Konsumterror oder Mangelwirtschaft? Die Unzulänglichkeiten zweier Gesellschaftsentwürfe.

Ein kritischer Essay.


Essay, 2014
120 Seiten
Ralph Ardnassak (Autor)

Leseprobe

1. Des Einen Leid, des Anderen Freud?

Niemand wird arm durch Faulheit, Trägheit oder mangelnde Begabung. Der Arme wird allein durch die gesellschaftlichen Verhältnisse arm gemacht.

Die größte Bankrotterklärung überhaupt, das unausgesprochene Eingeständnis des Versagens des menschlichen Geistes und vor allem seines ethischen Bewusstseins, ist die seit Jahrtausenden anhaltende Tatsache, dass die Güter und Ressourcen dieser Welt ungerecht verteilt sind. Dass es Arme und Reiche, Leidende und Herrschende auf dieser Erde gibt. Menschen, die im Überfluss schwelgen, während andererseits Mütter hilflos dabei zusehen müssen, wie ihre Kinder, umschwirrt von gierigen Fliegen, erbärmlich in ihren Armen und vor ihren Augen verhungern müssen. Diese Bilder sind uns allen bekannt, zur Genüge bekannt. Aus den Berichten der Nachrichtensender und aus den Dokumentationen diverser Auslandskorrespondenten. Aber statt einen Schrei der Entrüstung auslösen und endlich dazu zu veranlassen, die unhaltbaren Verhältnisse ein und für allemal zu ändern, sitzen wir vor der Glotze, die Cola oder den Cappuccino in der Hand, während die Kippe im Aschenbecher vor sich hin dampft, der Hund zu unseren Füßen seinen Truthahn in Aspik verzehrt, ohne diese Bilder überhaupt noch emotional aufzunehmen. Leid, Krieg und Tod gibt es in unserer Welt bereits zum Frühstück in den Morgennachrichten serviert und sie gehören zu dem angenehmen Gruseln, das wir hin und wieder als Kick brauchen, wie die Sahne in den Kaffee. Dick ist die Hornhaut geworden, die unsere Seelen überzieht. Blind ist die Hornhaut über unserem Herzen geworden, mit dem wir ebenso sehen sollten, wie mit den Augen. Empathie und soziale Gerechtigkeit sind für uns theoretische Begriffe aus den Zauberkästen weltferner Philosophen, während wir damit beschäftigt sind, im Schweiße unseres Angesichts mühsam unser Geld zu verdienen und uns damit zu trösten, dass es anderswo auf der Welt Menschen gibt, denen es noch weitaus schlechter geht als uns, weil sie sich keinen Cappuccino zum Frühstück leisten können. Keine Kippe, deren Tabak achtlos im Aschenbecher vor sich hin glimmt, ja nicht einmal das leckere Futter für ihren Hund, Truthahn fleisch in Aspik. Die Themen sind bekannt, so trösten wir uns. Ungerechtigkeit gab es auf der Welt schon immer und sie wird es immer geben, so lange der Mensch existiert. Das ist nun einmal so und nicht zu ändern. Und jeder, der dagegen aufbegehrt, ist ein Spinner und ein Träumer, der enden wird wie all diese Spinner und Phantasten: Jan Hus, Thomas Münzer, John F. Kennedy und sein Bruder Bobby oder Martin Luther King. Unsere Gleichgültigkeit, unsere Empathielosigkeit, unser anerzogener Egoismus, dies sind die Fundamente, auf denen sie soziale Ungerechtigkeit errichten können. Überall in der Welt. Dies sind die Fundamente, auf denen die Rockefellers, die Vanderbilts, die Quandts, die Springers, die Mohns und die Beisheims ihre Imperien gründen und ihre entsetzliche Macht zu zementieren vermögen, die weitere Ungerechtigkeit gebiert. Dies waren die Ursachen, die Auschwitz und Treblinka erst ermöglicht haben. Und Bergen-Belsen und Sobibor. Das Wegsehen, das Sich-nicht-verantwortlich-Fühlen, die Empathielosigkeit und die soziale Kälte. Wer heute zusehen kann, wie im Fernsehen afrikanische Kinder vor der Kamera verhungern, während Scharen von gierigen Fliegen in den übergroßen Augen der Kinder zu nisten versuchen, diese aber schon nicht einmal mehr die Kraft dazu haben, diese Fliegen zu verjagen, der würde auch morgen zusehen, wenn die Kommunisten in seiner Straße zusammengetrieben und erschossen werden oder die Arbeitslosen oder sonst irgendeine der als bedrohlich und lästig empfundenen Randgruppen unserer auf Erfolg und Scheindemokratie getrimmten geld- und machtgeilen postkapitalistischen Gesellschaft. Da nützt es auch nicht, den Fernseher auszuschalten und sich stattdessen Beethoven oder am Sonntag zum Gottesdienst zu gehen. Denn davon wird die Welt schließlich auch nicht besser. Aber der Lottoschein muss noch ausgefüllt und abgegeben werden, weil das schließlich wichtig ist und weil ja jeder Mensch ein Recht darauf hat, sein Glück zu suchen uns es bei den Hörnern zu packen. Hat wirklich jeder Mensch dieses Recht? Sollte es nicht besser dort aufhören, wo dieses Recht das Recht eines anderen menschlichen Individuums mit Füßen tritt? Sollte der Apfelbaum, dessen Früchte auch in den Garten des Nachbarn hinein reichen, nicht nur innerhalb des eigenen Grundstückes abgeerntet werden?

Unsere Seelen sind verhornt und darunter verroht. In einer Welt, die hemmungslosen Individualismus propagiert und es als höchstes und allgemeingültiges Lebensziel jedes Bürgers deklariert, im Verlaufe seines Lebens ein möglichst großes Vermögen zusammen zu raffen, ganz gleich, mit wie viel gebrochenen Seelen der Weg dahin auch gepflastert sein mag, haben Mitleid, Maßhalten und soziale Gerechtigkeit ihren Platz längst verloren. Wohl darf auch niemand, der sich diese neo-liberale Gesellschaftsdoktrin, die das Wort Vermögen als den kategorischen Imperativ allen Seins begreift, dabei vergessen, dass jeder Cent, den er zusammen rafft, zunächst einem anderen Menschen weg genommen werden muss und diesem daher nicht mehr zur Bestreitung seines Lebensunterhaltes zur Verfügung steht. Wir sind also zu Usurpatoren geworden, zu Raubrittern des Geldes, die am Geld hängen, wie der Kranke am Tropf. Die Sentenz, wonach das Geld den Charakter des Menschen grundsätzlich verdirbt, ist durchaus berechtigt, da es soziale Empfindungen außer Kraft zu setzen vermag. Und die Forderung, wonach eine Besserung des menschlichen Zusammenlebens grundlegend erzielbar wäre, indem man das Geld überall auf dem Globus abschaffen würde, erscheint mehr, als nur logisch. Kriege ließen sich so vermeiden, soziale Ungleichheit wäre eindämmbar und die Absurdität der Tatsache, dass heute mit Geld durch Zinsen mehr Geld zu verdienen ist, als mit lebenslanger harter körperlicher oder geistiger Arbeit, wäre endlich aufgehoben. Wer sich dem Diktat des Geldes unterwirft, der akzeptiert die soziale Ungleichheit. Wer das neo-liberale Lebensziel annimmt, Geld zu verdienen, mehr Geld zu verdienen und immer noch mehr Geld zu verdienen, nimmt die Veränderungen seines Charakters billigend in Kauf, die ihm dieses einmal antizipierte Lebensziel unerbittlich aufzwingt: dass sein Wesen sich zwischen verschlagen-berechnenden Zügen, Duckmäusertum und brutaler Gier bewegt. Unfähig zu Empathie und Solidarität. Unfähig zu teilen und sich mit Erreichtem zu begnügen, um dadurch das Überleben des Ganzen, der menschlichen Spezies und des Globus und seiner Ökosysteme und Ressourcen zu sichern.

Wir müssen uns zunächst die Frage stellen, ob wir diese soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit überhaupt wollen. Ob es anständig ist, dass ein einzelner Mensch soviel besitzt, dass er es auf ganze kommende Generationen hinaus nicht wird verbrauchen können, während andere hingegen hungern und leiden und nicht einmal die Ahnung einer Chance bekommen, ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten zu entwickeln und nutzbringend in die menschliche Gesellschaft einzubringen. Die globalen Probleme der menschlichen Gesellschaft, nämlich

- Überbevölkerung,
- schwindende natürliche Ressourcen des Planeten (Metalle, Phosphor, sauberes Wasser, fossile Energieträger),
- Umweltverschmutzung,
- soziale Ungleichheit, die Ungleichheit auf allen Gebieten des Lebens nach sich zieht,
- allgemeine Verrohung der Sitten und eskalierende Kriminalität,
- Rückzug des Staates aus seiner Verantwortung und ungebremste Privatisierung vieler ehemals staatlicher Funktionsbereiche wie Gesundheitswesen, Bildung, Strafvollzug etc.,
- weltweite Adoption des verschwenderischen westlichen Lebensstiles,
- Tendenz zur Überwachung der individuellen Privatsphäre und zunehmende Einschränkung der Grund-, Menschen-, Bürger- und vor allem Arbeiterrechte,
- gelenkte Berichterstattung in den monopolisierten Massenmedien,
- Entstehung neuer globaler Feindbilder (Kommunisten, Alte, Kranke, Behinderte, Arbeits- und Obdachlose, Wohlfahrts- und Sozialhilfeempfänger, Juden und Islamisten, Ausländer allgemein),
- Entstehung neuer Kriegs- und Krisenherde in den rohstoffreichen Ländern Südamerikas, der Dritten Welt und des Nahen Ostens,
- Entstehung einer Weltordnung nach Regie und Rohstoffbedarf der Vereinigten Staaten, die militärische Interventionen als legitimes Mittel anerkennt,
- Propagierung der westlichen postkapitalistischen Demokratie als einzige ordnungspolitische Existenzform der Menschheit und Tendenz, diese anderen Völkern mit Waffengewalt aufzuzwingen,
- Behinderung von Forschung und Wissenschaft aus Gründen der Profitsicherung,

sind inzwischen so überwältigend geworden, dass jeder Mensch seine Fähigkeiten einbringen sollte, die er zweifellos besitzt, um sie lösen zu können und nicht nur das handverlesene Häufchen von Wissenschaftlern, Wirtschaftsweisen und Philosophen, ernannt von den Mächtigsten dieser Welt, die dem Rest der Menschheit sagen, wie das Universum funktioniert und die letztendlich ohnehin kein Interesse daran haben, die für ihre Auftraggeber höchst profitablen aktuellen Zustände überall auf dem Globus auch nur anzutasten. Doch die Illusion ist trügerisch. Denn wenn de globalen Probleme erst einmal überhand genommen haben, werden zwar die Mächtigen am längsten überleben, doch letztendlich können auch sie sich nicht das ewige Leben kaufen. Wer von sozialer Ungerechtigkeit profitiert, wer also reich und mächtig ist, der wird diesen Zustand schützen und ihn notfalls selbst mit Waffengewalt verteidigen, wird seine Macht und Kontrollbefugnis ausbauen und diesen Tatbestand mit immer denselben beiden Argumentationslinien rechtfertigen und untermauern:

- es sei gottgewollt, dass es Reich und Arm gäbe, wobei dem Reichen die Aufgabe der Lenkung und Leitung des Gemeinwesens zukäme, während der Arme zu dienen und zu leiden hätte,
- das gewaltige Geldvermögen, das Wenige angehäuft hatten, berechtige diese Wenigen dazu, die Geschicke der Menschheit in die Hände zu nehmen, da sie sich als die Tüchtigsten, Erfahrensten und Klügsten erwiesen hätten und demzufolge ihre Geldvermögen akkumulieren konnten.

Beide Argumentationslinien sind objektiv falsch, jedoch aus der Sicht der selbsternannten Eliten sinnvoll und logisch. Seit frühester Zeit bereits, wird der Allmächtige bemüht, um den Herrschaftsanspruch des Adels und die entsetzlichen sozialen Missstände zu rechtfertigen und zu begründen. Hierfür hat sich bereits seit Jahrhunderten die Begrifflichkeit des Gottesgnadentums eingebürgert, die den Tatbestand umschreibt, wonach ein adliger Herrscher von Gott allein eingesetzt und nur diesem rechenschaftspflichtig ist. Der einfache Mensch hingegen, sei Untertan und habe dies, gemäß dem Willen Gottes auch zu bleiben. Habe klaglos und fraglos zu erdulden und zu erleiden und werde für die Drangsal seines irdischen Daseins dereinst, nach seinem Abscheiden, vor Gottes Thron belohnt. Wenn Gott allerdings existiert und wenn er eine irdische Ordnung für richtig hält, in der die krasseste soziale Ungleichheit herrscht, in der wenige Despoten mit grausamer Brutalität über eine darbende Masse von Menschen herrschen, warum hat er dann erst verhältnismäßig spät, etwa seit dem Übergang des Menschen vom Jäger und Sammler hin zum sesshaften Ackerbauer, den Zustand sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit geschaffen; während der langen Zeit zuvor, im Zustand der Akephalie jedoch, eine Gesellschaftsordnung geduldet, in der alle gleich waren, in der allen alles gleichermaßen gehörte? Eine scheinbar paradiesische Form des Zusammenlebens, wie sie noch lange von vielen indigenen Völkern praktiziert wurde, bis der weiße Mann in seiner Gier nach Gold und Land und Sklaven, auch diese Zivilisationen aufstöberte, seinen fernen Königen unterwarf und mit den Pocken und dem Virus der allgemeinen Gier infizierte. Auch vom theologischen Standpunkt aus, ist eine solche Haltung höchst fraglich. Denn wie kann ein höheres, ein omnipotentes Wesen, das vorgibt, alle Menschen zu lieben, es dulden, dass Wenige schwelgen, während die Masse leidet und darbt?

