Den Aufschrei der Träume von Günter Eich nachempfinden

Ein Hörspiel-Vergleich


Forschungsarbeit, 2014

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Exposé für eine Masterarbeit

Thema: Den Aufschrei der Träume von Günter Eich nachempfinden - Ein Hörspiel-Vergleich

Durch meine Hausarbeit Günter Eichs „Träume“ - Ein Hörspiel der besonderen Art, in der die Eigenart des Funkstücks in extra- als auch intratextueller Hinsicht untersucht und darstellt wird, ergaben sich für mich eine Reihe weiterer Fragestellungen, denen ich im Rahmen einer Masterarbeit nachgehen möchte.

Die Hausarbeit stellte die Besonderheit der Träume extratextuell auf der Ebene der Produktion und PR, der Rezeption sowie der Distribution heraus und hatte intratextuell seinen Inhalt und seine Form als Betrachtungsgrundlage. In der Analyse kristallisierte sich heraus, dass das Hörspiel unter diesen Gesichtspunkten in der Tat ein außergewöhnliches darstellt. Die Furore, die es nach der Ausstrahlung vor allem beim Publikum verursachte, konnte indes nicht gänzlich nachvollzogen werden. Dies deshalb, weil davon ausgegangen wurde, dass zu der Zeit der Veröffentlichung der Träume bereits andere Radiostücke mit ähnlichem Inhalt gesendet wurden und die Zuhörer demnach mit solcherlei Inhalten hätten vertraut sein müssen. Es wurde daher vermutet, dass nicht primär der Inhalt des Funkwerks, sondern seine Form, also die akustische Realisation, für den Aufruhr verantwortlich war. Die Empörung, die die Hörer nach der Sendung des Eichschen Werks verlautbarten, soll in der Masterarbeit nachvollzogen werden.

Dazu muss in einem ersten Schritt zunächst kurz auf den Inhalt des Funkspiels und die Hörerreaktion nach der Sendung eingegangen werden. Hierbei ist es unerlässlich, einen Seitenblick auf die Entwicklung des Rundfunks, insbesondere seit dem Zweiten Weltkrieg, zu werfen und seine immense Bedeutung für die Bevölkerung herauszustellen. Ferner wird am Rande die Rundfunklandschaft Deutschlands um 1950 betrachtet werden. Genaueres Augenmerk muss hier auf den NWDR Hamburg geworfen werden, da von diesem die Träume gesendet wurden.

Ein weiterer Blick gilt der Hörspieltheorie Deutschlands bis zum Jahr 1950. Hier soll zusammenfassend auf die wichtigsten Meinungen und Thesen eingegangen werden.[1] Dazu gehören ebenso nähere Ausführungen zum Begriff des Features.[2] In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Features gesendet, die zu diesem Zeitpunkt jedoch als Hörspiele angekündigt wurden, da eine Unterscheidung zwischen den beiden Funkrealisationen noch nicht vorgenommen wurde.[3] Dies geschah Anfang der 50er Jahre mit der Trennung beider Redaktionen in eine Hörspiel- und eine Feature-Redaktion beim NWDR Hamburg.[4]

Der zweite Teil der Analyse beschäftigt sich sodann mit dem medialen Umfeld der Träume. In diesem Abschnitt wird der Zeitpunkt der Sendung des Hörspiels, der 19.04.1951, als Zielmarke gesetzt. Es sollen andere Funkstücke, die in der Zeit davor gesendet wurden, näher untersucht und durch einen Vergleich dieser mit dem Eichschen Werk der Aufruhr nachempfunden werden.

