Medienkompetenz

Dieter Baacke verfasste 1973 in seiner Habilitationsschrift „Kommunikation und Kompetenz“ eine uns heute sehr bekannte und anerkannte Definition von Medienkompetenz. Kernaussage seiner Definition ist, dass wir alle Medien nutzen und anerkennen sollen, dabei die Distanz zu den Medien aber beachten mussen. Medienkompetenz stellt eine Lernaufgabe dar, sie muss gelernt, geubt und selbststandig weiterentwickelt werden. Die Fahigkeit, Medien und die dadurch vermittelten Inhalte den eigenen Zielen und Bedurfnissen entsprechend effektiv nutzen zu konnen (vgl. groups.uni-paderborn).

Nach Baacke (1997) gehoren vier Dimensionen zur Medienkompetenz: (1) die Fahigkeit zur analytischen, reflexiven und ethischen Medienkompetenz, (2) informative und instrumentell- qualifikatorische Wissensbestande in Medienkunde, (3) eine Medienkunde, die nicht nur rezeptiv, sondern auch interaktiv ist und (4) die Fahigkeit zur innovativen und kreativen Mediengestaltung.

1) Medienkritik:

Die Medienkritik geschieht in dreifacher Weise und umfasst den Umgang mit den Medien. Die analytische Medienkritik bezieht sich auf problematische, gesellschaftliche Prozesse, die erfasst werden sollen. Die reflexive Medienkritik bezieht sich auf das analytische Wissen, das jedes Individuum auf sich und sein Handeln anwenden konnen sollte. Die dritte Art der Medienkritik ist die ethische und meint das sozial-verantwortliche Denken und Handeln.

2) Medienkunde:

Die Medienkunde ist informativ und instrumentell-qualifikatorisch. Hier geht es darum, mit den Medien und deren Systemen umgehen zu konnen und ein Wissen uber die Art der Nutzung zu haben. Also wie sie funktionieren und effektiv genutzt werden konnen und wie dieses Wissen auf neue Medien ubertragen werden kann.

3) Mediennutzung:

Die Mediennutzung teilt sich in zwei Aspekte: die rezeptive und die kreative Nutzung. Die Anwendung (Programm-Nutzungs-Kompetenz) kann auf zweierlei Arten erfolgen. Zum einen zur Informationsgewinnung und zum anderen als Unterhaltung. Der anbietende Aspekt bezieht sich auf die Interaktivitat der Medien. Dieser Punkt wird heute immer wichtiger.

4) Mediengestaltung:

Die Mediengestaltung ist in einen innovativen und einen kreativen Aspekt unterteilt. Die innovative Mediengestaltung meint die Veranderungen und die stetige Weiterentwicklung von Mediensystemen und die kreative Mediengestaltung, die uber die Grenzen des Mediensystems hinausgeht.

2.2 Was bedeutet „Hypermedienkompetenz“?

Hypermedienkompetenz darf an dieser Stelle nicht mit dem Begriff der Hypermediakompetenz verwechselt werden, wie er unter anderem bei Ilona Hundgen vorzufinden ist (vgl. Hungen 2004). Hypermedia ist ein Uberbegriff von Hypertext und Hypertexte sind kurz gefasst Texte, die mit anderen Texten verknupft sind. Das bekannteste Beispiel hierfur ist das Internet. Nach Nielsen ist ein Hypertext ein grundsatzlich computerverwaltetes Phanomen (vgl. Schulmeister 2007, S.244). „Somit besteht ein Hypertext aus einer Menge von (typisierten) Informationseinheiten und Beziehungen“ (Josef Willeborg). Hypermedia weist zusatzlich auf den multimedialen und zeitabhangigen Charakter der Informationseinheit hin.

Mein Verstandnis von Hypermedienkompetenz hat mit dem technischen Aufbau medialer Hypertexte wenig gemein. So meine ich mit Hypermedienkompetenz ein Ubermafi an medialer Kompetenz. Wie im Abschnitt zuvor verdeutlicht, beschreibt Medienkompetenz den Umgang mit Medien und die selbststandige Nutzung und Gestaltung von und mit Medien. Mit dem griechischen Prafix „hyper“ vor Medienkompetenz, welches soviel wie „uber“, „hinaus“, lat. „super“ bedeutet, soll verdeutlicht werden, was passiert, wenn die gut gemeinte

Medienkompetenz schlichtweg zu viel wird und die Zielsetzung der Medien (-Kompetenz) aus den Augen verloren wird. Ist es wirklich notwendig, dass die jungste Altersgruppe mit Tablets und Smartphones schreiben und rechnen lernt? Dass bereits in einigen Grundschulen und Vorschulen diese neuen Medien eingefuhrt werden, halte ich schlichtweg fur uberflussig und eindeutig zu fruh. Selbstverstandlich mussen Kinder an die neuen Medien herangefuhrt und ein bewusster Umgang gelehrt werden. Jedoch sollten sie nicht ausschliefilich damit lemen und spielen. Beim Hinfuhren an die Medienkompetenz muss also auch berucksichtigt werden, den Alltag ohne Medien zu bewaltigen und sich verstandigen zu konnen.

3. Moderne Technik und ihre sozialen Aspekte

Das folgende Kapitel beschreibt die Grundlage, auf der (Hyper-) Medienkompetenz fungiert. Die rasante Entwicklung der Technik und der neuen Medien verlangt einen differenzierten und erlernten Umgang mit der Handhabung. Medien haben in ihrem Dasein eine Auswirkung auf die Gesellschaft und ihre Kultur. In diesem Kapitel werde ich einige soziale Aspekte neuer Medien darstellen und zugleich den Schwerpunkt dieser Arbeit spezifizieren.

3.1 Arten neuer Medien und ihre Verwendung?

Mobiltelefon/Smartphone, Smartwatch, Tablet, Netbook, Laptop, Smart-TV, Email/E-Post, Blu-Ray und vieles mehr. Waren es in den Anfangen noch das Radio, der Fernseher und spater der Teletext, welche als neue Medien bezeichnet wurden, so sind es heute Medien, welche Daten in digitaler Form ubermitteln oder auf welche digital zuzugreifen ist.

Zusammenfassend kann man sagen, dass alle Medien, mit denen man auf das Internet zugreifen kann, unter neue Medien fallen. Dietrich Ratzke beschreibt in seinem ,,Handbuch der neuen Medien“, dass ,,alle Verfahren und Mittel (Medien), die mit Hilfe neuer oder erneuerter Technologien neuartige, also in dieser Art bisher nicht gebrauchliche, Formen von Informationserfassung und Informationsbearbeitung, Informationsspeicherung, Informationsubermittlung und Informationsabruf ermoglichen“ (Ratzke 1982) zu den neuen Medien gezahlt werden konnen. Neben der Informationsgewinnung, Wissensvermittlung und Datenaustausch- und Speicherung fungieren die neuen Medien in hohem Mafie als Kommunikations- und Vernetzungswerkzeuge. ,,So konnen beispielsweise im Internet neue Kontakte geknupft werden, die sich spater 'face-to-face' fortsetzen lassen, ebenso wie soziale Beziehungen aus realweltlichen Kontexten online weitergefuhrt werden konnen (Lee/Lee 2010; Matzat 2005; Rauchfufi 2003). Digitale Medien wie Computer und Internet stehen demnach als sichtbares Abbild fur soziale Beziehungen, die bereits existieren, ebenso wie fur die Moglichkeit, neue Kommunikationspotenziale uber virtuelle Raume auszuschopfen“ (Schulz 2013 zit. nach Lee/Lee 2010, Matzat 2005, Rauchfufi 2003, Turkle 2008). Durch Internet und Mobiltelefon lassen sich Beziehungsnetze, Peers und bereits vorhandene Kontakte intensivieren und erweitern. „Hans Geser argumentiert, dass die Kommunikation mit dem Mobiltelefon die Allgegenwart primarer sozialer Bindungen verstarkt. Das heifit, jenseits zeitlicher, raumlicher und physischer Restriktionen haben Menschen die Freiheit, einander stets und umstandslos zu erreichen (Geser 2006). Dementsprechend werden samtliche private und berufliche Beziehungen flexibel per Mobiltelefon organisiert und gepflegt, wobei ad-hoc Absprachen die Notwendigkeit terminlicher Vereinbarungen und zeitlicher Koordination reduzieren. Dabei erfordern diese flexiblen und hochindividualisierten Kommunikationspraktiken ein Neuverhandeln bisher geltender Normen und Regeln sowie neue Arrangements von Nahe und Distanz im sozialen Miteinander“ (Schulz 2013: 64 zit. nach Geser 2006, Hofflich 2005a). Jugendliche nehmen die neuen Medien vor allem in ihren Gebrauch, um sich zu orientieren, ihren Alltag und ihre sozialen Beziehungen zu gestalten und so an ihrer Personlichkeitsentwicklung zu arbeiten (vgl. Theunert/ Schorb 2010).