Ein omnipotentes und allmächtiges Wesen, dass solche Zustände für berechtigt erklärt, ja sie nur duldet, müsste ein Sadist und nicht ein allgütiger, allweiser und alle Kreaturen liebender Gott sein. Und sofern man im biblischen Sinne unterstellt, dass ein solches Wesen die Schöpfung nach seinem Bilde geformt hat, so müsste Sadismus einer der Grundzüge des Lebens sein, der sich demzufolge in allen Kreaturen als immanente und grundlegende Eigenschaft widerspiegelt. Der Anspruch, wonach der Schöpfer allweise, barmherzig und gütig sei und alle Menschen liebe, kollidiert demzufolge mit dem Erklärungsmuster, wonach derselbe Schöpfer es wolle, das es tyrannische Herrscher gibt, die foltern und morden und sich hemmungslos bereichern können, weil dies der normale und geordnete Gang des Weltganzen sei. Und an dieser Stelle gerät auch die Heilige Schrift ins Schlingern, wenn sie einerseits im Römerbrief deklariert „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.“ (Römer 13, 1), während sie andererseits vollmundig im 17. Kapitel des Evangelisten Lukas erklärt, Gott wohne in jedem lebenden Menschen und nicht nur in Wenigen. Während sie Jesus sagen lässt „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25, 40). Aber die Bibel ist flexibel in ihrer Exegese, wie auch das Gesetz, das die Menschen sich gaben. Für den Einen gilt sie mehr, für den Anderen wohl weniger. Darin ist der Klerus flexibel. Denn es steht auch nirgends in der Schrift geschrieben, dass die katholische Kirche unermesslich reich sein soll und über gigantische Vermögenswerte verfügen soll, über Geld und Aktien, über Ländereien und prächtige Bauten und Kunstwerke, während das Elend in der Welt allgemein akzeptiert wird und der Hungertod von Kindern! Jesus selbst war arm. Er war der Sohn eines Zimmermannes und selbst hat er als Zimmermann gearbeitet. Er trug eine einfache Kutte und ging barfuß oder in Sandalen. Würde er den Pomp sehen, den die Kirche heute in Rom zelebriert, so müsste er wohl ähnlich handeln, wie angesichts des Tempels: „Mein Haus soll ein Bethaus sein; ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.“ (Lukas 19, 45-46). Er müsste den Vatikan ebenso gewalttätig säubern, wie weiland den Tempel zu Jerusalem! Was würde dann wohl geschehen? Man würde die Schweizer Garde rufen! Und dann? Eine zweite Kreuzigung? Nein! Nicht ein Papst, der in Pomp und Prunk residiert und in roten Lederschuhen daher schreitet, während Menschen zur gleichen Zeit verhungern, sondern ein Papst, wie er in der Schlussszene des Romans „In den Schuhen des Fischers“ von Morris L. West beschrieben wird; ein Papst, der das Vermögen der Kirche freudig den Armen dieser Welt schenkt, das wäre ein Papst, der Christi Auftrag verstanden hätte, ein Papst, dem man folgen könnte! Nur, er wird nie kommen, dieser eine Papst, wie in Anthony Quinn als Kyrill Lakota in der gleichnamigen Verfilmung so eindrucksvoll verkörpert:

„Unser Herr Jesus Christus, dem es übler erging als mir, wurde mit Dornen gekrönt. Also stehe ich barhäuptig vor euch, denn ich bin euer Diener! Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel reden könnte, hätte aber die Liebe nicht, so wäre ich nur ein dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch könnte und alle Geheimnisse wüsste und alle Erkenntnis hätte; wenn ich alle Glaubenskraft besäße und Berge damit versetzen könnte, aber ich hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts. Wir leben in einer Zeit der Krisen. Ich kann diese Welt nicht ändern! Ich kann nicht ändern, was die Geschichte bereits geschrieben hat! Ich kann nur mich selbst ändern und beginnen, mit unsicheren Händen ein neues Kapitel zu schreiben! Ich bin der Wächter des Vermögens der Kirche. Ich verpfände jetzt all unser Geld, all unsere Besitztümer an Ländereien, Gebäuden und Kunstgegenständen unseren hungrigen Brüdern zur Erleichterung ihres Loses! Und sollte dadurch, um dieses Versprechen zu ehren, die Kirche selbst in Armut geraten, so geschehe es! Ich werde dieses Versprechen nicht brechen! Ich werde es nicht abmildern! Und jetzt bitte ich die Großen dieser Welt und auch die Kleinen der Welt, aus dem Überfluss ihres Besitzes mit all jenen zu teilen, die gar nichts haben!“ (der fiktive Papst Kyrill I.)

Und auch die zweite Argumentationsschiene erweist sich als fadenscheinig und pure Akklamation, denn nicht derjenige der Geld besitzt, soll die Geschicke der Menschheit lenken, sondern eine demokratisch gewählte Gruppe, die über die besten menschlichen und fachlichen Voraussetzungen verfügt, die es dazu bedarf. Nicht Finanzkraft soll zur Macht führen, sondern Wahl, charakterliche Voraussetzungen und fachliche Eignung. Nicht der Mehrung des eigenen Wohlstandes darf die Machtausübung verpflichtet sein, sondern ausschließlich der Wohlfahrt aller Menschen. Verantwortung darf sich nicht auf die individuelle Prosperität beschränken, wie auch immer man dies als Cleverness verbrämen mag! Auch setzt Reichtum nicht besondere Tüchtigkeit voraus, was immer wieder seitens der Eliten unterstellt wird. Eher im Gegenteil! Denn wer die Biographien der Superreichen betrachtet, ob Borgia, Fugger oder Rockefeller, der wird feststellen, dass meist besondere Glücksumstände, Korruption, besonders günstige Macht- und Einflusskonstellationen oder sogar besondere Skrupellosigkeit und Brutalität, zum sagenhaften Reichtum der Betroffenen geführt haben. Tatsachen, die immer wieder als Geschäftstüchtigkeit deklariert werden und auch durch Spenden bei den Betreffenden nicht abgemildert werden können! Reichtum ohne moralische und gesellschaftliche Verantwortung und Verpflichtung ist immer ein Hebel des Bösen! Die Akzeptanz der Behauptung, wonach jede Organisationsform menschlichen Zusammenlebens schon rein zwangsläufig zumindest partiell ungerecht und unsozial sei, ja sein müsse, trägt bereits den Keim der Akzeptanz der Unzulänglichkeit menschlichen Handelns in sich; den Keim der Toleranz von Gewaltherrschaft, Korruption und Nepotismus und die Tendenz zu angepasstem Verhalten, zu Duckmäusertum und Speichelleckerei bis hin zum perfidesten Machiavellismus. Weder darf mit Geld zur Macht, noch mit der Macht zu Geld gelangt werden! Macht und Finanzmittel in Kombination, ermöglichen die perfidesten Verbrechen, wie sich bereits anhand der Person Adolf Hitlers zeigt. Was dem nahezu mittellosen Hasser nicht gelang, der vor verräucherten Biersälen predigte, gelang dem Kanzler, sobald das deutsche Finanzkapital erst einmal hinter ihm stand: die Welt mit einem beispiellosen Krieg zu überziehen! Unheilvoll ist stets die Allianz von Macht und Geld. Eine unheilvolle Tatsache auf die bereits zwei amerikanische Präsidenten warnend hinwiesen. Dwight D. Eisenhower (1890 – 1969), 34. Präsident der Vereinigten Staaten, in seiner berühmten Warnung vor der Macht des Militärisch-industriellen Komplexes in seiner berühmten Abschiedsrede vom 17. Januar 1961 sowie sein Nachfolger John F. Kennedy (1917 – 1963), 35. Präsident der USA, in seiner legendärer New Yorker Rede, die er am 27. April 1961 vor wichtigen Pressevertretern hielt und die später als diejenige Ansprache in die Geschichte eingehen sollte, die sein Schicksal angeblich besiegelte:

Ich möchte über unsere gemeinsame Verantwortung im Angesicht einer Gefahr reden, die uns alle betrifft. Die Ereignisse der letzten Wochen haben vielleicht geholfen, diese Herausforderung für einige zu erhellen; aber die Dimensionen der Bedrohung waren seit Jahren am Horizont zu erkennen. Was auch immer unsere Hoffnungen für die Zukunft sind – diese Bedrohung zu reduzieren oder mit ihr zu leben –, es gibt kein Entkommen vor ihr, weder vor der Schwere noch der Totalität ihrer Herausforderung für unser Überleben und unsere Sicherheit – es ist eine Herausforderung , die uns auf außergewöhnliche Weise in jeglicher Sphäre menschlicher Aktivitäten konfrontiert.

Diese tödliche Herausforderung stellt an unsere Gesellschaft zwei Anforderungen, die den Präsidenten und die Presse direkt betreffen – zwei Ansprüche, die fast widersprüchlich zu sein scheinen, die aber in Einklang gebracht und denen wir gerecht werden müssen, damit wir dieser nationalen und großen Gefahr begegnen können. Ich spreche zuerst über die Notwendigkeit weit größerer öffentlicher Information; und zweitens über die Notwendigkeit weit größerer amtlicher Geheimhaltung.

Allein das Wort Geheimhaltung ist in einer freien und offenen Gesellschaft unannehmbar; und als Volk sind wir von Natur aus und historisch Gegner von Geheimgesellschaften, geheimen Eiden und geheimen Beratungen.

Wir entschieden schon vor langer Zeit, dass die Gefahren exzessiver, ungerechtfertigter Geheimhaltung sachdienlicher Fakten die Gefahren bei Weitem überwiegen, mit denen die Geheimhaltung gerechtfertigt wird. Selbst heute hat es wenig Wert, den Gefahren, die von einer abgeschotteten Gesellschaft ausgehen, zu begegnen, indem man die gleichen willkürlichen Beschränkungen nachahmt.

Selbst heute hat es kaum Wert, das Überleben unserer Nation sicherzustellen, wenn unsere Traditionen nicht mir ihr überleben. Und es gibt die schwerwiegende Gefahr, dass ein verkündetes Bedürfnis nach erhöhter Sicherheit von den Ängstlichen dazu benutzt wird, seine Bedeutung auf die Grenzen amtlicher Zensur und Geheimhaltung auszuweiten.

Ich beabsichtige nicht, dies zu erlauben, soweit es in meiner Macht steht, und kein Beamter meiner Regierung, ob sein Rang hoch oder niedrig sei, zivil oder militärisch, sollte meine Worte von heute Abend als Entschuldigung dafür interpretieren, die Nachrichten zu zensieren, Widerspruch zu unterdrücken, unsere Fehler zu vertuschen, oder von der Presse oder der Öffentlichkeit Fakten fern zu halten, die sie zu wissen begehren. Aber ich bitte jeden Herausgeber, jeden Chefredakteur und jeden Nachrichtenmann der Nation, seine Gepflogenheiten erneut zu untersuchen und die Natur der großen Bedrohung für unsere Nation wahrzunehmen.

In Zeiten des Krieges teilen Regierung und Presse für gewöhnlich das Bemühen, hauptsächlich auf Selbstdisziplin beruhend, nicht autorisierte Enthüllungen an den Feind zu vermeiden. In Zeiten von »deutlicher und präsenter Gefahr« haben selbst die Gerichte entschieden, dass sich sogar die privilegierten Rechte des ersten Verfassungszusatzes der nationalen Notwendigkeit öffentlicher Sicherheit unterordnen müssen. Heute ist jedoch kein Krieg erklärt worden – und wie heftig der Kampf auch sein mag, vielleicht wird er nie in traditioneller Weise erklärt werden. Unsere Lebensweise wird angegriffen. Jene, die sich selbst zu unseren Feinden gemacht haben, schreiten rund um den Globus voran. Das Überleben unserer Freunde ist in Gefahr. Dabei ist bisher kein Krieg erklärt worden, keine Grenze wurde von Truppen überschritten, kein Schuss ist gefallen.

Wenn die Presse auf eine Kriegserklärung wartet, bevor sie die Selbstdisziplin unter Kampfbedingungen annimmt, so kann ich nur sagen, dass kein Krieg jemals eine größere Gefahr für unsere Sicherheit darstellte. Wenn Sie auf einen Beweis »deutlicher und präsenter Gefahr« warten, dann kann ich nur sagen, dass die Gefahr niemals deutlicher und ihre Präsenz niemals spürbarer war.

Es bedarf einer Änderung der Perspektive, einer Änderung der Taktik, einer Änderung der Mission – seitens der Regierung, seitens der Menschen, von jedem Geschäftsmann oder Gewerkschaftsführer und von jeder Zeitung.