In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Radiowerke gesendet, bis es schließlich in den 50er Jahren zu einem regelrechten Boom, der sogenannten Blütezeit des deutschen Hörspiels kam.[5] Um den Untersuchungsgegenstand nicht unnötig auszuweiten, wird sich in der Masterarbeit daher auf einen Zeitraum vom 01.01.1950 bis zum 19.04.1951 konzentriert. Die zeitliche Begrenzung wird an einigen Stellen außer Acht gelassen, wenn sich herausstellt, dass in der Zeit vor dem 01.01.1950 Hörspiele liefen, die eine ähnliche Reaktion beim Publikum hervorriefen und daher einer näheren Betrachtung würdig sind.[6]

Zudem werden nur Sendungen des NWDR Hamburg, wo auch Eichs Träume liefen, untersucht. Dies deshalb, um den Korpus überschaubar zu halten und da davon ausgegangen wird, dass die Hörer der anderen Sendungen die gleichen wie die der Träume gewesen sein könnten, die den Aufschrei verursachten. In der Analyse soll versucht werden, das Hörererlebnis des norddeutschen Bundesbürgers im Jahr 1950 so exakt wie möglich nachzuempfinden.

Bei der Analyse werden überdies nur die Radiostücke näher erforscht, zu denen originale Tonbandaufnahmen existieren. Dies ist notwendig, um den Eklat adäquat nachzuvollziehen. Die Masterarbeit fußt zudem auf der Annahme, dass die funktechnische Realisation der Träume für den Aufruhr des Publikums verantwortlich ist, und nicht dessen bloßer Inhalt. Daher müssen bei den anderen Hörspielen ebenfalls die akustischen Versionen herangezogen werden. Sofern zu diesen Funkspielen Bucherscheinungen vorhanden sind, können diese ergänzend und als Stütze berücksichtigt werden, sie bilden jedoch keinesfalls die Grundlage der Untersuchung.[7] Neuere Produktionen der Stücke fallen ebenfalls aus der Studie heraus, da diese aufgrund anderer Mitwirkender wie den Produzenten und/oder den Dramaturgen höchstwahrscheinlich nicht mit der originalen übereinstimmen. Features indes sind in der Erforschung enthalten, da sie, wie bereits erwähnt, zu dieser Zeit nicht vom Hörspiel unterschieden wurden.

Der zweite Teil der Masterarbeit soll eher, basierend auf der sich im Anhang ab Seite 7 befindlichen Tabelle[8], allgemein gehalten werden und als Überblick der Hörspiele zu der Zeit gedacht sein. Im dritten und letzten Abschnitt wird aus dieser Übersicht ein Radiostück gewählt und dieses abschließend mit den Träumen verglichen. Dieses Werk sollte mit dem Eichschen korrespondieren, und zwar hinsichtlich seines Inhalts, seiner Form und seiner Wirkung beim Publikum. Falls ein solches nicht vorhanden sein sollte, wird eines genommen, welches sich auf diesen

Ebenen so nah wie möglich an die Träume annähert. Weitere Funkwerke, die ebenfalls den Kriterien entsprechen, können bei dem Vergleich ergänzend hinzugezogen werden. Die Gegenüberstellung stützt sich sodann auf die funktechnische Realisation und demnach auf die Bestandteile Geräusch, Musik, Raumklang, Stille und Sprache der Radiostücke.[9] Für einen adäquaten Vergleich müssen ergänzend Theorien der Hörspieldramaturgie herangezogen werden. Mithilfe dieser Gegenüberstellung soll die Besonderheit des Eichschen Hörspiels, die sich in dem Aufschrei der Hörerschaft erkennen lässt, endlich voll umfassend nachvollzogen werden.

In einer ersten Auseinandersetzung mit der Materie wurde die sich im Anhang ab Seite 7 befindliche Tabelle erarbeitet.[10] Daraus geht hervor, dass vom 01.01.1950 bis zur Veröffentlichung der Träume beim NWDR Hamburg 127 Hörspiele liefen. Von diesen 127 Hörspielen sind noch 13 in den Archiven der Rundfunkanstalten, überwiegend beim jetzigen NDR[11], vorhanden. An dieser geringen Anzahl lässt sich bereits die schlechte Quellenlage der Tonbandaufnahmen ablesen.[12] Es existieren noch weitere Produktionen von anderen Rundfunksendern, die jedoch außer Acht gelassen werden, da, wie oben erläutert, das Hörerlebnis des NWDR- Hamburg-Hörers um 1950 so exakt wie möglich nachempfunden werden soll. Dementsprechend ist es unerheblich, ob es sich bei den genannten Stücken um reine Hörspiele oder Features handelt. Ebenso irrelevant ist, ob es sich bei den Sendungen um Bearbeitungen oder originale Stücke handelt.[13] Alles, was in dem genannten Zeitraum gesendet wurde, kommt zunächst in Betracht.

