Literatur und Fotographie: Möglichkeiten und Probleme ihrer Wirklichkeitsdarstellung


Hausarbeit, 2010

15 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung:

2. Darstellung in Literatur und Photographie:
2.1 Eindeutigkeit der Darstellung
2.2 „Bewegungsfreiheit“ in der Darstellung
2.3 Lenkung des Rezipienten
2.4 Beschränkung auf das Sichtbare
2.5 Nachgedanken zur Literatur

3. Wahrnehmung der Wirklichkeit:

4. Fazit:

Quellen:

1. Einleitung:

Diese Hausarbeit möchte ich dem Thema widmen, wie Literatur und Photographie auf ihre Rezipienten wirken, wie sie Einfluss auf seine Wahrnehmung des Abgebildeten nehmen und wie eindeutig sie dabei sein können.

Vor allem bei dem Punkt Photographie scheint diese Frage auf den ersten Blick seltsam. „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“, heißt es – doch wie exakt kann ein starres Photo das, was wir „Wirklichkeit“ nennen, wahrhaftig abbilden? Welche Vorteile – aber auch Einschränkungen – hat demgegenüber die Literatur?

Da ich mich dabei in ein sehr komplexes und weitläufiges Thema wage, möchte ich mich auf eine kleine Auswahl von Aspekten beschäftigen. Die Hauptfrage soll dabei sein, wie eindeutig die Darstellungsweisen der beiden Medien sind, also wie einheitlich das Bild ist, dass sie bei dem Rezipienten erzeugen, aber auch, welche Einschränkungen und Freiheiten die Literatur und die Photographie jeweils im Bezug auf ihre Darstellungsmöglichkeiten haben.

Ich möchte allerdings für diese Arbeit Phänomene wie Gefühle aus dem Begriff der abzubildenden Wirklichkeit heraus lassen, da sie sich, außer durch ihren Ausdruck in Mimik und Gestik, kaum in Worte fassen oder auf eine Photographie fixieren lassen. Ich werde mich deswegen auf die physikalisch wahrnehmbare Wirklichkeit beschränken, die wir mit unseren fünf Sinnen – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten – begreifen können, wobei das Sehen dabei im Vordergrund stehen soll.

2. Darstellung in Literatur und Photographie:

Um meine Gedanken über die Literatur an einigen Stellen verdeutlichen und an konkreten Beispielen festmachen zu können, bietet sich der Anfang des erstens Kapitels von Fontanes „Effi Briest“ an:

In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße, während nach der Park- und Gartenseite hin ein rechtwinklig angebauter Seitenflügel einen breiten Schatten erst auf einen weiß und grün quadrierten Fliesengang und dann über diesen hinaus auf ein großes, in seiner Mitte mit einer Sonnenuhr und an seinem Rande mit Canna indica und Rhabarberstauden besetzten Rondell warf. Einige zwanzig Schritte weiter, in Richtung und Lage genau dem Seitenflügel entsprechend, lief eine ganz in kleinblättrigem Efeu stehende, nur an einer Stelle von einer kleinen weißgestrichenen Eisentür unterbrochene Kirchhofsmauer, hinter der der Hohen-Cremmener Schindelturm mit seinem blitzenden, weil neuerdings erst wieder vergoldeten Wetterhahn aufragte. Fronthaus, Seitenflügel und Kirchhofsmauer bildeten ein einen kleinen Ziergarten umschließendes Hufeisen, an dessen offener Seite man eines Teiches mit Wassersteg und angekettetem Boot und dicht daneben einer Schaukel gewahr wurde, deren horizontal gelegtes Brett zu Häupten und Füßen an je zwei Stricken hing - die Pfosten der Balkenlage schon etwas schief stehend. Zwischen Teich und Rondell aber und die Schaukel halb versteckend standen ein paar mächtige alte Platanen.[1]

In den folgenden Ausführungen werde ich also hin und wieder auf Teile des obenstehenden Textausschnittes hinweisen um diese als Beispiele und Beleg für meine Argumentation zur Literatur heran zu ziehen. Für meine Überlegungen zur Photographie werde ich mich auf einige Ausgewählte Photographien beziehen, die ich an den jeweiligen Stellen direkt in den Text plaziere. Ich habe mich bewusst gegen Beispiele entschieden, die gleichzeitig sowohl für die Gedanken zur Literatur als auch zur Photographie verwendbar wären, da ich keine geeigneten Beispiele finden konnte, an denen ich das deutlich machen konnte, worauf ich mit den folgenden Abschnitten hinaus wollte.

2.1 Eindeutigkeit der Darstellung

Zunächst möchte ich mich der Eindeutigkeit des Dargestellten in Literatur und Photographie zuwenden und damit auch der Frage, welche Ergebnisse es hätte, wenn man verschiedene Rezipienten beider Medien bitten würde das von ihnen Wahrgenommene selbst zeichnerisch wiederzugeben:

Es dürfte einem Schriftsteller – wie sehr er sich auch mühe geben mag – unmöglich sein etwas in einem Text so exakt zu beschreiben, dass bei zwei Menschen ein identisches Bild hervorgerufen wird, denn:

Damit der Realismus nicht ein leeres Wort sei, müßten alle Menschen denselben Geist, die selbe Art und Weise besitzen, die Dinge zu sehen.[2]

Doch da auf Grund der Abstraktheit des sprachlichen Zeichens jeder Mensch eine eigene, individuelle Vorstellung von allen möglichen Begriffen hat, hängt dieses Bild nicht nur von der Kunstfertigkeit des Schriftstellers ab: Auch der jeweilige Erfahrungshorizont eines jeden Rezipienten hat einen maßgeblichen Einfluss auf die Vorstellung. Ließe man jemanden, der bisher nur ein oder zwei Kirchen gesehen hat, zum Beispiel das Herrenhaus zu Hohen-Cremmen – der Beschreibung Fontanes folgend – zeichnen, so würde die im Text erwähnte Kirche mit Sicherheit zumindest einer der dem Leser bekannten Kirchen ähneln, wenn nicht sogar gleichen. Je ähnlicher die Erfahrungen und Einflüsse zweier Menschen sind, desto ähnlicher müssten darum auch ihre Bilder sein. Bewohner der selben Ortschaft würden dann überwiegend ähnliche Bilder zeichnen, Personen aus einem anderen Kulturkreis müssten sich hingegen in ihren Zeichnungen stark unterscheiden.

Dabei ist es durchaus möglich, dass sich die Vorstellung mit wachsendem Erfahrungshorizont ändert. Besonders nachdem man zum Beispiel eine Verfilmung gesehen oder eine bebilderte Ausgabe eines Textes gelesen hat, fällt es schwer, bei einer erneuten Rezeption an der eigene Vorstellung festzuhalten, da diese meist durch die vorgegebenen Bilder ersetzt werden. In diesem Fall ist es natürlich nicht verwunderlich, wenn in den Köpfen stellenweise ein übereinstimmendes Bild entsteht.

Demgegenüber scheint die Photographie im Vorteil zu sein, denn jedes Detail einer Photographie könnte – gerade heutzutage – sehr genau betrachtet und interpretiert werden (vorausgesetzt, der Photograph hat nicht mit dem Mittel der Unschärfe gearbeitet), so dass jeder beliebige Rezipient nach der Begutachtung den selben Eindruck vom Bild haben müsste.

Bilder sprechen offensichtlich nachdrücklicher als Worte. Sie seien authentischer, und sie würden obendrein keine Zweideutigkeiten zulassen.[3]

Und in der Tat wären sich die Bilder, ließe man verschiedene Rezipienten eine Photographie aus ihrer Erinnerung nachzeichnen, sicherlich deutlich ähnlicher, als die Zeichnungen der Literatur-Rezipienten. Dennoch würden sie sich auch in einigen Details unterscheiden. Denn Photos verfügen nur scheinbar über eine wirklichkeitsgetreue Wiedergabe des Abgebildeten und eine damit vermeintlich einhergehende Unmissverständlichkeit. Denn obwohl Photographien so eindrücklich und wahrheitsgetreu wirken, muss sich die Frage stellen, ob Photographien wirklich so eindeutig sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen – oder ob man viel mehr davon ausgehen muss, „ […] daß selbst ein photographisch getreues Bild die intendierte Wirkung nicht zuverlässig einlösen könne“[4] ?

[...]


[1] Fontane, Theodor: Effi Briest. München 1983

[2] Delacroix, Eugène zit. nach Bernd Stiegler: Philologie des Auges. S. 170.

[3] Stadler, Ulrich: Bild und Text und Bild im Text. S. 70.

[4] Ebd . S. 74.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Literatur und Fotographie: Möglichkeiten und Probleme ihrer Wirklichkeitsdarstellung
Hochschule
Universität Hamburg  (Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Der Schein der Genauigkeit - Literatur und Photographie in der deutschsprachigen Literatur
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V273771
ISBN (eBook)
9783656659037
ISBN (Buch)
9783656659013
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Literatur, Photografie, Effi Briest, Fontane
Arbeit zitieren
Christina Conradi (Autor:in), 2010, Literatur und Fotographie: Möglichkeiten und Probleme ihrer Wirklichkeitsdarstellung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273771

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Literatur und Fotographie: Möglichkeiten und Probleme ihrer Wirklichkeitsdarstellung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden