Die Folgen hoher Arbeitsbelastungen sind für den einzelnen Mitarbeiter ebenso gravierend
wie für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Gesamtsituation. Allein zwischen 2006 und
2009 ist der Anteil an vorzeitigen Renteneintritten aufgrund psychischer Erkrankungen um
5% auf 38% gestiegen (vgl. Dragano/Kroll/Müters 2011: 5). In Anbetracht der dargelegten
demographischen Prognose ist ein derartiger Ausfall an Arbeitskräften weder für die
Unternehmen noch für die Gesellschaft tragbar.
Setzt man nun die aufgeführten gesellschaftlichen und arbeitsspezifischen Entwicklungen in
Zusammenhang, ergibt sich ein Bedarf an möglichst hochqualifizierten Erwerbstätigen, die
sich einerseits den veränderten Anforderungsprofilen anpassen und andererseits den
gegebenen Arbeitsbedingungen in der Weise gewachsen sind, dass weder ihre
Arbeitsleistung, noch ihre persönliche Gesundheit eingeschränkt wird. Die sich daraus
ergebenden zentralen Faktoren sind das Bildungsniveau und die Arbeitsbelastungen.
Aufgrund der Aktualität und Brisanz der Thematik ist eine Zusammenführung dieser Faktoren
besonders aus erziehungswissenschaftlicher Sicht von Interesse, da eine solche Untersuchung
bisher kaum unternommen wurde. Dies zeigt auch die hierzu spärlich vorhandene
pädagogische Literatur.
Daher soll das Thema vorliegender Magisterarbeit der Zusammenhang von Bildung und
Arbeitsbelastungen, und die daraus resultierenden Folgen sein. Die fokussierte Fragestellung
ist dabei, welchen Einfluss Bildung auf das Erleben von und den Umgang mit belastenden
Arbeitsanforderungen hat.
Eine Untersuchung über den Zusammenhang von Bildung und
Arbeitsbelastungen setzt eine Definition der Begriffe voraus. Während dabei das
Qualifikationsniveau eines Mitarbeiters leicht durch zertifizierte Bildungsabschlüsse
definierbar ist, stellt sich jedoch die Frage was eine belastende Arbeitssituation ist bzw. wann
eine Arbeitsanforderung als Belastung wahrgenommen wird. Ein theoretisches Modell,
welches dieser Frage nachgeht, ist das Modell der beruflichen Gratifikationskrise von
Johannes Siegrist (1996). Es führt dabei die individuellen Erwartungen und Haltungen eines
Mitarbeiters mit den externen Arbeitsanforderungen zusammen und erklärt hieraus die
Gründe für das Erleben belastender Arbeitsanforderungen bzw. Arbeitsstress.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Problemstellung und Zielsetzung
1.2. Vorgehensweise
2. Stresstheoretischer Hintergrund
2.1. Definition Gesundheit und Krankheit
2.2. Definition Stress und Stressor
2.3. Die Folgen von Stress
3. Arbeitsstressmodelle
3.1. Zur Bedeutung der Erwerbsarbeit
3.2. Arbeitsvertrag und Psychologischer Vertrag
3.3. Das Anforderungs-Kontroll-Modell
3.4. Das Modell der beruflichen Gratifikationskrise
3.4.1. Modellaussage
3.4.2. Drei Transmittersysteme der Belohnung
3.4.3. Extrinsische und Intrinsische Verausgabung
3.4.4. Empirische Evidenz
4. Das System Bildung
4.1. Definition Bildung
4.2. Bildung in Deutschland
4.3. Bildung und sozialer Status
4.3.1 Zur Problematik der Begriffsabgrenzung
4.3.2 Zusammenhang sozialer Status und Gesundheit
4.3.3 Bildung und Beruf
4.4 Bildung und Gesundheit
4.4.1 Zusammenhang Bildung und Gesundheit
4.4.2 Bildung als Gesundheitsressource
5. Zusammenfassung und Fragestellung
6. Empirie
6.1. Datengrundlage
6.2. Die Stichprobe
6.3. Das Analyseverfahren
6.4. Die Ergebnisse
6.4.1. Demographische Merkmale
6.4.2. Berufliche Situation
6.4.3. Gesundheit
6.5. Die Berechnung des ERI-Quotienten
6.5.1. Die Verausgabungsskala
6.5.2. Die Belohnungsskala
6.5.3. Der Verausgabungs-Belohnungs-Quotient
6.6. Diskussion der Ergebnisse
7. Ausblick und Schluss
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, den Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau und der Belastung durch berufliche Anforderungen unter Verwendung des Modells der beruflichen Gratifikationskrise zu analysieren. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern Bildung das Erleben von und den Umgang mit Arbeitsstress beeinflusst und ob ein höherer Bildungsgrad vor beruflichen Krisen schützt.
- Zusammenhang von Bildung, sozialem Status und beruflicher Gratifikationskrise
- Einfluss von Arbeitsbelastungen auf die individuelle Gesundheit
- Empirische Sekundäranalyse der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung
- Identifikation von Risikogruppen in der Erwerbsbevölkerung
- Ansätze zur Prävention beruflicher Krisen und zur Gesundheitsförderung
Auszug aus dem Buch
1.1. Problemstellung und Zielsetzung
Bestätigen sich die Vorhersagen bezüglich der Bevölkerungsentwicklung in den nächsten Jahrzehnten, so werden in Deutschland bis 2060 die 70 bis 75jährigen die am stärksten vertretene Bevölkerungsgruppe sein. Zudem wird der Anteil an Personen in der Erwerbsphase (15-65 Jahre) um 33% im Vergleich zu 2008 abnehmen (vgl. Bildungsberichterstattung 2010: 15ff.). Dies liegt an dem stetigen Sinken der Geburtenrate und an der folglich geringeren Anzahl an Personen, die in das Erwerbsleben eintreten.
Zudem führen die Globalisierung und die zunehmende Bedeutungsverschiebung der einzelnen Wirtschaftssektoren zu grundlegenden Veränderungen der Arbeitsstrukturen. Immer mehr Menschen sind in Dienstleistungsberufen tätig, während der primäre Sektor (Landwirtschaft) und der sekundäre Sektor (produzierendes Gewerbe) zunehmend an Bedeutung verlieren (vgl. Bildungsberichterstattung 2010: 22). Daraus folgen immer neuere Technologien, die zunehmend kognitive Fähigkeiten, wie analytische Denkweise, Kommunikations- oder Problemlösungskompetenzen, erfordern und einen Rückgang der Bedeutung manueller Fertigkeiten mit sich führen. Dabei sind die Mitarbeiter dazu angehalten sich in dieser durch Wettbewerb geprägten Arbeitswelt immer schneller an die veränderten Arbeitsprozesse und Wissensbestände anzupassen.
Mit diesen Entwicklungen sind auch Verschiebungen in den Arbeitsbelastungen verbunden. Dies wird an der Studie „Gesundheit in Deutschland aktuell 2010“ (GEDA) des Robert-Koch Instituts (RKI) deutlich. Hierbei zeigt sich, dass bei den 20.000 befragten Erwerbstätigen die am häufigsten wahrgenommene Arbeitsbelastung das Arbeiten unter Zeit- und Leistungsdruck ist. Ganze 36% der Frauen und 44% der Männer geben an häufig unter Druck arbeiten zu müssen (vgl. Dragano/Kroll/Müters 2011: 2). Dass psychische Belastungserscheinungen ebenfalls zunehmen, wird aus einem Bericht des Spiegels ersichtlich, nach dem die Fehlzeitenquote aufgrund psychischer Erkrankungen von 1998 bis 2009 um 76% zugenommen hat (vgl. Dettmer/Shafy/Tietz 2011: 115f.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problematik der demografischen Veränderungen und zunehmenden Arbeitsbelastungen ein und definiert das Ziel der Arbeit, den Zusammenhang von Bildung und beruflichen Gratifikationskrisen zu untersuchen.
2. Stresstheoretischer Hintergrund: Hier werden die zentralen Begriffe Gesundheit, Krankheit, Stress und Stressoren wissenschaftlich definiert und in einen ganzheitlichen Kontext zur Arbeitswelt gesetzt.
3. Arbeitsstressmodelle: Das Kapitel behandelt die Bedeutung der Erwerbsarbeit, den psychologischen Vertrag und stellt zentrale Stressmodelle wie das Anforderungs-Kontroll-Modell und das Modell der beruflichen Gratifikationskrise vor.
4. Das System Bildung: Es erfolgt eine Definition des Bildungsbegriffs, eine Darstellung des Bildungssystems in Deutschland sowie eine detaillierte Analyse des Zusammenhangs zwischen Bildung, sozialem Status und Gesundheit.
5. Zusammenfassung und Fragestellung: Das Kapitel bündelt die theoretischen Erkenntnisse und leitet daraus die spezifische Forschungsfrage zur Schutzfunktion von Bildung vor Gratifikationskrisen ab.
6. Empirie: Hier werden Datengrundlage, Analyseverfahren und die Ergebnisse der Sekundäranalyse präsentiert, um das Risiko beruflicher Gratifikationskrisen für verschiedene Bildungsgruppen zu ermitteln.
7. Ausblick und Schluss: Abschließend werden die Ergebnisse interpretiert und konkrete Präventionsansätze für die betriebliche Praxis zur Reduktion beruflicher Stressbelastungen abgeleitet.
Schlüsselwörter
Bildung, Gesundheit, Arbeitsbelastung, Gratifikationskrise, ERI-Modell, Stress, Arbeitsstress, Berufsstatus, Sozialer Status, Bildungsniveau, Prävention, Arbeit, Psychische Gesundheit, Soziale Ungleichheit, Sekundäranalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen dem Bildungsniveau von Erwerbstätigen und dem Risiko, eine berufliche Gratifikationskrise zu erleiden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Stressforschung, Arbeitsstressmodelle (insbesondere das ERI-Modell von Siegrist), das Bildungssystem in Deutschland und die Auswirkungen von Bildung auf die Gesundheit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es zu klären, ob ein höherer Bildungsgrad einen schützenden Effekt vor belastenden Arbeitsanforderungen und der daraus resultierenden Gratifikationskrise hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine empirische Sekundäranalyse der Daten der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2005/2006.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine fundierte theoretische Aufarbeitung von Stress und Bildung sowie einen empirischen Teil, in dem Bildungsabschlüsse in Korrelation zu beruflichen Belohnungssystemen gesetzt werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Bildung, Gesundheit, ERI-Modell, Gratifikationskrise und Arbeitsbelastungen.
Warum wird das Modell der beruflichen Gratifikationskrise (ERI) genutzt?
Dieses Modell eignet sich besonders gut, da es nicht nur äußere Anforderungen, sondern auch individuelle psychomentale Faktoren und das Bedürfnis nach Wertschätzung berücksichtigt, was im modernen Arbeitsleben zentral ist.
Wie unterscheidet sich die Bildungsgruppe eins von den anderen Gruppen hinsichtlich ihres Gesundheitszustands?
Die Analyse zeigt, dass die niedrigste Bildungsgruppe signifikant häufiger von körperlichen Beschwerden und Arbeitsbelastungen betroffen ist als höhere Bildungsgruppen.
Welche Rolle spielt die soziale Unterstützung durch Kollegen?
Die Unterstützung durch Kollegen erweist sich als ein zentraler Belohnungsfaktor; Personen, die nie Unterstützung erhalten, bilden die gefährdetste Risikogruppe im Hinblick auf Gratifikationskrisen.
- Arbeit zitieren
- Julia Gretz (Autor:in), 2012, Bildung und Gesundheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273727