Fremdheit oder das „Sich-fremd-fühlen“ sind keinesfalls ausschließlich Phänomene unserer modernen, pluralen und multikulturellen Gesellschaft. Durch Expansion, Handel, Krieg, Vertreibung und Eroberung war der oder das Fremde schon immer präsent und ist somit Teil der Menschengeschichte. Die Erscheinung des Fremden schlägt sich bis heute, auf unterschiedlichste Formen und mit differenzierten Schwerpunktsetzungen, auf viele Teilbereiche der Gesellschaft nieder. Weil Fremdheit ein globales Phänomen ist, das nicht nur den Fremden, der auch in der Fremde verkehrt, sondern auch und überwiegend jenen der in seinem gewohnten und vertrauten Lebensraum verharrt, unweigerlich betrifft, ist sie auch beispielsweise für Pädagogik, Politik, Psychologie und Soziologie von großem Interesse. Nicht zu Letzt durch die aktuell viel diskutierte Leitkulturdebatte, Armutszuwanderung aus der EU und Asylproblematik ist die Frage danach, was Fremdheit bedeutet, wie sie sich anfühlt, welche Emotionen sie auszulösen vermag und wie bzw. ob und wie weit diese überhaupt überwunden werden können. Alldem zufolge ist die Aktualität und Wichtigkeit des Themas durch die permanente, direkte oder indirekte Konfrontation mit dem Fremden immer wiederkehrend, neu begründet. Die Konfrontation mit dem Fremden, dem Unbekannten, führt gewiss auch nicht selten zu Konflikten. Aus diesem Grund sind auch Ressentiments gegenüber Unbekanntem, vermutlich so alt wie die Menschheit. Doch wie haben es Animosität, Ethnozentrismus, und eine stets von Skepsis und Pessimismus geprägte Haltung gegenüber all dem was einem Fremd erscheint, geschafft, sich als ein derart fester, wenn auch oftmals bloß latenter, Bestandteil der Gesellschaft zu manifestieren und bis heute Bestand zu haben. In Zeiten, lange nach der Aufklärung, Weltkriegen, Revolutionen, Pazifismus und vielen weiteren historischen Ereignissen, die gezeigt haben sollten, dass die Menschen sich näher stehen als sie von vornherein glaubten, sind die Termini Fremdenfeindlichkeit, Vorurteile und die Stigmatisierung von Unbekanntem (/-n), häufig debattierte Themen und bilden Mauern im Zusammenleben der Menschen.
Inhaltsverzeichnis
1. Fremde
1.1 Theorie des „Fremden“
1.2 Die Soziologie des Fremden
1.2.1 Georg Simmel über die Soziologie des Fremden
1.2.2 Alfred Schütz über die Soziologie des Fremden
1.2.3 Abschließende Betrachtung beider Theorien
1.3 Die soziale Wahrnehmung des Fremden
1.4 Vom Unbekannten zum Vorurteil
2. Kultur
2.1 Was hält eine Gesellschaft zusammen?
2.2 Wieviel Vielfalt und Multikulturalität verträgt eine Gesellschaft?
2.3 Kulturrelativismus und Universalismus
2.4 Von der Kultur zur Identität: Kulturelle Identität
3. Identität
3.1 Erikson: Das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung
3.1.1 Identität versus Identitätsdiffusion
3.2 Die Identität des Fremden
3.2.1 Exkurs: Migration
3.3 Identität und Migration
4. Herausforderungen für die Pädagogik
4.1 Von der Ausländerpädagogik zur interkulturellen Pädagogik
4.2 Herausforderungen, Lösungsansätze und Aufgaben der Pädagogik
4.2.1 Vorurteile in der pädagogischen Arbeit
4.3 Antirassismus-Training: Der Workshop „Blue Eyed” von Jane Elliott
5. Abschlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Phänomen der Fremdheit in einer pluralistischen Gesellschaft sowie deren Auswirkungen auf Identitätsbildung und pädagogisches Handeln. Ziel ist es, ein theoretisches Verständnis für das "Fremdsein" zu schaffen, die Rolle von Vorurteilen zu analysieren und Konzepte für einen professionellen, wertschätzenden pädagogischen Umgang mit kultureller Vielfalt aufzuzeigen.