Denn wir stehen rund um die Welt einer monolithischen und ruchlosen Verschwörung gegenüber, die sich vor allem auf verdeckte Mittel stützt, um ihre Einflusssphäre auszudehnen – auf Infiltration anstatt Invasion; auf Unterwanderung anstatt Wahlen; auf Einschüchterung anstatt freier Wahl; auf nächtliche Guerillaangriffe anstatt auf Armeen bei Tag.

Es ist ein System, das mit gewaltigen menschlichen und materiellen Ressourcen eine eng verbundene, komplexe und effiziente Maschinerie aufgebaut hat, die militärische, diplomatische, geheimdienstliche, wirtschaftliche, wissenschaftliche und politische Operationen kombiniert. Ihre Pläne werden nicht veröffentlicht, sondern verborgen, ihre Fehlschläge werden begraben, nicht publiziert, Andersdenkende werden nicht gelobt, sondern zum Schweigen gebracht, keine Ausgabe wird infrage gestellt, kein Gerücht wird gedruckt, kein Geheimnis wird enthüllt. Sie dirigiert den »Kalten Krieg« mit einer, kurz gesagt, Kriegsdisziplin, die keine Demokratie jemals aufzubringen erhoffen oder wünschen könnte…

Kein Präsident sollte eine öffentliche Prüfung seines Programms fürchten. Denn aus so einer Prüfung kommt Verstehen und vom Verstehen kommt Unterstützung oder Opposition und beides ist notwendig. Ich bitte Ihre Zeitungen nicht, die Regierung zu unterstützen, aber ich bitte Sie um Ihre Mithilfe bei der enormen Aufgabe, das amerikanische Volk zu informieren und zu alarmieren, weil ich vollstes Vertrauen in die Reaktion und das Engagement unserer Bürger habe, wenn sie über alles uneingeschränkt informiert werden. Ich will die Kontroversen unter Ihren Lesern nicht nur nicht ersticken, ich begrüße sie sogar. Meine Regierung will auch ehrlich zu ihren Fehlern stehen, weil ein kluger Mann einst sagte, Irrtümer werden erst zu Fehlern, wenn man sich weigert, sie zu korrigieren.

Wir haben die Absicht, volle Verantwortung für unsere Fehler zu übernehmen, und wir erwarten von Ihnen, dass Sie uns darauf hinweisen, wenn wir das versäumen. Ohne Debatte, ohne Kritik kann keine Regierung und kein Land erfolgreich sein, und keine Republik kann überleben. Deshalb verfügte der athenische Gesetzgeber Solon, dass es ein Verbrechen für jeden Bürger sei, vor Meinungsverschiedenheiten zurückzuweichen, und genau deshalb wurde unsere Presse durch den ersten Verfassungszusatz geschützt. Die Presse ist nicht deshalb das einzige Geschäft, das durch die Verfassung spezifisch geschützt wird, um zu amüsieren und Leser zu gewinnen, nicht um das Triviale und Sentimentale zu fördern, nicht um dem Publikum immer das zu geben, was es gerade will, sondern um über Gefahren und Möglichkeiten zu informieren, um aufzurütteln und zu reflektieren, um unsere Krisen festzustellen und unsere Möglichkeiten aufzuzeigen, um zu führen, zu formen, zu bilden, und manchmal sogar die öffentliche Meinung herauszufordern. Das bedeutet mehr Berichte und Analysen von internationalen Ereignissen, denn das alles ist heute nicht mehr weit weg, sondern ganz in der Nähe und zu Hause. Das bedeutet mehr Aufmerksamkeit für besseres Verständnis der Nachrichten sowie verbesserte Berichterstattung, und es bedeutet schließlich, dass die Regierung auf allen Ebenen ihre Verpflichtung erfüllen muss, Sie mit den bestmöglichen Informationen zu versorgen und dabei die Beschränkungen durch die nationale Sicherheit möglichst gering zu halten…

So ist es die Presse, die Protokollführerin der Taten des Menschen, die Bewahrerin seines Gewissens, die Botin seiner Nachrichten, in der wir Stärke und Beistand suchen, zuversichtlich, dass mit Ihrer Hilfe der Mensch das sein wird, wozu er geboren wurde: frei und unabhängig.“

Ganz ähnlich bereits sein Amtsvorgänger Eisenhower in seiner legendären Farewell adress:

„Wir müssen auf der Hut sein vor unberechtigten Einflüssen des militärisch-industriellen Komplexes, ob diese gewollt oder ungewollt sind. Die Gefahr für ein katastrophales Anwachsen unbefugter Macht besteht und wird weiter bestehen. Wir dürfen niemals zulassen, dass das Gewicht dieser Kombination unsere Freiheiten oder unseren demokratischen Prozess bedroht.“

Kein Wunder, dass auf beide Präsidenten Attetatsversuche verübt wurden. Mindestens 2 solcher Versuche hat es gegeben, um JFK zu beseitigen und erst die dritte Unternehmung vom 22. November 1963 in Dallas glückte schließlich. Kaum bekannt ist hingegen das missglückte Attentat auf Eisenhower, vom Oktober 1943, als er mit seinem Flugzeug beim Start in Tanger in die Luft gesprengt werden sollte. Denn es gilt: Wer immer an der unantastbaren des Kapitals zu rütteln wagt, muss sterben! Die Akten über das Kennedy-Attentat sind, zu großen Teilen, noch bis 2017 gesperrt. Ebenso, wie viele Details zum sogenannten Bader-Meinhof-Komplex oder deutschen Herbst, geheim bleiben. Die vielgerühmte Pressefreiheit der sogenannten spätbürgerlichen Demokratie erweist sich auch hieran als dasjenige, was sie ist, als Worthülse oder Luftballon, aus dem man, nach Belieben des Kapitals, die Luft einfach heraus lassen kann. Eine propagandistische Lüge, wie die vielbeschworene Freiheit des Individuums in den westlichen Industrienationen, wie noch zu zeigen sein wird. Attentate wurden jedenfalls auf beide Präsidenten geplant und durchgeführt. Was heute gern als klaustrophobische Verschwörungstheorie abgetan wird, kann jedoch mit Ort und Zeit und Umständen glasklar belegt werden!

Treffender jedoch, als Karl Marx, hat wohl bisher noch niemand die „strukturelle Amoralität des Kapitals“ (Hartmut Krauss) je beschrieben:

„Das Kapital hat einen Horror vor Abwesenheit von Profit oder sehr kleinem Profit, wie die Natur vor der Leere. Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens. Wenn Tumult und Streit Profit bringen, wird es sie beide encouragieren. Beweis: Schmuggel und Sklavenhandel.“ (Das Kapital, Erster Band)

Das Problem besteht jedoch auch darin, dass besagte strukturelle Amoralität des Kapitals sich zur dominierenden Doktrin der Gesellschaft, zum elitären und alles beherrschenden Anspruch des menschlichen Zusammenlebens unter der Organisationsform des Kapitalismus aufschwingt; selbst von den Ärmsten und Entwurzelten der Gesellschaft begierig aufgesogen und aufgenommen wird, wie eine Offenbarung und so immer fort neue Amoralität und Korruption auf allen Ebenen nach sich zieht und zeugt und die Ethik der spätbürgerlichen Gesellschaft schließlich vollkommen zersetzt, bis diese zu einem Rudel sich unablässig bekämpfender tollwütiger Hyänen verkommt.

Die Frage, ob es ethisch zu verantworten und angesichts der Begrenztheit unserer Lebensspanne anständig ist, dass Wenige viel besitzen und Viele sehr wenig, was die Besitzenden dazu berechtigt, der Majorität ihrer Artgenossen ihren Willen aufzuzwingen, sie zu versklaven, zu demütigen, zu enteignen und notfalls auch zu töten, wird der Reiche stets bejahen, indem er entweder auf das Gottesgnadentum verweist oder auf die Behauptung, er sei besonders tüchtig, besonders begabt oder besonders engagiert und demzufolge dazu berechtigt, ein möglichst großes Stück vom Kuchen der Ressourcen zu bekommen. Immer wird er zugleich darauf verweisen, dass auch der Arme über die selbe Chance, zu Wohlstand zu gelangen, verfügen würde wie er selbst, was allerdings nicht stimmt und durch die Tendenz zu Vermachtung und Monopolisierung der Märkte und der gesamten postkapitalistischen Gesellschaft tendenziell unterbunden wird, wie noch zu zeigen sein wird.

Dem steht der Arme, der Beleidigte und Gedemütigte gegenüber: der Arbeitslose, der Obdachlose, der Sozialhilfe- oder Hartz-IV-Empfänger, der Unterbezahlte, der sich trotz hervorragender Ausbildung, exzellenter Zeugnisse und überdurchschnittlichen Engagements in prekären Beschäftigungsverhältnissen, die es ihm kaum ermöglichen, ein menschenwürdiges Dasein zu führen und die Ebene der Luxusbedürfnisse, wie sie Maslow in seiner Bedürfnispyramide so anschaulich beschreibt, je zu erreichen. Dies ist die Schlacke der Ohnmächtigen und Chancenlosen, der Unterversorgten, die auf die Hilfe eines Staates vertrauen, der sie doch nur als Ballast versteht, denn in der postkapitalistischen Gesellschaft ist es die Aufgabe des Individuums, zu konsumieren und Steuern zu zahlen. Und wehe demjenigen, der dies nicht mehr vermag! Er hat kaum ein menschenwürdiges Dasein zu erwarten und die Chancen, die diese Gesellschaft ihm noch bietet, reduzieren sich auf das Anstellen bei der Nahrungsmittelverteilung der städtischen Tafeln und vielleicht auf das Austragen von Zeitungen für ein paar Cent. Zu wenig, um sich aus der Situation zu befreien, in die er geraten ist! Aus dieser Sicht dieser inzwischen immer schneller anwachsenden und bereits randständigen Bevölkerungsschicht, ist es sicherlich abzulehnen, dass es zu den Grundlagen menschlichen Zusammenlebens gehören muss, dass es Reiche geben soll und Arme. Reiche, die nicht nur reich sind, sondern sagenhaft reich und unanständig reich. Reiche, die wie Krebszellen alle Bereiche des Staates unterhöhlen, sich mit ihren astronomischen Vermögen die Regierungen kaufen, die Exekutive und die Legislative und die Judikative. Und die schließlich auf diese Weise dafür sorgen, dass sie immer schneller immer reicher werden, wie eine Rakete, die Geschwindigkeit aufnimmt, die Gravitation der Erde hinter sich lässt und immer höhere Geschwindigkeitsbereiche erreicht. Wenn heute die Mehrzahl der Menschen diese Tatsache bedauert, beklagt und am Stammtisch beschimpft, ohne jedoch etwas dagegen zu tun, so sollte zunächst danach gefragt werden, wo die Wurzeln und Ursprünge der sozialen Ungleichheit der Menschen liegen. Fragen, die bereits die großen Theoretiker der französischen Aufklärung immer wieder beschäftigten.

2. Die Wurzeln: der gierige Mensch (Homo avidus)

Ein Zuchthaus und ein Irrenhaus ist diese Welt und einer der Folterknecht

des anderen.

Lion Feuchtwanger (1884 – 1958)

Das Schicksal des Menschen ist der

Mensch.

Bertold Brecht (1898 – 1956)

Dann gibt es ja noch die kulturell bedingte Evolution. Hier schaffen Politik und Gesellschaften den Druck. Insofern könnte der Mensch der Zukunft ein Arschkriecher sein, ängstlich und gierig, ohne Wurzeln hektisch im Strom des Lebens rudern. Rücksichtslos gegen andere, von denen er nicht profitiert und ohne ein Verhältnis zur Natur.

04.02.2009 18:02 von blowup, http://forum.spiegel.de/f22/homo-sapiens-wir-revolutionieren-unsere-evolution-6210-2.html

Warum soziale Ungleichheit unter den Menschen?

