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"There ist great unrest". Die Unsicherheit von Erinnerung in Julian Barnes' "The Sense of an Ending"

Titel: "There ist great unrest". Die Unsicherheit von Erinnerung in Julian Barnes' "The Sense of an Ending"

Masterarbeit , 2014 , 82 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Martin Boldt (Autor:in)

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Die Gegenwart ist nicht fassbar, jeder Moment, den wir durchleben, ist sogleich Teil der Vergangenheit. Der Mensch lebt in der ständigen Unstetigkeit zwischen Gegenwart und
Vergangenheit. Er lebt in Erinnerungen. Nur sie machen es uns möglich, die Bedeutung des Jetzt zu erkennen und Pläne für das Morgen zu machen. Sie definieren uns als das, was
wir sind; oder besser: wir definieren uns als das, was wir sind, indem wir aus der Masse der Erfahrungen jene selektieren, die unsere Erinnerungen konstituieren. Doch wie
funktioniert dieser Selektionsprozess? Oder sind wir ihm gar vollkommen ausgeliefert? Sind wir Herr über unsere Lebensgeschichte?
Eine Annäherung an diese Fragen soll in Kapitel 1 der vorliegenden Arbeit erfolgen. Dabei wird von zentraler Bedeutung sein, ein Verständnis dafür aufzubauen, wie die Erschaffung
von Erinnerungen in der menschlichen Psyche vonstatten geht. Von immenser Bedeutung ist dabei, wie Erinnerungen verknüpft und somit Lebensnarrative erst möglich werden. Erfahrungen sind dabei nicht einfach nur ein Fluss in unserer mentalen Repräsentation, vielmehr organisieren wir sie in Bezug auf andere Erfahrungen und die Außenwelt. Wir sind demnach „constructive agents“, die sich zu ihren Erfahrungen in eine Beziehung setzen.
Die Verknüpfung der vorgängigen Gedanken mit Fragen literaturwissenschaftlicher Untersuchungen führt zwangsläufig zum Genre der Autobiographie, zur Frage, wie
Autobiographien hinsichtlich ihrer Leistung im Rahmen der Selbstnarrationen von Menschen einzuordnen sind.
Die Wirklichkeit ist ebenso durch Gedanken und Gefühle von Individuen gestaltet als auch durch die materielle Umgebung. Erfahrungen sind demnach keine der Realität unterworfene
Entität, sondern müssen im Zuge einer Wissenschaft mit der physischen Realität gleichauf sein. Der Unterschied besteht lediglich in der Erfahrbarkeit: Während die materielle Welt
jedem zugänglich ist, ist die der Erfahrung in erster Linie nur dem Erfahrenden zugänglich.
Um diese Erfahrung zugänglich zu machen, erfordert es eine narrative Konfiguration, um dem Außenstehenden Zugang zu diesen Erlebnissen zu gewähren. Der Komplex von Erfahrungen
muss also in eine kulturell konventionalisierte Form gebracht werden, also in Zeichen oder Sprache. Dass der Beitrag von Autobiographien im Kulturkontext nicht auf einer faktualen
Widerspiegelung der Vergangenheit beruht, wird in Kapitel 2 behandelt. [...]

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

0. EINLEITUNG

1. AUTOBIOGRAPHISCHES ERINNERN

1.1 DER (RE-)KONSTRUKTIVE CHARAKTER VON ERINNERUNGEN

1.2. EPISODISCHE KONSTRUKTION DES PERSÖNLICHEN MYTHOS

2. AUTOBIOGRAPHIE, FAKTIZITÄT UND WAHRHEIT

2.1. OBJEKTIVE AUTOBIOGRAPHISCHE WAHRHEIT

2.2. DIE INNERE WAHRHEIT DES AUTOBIOGRAPHEN

3. DIE AUFLÖSUNG FAKTUALER HISTORIOGRAPHIE: HAYDEN WHITE

4. DIE FIKTIVE AUTOBIOGRAPHIE

4.1. BEGRIFFSBESTIMMUNG

4.2. AUFLÖSUNG VON REFERENZIALITÄT: DER ICH-ERZÄHLER

4.3. PRODUKTIVE AUFNAHME TRADITIONELLER MUSTER: PARODIE

5. JULIAN BARNES’ THE SENSE OF AN ENDING

5.1. DIE REKONSTRUKTION EINER LEBENSEPISODE

5.1.1. ROBSONS UND ADRIANS SUIZID

5.1.2. ERZWUNGENE MODIFIKATION DES LEBENSNARRATIVS

5.2. TEXT ALS SELBSTKOMMENTAR

5.2.1. METADISKURS I: KONSTRUKTION VON LEBENSGESCHICHTE

5.2.2. METADISKURS II: HISTORIOGRAPHIE

6. ZUSAMMENFASSUNG

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion und Unsicherheit von Erinnerungen in Julian Barnes' Roman "The Sense of an Ending". Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie der Protagonist Tony Webster sein eigenes Lebensnarrativ durch retrospektive Modifikationen und metadiskursive Reflexionen konstruiert, auflöst und neu bewertet.

  • Analyse der konstruktiven Natur autobiographischen Erinnerns und der Abgrenzung von Fiktion und Faktizität.
  • Untersuchung der narratologischen Konzepte von Hayden White und deren Bedeutung für die Historiographie im Roman.
  • Interpretation der fiktiven Autobiographie als parodistische Auseinandersetzung mit autobiographischen Konventionen.
  • Detailanalyse der Rolle des "unreliable narrator" (unzuverlässigen Erzählers) in der Rekonstruktion von Lebensereignissen.
  • Erforschung der Verschränkung von privater Lebensgeschichte und kollektiver Historiographie.

Auszug aus dem Buch

1.1 DER (RE-)KONSTRUKTIVE CHARAKTER VON ERINNERUNGEN

Unsere Erinnerungen bzw. unsere innere Geschichten sind nur unter Selektion konstruierbar. Dieser Selektionsprozess wird von uns selbst vorgenommen. Wir können uns nicht orientieren, wenn wir alle unsere Erinnerungen zur Hand hätten und nichts vergessen könnten. Einen absoluten, allwissenden Zugriff auf seine Erinnerungen hat niemand. Unser Zugriff auf die Geschichte verläuft in der Regel abrissartig und nie vollständig. Das bedeutet auch, dass Erinnerungen zwangsläufig nicht immer Kohärenz und Vollständigkeit aufweisen. Darüber hinaus werden diese Erinnerungen bearbeitet, in gewissem Sinne deformiert, sodass sie in die Erzählung unserer inneren Geschichte eingepasst werden können. Bartlett stellt fest, dass buchstäbliche Erinnerung in einer Welt mit sich ständig verändernden Umwelteinflüssen nicht wichtig ist. Vielmehr zeigen seine Studien, dass diese Art des Erinnerns der absolute Ausnahmefall ist. In höherem Maße sind Erinnerungen Konstruktionen, die an unseren gegenwärtigen Zustand gebunden sind, denn personale Erinnerung entsteht letztlich im Kontext von Zielen, Wünschen und persönlichen Einstellung des betreffenden Subjekts. Erinnerungen sind also weniger Reproduktionen als Konstruktionen. Menschen konstruieren dabei nur Nahrungsszenarien. Bartlett zeigt außerdem, dass Details, die nicht mehr vorhanden sind oder verschütt gegangen sind, auch erfunden werden können. Erinnern ist für ihn daher „condensation, elaboration and invention.“

Zusammenfassung der Kapitel

0. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Problematik der Erinnerungskonstruktion ein und definiert den theoretischen Rahmen, in dem das Zusammenspiel von Identität, Narrativ und subjektiver Wahrnehmung untersucht wird.

1. AUTOBIOGRAPHISCHES ERINNERN: Dieses Kapitel erläutert die psychologischen und narrativen Grundlagen, wie Menschen ihre Erfahrungen durch das Erzählen zu einem kohärenten Selbstkonzept verknüpfen.

2. AUTOBIOGRAPHIE, FAKTIZITÄT UND WAHRHEIT: Es wird die Frage diskutiert, inwiefern der Wahrheitsanspruch der Autobiographie angesichts ihrer konstruktiven Natur als literarisches Genre aufrechterhalten werden kann.

3. DIE AUFLÖSUNG FAKTUALER HISTORIOGRAPHIE: HAYDEN WHITE: Dieses Kapitel analysiert Hayden Whites Thesen zur Narrativität historischer Texte und deren Übertragbarkeit auf die autobiographische Fiktion.

4. DIE FIKTIVE AUTOBIOGRAPHIE: Hier wird der Gattungsbegriff der "fiktiven Autobiographie" theoretisch bestimmt und als Mittel zur parodistischen Selbstreflexion identifiziert.

5. JULIAN BARNES’ THE SENSE OF AN ENDING: Das Hauptkapitel untersucht anhand des Romans, wie der Protagonist durch unzuverlässiges Erzählen und Metadiskurse sein Lebensnarrativ umdeutet und dekonstruiert.

6. ZUSAMMENFASSUNG: Das Kapitel bündelt die zentralen Erkenntnisse über die Dekonstruktion faktualer Geschichtsschreibung und die Brüchigkeit persönlicher Erinnerung im Roman.

Schlüsselwörter

Autobiographie, Fiktion, Erinnerung, Identität, Konstruktion, Narrativ, Unreliable Narrator, Historiographie, Metafiktion, Lebensgeschichte, Selektion, Wahrheit, Postmoderne, Julian Barnes, The Sense of an Ending

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die Konstruktion von Identität durch autobiographisches Erinnern am Beispiel von Julian Barnes' Roman "The Sense of an Ending", wobei der Fokus auf der Unzuverlässigkeit und Fiktionalität der erinnerten Lebensgeschichte liegt.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Die zentralen Themen umfassen das autobiographische Erinnern, die Abgrenzung von Faktizität und Fiktion, die Rolle des unzuverlässigen Erzählers sowie die metafiktionale Auseinandersetzung mit Historiographie und Zeit.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der Protagonist Tony Webster sein Lebensnarrativ im Sinne einer kontinuierlichen, aber brüchigen Selbstkonstruktion immer wieder umformt und inwiefern dies eine Absage an eine objektiv erfassbare Vergangenheit darstellt.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die narrative Theorie, Konzepte der Narratologie (u.a. nach Hayden White, Gérard Genette und Ansgar Nünning) sowie psychologische Ansätze zur Erinnerungskonstruktion miteinander verknüpft.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Im Hauptteil (Kapitel 5) wird der Roman detailliert untersucht, insbesondere wie sich die Sichtweise des Erzählers auf vergangene Suizide von Mitschülern durch neue Informationen verändert und so seine gesamte Identitätskonstruktion ins Wanken bringt.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Autobiographie, Fiktionalität, Identitätskonstruktion, Narrativ, Metadiskurs und die Unzuverlässigkeit des Erzählers charakterisiert.

Wie spielt das Konzept des "unreliable narrator" eine Rolle im Roman?

Der Protagonist Tony Webster wird als homodiegetischer Erzähler analysiert, dessen Glaubwürdigkeit durch selektive Wahrnehmung, bewusste Auslassungen und eine stark subjektive Färbung seiner Erinnerungen von Beginn an untergraben wird.

Inwiefern beeinflusst Hayden Whites Historiographie-Theorie die Analyse des Romans?

Whites Theorie dient dazu, die im Roman stattfindende Dekonstruktion faktualer Geschichtsschreibung zu belegen; der Roman wird als metahistorischer Text verstanden, der zeigt, dass Geschichte und Lebensgeschichte stets konstruierte Narrative sind.

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Details

Titel
"There ist great unrest". Die Unsicherheit von Erinnerung in Julian Barnes' "The Sense of an Ending"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Autor
Martin Boldt (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2014
Seiten
82
Katalognummer
V273468
ISBN (eBook)
9783656652069
ISBN (Buch)
9783656652083
Sprache
Deutsch
Schlagworte
there unsicherheit erinnerung julian barnes sense ending
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Martin Boldt (Autor:in), 2014, "There ist great unrest". Die Unsicherheit von Erinnerung in Julian Barnes' "The Sense of an Ending", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273468
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Leseprobe aus  82  Seiten
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