Als Epochenbegriff bezieht sich Realismus auf das nachrevolutionäre bürgerliche Zeitalter. Die Literatur des Realismus wurde durch ihre Hinwendung zur Realität und durch eine besonders betonte Wirklichkeitstreue geprägt, wobei unter Wirklichkeit in erster Linie das Leben in der bürgerlichen Gesellschaft und die erlebte Alltagswirklichkeit verstanden wurde. Trotz der gescheiterten Revolution, dem erfolglosen Streben nach nationaler Einheit und der fortdauernden Zersplitterung in deutsche Einzelstaaten, bekannte sich das wirtschaftlich erstarkte Bürgertum demonstrativ zu der bestehenden Ordnung. Aus "Angst vor dem Chaos" grenzte man sich gegen proletarische Protestbewegungen ab und arrangierte sich bereitwillig mit den alten Eliten in Staat und Gesellschaft. Die proletarische Wirklichkeit blieb in der Literatur des "bürgerlichen Realismus" weitgehend ausgespart. Diese hier nur kurz umrissenen gesellschaftlichen Verhältnisse bildeten den thematischen Hintergrund eines großen Teils der zeitgenössischen Literatur und beeinflussten auch die Programmatik des Realismus. Ihre Vertreter wandten sich entschieden gegen die Literatur des Jungen Deutschland und des Vormärz und natürlich auch gegen die Literatur des Idealismus und der Romantik.
Inhaltsverzeichnis
1. Begriffsklärung
2. Realismus als Epochenbegriff
3. Zeitgeschichtlicher Hintergrund
4. Welt- und Menschenbild im Zeitalter des Realismus
5. Buch- und Zeitschriftenmarkt
6. Programmatik des Realismus
7. Poetischer Realismus
8. Kontroverse um die Photographie
9. Erzählende Literatur im Realismus: Roman und Novelle
10. Zusammenfassung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit analysiert die Literatur des Realismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und untersucht, wie diese Epoche eine Synthese zwischen Wirklichkeitssinn und künstlerischer Verklärung anstrebte, um dem bürgerlichen Bedürfnis nach Ordnung und Ideal zu entsprechen.
- Die begriffliche Einordnung und der zeitgeschichtliche Kontext der Epoche.
- Die Rolle des Buch- und Zeitschriftenmarktes sowie der Einfluss der Medien auf die Literatur.
- Die theoretische Programmatik des Realismus und die Abgrenzung zur Photographie.
- Die Bedeutung von Roman und Novelle als bevorzugte Gattungen zur Vermittlung bürgerlicher Werte.
Auszug aus dem Buch
Synthese zwischen Wirklichkeitstreue und Verklärung
Für die Epoche des Realismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt es keine zusammenhängende, allgemeingültige Theorie und keine in sich geschlossene, systematische Programmatik. Die Auseinandersetzung mit dem Realismusbegriff spielte sich nicht in gelehrten wissenschaftlichen Abhandlungen ab, sondern wurde in kritischen Aufsätzen, Rezensionen und Vorreden zu Romanen ausgetragen, oft in polemischer Form. Dabei lassen sich jedoch gemeinsame Grundauffassungen erkennen. Die herausragenden Schriftsteller dieses Zeitraums - Gustav Freytag, Theodor Storm, Wilhelm Raabe, Gottfried Keller, Conrad Ferdinand Meyer und vor allem Theodor Fontane - beteiligten sich an der programmatischen Diskussion, schafften aber vor allem durch ihr erzählerisches Werk (Romane, Novellen, Erzählungen) beispielhafte Modelle für die Literatur des Realismus.
Wie den Malern des Realismus, ist allen der Anspruch gemeinsam, die vorgefundene zeitgenössische Wirklichkeit darzustellen. Dabei ging es ihnen jedoch nicht um die Genauigkeit der von Jacques Mandé Daguerre seit 1837 entwickelten Photographie (der sogenannten Daguerrotypie), die viele von ihnen als unkünstlerisch ablehnten. Wenn sie von ihrem Anspruch her Wirklichkeitsnähe und Wirklichkeitstreue anstrebten, verstanden sie unter realistischem Schreiben keineswegs einen verabsolutierenden Detailrealismus mit einer unüberschaubaren Fülle von Einzelinformationen, sondern verzichteten im Gegenteil bewusst auf nebensächliche und zufällige Elemente, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, anstatt oberflächlich wahrgenommene, banale Alltäglichkeiten darzustellen.
Zu ihrem Selbstverständnis gehörte jedoch, "daß sie den Realismusbegriff als eine Synthese zwischen Wirklichkeitssinn und Verklärungstendenz verstanden wissen wollten" (Aust, 27). Damit die dargestellte Wirklichkeit den Rang von Kunst erhielt, musste sie erhöht, geläutert und von allen unschönen Aspekten gereinigt werden, um den Blick auf das unter der Oberfläche liegende Typische und Wesenhafte freizugeben, das von dauerhafter Gültigkeit und tieferer Wahrheit ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Begriffsklärung: Dieser Abschnitt erläutert die Herleitung des Realismusbegriffs aus der bildenden Kunst und differenziert zwischen dessen alltagssprachlicher und wissenschaftlicher Verwendung.
2. Realismus als Epochenbegriff: Hier wird der Realismus als literarische Epoche zwischen 1848 und 1890 verortet, die durch die Abkehr von romantischer Subjektivität und die Hinwendung zum bürgerlichen Alltag geprägt ist.
3. Zeitgeschichtlicher Hintergrund: Das Kapitel beleuchtet die politischen und wirtschaftlichen Umbrüche, insbesondere das Streben nach nationaler Einheit und den Wandel zur Industriegesellschaft.
4. Welt- und Menschenbild im Zeitalter des Realismus: Es wird die philosophische Entwicklung hin zum Positivismus und die Auseinandersetzung mit Evolutionstheorie und Schopenhauers Willensphilosophie dargestellt.
5. Buch- und Zeitschriftenmarkt: Dieser Teil beschreibt die Kommerzialisierung der Literatur und die Bedeutung von Familienzeitschriften wie der "Gartenlaube" für das zeitgenössische Leseverhalten.
6. Programmatik des Realismus: Hier wird die zentrale Forderung nach einer "Synthese zwischen Wirklichkeitssinn und Verklärung" als Kern der realistischen Ästhetik hervorgehoben.
7. Poetischer Realismus: Das Kapitel definiert den poetischen Realismus als Verfahren der Stilisierung und Harmonisierung der Realität durch humoristische Distanz und Läuterung.
8. Kontroverse um die Photographie: Es wird analysiert, warum Schriftsteller die Photographie als seelenlose Reproduktion ablehnten, da ihr die Fähigkeit zur ideellen Tiefe fehle.
9. Erzählende Literatur im Realismus: Roman und Novelle: Dieser Abschnitt analysiert die gattungstheoretischen Anforderungen an den Roman als Panoramabild und die Novelle als "Schwester des Dramas".
10. Zusammenfassung: Das abschließende Kapitel fasst die Erkenntnis zusammen, dass der Realismus durch eine gezielte Auswahl und Idealisierung der Wirklichkeit den Rang von Kunst anstrebte.
Schlüsselwörter
Realismus, Poetischer Realismus, Bürgerliches Mittelmaß, Wirklichkeitssinn, Verklärung, Roman, Novelle, Literaturgeschichte, 19. Jahrhundert, Industrielle Revolution, Bildungsbürgertum, Julian Schmidt, Theodor Fontane, Daguerrotypie, Ästhetik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Literaturtheorie und die Werke des Realismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter Berücksichtigung des sozialen und historischen Kontextes.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichem Wandel, zeitgenössischem Buchmarkt, ästhetischer Programmatik und der Ausprägung spezifischer literarischer Gattungen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den "poetischen Realismus" als bewusste Synthese zwischen der Darstellung der Alltagswirklichkeit und einer künstlerischen Überhöhung (Verklärung) zu definieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturhistorische und kulturwissenschaftliche Analyse, die sich auf zeitgenössische Quellen und Sekundärliteratur stützt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die philosophischen Grundlagen, die ökonomischen Rahmenbedingungen des Buchmarktes, die Theorien von Autoren und Kritikern sowie die Gattungsmerkmale von Roman und Novelle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Wirklichkeitssinn", "Verklärung", "Bürgerlicher Realismus", "Poetisierung" und "Erzählerische Ökonomie" charakterisiert.
Warum lehnten viele Realisten die Photographie ab?
Sie sahen in der Photographie ein rein technisches Verfahren, das lediglich die äußere Oberfläche der Welt wiedergibt, während die Literatur den Anspruch erhob, das "Wesen" hinter den Dingen zu enthüllen.
Was ist der "mittlere Held" im Realismus?
Der mittlere Held dient als Identifikationsfigur für das bürgerliche Publikum, da er in der Gesellschaft verankert ist und Extreme vermeidet, was der bürgerlichen Moralvorstellung entsprach.
Welche Bedeutung hatte die Familienzeitschrift "Die Gartenlaube"?
Sie war ein zentrales Medium der Unterhaltungsliteratur, das breite Bevölkerungsschichten erreichte und gleichzeitig den Anspruch erhob, durch belehrende Inhalte zur Bildung des Bürgertums beizutragen.
Was besagt Paul Heyses "Falken-Theorie"?
Die Theorie besagt, dass eine Novelle ein spezifisches, symbolhaftes Element ("den Falken") benötigt, das die Geschichte zusammenhält und sich von anderen Erzählungen unterscheidet.
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- Hans-Georg Wendland (Autor), 2014, Die Literatur des Realismus. 'Synthese zwischen Wirklichkeitssinn und Verklärung'., Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273451