3.2 Positive und Negative Aspekte neuer Medien

Immer wieder hort man, dass Fernsehen blod macht, dass durch Computerspiele die Nutzer gewalttatig werden und den Bezug zur Realitat verlieren, dass man sich in virtuellen Welten verliert und am Computer vereinsamt. Es wird oft auf die neuen Medien geschimpft und dabei gehen nicht weniger selten die positiven Aspekte unter. Im folgenden Kapitel stelle ich einige positive aber auch negative Aspekte neuer Medien dar, zunachst in einer Pro und Contra Gegenuberstellung.

Pro:

- Selbstbestimmte Bildung
- Vernetzung weltweit
- Schneller Datenaustausch
- Komplexe Tatigkeiten konnen schnell und zur gleichen Zeit durchgefuhrt werden
- Selbstfindung, Selbstverwirklichung
- Partizipation
- Kollaboration und Co-Konstruktionen von Wissen
-Individualisierung
-Flexibility

Contra:

- „Falscher“ Umgang
- Realitatsverlust
- Reizuberflutung
- Verschiebung des Selbst (Offline-Selbst, Online-Selbst)
- Cybermobbing
- Unsichere Daten (dauerhaft im Netz gespeichert)
- Gefahrliche Seiten fur Kinder und Jugendliche (Gewaltseiten, Pornografie)
- Kriminalitat
- Sucht

Dies sind nur einige Punkte, die nennenswert sind, sicherlich konnte man die Liste noch um einiges erweitern, aber das ist an dieser Stelle nicht mein Ziel. Bewusst habe ich zu jedem Punkt gleich viele Aspekte genannt, um so vor allem das Gleichgewicht zu halten. Meine Intention besteht nicht darin, eine Auflistung zu erstellen, um dann daraus schlussfolgern zu konnen, ob das Positive oder das Negative uberwiegt, wie es in Pro und Contra Aufstellungen ublich ist. Joran Muufi-Merholz beschreibt in seinem Artikel „Faszination Web 2.0 - Moglichkeiten und Chancen der neuen digitalen Welt“ ein Paralleluniversum, in dem als erstes der Computer und das Internet erfunden wurden und viele viele Jahre spater erst das Buch. Diese Gedankenmalerei finde ich aufiert interessant und spannend, denn es beschreibt, dass anfangs alle neuen Medien „schlecht“ seien. So wurde man in diesem Paralleluniversum wohl sagen, dass das neue Medium „Buch“ die Sinne unterfordert, die Leser sitzen mit starrem Blick vor dem Papier, anstatt sich in der lebendigen, dreidimensionalen Welt zu bewegen. Lesen vernachlassigt die sozialen Kontakte, Vielleser vereinsamen beziehungsweise isolieren sich von der Aufienwelt, leben in Fantasiewelten. Und schlimmer noch, was lernt der Leser implizit dabei mit? Die Unmundigkeit, vorgegebene Strukturen, nicht so wie beim Computer, wo er interaktiv und selbstandig lernen kann (vgl. Muufi-Merholz 2011). Die neuen Medien sind weder nur schlecht noch sind sie nur gut, allerdings erleichtern sie unser Leben enorm, aber sie verandern auch unsere Kultur, worauf in Kapitel 6 noch naher eingegangen wird. Die positiven Aspekte zeigen deutlich, wie wertvoll die neuen Medien fur unser Wissen und unsere Vernetzung sind. Dabei spielt vor allem auch die Zeit eine bedeutende Rolle. Nicht nur in der fortschreitenden Entwicklung und Verbreitung neuer Medien, sondern auch darin, wie sich die Medien auf unser Zeitmanagement auswirken. Wir leben in einer rasant fortschreitenden Welt, in der vieles gleichzeitig und immer schneller ausgefuhrt wird und verschieben die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit. So beantworten wir private Nachrichten wahrend der Arbeitszeit und bearbeiten geschaftliche Mails und Anrufe in der Freizeit. In den meisten Pro und Contra Punkten finden sich sowohl negative als auch positive Aspekte, je nach dem, aus welchem Blickwinkel das Thema betrachtet wird. So zum Beispiel bei der Vernetzung: Das Social-Web und seine Netzwerke ermoglichen es uns, uns jederzeit mit anderen Menschen in Verbindung zu setzen, sowie neue Kontakte zu knupfen und zu pflegen und das weltweit. Dieses ist zum einen ein sehr positiver Aspekt, um Freundschaften aufrechtzuerhalten, auch wenn man nicht mehr in einem Ort wohnt und auch um berufliche Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten, was ohne das Internet wesentlich schwieriger und langsamer von statten ginge. Diese Moglichkeit, die uns durch die neuen Medien gegeben ist, fuhrt zu ganz neuen Beziehungskulturen. Darunter kann unter anderem aber auch die Qualitat der Beziehung leiden, da viele Mitteilungen nur noch kurz und nebenbei geschehen. Das ist der negative Aspekt an der sozialen Vernetzung in Social media, unter anderem weil kurze Befindlichkeitsmeldungen auf sozialen Netzwerken eine problemorientierte und personliche Kommunikation ersetzen.