Der Mensch hat vieles hervorgebracht. Gutes und Schlechtes. Kunst und Kultur sind darunter, Philosophie und Religion. Wobei die Religion bereits mit Vorsicht zu betrachten ist. Trägt sie doch den Virus des Eigennutzes und die Möglichkeit und Wirklichkeit ihres Missbrauches als ein Machtinstrument bereits in sich, wie jede Lehre, die Menschen einzuschüchtern und zu verdammen weiß, die sie klein hält und im Bewusstsein einer angeblichen und nicht zu tilgenden Schuld. Vieles hat der Mensch also hervorgebracht. Gutes und Schlechtes, im Verlaufe seiner langen und grausamen und blutigen Geschichte. Er hat sich selbst reflektiert, hat die Schönheit der Welt gepriesen und ist doch seit Generationen damit beschäftigt, diese Schönheit unablässig zu zerstören. Er hat die Liebe besungen, die Selbstaufopferung und die Brüderlichkeit, aber nie, von den temporären punktuell aufflackernden Taten Einzelner, die im Strudel aus Blut, Elend und Gewalt untergehen, einmal abgesehen, nie sind diese Eigenschaften zu fundamentalen Grundpfeilern der menschlichen Gesellschaft oder der menschlichen Seele geworden. Sie sind nichts, als bloße Worthülsen. Plakative Reden und bunte Gemälde, schön, im Museum anzusehen, aber man will sie selbst nicht im eigenen Speisezimmer hängen haben. Der Mensch bekämpft sich unablässig selbst. Neidet seinem Mitmenschen selbst das kleinste Stück Brot. Neid, Missgunst und Gier prägen das menschliche Verhalten stärker, als alle anderen Eigenschaften. Homo sapiens, so hat er sich dreist selbst genannte, der Mensch. Aber er ist nicht weise. Er ist alles andere, nur nicht weise! Wäre er weise, dann würde er die Individuen seiner eigenen Spezies nicht Tag um Tag bekämpfen und mit Kriegen und Verteilungsfehden überziehen. Dann würde er sie als Brüder und Schwestern behandeln! Wäre er weise, dann würde er diese Erde, die einzige Heimat, die er derzeit in der Kälte des Universums besitzt, nicht mit der verbohrten Konsequenz zerstören und zugrunde richten, mit der er dies unbelehrbar schon seit ein- oder zwei Generationen tut. Wäre er weise, dann würde er die Ressourcen der Welt schonen und nachhaltig nutzen. Dann würde er aus der Fülle seines Besitztums mit den Bedürftigen dieser Welt teilen. Wäre er weise, dann würde er seine Mitmenschen nicht als Freßfeinde und Konkurrenten betrachten, sondern all die verborgenen wunderbaren Fähigkeiten in ihnen allen suchen, die in jedem von uns stecken, sie erkennen und zum Wohle der Gemeinschaft aller Menschen fördern. Aber all dies tut der Mensch nicht. Er denkt nur an sich selbst, vielleicht noch an seine Sippe, was schon selten genug der Fall ist. Und er denkt nur an das Heute. Er denkt nur daran, dass er heute einen schönen Tag haben möchte. Einen ruhigen Nachmittag am Meer, an dem er vielleicht mit dem Boot hinaus fahren kann, um einen Fisch zu fangen. Er denkt daran, einen Fisch zu fangen. Und selbst, wenn es der letzte Fisch in den Ozeanen der Welt wäre, den seine Kinder schon morgen benötigen werden, um den nächsten Tag zu überleben: Er würde hinaus fahren und den Fisch fangen, weil dieser Zwang in ihm ist, es zu tun. Und weil etwas in ihm es verbietet, eine mächtige Stimme, aus den schwarzen und ursprünglichen Abgründen seiner tierischen Herkunft, an morgen zu denken und an das Kind, das ohne den Fisch verhungern wird. Darum ist der Mensch kein Homo sapiens. Er ist alles andere, aber nur nicht weise! Und darum ist diese Bezeichnung anmaßend, ebenso, wie die Behauptung, er sei gottgleich oder gar der König der Welt und die Krone der Schöpfung. Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, er ist ihr Abschaum! Er ist nicht die Krone der Schöpfung, denn er hebt die Schöpfung selbst auf mit seinem Zerstörungswerk. Der Mensch ist nicht weise! Er ist gierig! Gier ist die stärkste Triebkraft in ihm. Eine Kraft, die ihn endlich die Erde und sich selbst zerstören lassen wird. Die Gier ist der Götze, dem er huldigt. Die Gier ist seine Religion. Mehr! Mehr! Immer mehr! so schreit es in ihm. Und er zieht aus, den Knüppel in der Hand oder die Pistole in der Tasche, um die Gier in sich zu befriedigen. Mehr! Mehr! Immer mehr! so gellt es dabei in seinen Ohren. Und ebenso schreit es in den Seelen all der anderen Milliarden um ihn herum, jeder davon mit einer Pistole in der Tasche oder zumindest mit dem brennenden Wunsch im Herzen, eine Pistole in der Tasche haben zu wollen. Homo sapiens sollte der Mensch nicht heißen dürfen, ebenso wenig, wie Krone der Schöpfung! Homo avidus wäre allein angemessen: der gierige Mensch und zugleich auch der Abschaum der Schöpfung! Homo avidus et omnium universum rerum pudor!

Wann aber hat es angefangen? Oder war bereits der Affenmensch gierig? Wann ist der böse Keim der Verderbnis über diese Spezies gekommen, der sie hieß, immer mehr und noch einmal mehr zu wollen, selbst, wenn es nachfolgende Kinder und Kindeskinder würden nicht verbrauchen können? Ist die Gier im Menschen genetisch angelegt oder brachte die Evolution sie hervor? Gab es Umwelteinflüsse, wie Meteoriteneinschläge, Überschwemmungen oder Buschbrände, die den frühen Menschen gierig werden ließen? Wohl kaum! Und wenn es einen Einfluss gab, der ihn hieß, gierig zu werden, so war es wohl der Druck seiner eigenen Zivilisation und Kultur, die ihn zu demjenigen Wesen werden ließen, dass er heute ist. Und da alle menschliche Zivilisation auf Gier beruht, jedes Staatswesen, jede Gesellschaftsdoktrin, ja jedes Gesetz, so muss der Anfang der Zivilisation wohl jener Tag gewesen sein, da einer von ihnen, während sie alle um das Lagerfeuer herum saßen, um die Jagdbeute zu teilen, die sie gemeinsam erlegt hatten, die Hand nach einem Stück Fleisch austreckte, um zu brüllen: „Das gehört mir ganz allein!“, während die andere Hand, wie um das Gesagte zu bekräftigen, schon das Steinbeil drohend schwang. Dies, dieser Tag, muss der Anbeginn aller menschlichen Zivilisation gewesen sein, der ihre ureigenste Wurzel offenbarte: die Gier nach immer mehr und der zugleich ihre beiden Arme bloß legte, unablässige Expansion, Ausdehnung des eigenen Herrschaftsbereiches und dabei stetige gewaltsame Aneignung fremden Besitzes. Was war es also, was den Menschen vom Tier unterschied? Gewiss, die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Zugleich aber auch und mindestens in derselben Gewichtung, die Maßlosigkeit der persönlichen Gier und des individuellen Strebens nach materiellem Besitz und nach gesellschaftlicher Macht, die letztendlich immer auf materiellem Besitztum beruht. Eine Maßlosigkeit, wie sie kein Tier kennt. Und eine Skrupellosigkeit im Umgang mit den Individuen der eigenen Gattung, bis hin zu deren gezielt-planvollerer und industriell angelegter Vernichtung aus reiner Habsucht und aus Neid. Selbstreflexion, Gier, systematisches planvolles Handeln stets zum eigenen Vorteil und ein systematisches Bekämpfen von Individuen der eigenen Art: dies macht den Menschen zum Menschen und hebt ihn aus dem Tierreich heraus. Unfähig, sich zu solidarisieren mit den Schwächsten und Bedürftigen des Planeten schwelgt er selbstverliebt im vorgeblichen Glanze seiner privaten Großtaten, während die Ressourcen der Welt zur Neige gehen, die letzten unberührten Paradise in Schmutz und Zivilisationsmüll ersticken oder zu umzäunten und streng bewachten Refugien der Mächtigsten werden, die selbst hier noch der Natur ihren ehernen Willen aufzuzwingen vermögen. Der Mensch, der sich als die Krone der Schöpfung ist dabei, diese gerade vollständig zu zerstören, während seine Philosophen beweisen, dass es keinen Gott gibt, weil es keinen Gott geben kann, weil es keinen Gott geben darf neben dem Menschen, Homo avidus, dem Gott der Zerstörung und der Gier und der unablässigen Expansion. Wie eine Krebserkrankung ist das Menschengeschlecht, denn hört nicht auf, die physische Vorbedingung seiner eigenen Existenz unablässig aufzufressen und zu zerstören, in kontaminierten Zivilisationsmüll zu verwandeln, in dem sie letztendlich ersticken wird. Und, ebenso wie das Krebsgeschwür, hört sich nicht auf zu wachsen, die Menschheit, weil sie meint, zu ewigem exponentiellem Wachstum verdammt zu sein. Exponentielles Wachstum von Reichtum und Wohlstand für Wenige und exponentielles Wachstum von Hunger, Demütigung und Elend für die erdrückende Mehrheit, die sich dieser Tatsache noch nicht einmal bewusst ist, weil sie, verdummt von den gezielten Kampagnen der Medien und betäubt vom billigen Bier aus dem Sonderangebot der Supermärkte, vor dem Fernseher hockt um das zu sehen, was sie sehen soll und dasjenige zu glauben, was sie glauben darf. Es ist ein falsches Versprechen, denn es ist eine Lüge. Es ist das Versprechen, dass jeder es zu Reichtum und Wohlstand bringen kann, wenn er sich nur systemkonform verhält und tüchtig ist. Aber dem Tüchtigen gehört längst nicht mehr die Zukunft, wie vielleicht noch im Amerika des aufgehenden Industriekapitalismus, der den Mitgliedern seiner Gesellschaft noch bei weitem mehr Chancen und Möglichkeiten bot, als die heutige vermachtete und geschlossene Gesellschaft, durch eine Mauer geht, die wahrlich unüberwindbar ist. Denn auf der einen Seite sind die Reichen und Mächtigen, die genug Geld besitzen um sich das ewige Leben oder das ganze Universum zu kaufen, während auf der anderen Seite diejenigen Tag für Tag in den sich drehenden Hamsterräder ihrer Jobs laufen oder in der Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit ihrer sozialen Miseren versinken und aufhören, zu leben und zu hoffen., die ihrem Schicksal dennoch niemals entrinnen werden. Alles wäre so einfach! Alles wäre so einfach! Aber es gibt nur einen Grund, weshalb diese Welt niemals eine gerechte oder eine glückliche Welt wird. Und dieser Grund liegt in der physischen Existenz des Menschen. Homo avidus, der gierige Mensch! Warum ist der Mensch gierig? Warum ist der Mensch schlecht und gewalttätig? Liegt es in seinen Genen begründet oder ist er ein Produkt der Prägung durch eine immer weiter verrohende Gesellschaft? Die Gesellschaft tendiert heute zum Individualismus. Aber eine Gesellschaft, die lauter egoistische Individuen großzieht, hört irgendwann auf, eine Gesellschaft zu sein, weil der Rückzug ins Private, das egoistische Kappen jedweden Engagements für das Gemeinwohl einmal doch die letzten dünnen sozialen Bande durchtrennen wird, die den Menschen noch mit seinem Nachbarn verbinden. Dabei haben wir längst vergessen, dass all unsere großen und bewunderten Leistungen, wie die großen geographischen Entdeckungen, der Vorstoß ins Weltall und der Aufbau all dessen, was wir Zivilisation nennen, nur möglich waren, durch eine kollektive Leistung, die auf dem brennenden Ehrgeiz durch Solidarität und Empathie miteinander verbundener Individuen möglich waren, wie die hinterlassenen Tagebücher Robert Falcon Scotts eindrucksvoll zeigen. Dann aber, wenn die allerletzten Bande der Empathie und Solidarität endgültig zertrennt sein werden, was gerade vor unser aller Augen geschieht, dann werden solche großen und entscheidenden Leistungen nicht mehr möglich sein, da kein Einzelner auf sich allein gestellt, sie vollbringen kann und da ein sich befehdendes Rudel von Egoisten und Individualisten, selbst mit vorgehaltener Waffe nicht dazu zu bewegen sein wird. Daher hat der Turbokapitalismus und der mit ihm einhergehende Trend zur Individualisierung tiefere und entsetzlichere Dimensionen, als wir und bewusst machen, denn er hebt die gesellschaftliche Dimension und Verankerung des Individuums auf und wirft es gnadenlos auf sich selbst zurück. Menschliche Führungsqualitäten, wie sie Scott gezeigt hat, werden zugrunde gehen. Sie wird es in einer Welt, in der jeder Mensch nur die Profitabilität seines Handelns vor jedem Schritt abwägt und berechnet, nicht mehr geben, ebenso wenig wie große kollektive Leistungen. Die Menschheit kastriert sich damit selbst. Sie beraubt sich derjenigen Fähigkeit, der sie ihre größten zivilisatorischen Leistungen einst verdankte. Und damit fällt sie in eine emotionale und geistige Steinzeit zurück. Die Menschheit wird von einem Kollektiv wagemutiger Entdecker zu einer Ansammlung vereinsamter und egoistischer Kaufmannsseelen werden, die alle Brücken untereinander abgebrochen hat, sofern sie nicht auf einer nachhaltigen und einseitigen Rentabilitätserzielung beruhen. Warum dies so ist und so sein muss? Weil wenige Reiche und Mächtige ein Interesse daran haben, dass dies so ist und möglichst auf immer so bleibt. Und weil sie die finanziellen Mittel dazu in der Hand haben, dem überwältigenden Rest der Menschheit zu sagen, dass dies die besten aller denkbaren Lebensumstände sind. Und schließlich deswegen, weil die meisten Menschen dies so gern glauben wollen. Weil der Mensch nämlich ein Herdentier geblieben ist, das lieber einem gewalttätigen, aber starkem Führer folgt, als, auf sich allein gestellt, durch die Widrigkeiten des Daseins wanken zu müssen, ohne Religion, ohne Glauben, ohne Staat und ohne Gesetze. Psychologisch neigt der Mensch bekanntlich dazu, sich eher mit der grausamsten Tyrannei zu arrangieren, anstatt gegen sie aufzustehen und zu kämpfen. Man zähle nur die überwältigende Mehrheit derjenigen ab, die sich im Dritten Reich eingerichtet hatten und stelle das armselige Häuflein derjenigen dagegen, die sich offen gegen den Führer auflehnten. Kompromissfähigkeit, Subordination und Feigheit zählen ebenso zu den Eigenschaften des Menschen, wie seine unersättliche Gier und seine Bereitschaft, sich korrumpieren und benutzen zu lassen, um notfalls physische Gewalt eher gegen die schwächsten und hilflosesten Glieder einer Gesellschaft anzuwenden, von denen kein Widerstand zu erwarten ist (Juden, Sinti und Roma, Behinderte), nie aber gegen die Mächtigen selbst und ihren waffenstarrenden Terrorapparat. Somit gilt Lord Actons Dictum („Power tends to corrupt, and absolute power corrupts absolutely.”) in doppelter Hinsicht. Nämlich einmal für den Mächtigen selbst, der, wie Acton es zutreffend formulierte, stets durch den tagtäglichen Gebrauch der Macht allmählich korrumpiert und darum endlich zwangsläufig ein schlechter Mensch werden muss („Great men are almost always bad men.“), also wie jemand, der sich mit Grippekranken umgibt, rein zwangsläufig endlich auch an der Grippe erkranken muss. Aber die Macht korrumpiert auch all jene, denen sie als Bedrohung gegenüber steht, wie ein zähnefletschender Hund oder ein Mann mit einer geladenen Waffe. Sie korrumpiert diejenigen, die sie bedroht, dazu, ihr quasi bedingungslos zu folgen, sei es aus Feigheit, aus Opportunismus, aus Karrierismus oder aus reinem Selbsterhaltungstrieb heraus. Häufig jedoch wird dieses opportunistische oder feige Handeln dann durch die Mächtigen als Patriotismus oder als Freiheit verkauft. Es ist allerdings weder das Eine noch das Andere. Denn ein Patriot ist der Nation verbunden und verpflichtet, nicht aber der Handvoll, die die Macht und das Geld besitzen und die sich deshalb für die Nation halten. Und frei ist er durch dieses Handeln auch nicht, sondern höchstens frei von Selbstbestimmtheit und von Verantwortung. Er ist stattdessen ein fahler Wurm geworden, der Opportunist, der das Tageslicht der Wahrheit meidet und stattdessen den Mächtigen in die Höhlen ihres Anus kriecht. Vielleicht ist all dies ja, die Feigheit und der Opportunismus und das feige Kriechen gestandener Menschen vor der Macht, das Heinrich Mann in seinem „Der Untertan“ von 1914 so psychologisch treffend beschrieb („Welche Katastrophe! Er hatte in seiner Ahnungslosigkeit vorwitzig das Wort an eine Macht gerichtet, von der man stumm und auf den Knien des Geistes Befehle entgegenzunehmen hatte! Der man sich nur „vorführen“ lassen konnte!“), ein ontogenetisches Relikt derjenigen Furcht, die wir als Kinder vor Hexen und Zauberern hatten und die wir nun, im Erwachsenenalter, auf die Reichen und Mächtigen übertragen, weil wir sie, die grausamen Wächter unserer Angst, benötigen, um uns sicher in unserem System zu fühlen. Ängstlich zwar, aber dennoch sicher und aufgehoben! Angst ist eine Triebkraft menschlichen Handelns, ebenso, wie die Gier, nur weitaus existenzieller empfunden und somit wesentlich stärker in ihrer treibenden und bewegenden Wirkung, wie der Verrat all jener an ihren Verwandten oder Lieben belegt, die mit dem Leben bedroht wurden. Somit liegt alles beieinander, in unseren Genen und in unseren Seelen: Gier und Angst, als die beiden Pole, zwischen denen menschliches Handeln hin und her schwingt, wie ein ruheloses Pendel. Gier und Angst, die wir in uns tragen und die Momente wie Erziehung, Religion oder Drill mit einer dünnen Schicht wasserlöslicher Farbe zwar zu übertünchen, aber dennoch niemals auszulöschen vermögen. Es sind tierische Eigenschaften, die bereits der Wolf in sich trägt, der Gier und Angst als Motoren seines Handelns erkennen lässt, ja selbst den Opportunismus und die Furcht vor dem mächtigen Alphatier, dem sich der schwache Omegawolf aus letztlich nur schwer erfassbaren Gründen heraus unterwirft, die jedoch auf opportunistisches Verhalten hindeuten. Darum also, aus zwei simplen Gründen heraus, sind wir gierig und egoistisch: weil es uns einen Vorteil und ein besseres Leben verspricht oder zumindest die Illusion dessen und weil wir uns biologisch noch immer im prähistorischen Stadium wähnen, wie der Wolf, dem es einen Vorteil im Überlebenskampf bringt, dem Alphatier zu folgen, um diesem, beim allerersten Anzeichen von Schwäche und Handlungsunfähigkeit, den Garaus zu machen. Gier und Maßlosigkeit und Egoismus, all das Vorteilsdenken, lassen sich also zurückführen auf zweckdienliche Verhaltensmuster, die uns ein erquicklicheres Leben verschaffen sollen. Ein typisches Verhalten also, das selbst die berühmte und viel bejubelte amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 allen Menschen zu gestand (so bereits in der Präambel: „We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.”).

Im Garten Eden oder das besitzlose Goldene Zeitalter der Akephalie

Ein Strom entspringt in Eden, der den Garten bewässert; dort teilt er sich und wird zu vier Hauptflüssen. Der eine heißt Pischon; er ist es, der das ganze Land Hawila umfließt, wo es Gold gibt. Das Gold jenes Landes ist gut; dort gibt es auch Bdelliumharz und Karneolsteine. Der zweite Strom heißt Gihon; er ist es, der das ganze Land Kusch umfließt. Der dritte Strom heißt Tigris; er ist es, der östlich an Assur vorbeifließt. Der vierte Strom ist der Eufrat.

Genesis 2,10–14

Der Garten Eden, als das verlorene Paradies, in dem die Menschheit einst unbeschwert lebte, wird in vielen Religionen beschrieben, nicht nur in der biblischen Genesis, sondern auch im antiken Syrien und selbst im Islam. Das Paradies wird kodifiziert als ein Garten, in dem die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen noch intakt ist. Die Vertreibung aus dem Paradies ist, so die biblische Überlieferung, nur die Konsequenz des Essens der verbotenen Früchte vom Baum der Erkenntnis, mit der Adam die Erbsünde über sich selbst und über alle auf ihn kommenden Menschengeschlechter gebracht hat. Zieht man die Parallele vom biblischen Garten Eden bis zu dem in der griechisch-römischen Mythologie relevanten Goldenen Zeitalter, in welchem die Menschheit, so die antiken Philosophen, in einem besitzlosen und friedlichen Urzustand lebte, der erst mit der Entstehung der Zivilisation und all der ihr immanenten Begrifflichkeiten und Wertvorstellungen endete, so liegt die Vermutung nahe, dass die Vertreibung aus dem Paradies durch Gott eine allegorische Umschreibung des aufkommenden Privateigentumes und der Hierarchien der Gesellschaft bis hin zur Geldwirtschaft darstellt, die letztendlich den friedlichen Urzustand der besitz- und herrschaftslosen Akephalie beendete und das Menschengeschlecht in die Besitzenden und in die Besitzlosen spaltete. Hatten die Philosophen der Antike des Mittelalters und der Renaissance dieses Goldene Zeitalter noch gepriesen und hymnisch verklärt, so änderte sich mit dem Aufkommen von Industriealisierung und Frühkapitalismus, mit der beginnenden Aufklärung, diese Haltung zunehmend radikal. Bereits Jean-Jacques Rousseau beschrieb den friedlichen Zustand des besitz- und herrschaftslosen Miteinanders in der frühesten Zeit der Menschheit als „Barbarei“. Ein Urteil, das Fichte, Schiller, Kant und Hegel an Schärfe noch überboten. Eine Geisteshaltung, der sich bereits viele Romantiker angeschlossen hatten. Vor dem Hintergrund des nun aufkommenden Manchesterkapitalismus, in dem der Arbeiter, mit Marx gesagt, nichts weiter besaß, als seine Arbeitskraft und nichts weiter zu verlieren hatte, als seine Ketten, in denen er nicht selten in feuchten Mietkasernen an Tuberkulose oder Cholera verreckte, wirkt dieser urplötzliche Bruch mit dem jahrhundertelangen Lob des Goldenen Zeitalters wie eine gewollte Rechtfertigung der nun ungeheuer gewordenen wirtschaftlichen Diskrepanzen zwischen besitzlosen Arbeitern und reichen Fabrikherren, ja geradezu wie Propaganda oder wie frühindustrielle Gehirnwäsche. Tatsächlich wird wohl niemand je exakt definieren können, ob die Frühzeit der Menschheit, in der es weder Besitz noch Herrschaft gab, nun eine Zeit des friedlichen und harmonischen Miteinanders oder aber eine Zeit der „Barbarei“ (Rousseau), des „Bellum omnium contra omnes“ (Thomas Hobbes) und der „idyllischen Geistesarmuth“ (Hegel) war, da die Menschheit seinerzeit noch nicht über die Schrift, ja vermutlich noch nicht einmal über eine komplexe Sprache, verfügte und daher aus dieser Frühzeit keinerlei Schriftquellen vorliegen. Mit Sicherheit jedoch kann eines angenommen werden, dass nämlich diese Epoche eine Epoche der geistigen und emotionalen „Unschuld“ (Rousseau) gewesen sein kann, wie während der Renaissance angestellte Vergleiche mit der Lebensweise damals aufgesuchter und studierter indigener Völker, beispielsweise in Nordamerika, nahelegten, die überwiegend in tugendhafter Gütergemeinschaft und Genügsamkeit ein ruhiges Leben inmitten der Natur führend, angetroffen wurden (Joseph François Lafitau, 1724).

Tatsächlich bliebe zu hinterfragen, ob die aufkommende soziale Ungleichheit des Menschengeschlechtes durch seine Unterteilung in Besitzende und Besitzlose nicht wenigstens ein Gutes mit sich brachte, nämlich die Entwicklung des menschlichen Geistes. Allerdings müsste hier einschränkend auf zweierlei hingewiesen werden. Erstens darauf, dass die erfinderische Tätigkeit ausgiebigen Schulbesuch und Bildung voraussetzte und dass diese an Besitz gekoppelt waren, dass es also nur die Wohlhabenden sein konnten, die überhaupt zum Bildungserwerb und daher zu späteren bahnbrechenden Erfindungen geistig und finanziell in der Lage waren. Ferner müsste hinterfragt werden, wem denn all diese Entdeckungen und Erfindungen vorrangig zu Gute kamen, indem man beispielsweise die Statistik befragen könnte welche und wie viele deutsche Haushalte im Jahre 1900 über eine Toilette mit Wasserspülung verfügten. Es sind also bahnbrechende Entdeckungen, die Wohlhabende für Wohlhabende machten und die an der breiten Schicht der Bevölkerung, zumindest in den ersten Jahren, komplett vorbei gingen, ebenso, wie heutzutage Zahnimplantate, Satellitentelefone und Urlaubsflüge zur Internationalen Raumstation ISS für die Masse der Menschen nicht zum Lebensstandard gehören. Auch muss der Aspekt berücksichtigt werden, dass all dieses bahnbrechende Wissen selbst in solch krude Dinge mündete, wie die Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 und die nachfolgende industrielle Vernichtung von 6 Millionen europäischen Juden in den Gaskammern und Gaswagen des Dritten Reiches. Was ist ein Wissen und Know How also wert, wenn es stets nur wenigen dient oder zur Massenvernichtung eingesetzt wird? Aber zunächst zurück zum Goldenen Zeitalter, dessen immer wieder betriebene Verklärung in Philosophie und Kunst eine uralte Sehnsucht des Menschen zu offenbaren scheint, die sich temporär immer wieder erneuernd in Erscheinungen wie dem selbstlosen Leben in Künstlerkommunen oder in den Kibbuzim Bahn bricht und die, wie es den Eindruck erweckt, wohl ein tiefes Schuldbewusstsein des Menschen über die soziale Ungleichheit in den modernen Gesellschaften wecken muss. Ein Schuldbewusstsein, das an schüchterne kleine Kinder erinnert, die sich der Tatsache bewusst sind, eine große Dummheit begangen und ein strenges elterliches Verbot übertreten zu haben und die nun deswegen unter dieser Insubordination leiden.

Der wissenschaftlich korrektere Begriff für den blumigen Euphemismus der als Goldenes Zeitalter beschriebenen Epoche ist zweifellos Urgesellschaft und umschreibt die uns bis heute rätselhaft gebliebenen Formen des zwischenmenschlichen Daseins und Verhaltens in einer Zeit, die als nur wenig nach der Periode des Tier-Mensch-Übergangsfeldes angesiedelt erscheint. Tatsächlich ist es eine Periode ohne schriftliche Quellen, da die Menschheit der Schrift noch nicht mächtig war. Wer es unternimmt, sich dieser Epoche nähern zu wollen, kann dies lediglich über Knochenfunde, ausgemalte Höhlen und steinerne Werkzeuge sowie über vergleichende Forschung mit der Lebensweise indigener Völker, ferner auch über uralte Mythen und Sagen versuchen. Es muss heute davon ausgegangen werden, dass die Periode der Urgesellschaft, in der es noch nicht einmal eine Gesellschaft gab, die geschichtlich längste Periode innerhalb des Entwicklungsganges der Menschheit war. Es wird ferner angenommen, dass es während dieser Periode bereits lokale Gruppen von Menschen gab, die gemeinsam und zweckorientiert handelten und agierten. Die Größe und Zusammensetzung dieser Gruppen kann nicht näher bestimmt werden. Auch nicht eine möglicherweise vorhandene soziale Struktur, obwohl davon ausgegangen wird, dass es sich bei diesen Menschen um umherziehende Jäger und Sammler handelte, die noch keinen Besitz von Grund und Boden, womöglich sogar überhaupt gar keinen persönlichen Besitz kannten. Als Annahme steht ferner im Raum, dass diese frühen Menschen bereits über einfache Werkzeuge aus Stein, aus Holz, Knochen, Geweihen, Pflanzenteilen und Fellen verfügten, was teilweise durch Funde von Faustkeilen belegbar ist. Inwieweit es Sozialstrukturen innerhalb der Gruppen gab, die sich beispielsweise in Gestalt von Häuptlingen, Schamanen und Erzählern manifestierten; inwieweit bereits Kulte, wie Ahnen-, Jagd- oder Totenkult praktiziert wurden, kann anhand der dürftigen Quellenlage nicht beantwortet werden. Selbst nicht die Frage, ob bereits in den familiären Strukturen von monogamen Gattenfamilien gelebt wurde. Zur Beantwortung dieser Fragen können nur drei Begrifflichkeiten herangezogen werden, nämlich die Annahme, dass diese frühen Menschen in Anarchie, Akephalie (Herrschaftslosigkeit) und vermutlich im Zustand der Besitzlosigkeit oder des Gemeineigentumes lebten. Herrschaftsfreiheit, Akephalie, beschreibt daher den Zustand, dass eine Entscheidungsfindung nicht autoritär, sondern erst nach ausgiebiger Diskussion und Debatte stets gemeinschaftlich erfolgte. Es existierte also noch keine Zentralinstanz, die die Gesellschaft politisch organisierte, durchformte und ordnete. Ein organisatorischer Zustand also, der als regulierte Anarchie (Christian Sigrist, 1967) oder egalitäre Konsensdemokratie (Thomas Wagner, 2004) beschrieben wird und der uns heute angesichts des Sumpfes an Willkür und Machtmissbrauch innerhalb der Politik, den die Medien uns Tag um Tag offenbaren, überaus wünschenswert, ja gerecht erscheint und der, wie es die Schweiz zumindest teilweise praktiziert, im medialen Zeitalter durchaus umsetzbar erscheint, sofern die Mächtigen es denn zulassen würden. Es wird ferner angenommen, dass diese akephalen oder egalitären Gesellschaftsformen ihre Intentionen auf die soziale und politische Gleichheit ihrer Mitglieder hin ausrichteten. So wird auch davon ausgegangen, dass es nur Respektspersonen, wie Ältere, keinesfalls jedoch Hierarchien gegeben haben könne. Persönliche Macht existierte also vermutlich nicht. Und wenn doch, so wurde sie lediglich situativ und temporär verliehen (beispielsweise für eine konkrete Jagdausübung) und war noch nicht auf Lebenszeit oder für die Dauer von Legislaturperioden an bestimmte Personen gekoppelt. So kann angenommen werden, dass diese temporäre Machzuteilung basisdemokratisch erfolgte und herausragende Fähigkeiten der machtempfangenen Person auf Gebieten des Lebens voraus setzte. Diese temporären Führungsrollen, so sie existierten, bezogen sich wahrscheinlich lediglich auf Teilbereiche der Gesellschaft, nie aber auf die komplette Gesellschaft an sich. Auch beinhalteten sie keine Herrschaftsrechte sanktionaler Natur, wie das Gewaltmonopol, die Befugnis, Recht zu sprechen oder Abgaben einzufordern. Vermutlich verhinderte bereits die geringe zahlenmäßige Größe einer solchen Menschengruppe im Verbund mit dem Aufeinander-Angewiesen-Sein, in diesem frühen Stadium noch die Etablierung von sozialen Hierarchien. Auch kann der marxistischen Hypothese zugestimmt werden, dass alle in diesem Stadium hergestellten Waren (Jagdbeute, gesammelte Nahrungsmittel, wie Wildfrüchte) zunächst dem unmittelbaren Überleben dienten und daher für den alsbaldigen Verbrauch bestimmt waren, was deren persönliche Hortung zum Zwecke der individuellen Wert- und Schatzbildung, wie auch den Tausch unter Gewinnabsicht zunächst noch unmöglich machte.

Warum aber wendete Engels sich in seiner Schrift über die Entstehung und den Ursprung der Familie der Genesis der Gattenfamilie mit solcher Vehemenz zu und welche Bedeutung erlangt die Familie im Kontext der sozialen Ungleichheit? Hier gilt es nun, mehrere Aspekte zu betrachten. Die Entstehung der monogamen Gattenfamilie: Mann, Frau, Kind unter Wahrung des Ausschließlichkeitsgelübdes, war sowohl eine Vorform der Hierarchie, ganz gleich, ob Matriarchat oder Patriarchat, wie auch eine Vorform der Akkumulation von Besitz. Eine Frau „gehörte“ nun geschlechtlich und körperlich einem Mann, während der Mann geschlechtlich und körperlich dieser Frau „gehörte“. Besitz war nun nicht mehr Gemeingut, sondern wurde innerhalb der Familie angehäuft. Die Kinder des Paares wurden nun nicht mehr von der Allgemeinheit versorgt und ernährt, sondern nun, da sie zur Familie „gehörten“, war es Obliegenheit der Familie, die „eigenen“ Kinder zu versorgen. Die sozialen Bande an die anderen Mitglieder der Gemeinschaft, die vordem alle gleich stark gewesen waren, lockerten sich und richteten sich stattdessen auf den Ehepartner und die eigenen Kinder. Hatte man vordem in allgemeiner Harmonie zusammengelebt, so kamen nun Dinge, wie Eifersucht auf und die Angst, den „eigenen“ Partner womöglich an einen Anderen verlieren zu können. Statt allgemeiner Harmonie traten nun Erscheinungen, wie Misstrauen und Vorsicht in Erscheinung. Ferner gab die Entstehung der Gattenfamilie als Vorstufe der Entstehung gesellschaftlicher Hierarchien den Menschen die Möglichkeit, dynastische Ehen einzugehen, indem nach Besitz geheiratet wurde und nicht auf der Basis emotionaler Bindungen. Dinge, wie „Mitgift“ wurden allmählich wichtig. Der Kampf um den Partner, bis hin zum Raub von Frauen bei benachbarten Stämmen, löste die sozialen Bindungen und legte, wie später bei Paris von Troja und Helena von Mykene, nicht selten den Keim für Kriege, Fehden und gesellschaftliche Auseinandersetzungen. In jedem Falle jedoch veränderte die Gattenfamilie das System der zwischenmenschlichen Bindungswertigkeiten. Die Priorität der Bindung lag nun innerhalb der Gattenfamilie und die übrigen zwischenmenschlichen Bindungen traten in Bezug auf ihre Intensität und Priorität deutlich zurück. Indem die Gattenfamilie die Sicherung der Reproduktionsfunktion innerhalb der Gesellschaft übernahm, löste sie das Individuum aus der Gemeinschaft heraus. Mit der Etablierung der Gattenfamilie innerhalb der Gemeinschaft erlangte diese einen Status, der später über die Mechanismen der Clanbildung und deren wirtschaftliche und politische Funktionen, ein gemeinschaftszerstörendes Potential entfalten konnte. Die Gattenfamilie ersetzt somit sukzessive das bis dahin familienlose und universelle (jeder sorgt für jeden und steht zugleich allen am nächsten) der Urgesellschaft und hebt es damit auf. Die Dominanz der Gattenfamilie entstand und zog eine Vielzahl von Heiratsregeln (Besitz heiratet ausschließlich nur Besitz) nach sich, die erste Keile und Risse in die bis dahin vorherrschende gemeinschaftliche Konsensbildung und in die egalitäre Konsensdemokratie getrieben haben musste. So etablierte sich die Zelle der Gattenfamilie innerhalb des bis dahin omnipotenten und familienlosen Organismus der Urgesellschaft, um in diesem nach und nach, wie eine Krebserkrankung, die ihr innewohnende Sprengkraft zu entfalten und den Organismus Urgesellschaft langsam aufzuheben, um ihn durch die Dominanz der Sippen- und Clanstrukturen zu ersetzen, die bald politische und wirtschaftliche Dominanz erlangen sollten. So löste die Gattenfamilie auch die Universalität des gemeinschaftlichen Besitzes und des gemeinschaftlichen Rechtes der Urgesellschaft (alle haben gleiche Rechte und Pflichten) auf, indem sie zahlreiche neue verfassungs- und privatrechtliche Zweige, wie das Unterhalts-, das Vormundschafts-, das Adoptions- und das Erbrecht durch allgemeine Übung schuf. Auch trat in jener frühen Zeit und bereits in der akephalen und egalitären Phase der frühen Menschheit, in der Urgesellschaft, ein wesentlicher Grundzug des modernen Menschen zutage, seine grundsätzliche Neigung zu Expansion, Ausbreitung seines Herrschaftsgebietes, mit all den späteren Folgen, wie Krieg und kriegerischer Inbesitznahme fremden Landes, bis hin zur Kolonialisierung und Missionierung. Denn bereits der Urmensch breitete sich aus, mit einer Geschwindigkeit von 1 bis 10 Kilometern pro Jahr. Möglicherweise geschah dies motiviert durch Umwelteinflüsse, möglicherweise auch instinktiv. Möglich aber auch, dass der frühe Mensch gelernt hatte, dass es ihm existenzielle Vorteile brachte, aufzubrechen, zu wandern und in fremde Gebiete zu ziehen, um sich die dort befindliche Nahrung, wie Wild und Wildfrüchte, anzueignen. Fest steht, der Mensch tat in diesem frühen Stadium bereits das, was nach ihm die Kreuzfahrer, Pizarro, Cortez und auch Hitler taten: er expandierte und erschloss sich neue Territorien. Was dabei geschah, falls er auf fremde Gruppen stieß, bleibt Spekulation. Es würde jedoch verwundern, hätte er sich dabei anders verhalten, als Pizarro, beim Treffen auf einen Inka oder als der Kommandeur einer SS-Einsatzgruppe, der ein Dorf in der Ukraine mit seinen Männern besetzte, weil Grundzüge des menschlichen Verhaltens genetisch angelegt und damit universell gültig sind. Und wo ist der Unterschied zwischen diesen Personen, verbrämt mit Indoktrination und Ehre und Vaterland bei letzteren, der Wildheit und Barbarei zugeschrieben, bei den Urmenschen? Im Grunde aber gibt es keinen Unterschied, denn ihr entscheidender Beweggrund ist identisch: Gier. Darin hat sich der Mensch seit der Urgesellschaft nicht verändert. Wie auch immer: die soziale Ungerechtigkeit, das Nebeneinander von unermesslichem Reichtum und grenzenloser Armut in einer Welt, deren Ressourcen ausreichend wären, um alle lebenden Menschen zu ernähren, ist die Bankrotterklärung des mit Bewusstsein ausgestatten Lebens, seine Intelligenz, derer es sich rühmt, zu egoistischen Zwecken benutzt und blind ist, für die Leiden und Nöte von seinesgleichen, die neben ihm an Hunger und Seuchen verrecken.

Der Übergang zur Gattenfamilie und die Entwicklung der Menschen von Jägern und Sammlern hin zu Ackerbauern und Viehzüchtern, führten vermutlich dazu, dass landwirtschaftliche Überschüsse, die nicht mehr unmittelbar zur Bestreitung des Nahrungsbedarfes benötigt wurden, sich von Einzelnen angeeignet wurden. Austausch mit Gewinnerzielungsabsicht vermehrte schnell das einmal angeeignete Gemeineigentum in der Hand weniger. Das Gemeineigentum schwand und das Privateigentum wuchs. Begünstigt und begleitet wurde dieser Prozess durch das Entstehen einer Priesterkaste, die das Recht für sich usurpierte, allein die Ratschlüsse von Göttern und schließlich des einen einzigen Gottes deuten zu können und als Mittler zwischen Gott und den einfachen Menschen zu fungieren. Die einfachen Menschen waren nun in doppelter Hinsicht beraubt: ihres Besitzes und ihres unmittelbaren und direkten Zuganges zu ihrem Gott, dessen Ratschlüsse die Priester von nun an ausschließlich im Sinne der Herrschenden und Mächtigen deuteten, während die Lebensumstände der einfachen Menschen zum irdischen Jammertal gerannen, in welchen sie zu leiden und zu dulden hatten und die Menschen selbst zu Sündern erklärt wurden, die ihr Recht, im Paradies zu leben, auf ewig verwirkt hätten. So entstand eine hierarchisch gegliederte Gesellschaft, in der Befehle von der Spitze der Machtpyramide nach unten, hin zur Basis, liefen, das Einkommen jedoch aus der Basis der Machtpyramide sukzessive abgezogen und nach ihrer Spitze umverteilt wurde. Dies, so die Priester, sei Gottes Wille und dagegen zu revoltieren, sei Sünde und würde mit ewiger Verdammnis bestraft. Dumpfheit und Bildungsferne, neben Armut und Arbeit die alltäglichen Lebensumstände der einfachen Menschen, trugen neben der Tätigkeit der Priester und den drakonischen Strafen der herrschenden zur Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Status quo bei. Die Machtpyramide wurde im doppelten Sinne undurchlässig, denn wer oben, an ihrer Spitze saß, der konnte nicht hinunter zur Basis stürzen. Wer aber unten, im Elend der Basis dahin vegetierte, vermochte es keinesfalls je, zur Spitze der Machtpyramide aufzusteigen. Oder, im Kontext der Bibel, die diese Lebensumstände der einfachen Menschen fest schrieb:

„Dornen und Disteln soll er dir tragen, und sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden.“ (1. Mose 3, 18)

Oder an anderer Stelle:

„ Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn's hoch kommt, so sind's achtzig Jahre, und wenn's köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“ (Psalm 90)

Die soziale Ungleichheit war nun installiert, etabliert und institutionalisiert, wobei der frühere Zustand der Akephalie als Sitten-, Gott- und Ruchlosigkeit diffamiert wurde. Furcht bildete einen elementaren Pfeiler der feudalen Herrschaft. Furcht vor Gott, Furcht vor dem Grundherren, dem man grunddienstpflichtig war, Furcht, zu verhungern oder schutzlos den marodierenden Menschen ausgesetzt zu sein, die oft als sogenannte Vogelfreie durch die Lande zogen. Die Furcht war durchaus begründet, denn Gewaltausübung war ein legitimes Mittel der Herrschaftsausübung geworden. Und dass die Mächtigen sich nicht scheuten, sie anzuwenden, zeigt die Praxis des Herrschens, vom Umgang mit tatsächlichen oder vermeintlichen Ketzern, über die brutalen Methoden der Unterjochung der Azteken und Inka, bis hin zu Martin Luthers rigoroser Forderung, die aufständischen Bauern zu erschlagen, wie tolle Hunde:

„… man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss.“ (Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern, 1525)

Hier, da der Herrschaftsanspruch der Mächtigen keck in Frage gestellt wurde, galt es nun nichts mehr, das sonst unumstößliche fünfte Gebot:

„Du sollst nicht töten!“

Luthers Aufruf wurde wörtlich genommen und in der Schlacht von Frankenhausen wurden die Bauern nieder gemetzelt, 6.000 von ihnen getötet, etwa 600 gefangen genommen und hingerichtet, einschließlich Thomas Müntzer, den man vorher noch der Folter unterzog. Ein Lehrstück im Umgang mit aufständischen Untertanen, wie es der englische König Eduard I. the Longshanks (1239 – 1307) eindrucksvoll an William Wallace von Elderslie (um 1270 – 1305), dem Anführer der aufständischen Schotten, mehr als eindrucksvoll durch „Hanged, drawn and quartered“ (Hängen, Ausweiden und Vierteilen) vollstreckte:

„Aus überlieferten und gesicherten Quellen stellte sich die Bestrafung so dar:

-Als Ort der Vollstreckung war der Heimatort des Verurteilten vorgesehen, nicht der Ort seiner Festnahme oder der Sitz des Gerichts.
- Der Verurteilte wurde auf einem Gatter (Holzrost) zum Richtplatz gezerrt (drawing).
- Er wurde am Hals aufgehängt und, kurz bevor er starb, heruntergenommen (hanging).
- Danach wurde er bei lebendigem Leib ausgeweidet: Die Genitalien wurden abgeschnitten und seine Gedärme aus dem Körper geholt (manche Quellen sehen dies als alte Bedeutung von drawing an).
- Sie wurden dem Verurteilten und der zusehenden Menge zur Begutachtung gezeigt.
- Sein Herz wurde herausgeschnitten und zusammen mit den Eingeweiden vor den Augen aller Zuschauer verbrannt (Quellen berichten von noch lebenden Verurteilten, was aus medizinischen Gründen aber eher unwahrscheinlich ist).
- Dann wurde er geköpft, und der Torso wurde in vier Teile zerhackt oder zersägt (quartering).

Diese – mit dem Kopf in der Regel fünf – verbleibenden Teile wurden zur Abschreckung auf fünf Pfählen in seinem Heimatort verteilt öffentlich zur Schau gestellt.“

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Hanged,_drawn_and_quartered)

Furcht und Gewalt werden angewendet, gegen jeden, der für sich beansprucht, selbstbestimmt und menschenwürdig zu leben. Gegen jedweden, sofern er das angemaßte und usurpierte Recht der Herrschenden in Frage zu stellen wagt. Erst ab dem Jahre 1814 wurden die Bestandteile drawing und quartering post mortem vollstreckt. Die Strafe „Hanged, drawn and quartered“ selbst, blieb in Großbritannien bis 1870 in Kraft. Die Todesstrafe für den Tatbestand Hochverrat schaffte das Vereinigte Königreich sogar erst 1998 ab.

3. Neuzeit und Aufklärung: Die Geburt des Homo oeconomicus und das Zeitalter der begrenzten Teilhabe

Kapitalismus ist Egoismus zum System erhoben.

Gerhard Dunkl

Der legendäre Thesenanschlag Martin Luthers an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg und die großen geographischen Entdeckungen, die die Existenz der Großreiche der Inka und Azteken zerstörte, ihre Kultur pulverisierte und Spanien und Portugal unermessliche Reichtümer bescherten: sie repräsentieren den Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Dies ist allerdings keine harte Zäsur, sondern viel eher ein Prozess, der durch gesamtgesellschaftliche Erscheinungen vorbereitet worden war und der gesellschaftsphilosophisch durch die großflächige Ablösung der einfachen Produzenten von Grund und Boden dominiert wurde, die bis dahin die dominierende Produktivkraft gewesen waren, durch die Ablösung des mittelalterlichen Diktums „Treue um Treue!“, wie es jahrhundertelang das Verhältnis zwischen Lehnsherr und Vasall bestimmte. Das Argument des Gottesgnadentums als Rechtfertigung des Herrschaftsanspruches, wurde ersetzt durch das Argument des Besitzes von Produktionsmitteln und Kapital. An die Stelle des Treueides des Vasallen trat der einfache Kontrakt: der Arbeitsvertrag. An sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit änderte sich nichts. Lediglich der Tatbestand, dass Herrschaft nun nicht mehr an den Grundbesitz und an den Willen Gottes gebunden war, sondern an monetäre Voraussetzungen. Das Geld, seit dem Übergang von der Tausch- zur Geldwirtschaft als, wie Marx es genannt hatte, universelles Tauschmittel und zugleich Instrument der Schatzbildung, hatte bereits seit der Erfindung des Zinses und des Zinseszinses, den man als Entgelt für den Verleih einer Geldsumme fordern konnte, seine unheilvolle Wirkung entfaltet und begann, jene für viele unverständliche Tatsache festzuschreiben, wonach man ohne jegliche körperliche Arbeit, allein durch den Besitz von Geld, zu noch weitaus mehr Geld gelangen konnte, indem man nichts weiter tat, als es zu verleihen und Zinsen dafür zu fordern. Der Begriff der „Zinsknechtschaft“, vermutlich geprägt im Jahre 1913 durch die Deutsche Arbeiterpartei in Böhmen und durch Gottfried Feder (1883 – 1941), beschrieb später die Tatsache, wonach der Besitzer von Kapital dieses an den Nichtbesitzer verleiht und diesen durch die Pflicht, dafür Zinsen zu zahlen, in Abhängigkeit zwingen kann. Die Tatsache, dass unabsehbare Umstände, wie beispielsweise der Verlust der Arbeit des Darlehensnehmers, es diesem unmöglich machen kann, den Zins zurück zu zahlen und daher auch seine Sicherheiten, häufig seinen ererbten Grundbesitz, zu verlieren, verstärkte die Furcht vor der Zinswirtschaft und dem Kapital und ließ Forderungen nach einem staatlichen Zinsverbot laut werden. Populistisch im Zuge der Weimarer Republik ausgeschlachtet, kanalisierte die NSDAP später diese Furcht vor dem Kapital und den allgemeinen Hass der Besitzlosen auf die Zinswirtschaft in Gestalt ihrer diffusen Unterscheidung zwischen dem „raffenden Kapital“ und dem „schaffenden Kapital“. Konkreter noch, wurde dann allerdings im 25-Punkte-Programm der NSDAP unter Punkt 11 gefordert:

„Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens, Brechung der Zinsknechtschaft“

Im Sinne des Nationalsozialismus war dann allerdings das jüdische Kapital, als

„Kapital, dessen Existenz ausschließlich auf Spekulation beruht“ (Adolf Hitler, Mein Kampf, 8. Kapitel)

Raffendes Kapital, welches vom reinen deutschen schaffenden Kapital zu unterscheiden war, auf welches man zur Kriegsführung angewiesen war. Tatsächlich wurde der jüdische Besitz enteignet. Eine Brechung der Zinsknechtschaft, obschon vollmundig und populistisch sowohl bereits in „Mein Kampf“, wie auch im 25-Punke-Programm der NSDAP gefordert, fand jedoch zu keinem Zeitpunkt im Dritten Reich statt.

Das Kleinbürgertum und der Pöbel bildeten die Essenz der frühen Nationalsozialistischen Bewegung und sie erschienen den Eliten der Weimarer Republik gegenüber den Kommunisten wohl eher als das kleinere Übel, zumal sie durch die Revision des Versailler Vertrages bessere Verwertungsmöglichkeiten der durch die Eliten akkumulierten Kapitalbestände garantierten. Der Ritterschlag des Kapitals, mit dem es Hitler und seine Partei adelte und sich hinter ihn und die NSDAP stellte, führte im Gegenzug auch zu einem gewissen Entgegenkommen Hitlers. In die Entmachtung der als Volksmiliz konzipierten SA und die sogenannte „Nacht der langen Messer“ oder der „Röhm-Putsch“ (Juni/Juli 1934), was später als Staatsnotstand deklariert worden war, um den Machtanspruch von Adel und Offizierseliten anzuerkennen und schließlich in ein kategorisches Abrücken der Forderungen des einstigen 9-Punkte-Programmes des „Manifests zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes“ von Gottfried Feder, auf das sich Hitler lange und noch in „Mein Kampf“ berufen hatte:

1. Konvertierung aller Schuldtitel des deutschen Reiches und der deutschen Bundesstaaten unter Aufhebung der Zinspflicht zu gesetzlichen Zahlungsmitteln zum Nominalbetrag.
2. Bei festverzinslichen Papieren wird Zinspflicht in eine Rückzahlungspflicht umgewandelt.
3. Ratenweise Zurückzahlung von Immobiliarschulden und Hypotheken.
4. Das gesamte Geldwesen wird der Zentralstaatskasse unterstellt. Alle Privatbanken werden als Filialbetriebe angegliedert.
5. Realkredit wird nur durch die Staatsbank vergeben. Personal- und Warenkredit wird den Privatbankiers gegen staatliche Konzession überlassen.
6. Tilgung von Dividendenwerten auf gleiche Weise wie festverzinsliche Papiere.
7. Alle Personen, die nicht in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, erhalten anstelle der bisherigen Zinserträgnisse gegen Einlieferung der Wertpapiere eine Leibrente.
8. Nach Vermögen gestaffelte Einziehung von Kriegsanleihestücken und anderen Schuldtiteln des Reiches oder der Staaten.
9. Volksaufklärung, daß das Geld nichts anderes ist und sein darf als eine Anweisung auf geleistete Arbeit.

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Zinsknechtschaft)

Das Kapital bedient sich gern der schärfsten Waffen, wenn es um die Sicherung seiner Profitraten und Herrschaftsansprüche geht. Einst der katholischen Kirche und der Inquisition, nun, unter dem Eindruck eines Sowjetrussland, welches Stalin gerade unter Millionen Menschenopfern aus einem mittelalterlich anmutenden agrarischen Stadium in das Industriezeitalter katapultierte, unter dem Eindruck von Novemberrevolution und der Inflation der Weimarer Republik, der NSDAP.

Damals allerdings, beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, waren zunächst zwei objektive Voraussetzungen wesentlich für die sich entwickelnde frühkapitalistische Gesellschaft: die Einhegungen (Enclosures) und das Verlagswesen. Erstere, weil sie quasi das Blut und Schmiermittel der kapitalistischen Produktionsweise schufen: den doppelt freien Lohnfreier, wie Marx ihn nannte. Doppelt frei daher, weil der Lohnarbeiter frei von seinen feudalen und ständischen Verpflichtungen geworden war, die ihn als grundbesitzlosen Leibeigenen dazu zwangen, auf den Ländereien seines Dienstherren zu arbeiten, während er jedoch nun, im Gegensatz zur Schicht der Kapitalisten, auch frei vom Besitz an Produktionsmitteln war. Es blieb ihm also nichts, als seine schiere Arbeitskraft, die der Kapitalist auf dem Arbeitsmarkt bewertete und kaufte, indem er dem Lohnarbeiter Arbeitslohn zahlte. Durch dieses Verhältnis Lohnarbeiter – Kapitalist, geriet der Lohnarbeiter jedoch, so Marx, in eine neue Form der Abhängigkeit, wie vordem von seinem feudalen Grundherren. Eine Abhängigkeit vom Kapitalisten, dem Eigentümer von Produktionsmitteln und Kapital, in der der besitzlose Lohnarbeiter gezwungen war, fortwährend die eigene Abhängigkeit und den Profit des Kapitalisten und somit letztendlich auch die gesellschaftlichen Verhältnisse, unter denen er zu leben gezwungen war, durch seine eigene Lohnarbeit für den Kapitalisten zu reproduzieren.

Das sich seit dem 14. Jahrhundert unter der Regie der Fugger und Welser entwickelnde Verlagssystem hingegen, löste die zünftische und handwerklich dominierte Form der Produktion materieller Güter ab und bildete damit praktisch die sich entwickelnde Infrastruktur des Frühkapitalismus. Statt von zünftisch organisierten Handwerkern ein Produkt in allen Arbeitsschritten produzieren zu lassen, kauften die frühen Kapitalisten (Verleger) Rohstoffe für ihr Geld ein, die sie dezentral angesiedelten Heimarbeitern zur Endfertigung übergaben, um die Fertigprodukte anschließend zentral zu vermarkten. Die Heimarbeiter, meist Spinner oder Weber, waren auf die Lieferung der Rohstoffe, oft auch der Werkzeuge und Geräte, durch den Verleger angewiesen. Gleichzeitig waren sie gezwungen, ihre Fertigerzeugnisse allein ihrem Verleger zur Vermarktung zu überlassen. So entstanden einerseits eine ökonomische Abhängigkeit der Heimarbeiter vom Verleger, andererseits die Voraussetzung für industrielle Massenproduktion und Internationalisierung der Beschaffungs- und Absatzmärkte. Durch die zunehmend gleiche Qualität der zu fertigenden Waren, wurden die Voraussetzungen für die spätere Standardisierung geschaffen. Da die Heimarbeiter in ihren eigenen Katen produzierten, also selbst für Heizung und Licht zu sorgen hatten, sparte der Verleger die Errichtung von Werkstätten und Produktionsstätten und hatte außer den Geldern für den Einkauf der Rohstoffe und den geringen Entgelten für die Heimarbeiter kaum Kosten, während er andererseits sagenhafte Profite realisieren konnte. Systeme der sozialen Sicherung waren seinerzeit völlig unbekannt. Ebenso war es üblich, besonders in der Phase der Vegetationsruhe, wenn keine landwirtschaftlichen Arbeiten durchgeführt werden konnten, dass die gesamte Familie des Heimarbeiters, auch Kinder und Sieche, an der Fertigung für den Verleger mitwirkten. Ein Tatbestand, den viele Historiker heute noch den Verlegern zugute halten, da diese vor allen den Kleinstbauern in Südwestdeutschland durch die Heimarbeit die Möglichkeit zum Zuverdienst und zur Existenzsicherung geboten hätten. Eine völlig einseitige und beschönigende Sicht des skrupellosen Abschöpfens der Arbeitskraft der verelendeten Heimarbeiter. Wie es tatsächlich in den Katen der Heimarbeiter zuging, die, oft von Tuberkulose und Hunger geplagt, für einen Hungerlohn für den Verleger schufteten, illustriert die schiere Zahl der sogenannten Weberaufstände, die es in Deutschland in den Jahren 1785/1786, 1793 und 1798 bereits gegeben hatten, bis sie schließlich in den großen Schlesischen Weberaufstand von 1844 einmündeten. Ferner hatte es Weberaufstände gegeben:

- 1371 in Köln,
- 1378 in Florenz,
- 1783 in Elberfeld,
- 1828 in Krefeld,
- 1830 in Berlin,
- 1831 in Lyon,
- 1839 in Gent,
- 1841 in Ronneburg (Thüringen),
- 1849 in Gemert (Niederlande).

(Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Weberaufstand#Schlesischer_Weberaufstand_1844 )

Oft wurde die Not der Heimarbeiter thematisiert. Unter anderem von Heinrich Heine und von Georg Weerth (1822 – 1856) in seinem „Hungerlied“:

„Verehrter Herr und König,
Kennst du die schlimme Geschicht?
Am Montag aßen wir wenig,
Und am Dienstag aßen wir nicht.

Und am Mittwoch mussten wir darben
Und am Donnerstag litten wir Not;
Und ach, am Freitag starben
Wir fast den Hungertod!

Drum lass am Samstag backen
Das Brot fein säuberlich -
Sonst werden wir sonntags packen
Und fressen, o König, dich!“

War die Grundlage der feudalistischen Staatsformen der Grundbesitz gewesen (bereits der lateinische Begriff „feudum“ bedeutet soviel wie Lehen), denn der Grundherr gegen Pachtzins oder die sogenannten Grunddienstbarkeiten bis hin zur Pflicht, im Kriegsfalle dem Grundherrn Heeresfolge zu leisten, verleihen konnte, um daraus seine wirtschaftliche Existenz zu sichern und die einmal zementierten Eigentumsverhältnisse durch das Abhängigkeitsverhältnis der Vasallen und Pächter immerfort aufs neue zu reproduzieren, so änderte sich dies in der frühen Neuzeit und in der Phase des Frühkapitalismus nun grundlegend. Im 16. Jahrhundert wurde in England bereits die Profitabilität des Tuchhandels erkannt und das Land entwickelte sich zu einem führenden Zentrum der frühen europäischen Textilindustrie und des Textilhandels. Die wirtschaftliche Voraussetzung für die sagenhaften Profite der sich entwickelnden Textilindustrie bestand jedoch in der Schafzucht, deren Wolle verarbeitet wurde. Dazu wurden immer größere Weideflächen benötigt, die durch die großen Landbesitzer oft kurzerhand, auch gewaltsam, enteignet und als Schafweide genutzt wurden. Betroffen war, neben klösterlichem Besitz, vor allem Land kleiner Grundeigentümer und Pächter, so dass es in England etwa ab Mitte des 16. Jahrhunderts zu Einschränkungen der Grund- und Fischereirechte kam. Der Zorn hierüber entlud sich zunächst in mehreren erfolglosen Bauernaufständen, so etwa in Kett’s Rebellion und während der sogenannten Norfolk-Rebellion. Die Vorgehensweise der Grundherren folgte dabei dem bereits bekannten Muster: Truppen wurden in Marsch gesetzt, die Rebellionen niederschlagen, ihre Anführer gefangen gesetzt, gefoltert und hingerichtet. Die Bauern wurden in Massen von Grund und Boden, der ihr Eigentum oder gepachtet war, vertrieben. Die Einhegungen (Enclosures) lösten das bisherige feudalrechtliche Agrarsystem, die traditionelle erbrechtliche Pachtordnung, im großen Stil auf. Sie ermöglichten so den flächendeckenden Übergang zur weitaus profitableren Schafzucht und damit letztendlich zur industriellen Revolution. Die gewaltsam von ihren gepachteten Flächen vertriebenen kleinen bäuerlichen Produzenten und der besonders in England, Schottland und Irland signifikante Verlust des einst durch dörfliche Gemeinschaften im Rahmen der feudalen Dreifelderwirtschaft gemeinsam genutzten Landes und Waldes, der sogenannten Allmende, schufen die logistischen Voraussetzungen profitorienter frühkapitalistischer Produktion und zugleich die Schicht des gewaltsam von seinen gepachteten Ländereien vertriebenen und nunmehr besitzlosen Lohnarbeiters. Folgt man Marx, so gibt es 3 Einkunftsarten, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten:

- die selbständige Arbeit, als mehr oder minder großer Eigentümer von Produktionsmitteln,
- die unselbständige Arbeit, die aus dem Verkauf der zur Ware gewordenen Arbeitskraft resultiert und
- Raub und Diebstahl.

Die kleinen bäuerlichen Pächter und Produzenten in England und Schottland, die bislang eher schlecht als recht von ihrer selbständigen Arbeit auf den gepachteten Äckern und vom Verkauf der dort selbst erzeugten landwirtschaftlichen Erzeugnisse gelebt hatten, standen nun vor der Wahl, zu verhungern, ihre Arbeitskraft in den Städten zu verkaufen oder von Raub und Diebstahl zu leben. Dass nicht wenige davon, sich notgedrungen für die letztgenannte Variante entschieden, dokumentiert die Flut teils drakonischer und erniedrigender Armengesetze (Poor Laws), wie sie im England Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts unter Elisabeth I. vielerorts in Gebrauch kamen und noch heute von zahlreichen Historikern frenetisch als die „Geburt des modernen Wohlfahrtstaates“ gefeiert werden. Übersehen wird dabei gern die Tatsache, dass es erst der Staat war, der die bedürftig gewordenen einstigen landwirtschaftlichen Kleinproduzenten und Pächter gewaltsam und aus Profitgier von ihren Äckern vertrieben hatte. Der Staat selbst hatte mit militärischer Gewalt diese Schicht der Bedürftigen geschaffen, denen er nun widerstrebend Almosen gewährte, ihnen jedoch gleichzeitig drakonische Strafen androhte und von ihnen Dankbarkeit und Loyalität erwartete, als hätten sie ihre Bedürftigkeit selbst und grob fahrlässig verschuldet. Die anderen Vertriebenen hingegen, orientierten sich als künftige Essenz des sogenannten „Dritten Standes“ (neben Adel und hohem Klerus) an der mittelalterlichen Sentenz „Stadtluft macht frei“. Sie strömten, wie später angesichts des Goldrausches in Kalifornien (1848) und am Klondike River in Alaska (1896) zu tausenden und abertausenden in die Städte, um sich dort in den rasch wachsenden Fabriken zu verdingen und ihre Arbeitskraft gegen Lohn zu verkaufen. Die Enttäuschung derjenigen, die ihr Heil und Auskommen in den aufblühenden Städten suchten, muss kaum geringer gewesen sein, als die Enttäuschung der Menschen, die in der Gluthitze Kaliforniens oder im Permafrostboden Alaskas nach Gold suchten. Kaum einer, der sogenannten doppelt freien Lohnarbeiter, wurde durch seiner Hände Arbeit in den Fabriken der Reichen wohlhabend. Was sie dort fanden, war hingegen entsetzliche Schufterei für erbärmlichen Lohn, Kinderarbeit, nicht selten der Tod durch Arbeitsunfälle oder Tuberkulose und Schwindsucht in kalten und feuchten Mietskasematten. Sie bildeten das Brennholz für die frühen Kapitalisten. Die Schlacke, aus der die sagenhaften Profite jener Zeit realisiert werden konnten. Dem Kapitalisten brachte dies alles explosionsartig steigenden Wohlstand, den doppelt freien Lohnarbeitern allerdings Elend, Not und die Fortschreibung ihrer unwürdigen Existenz. Der Kapitalist bestimmte den Wert ihrer Arbeitskraft und somit die Höhe des Entgeltes, das er bereit war, dafür zu zahlen. Die Entfaltung der Talente und wahren Fähigkeiten der meisten Lohnarbeiter wurde behindert, denn einerseits waren ihnen Bildung und Wissen, da an Geld gekoppelt, kaum zugänglich; andererseits bestimmte allein der Kapitalist, welche Art von Arbeit er bereit war, zu vergüten. Und so wurde aus manchem, der vielleicht ein begnadeter Künstler oder Komponist geworden wäre, ein einfacher Bergmann, ein Hafenarbeiter oder ein Fließbandarbeiter. Die Zahl der Gelehrten und Poeten, die aus dem Milieu der frühkapitalistischen Lohnsklaven stammen, ist kaum messbar. Ärzte, Künstler, Komponisten, Forscher und Wissenschaftler: sie kamen in der überwiegenden Mehrzahl aus den Reihen begüterter Familien, deren finanzielles Polster es ihnen erlaubte, sich Wissen zu erkaufen und einer Beschäftigung nachzugehen, zu der sie nicht als Broterwerb gezwungen waren, sondern zu der sie sich berufen fühlten. Zynisch ist daher die Behauptung, die Bourgeoisie habe der Welt nicht nur die moderne kapitalistische Produktionsweise, die Entzauberung der mittelalterlich-mystischen Welt, die Philosophie und die Kultur schlechthin gebracht. Der Sklave, der den ganzen Tag die Galeere rudern muss, ist abends erschöpft und froh, dass er den Tag überhaupt überlebt hat. Er hat weder Kraft, noch Muße, zum Dichten, Forschen oder Komponieren, zumal die Ergebnisse seiner Tätigkeit auf diesen Gebieten ohnehin nur verlacht worden wären!

[...]

Ende der Leseprobe aus 120 Seiten

Details

Titel
Konsumterror oder Mangelwirtschaft? Die Unzulänglichkeiten zweier Gesellschaftsentwürfe.
Untertitel
Ein kritischer Essay.
Autor
Jahr
2014
Seiten
120
Katalognummer
V273386
ISBN (eBook)
9783656653868
ISBN (Buch)
9783656653851
Dateigröße
932 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konsumterror, mangelwirtschaft, unzulänglichkeiten, gesellschaftsentwürfe, essay
Arbeit zitieren
Ralph Ardnassak (Autor), 2014, Konsumterror oder Mangelwirtschaft? Die Unzulänglichkeiten zweier Gesellschaftsentwürfe., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273386

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