Giovanni Verga gilt als der bedeutendste italienische Autor der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Seinen Ruhm verdankt er zahlreichen Novellen und seiner Erzählung 'Mastro Don Gesualdo' (1888/9); vor allem jedoch seinem Roman 'I Malavoglia' (1881); dem wichtigsten Werk des italienischen Verismus. Es ist der erste Band von fünf angedachten, welche als 'Ciclo dei Vinti' veröffentlicht werden sollten, von denen jedoch nur die ersten beiden beendet wurden. Zur damaligen Zeit existierte noch eine starke Klassengesellschaft und jeder Protagonist sollte in aufsteigender Reihenfolge eine andere Klasse vertreten, von der armen Fischerfamilie der Malavoglia bis zum Uomo di lusso. Ihr aller Leben sollte trotz ihres unterschiedlichen sozialen Standes von der „lotta per l’esistenza, pel benessere, per l‘ambizione“ geprägt sein und früher oder später würden alle von der „fiumana del progresso“ überschwemmt werden und „vinti“ sein, auch diejenigen, die zuerst als „vincitori“ erschienen. Der gebürtige Catanese betrachtet den Fortschritt als "grandioso nel suo risultato, da lontano; [ma n]ella luce gloriosa [… del progresso si nascondono] le irrequietudini, le avidità, l’egoismo, tutte le passioni, tutti i vizi che si trasformano in virtù, tutte le debolezze che aiutano l’immane lavoro, tutte le contraddizioni, dal cui attrito sviluppasi la luce della verità". Im Falle der Familie Malavoglia drücke sich die Suche nach Verbesserung noch in einem Kampf um die Befriedigung materieller Bedürfnisse aus. In diesem Milieu sei der Mechanismus der Leidenschaften weniger kompliziert und dadurch genauer zu beobachten; hier, in den ärmlichsten und bescheidensten Verhältnissen liege die Quelle dessen, was den Menschen zum Fortschritt antreibt. [...]
Das Werk 'I Malavoglia' spielt kurz nach der Unità d’Italia, in einer Zeit des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbruchs. Ziel dieser Arbeit ist es, zu erörtern, inwieweit Verga die Neuerungen in all diesen Bereichen kritisiert. Da die Literatur des Risorgimento, beziehungsweise der darauf folgenden Zeit, so sehr mit der Geschichte zusammenhängt wie in kaum einer anderen Epoche, werden im ersten Teil die wichtigsten Ereignisse der ,Wiederauferstehung‘ sowie die Merkmale des Verismus bzw. des verismo verghiano beschrieben. Auf Grund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit kann dabei jeweils nur kurz auf die wesentlichen bzw. auf die für diese Arbeit relevanten Informationen eingegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Giovanni Vergas I Malavoglia im historischen und literarischen Kontext
2.1 Das Risorgimento
2.2 Verismus und verismo verghiano
3. Das post-risorgimentale Sizilien in Giovanni Vergas I Malavoglia
3.1 Die Kritik an der politischen und wirtschaftlichen Situation
3.2 Die Kritik an der gesellschaftlichen Situation
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelorarbeit untersucht, inwieweit Giovanni Vergas Roman "I Malavoglia" als literarische Kritik an den radikalen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbrüchen im Sizilien der Post-Risorgimento-Ära gelesen werden kann. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Darstellung des sozioökonomischen Wandels und dessen verheerende Auswirkungen auf die traditionelle Lebenswelt der Fischerfamilie Toscano.
- Historischer Kontext des Risorgimento und die Entstehung des italienischen Nationalstaates.
- Charakteristika des Verismus und die spezifische "impersonale" Erzählweise Vergas.
- Die Auswirkungen der Modernisierung und Industrialisierung auf die ländliche Gesellschaft.
- Sozialdarwinistische Tendenzen und das "ideale dell'ostrica" als Überlebensstrategie.
- Kritik an den ökonomischen Machtstrukturen und der Rolle des Wuchers im Kapitalismus.
Auszug aus dem Buch
Die Kritik an der politischen und wirtschaftlichen Situation
Vergas Roman I Malavoglia handelt von der Familie Toscano aus Aci Trezza an der Ostküste Siziliens, seit Generationen werden sie jedoch von allen nur mit ihrem Spitznamen ,Malavoglia' gerufen. Kurz nach der Vereinigung Italiens leben die verbliebenen Malavoglia – ihre Familie war einst sehr zahlreich – in ihrem „casa del nespolo“ und verdienen sich den Lebensunterhalt mit der Fischerei auf ihrem Boot, der „Provvidenza“. Der Großvater Padron ‘Ntoni nennt sich selbst den „dito grosso“ der Familie, in der „le cinque dita s'aiutino l'un l'altro.“ Dazu gehören sein Sohn ,Bastianazzo' (eigentlich Bastiano), dessen Frau Maruzza (auch ,la Longa' genannt) und ihre Kinder 'Ntoni, Mena (eigentlich Filomena), Luca, Alessi (eigentlich Alessio) und Lia (eigentlich Rosalia). Das Familienhaupt ist ein sehr verantwortungsbewusster, fleißiger und intelligenter Mann; bedingt durch seinen Beruf kennt er viele Wetter- und Naturweisheiten. Auch sein Repertoire an Sprichwörtern rund um das Leben ist enorm, z.B. „,Fa il mestiere che sai, che se non arricchisci camperai’ [oder] ,Contentati di quel che t'ha fatto tuo padre; se non altro non sarai un birbante’“.
Außerdem legt er viel Wert darauf, sich immer anständig und ehrlich zu verhalten. Padron 'Ntoni lebt nach dem ,ideale dell'ostrica‘; er versucht die Familientradition als Fischerfamilie mit der ,Provvidenza' und dem ,casa del nespolo' aufrecht zu erhalten: „,[A]d ogni uccello il suo nido è bello‘ e desidero morire dove son nato.“ Und auch Mena ist der Meinung, dass „[i]l peggio […] è spatriare dal proprio paese, dove fino i sassi vi conoscono, e dev’essere eine cosa da rompere il cuore il lasciarseli dietro per la strada. ,Beato quell’uccello, che fa il nido al suo paesello’“. Mit der Unità d'Italia kommt jedoch die ‚fiumana del progresso‘ in dem kleinen Fischerdorf an und droht die Familie wie die ,Austern am Felsen' wegzuspülen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Bedeutung Vergas für den italienischen Verismus und Skizzierung des "Ciclo dei Vinti" sowie des methodischen Rahmens.
2. Giovanni Vergas I Malavoglia im historischen und literarischen Kontext: Erläuterung des Risorgimento-Hintergrunds und der ästhetischen Prinzipien des Verismo verghiano, insbesondere im Vergleich zum französischen Naturalismus.
3. Das post-risorgimentale Sizilien in Giovanni Vergas I Malavoglia: Detaillierte Analyse der sozioökonomischen und politischen Auswirkungen auf die Familie Malavoglia, inklusive der Darstellung des Kapitalismus und der gesellschaftlichen Heuchelei.
4. Schluss: Synthese der Ergebnisse, die den Roman als fundamentale Kritik an den "Fortschrittsopfern" des politischen Einigungsprozesses bestätigt.
Schlüsselwörter
Giovanni Verga, I Malavoglia, Verismus, Risorgimento, Sizilien, Sozialdarwinismus, Kapitalismus, Fiumana del progresso, Ideale dell'ostrica, Realismus, Sozialkritik, Aci Trezza, Klassengesellschaft, Wirtschaftsgeschichte, Literaturwissenschaft
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Giovanni Vergas Roman "I Malavoglia" als ein zentrales Werk, das die negativen Auswirkungen der politischen und wirtschaftlichen Modernisierung Italiens nach dem Risorgimento kritisch hinterfragt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Mittelpunkt stehen der soziale Strukturwandel, die Rolle der Familie im Kontrast zum aufkommenden Individualismus und die Kritik an der ungleichen Verteilung der Lasten durch den neuen Staat.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Verga durch seine realistische Darstellung der Fischerfamilie Malavoglia die Schattenseiten des Fortschrittsmythos entlarvt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext in den historischen und sozialgeschichtlichen Kontext der Epoche einbettet und durch soziologische Perspektiven ergänzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit inhaltlich behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung (Risorgimento und Verismo) sowie eine tiefgehende Untersuchung der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kritikpunkte im Roman.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Verismus, Sozialdarwinismus, Fiumana del progresso und Ideale dell'ostrica zusammenfassen.
Welche Funktion hat das "ideale dell'ostrica" in Vergas Werk?
Es fungiert als Schutzstrategie der Armen: Nur durch striktes Festhalten an traditionellen Familienwerten und dem angestammten Heimatort können sie versuchen, dem zerstörerischen Sog des Fortschritts zu entgehen.
Warum ist die Figur des Wucherers so entscheidend für die Argumentation des Autors?
Der Wucherer wird als Personifikation des destruktiven Kapitalismus gedeutet, der die moralische Integrität der Dorfgemeinschaft untergräbt und so das Überleben der traditionellen Familienstrukturen gefährdet.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der neuen italienischen Staatsverwaltung?
Der Autor stellt fest, dass die neuen Gesetze und Steuererhöhungen im Süden zu einer Verarmung führten, die von der neuen administrativen Elite zugunsten ihrer eigenen plutokratischen Interessen vorangetrieben wurde.
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- Marla Rinwick (Author), 2013, Giovanni Vergas 'I Malavoglia'. Die Kritik an der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation des post-risorgimentalen Siziliens, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274016