3.3 Das Allround-Gerat „Smartphone“

Ging es bisher um neue Medien im Allgemeinen, wird sichjetzt hauptsachlich nur noch auf das Smartphone bezogen, welches als neues Medium den Schwerpunkt dieser Arbeit darstellt. In Abschnitt 3.1 werden verschiedene neue Medien aufgezahlt und es wird verdeutlicht, dass vor allem der digitale Datenaustausch und der Internetzugriff ein Medium zu einem ,,neuen Medium“ macht. Das Mobiltelefon, ausgerustet mit einem Betriebssystem ahnlich wie auf dem Computer, macht es zu einem Smartphone und somit zum Allrounder und vielseitigstem Medium unserer Zeit. So kann man mit dem Smartphone nicht mehr nur Telefonieren, SMS Schreiben oder Bilder und kleinere Daten Austauschen, sondern hat vollen Zugriff auf das Internet und damit auch vollstandigen Zugriff auf unsere Wissensbestande und sozialen Netzwerke. Wir schreiben mit dem Smartphone E-Mails, sei es privat oder geschaftlich, wir nutzen es als MP3-Player, als Fotoapparat, als Kompass und Landkarte mittels GPS, als Wecker, Kalender und Notizbuch, teilweise auch, um ganze Bucher oder Skripte in digitaler Form zu lesen, wir konnen darauf Filme schauen und auch selber Filme drehen, es ist Spielzeug und Accessoire, gelegentlich telefonieren wir auch noch damit und ganz selten schreiben wir auch mal eine SMS, aber vor allem nutzen wir es, um jederzeit an jedem Ort mit der ganzen Welt in Verbindung zu stehen und somit ist das Smartphone fur viele seiner Nutzer absolut unverzichtbar geworden. Laut einer aktuellen noch unveroffentlichten Studie der Universitat Bonn lost das Smartphone ein ahnliches Suchtverhalten aus wie es bei Glucksspielen der Fall ist (vgl. Pressemitteilung Uni Bonn 2014). Bevor aber detaillierter auf die Nutzung und Auswirkung des Smartphones eingegangen wird, wird einleitend die noch sehrjunge Geschichte des Allrounders erlautert.