- Theorie und Soziologie des Fremden (Simmel, Schütz)
- Soziale Wahrnehmung, Stereotype und Vorurteilsbildung
- Spannungsfeld zwischen Kulturrelativismus und Universalismus
- Individuelle Identitätsentwicklung nach Erikson unter Migrationsbedingungen
- Pädagogische Herausforderungen und Ansätze der Interkulturellen Pädagogik
Auszug aus dem Buch
Nazar: Fremd im eigenen Land
Ich guck mich an, meine Augen werden ganz Schwarz
jeder lügt, der behauptet, dass ich in dieses Land pass
Mein Pass hat die Farbe meines Blutes
doch ich bin fremd, schon seit damals in der Schule
ich bin stolz auf mein Vaterland
doch in meinem Vaterland, werde ich nicht anerkannt
ich bin dort dieser Junge, der wo anders leben wollte
und statt Sonnenschein, fand ich diese Regenwolke
jetzt bin ich hier, fühl mich hin und her gezogen
zwischen Wien und den Verwandten, die in der Ferne wohnen
ich guck die Sterne an und frag, was wär aus mir geworden
dort in Teheran, wär ich nicht nach Wien gekommen
Zusammenfassung der Kapitel
1. Fremde: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen von Fremdheit, die soziologischen Perspektiven von Simmel und Schütz sowie die Mechanismen der sozialen Wahrnehmung und Vorurteilsbildung.
2. Kultur: Hier wird das komplexe Verhältnis zwischen Kultur und Gesellschaft beleuchtet, die Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenhalt diskutiert und die Spannung zwischen universalen Werten und Kulturrelativismus erörtert.
3. Identität: Dieses Kapitel verknüpft die Identitätsentwicklung nach Erikson mit den spezifischen Belastungen und Herausforderungen für Menschen mit Migrationshintergrund.
4. Herausforderungen für die Pädagogik: Hier werden pädagogische Konzepte von der früheren Ausländerpädagogik bis hin zur aktuellen interkulturellen Pädagogik analysiert und der Umgang mit Vorurteilen praxisnah diskutiert.
5. Abschlussbetrachtung: Das letzte Kapitel resümiert die Bedeutung eines respektvollen Miteinanders und unterstreicht die Notwendigkeit von Anerkennung und Bildung für eine gelingende Integration in einer hybriden Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Fremdheit, Identität, Kultur, Migration, Gesellschaft, Vorurteile, Soziologie, Interkulturelle Pädagogik, Integration, Assimilation, Diversität, Identitätsdiffusion, Multikulturalität, Rassismus, Gruppendynamik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen der Fremdheit und deren Auswirkungen auf das Individuum und die Gesellschaft im Kontext von Migration, Identität und pädagogischer Praxis.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf soziologischen Fremdheitstheorien, der Bedeutung von Kultur und gesellschaftlichem Zusammenhalt, der psychologischen Identitätsentwicklung nach Erikson sowie Strategien der interkulturellen Pädagogik.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Ziel ist es, die Komplexität des Zusammenlebens in einer multikulturellen Gesellschaft zu verstehen und aufzuzeigen, wie Pädagogen durch Selbstreflexion und professionelle Ansätze Vorurteile überwinden und Integration fördern können.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse soziologischer, psychologischer und erziehungswissenschaftlicher Theorien, die durch praxisnahe Beispiele und Diskursanalysen ergänzt werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Fundamente zur Fremdheit und Identität, die Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Kultur sowie eine spezifische pädagogische Betrachtung, inklusive kritischer Ansätze wie dem "Blue Eyed"-Workshop.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Fremdheit, Identität, Migration, Interkulturelle Pädagogik, Vorurteile und gesellschaftliche Integration charakterisiert.
Was besagt die Theorie von Georg Simmel über den Fremden?
Simmel beschreibt den Fremden als eine soziologische Form, die durch die Einheit von Nähe und Entferntheit geprägt ist, wobei er den Händler als klassisches Beispiel für eine Person nennt, die zwar zur Gruppe gehört, aber die Freiheit zur Mobilität bewahrt.
Wie unterscheidet sich Alfred Schütz' Auffassung vom Fremden?
Schütz fokussiert sich stärker auf den Migranten, der versucht, sich dauerhaft in eine neue "In-Group" zu integrieren, wobei er das Konzept des "Denken-wie-üblich" und die krisenhaften Übergangsprozesse während der Assimilation hervorhebt.
- Citar trabajo
- Karim Newton (Autor), 2014, Das Stigma des Fremden. Identität, Kultur, Assimilation und Transnationalität. Eine Herausforderung für die Pädagogik, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/273799