Aus der Tabelle ist ersichtlich, dass größtenteils Funkwerke gesendet wurden, die dem Genre „Unterhaltung“ zugeordnet werden können, wie Krimis, Liebes- und Abenteuergeschichten sowie Science Fiction. Der Anteil dieser Art gesendeter Hörspiele beträgt um die 80%. Dies geht mit dem damals angenommenen Bedürfnis des Hörers nach Unterhaltung konform.[14] Die Stücke, in denen es um politische oder religiöse Thematiken geht, befinden sich in einer eklatanten Minderzahl. So befassen sich ca. 6% der gesendeten Werke mit religiösen und 8% mit politischen Angelegenheiten.[15] Reportagen und Features wurden in 5% aller Fälle gesendet. Dies lässt vermuten, dass es nicht sonderlich viele Radiospiele gab, die sich thematisch dem Eichschen annäherten und die Hörer so auf die Träume vorbereitet haben könnte.

Für eine nähere Untersuchung kommen aufgrund ihrer thematischen Nähe zum Eichschen Hörspiel lediglich folgende vier Stücke infrage:

- Ernst Schnabel: Ein Tag wie morgen (lfd. Nr. 16),
- Jacques Constant: General Frédéric (lfd. Nr. 19),
- Otto Rombach: Caliban (lfd. Nr. 70) sowie
- Herman Melville: Weißjacke (lfd. Nr. 100).

[...]


[1] Hierzu zählen unter anderem Das Hörspiel von Hermann Pongs (1930) und Richard Kolbs Das Horoskop des Hörspiels (1932). Weiterführende Angaben sind im Literaturverzeichnis ab Seite 14 vermerkt.

[2] Features wurden besonders in den Jahren von 1947 bis 1950 gesendet. Sie haben keinen künstlerischen Anspruch, zumeist politische Inhalte und kommen informativ-didaktisch daher (Bloom, Margret: Die westdeutsche Nachkriegszeit im literarischen Original-Hörspiel. Frankfurt am Main u.a. 1985, S. 93 ff.).

[3] Würfel, Stefan Bodo: Das deutsche Hörspiel. Stuttgart 1978, S. 76.

[4] Ebd., S. 77. Damit einher geht für die nachfolgende Zeit eine Verengung des Hörspiel-Begriffs. Dies ist für die vorliegende Untersuchung jedoch nicht von Belang.

[5] Schmitt-Lederhaus, Ruth: Günter Eichs „Träume“. Hörspiel und Rezeption. Frankfurt am Main 1989, S. 18.

[6] Dazu mehr nachstehend auf Seite 6.

[7] Es gibt zahlreiche Literatur zum Hörspiel der 50er Jahre in Deutschland. Diese hat zumeist jedoch die Sendemanuskripte oder Bucherscheinungen der Radiostücke als Forschungsgrundlage, wie z.B. Margret Bloom oder Wakiko Kobayashi: Unterhaltung mit Anspruch. Das Hörspielprogramm des NWDR Hamburg und NDR in den 1950er Jahren, Berlin 2009. Diese Herangehensweise ist für diese Arbeit aufgrund der oben stehenden Erläuterung nicht angemessen.

[8] Nähere Informationen zu der Tabelle befinden sich auf der folgenden Seite.

[9] Die 5 Bestandteile des Hörspiels stammen aus Bloom, S. 115.

[10] Die Tabelle basiert auf dem Band Hörspiel 1950 - 1951. Eine Dokumentation. Hrsg. v Deutschen Rundfunkarchiv, zusammengestellt und bearbeitet von Ulrike Schlieper. Potsdam 2003. Sie beinhaltet neben dem Sendungsdatum und der Angabe des gesendeten Hörspiels auch eine knappe Inhaltsangabe der zwischen dem 01.01.1950 und 19.04.1951 beim NWDR Hamburg gesendeten Radiostücke. Leere Zeilen in der Tabelle bedeuten, dass hierzu keine näheren Informationen ausfindig gemacht werden konnten. Die Untersuchung istjedoch noch nicht abgeschlossen, die Tabelle stellt einen ersten Einblick in die Arbeit dar. Es ist demnach nicht ausgeschlossen, dass die Lücken zu einem späteren Zeitpunkt noch ausgefüllt werden können.

[11] Der NWDR Hamburg spaltete sich 1954 in die Sender NDR und WDR. Der NDR nahm am 01.04.1956 den Sendebetrieb auf.

[12] Bloom bemerkt hierzu, dass die Hörspiele aus Gründen der Manifestation ihrer literarischen Disposition eher als Bücher als auf Schallplatten veröffentlicht wurden (S. 62).

[13] Unter „Bearbeitungen“ werden hier solche Radiostücke verstanden, die nicht primär für den Rundfunk geschrieben wurden. Hierzu zählen überwiegend Theaterstücke und meist klassische Erzählungen, die entweder basierend auf dem Text oder eines Mitschnitts einer Theaterinszenierung für das Radio produziert wurden. Diese Art trat nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkt auf, da ein „Nachholbedarf“ der Hörerschaft angenommen wurde, der befriedigt werden sollte (Wagner, Hans-Ulrich: „Der gute Wille, etwas Neues zu schaffen.“: Das Hörspielprogramm in Deutschland von 1945 bis 1949. Potsdam 1997, S. 237). Original-

Hörspiele sind solche, die eigens für den Funk geschrieben wurden. Solche wurden verstärkt ab 1951, also einem Zeitpunkt, der für die vorliegende Arbeit unerheblich ist, produziert. Im Bayerischen Rundfunk waren beispielsweise im Jahr 1947 76,7% aller gesendeten Stücke Bearbeitungen und der Rest Originale (Bloom, S. 98), im NWDR lief im Jahr 1951 zu 62,2% Original-Hörspiele und nur noch 37,8% Bearbeitungen (Kobayashi, S. 74). Das Verhältnis hat sich demnach innerhalb von fünf Jahren nahezu umgekehrt.

[14] Kobayashi, S. 28 f. Nach Kobyashi war das Radio bereits in den 50er Jahren ein „Nebenbei-Medium“, das größtenteils bei Mahlzeiten oder der Hausarbeit rezipiert wurde. Sendungen mit einer geringen Aufmerksamkeitsspanne wurden daher bevorzugt (ebd., S. 35 f.). Der Rundfunk wurde zu der Zeit als „Lebenshilfe“ angesehen (ebd., S. 53) und sollte sich zudem an ein breites Publikum richten (ebd., S. 256).

[15] Politisch-gesellschaftliche Themen wie Antisemitismus im 3. Reich oder die Schuldproblematik des deutschen Volkes wurden verstärkt erst ab Mitte der 1950er Jahre behandelt (Bloom, S. 263 ff.). Dort wurde jedoch durch das Aufzeigen individueller Schicksale eher eine emotionale Rezeption als eine rationale Auseinandersetzung mit dem Sujet herbeigeführt (ebd). Vom konkreten Zeitgeschehen wurde so abstrahiert und die Auseinandersetzung mitder Vergangenheit „verdrängerisch“ bewältigt (ebd., S. 284).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Den Aufschrei der Träume von Günter Eich nachempfinden
Untertitel
Ein Hörspiel-Vergleich
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Vertiefungskolloqium
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
17
Katalognummer
V274009
ISBN (eBook)
9783656669333
ISBN (Buch)
9783656669319
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
aufschrei, träume, günter, eich, hörspiel-vergleich
Arbeit zitieren
B.A. Julia Hans (Autor), 2014, Den Aufschrei der Träume von Günter Eich nachempfinden, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274009

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