Wie irrtumlicherweise viele glauben, war es nicht die Firma Apple, welche das erste Smartphone auf den Markt brachte. Knapp 15 Jahre zuvor, 1993, stellte der Computer-Riese IBM das erste Smartphone „Simon“ vor. Dieses Mobiltelefon besafi damals schon Touchscreen und eine E-Mail-Funktion, allerdings war es nicht sehr handlich und erschwinglich. Drei Jahre spater und schon etwas popularer, kam der Nokia „9000 Communicator 44 auf den Markt und war bereits in der Lage HTML-Webseiten darzustellen. Weitere vier Jahre spater, im Jahr 2000, wurde der Begriff Smartphone durch das Modell „R380“ von Sony Ericsson gepragt. Dieses Modell war erstmals handlicher und hat in eine Hosentasche gepasst. Aber erst mit dem „iPhone“ von Apple wurde im Jahr 2007 das Smartphone massentauglich und die Mobilfunkindustrie rustete auf. So mag es vor allem an dem Design und der Verkaufsstrategie von Apple gelegen haben , dass in diesem Jahr regelrecht ein Smartphone-Fieber ausbrach. Denn das erste massentaugliche Modell war technisch noch lange nicht ausgereift und auch noch nicht mit Programmen und Apps erweiterbar. Im darauffolgenden Jahr wurde der App-Store eroffnet und machte das Smartphone zu dem, was es heute ist. Ein ganz individuelles, auf den Nutzer abgestimmtes Allround-Gerat. An die 600.000 Apps gibt es allein bei Apple. Hinzukommen weitere hunderttausende Apps vom konkurrierenden Betriebssystem „Android“, welches von Google Ende 2008 auf den Markt gebracht wurden Unter den zahlreichen Apps finden die Nutzer nahezu alles, was sie im Alltag benotigen (vgl. Stern 2012).

Blickt man auf diese noch sehr junge Geschichte des Smartphones zuruck, ist es fast schon erschreckend, wie schnell es zum wichtigsten Begleiter des Menschen geworden ist. Dadurch, dass das Smartphone durch die Apps standig in seinem System erweitert und individuell angepasst werden kann, sowie fur fast jedes „Problem“ eine „Losung“ hat und in jeglichen Situationen verwendet werden kann, wird es zudem, was es fur die Mehrheit von uns ist - ein unverzichtbarer und alltaglicher Begleiter. An dieser Stelle soll ein beispielhafter Tagesablauf dargestellt werden. Das Nutzungsverhalten ist dabei aus monatelanger Beobachtungen im sozialen Umfeld und aus sozialen Netzwerken entnommen. Es soll nur eine kurze und stichpunktartige Beschreibung sein, welche aber ausreichend ist, um zu verdeutlichen, in welchen Situationen das Smartphone zum Einsatz kommt oder kommen kann.

- Aufstehen: Das Smartphone dient als Wecker
- Emails lesen, Instant Messenger wie z. B WhatsApp und soziale Netzwerke „checken“
- Welche Termine stehen heute an? Kalender-App im Smartphone offnen
- Nachrichten lesen oder als Videos online uber das Smartphone abrufen
- To-Do Liste bearbeiten, Notizen schreiben mit dem Smartphone
- zur Arbeit/Uni fahren ggf. Fahrplanauskunft uber das Smartphone einholen
- Unterwegs in der Bahn oder im Bus Musik horen oder Lesen mit dem Smartphone
- Ein schones Motiv gesehen, das Smartphone macht ein Foto
- Begriffe / Wissenslucken und Fragen, die im Laufe des Tages auftauchen, im kleinen handlichen Lexikon „Smartphone“ nachschlagen
- Einkaufen gehen: Einkaufsliste im Smartphone
- Essen kochen: Rezepte mit dem Smartphone suchen
- Abendgestaltung? Auch darauf hat das Smartphone eine Antwort
- Beim Sport. Puls messen? Smartphone zur Hand nehmen
- Wahrend des gesamten Tages nahezu ununterbrochen erreichbar sein fur Familie, Freunde und Arbeit

Apps managen unser Leben. Dem Nutzer wird das Denken regelrecht abgenommen. Es mussen sich keine Telefonnummern oder andere Dinge mehr gemerkt werden. Das ganze verfugbare Wissen der Welt kann immer bei sich getragen werden und man kann in Sekundenschnelle darauf zugreifen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 49 Seiten

Details

Titel
Hypermedienkompetenz. Soziale Aspekte moderner Technik
Untertitel
24/7: Wie die ständige Erreichbarkeit die Gesellschaft verändert
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
49
Katalognummer
V273244
ISBN (eBook)
9783656683599
ISBN (Buch)
9783656683704
Dateigröße
884 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erreichbarkeit, Smartphone, Social, Medienkompetenz, iPhone, Sein, Hypermedienkompetenz, Gesellschaft, Wandel, Online, hypermedial, Offline
Arbeit zitieren
Miriam Ben-Said (Autor), 2014, Hypermedienkompetenz. Soziale Aspekte moderner Technik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273244

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Hypermedienkompetenz. Soziale Aspekte moderner Technik



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden