Bekanntes und unbekanntes Judentum

Eine Einführung ins Judentum


Wissenschaftliche Studie, 2014
50 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Was Sie schon immer über das Judentum wissen wollten und nicht gewagt haben, zu fragen

2. Jüdische Feiertage

3. Jüdische Kultur

4. Kibbuzbewegung

6.Soziales Judentum

7. Jüdische Küche

8. Reformbewegung

9. Reformjudentum

10. Jüdische Flüchtlinge

Dieses Buch macht mit dem Judentum bekannt und kann als eine Einführung ins Judentum betrachtet werden. Es listet verschiedene Themen auf und hofft, dass jeder Leser hier etwas für sich findet.

Bald folgt der zweite Teil mit weiteren interessanten Themen.

1.Was Sie schon immer über das Judentum wissen wollten und nicht gewagt haben, zu fragen

Warum eine Kopfbedeckung?

Der Christ nimmt den Hut ab, wenn er die Kirche betritt.[1] Dieser Brauch ist vom Ablegen des Helms abgeleitet. Wer sich unter Freunden befindet, braucht keinen Helm. Diese Geste des Vertrauens wurde mit der Zeit eine Geste der Höflichkeit. Der Jude bedeckt seinen Kopf beim Gebet, beim Studium der Thora und beim Essen. Das ist aber keine Vorschrift der Thora, das ist ein Brauch, abgeleitet davon, dass Mose beim Anblick des brennenden Busches sein Gesicht bedeckt hat, wie wir es im zweiten Buch Moses lesen können (2 M 3,6). Die Kopfbedeckung ist also kein Schutzsymbol mehr (wie ein Helm), sondern ein Symbol der Hochachtung. Ursprünglich hatten nur die Priester beim Dienst im Tempel eine Kopfbedeckung. Erst im 13. Jahrhundert wird die Kopfbedeckung Pflicht für die Männer beim Gebet und beim Studium, zuerst in Frankreich und Deutschland, dann auch in anderen Ländern. Den Juden wurde oft das Tragen des sogenannten „jüdischen Hutes“ in deröffentlichkeit angeordnet, der Grund dafür war, dass sich die Juden von der christlichen Bevölkerung unterscheiden. Nach dem Rechtskodex von Josef Karo aus dem 16. Jahrhundert trägt der orthodoxe Jude bis heute eine Kopfbedeckung, der Reformjude nur bei den religiösen Handlungen.

Warum legt man Steine auf ein jüdisches Grab?

Im Judentum ist nur die Bestattung in die Erde erlaubt, also keine Einäscherung.[2] Das geht wahrscheinlich von dem Wunsch aus, dass die Lebenden mit den Toten immer in Verbindung bleiben. Wir wissen, dass Abraham nach Saras Tod in Hebron die Höhle Machpela gekauft hat und diese Familienbesitz und letzte Ruhestätte für Jizchak, Rebbeka, Jakob und Lea wurde. Auf vielen jüdischen Grabsteinen sehen wir Steinchen. Diese symbolisieren die Verbindung der Lebenden mit den Toten. Es ist ein Zeichen, dass die Lebenden die Toten nicht vergessen haben. Bei jedem Besuch legt man ein Steinchen auf den Grabstein. Dieser Brauch hat seine Wurzeln schon im Altertum. Nicht jedes Grab hatte damals einen Grabstein oder wurde mit einer Platte zugedeckt. Oft war die Grabstätte nur mit Haufen von Steinen zugeschüttet und Steine konnten sich mit der Zeit lockern – sei es durch Wind und Wetter, sei es durch Tiere. So war es ein Zeichen der Liebe, diesen Haufen von Steinen wieder zurechtzumachen. Deshalb geben wir noch heute Steinchen auf einen jüdischen Grabstein.

Warum Sarg ohne Schmuck?

Einfaches Holz, ohne Lack, ohne Schmuck – in einem solchen Sarg wird ein Jude begraben.[3] Nicht immer war es so. Wie wir im Talmud im Traktat K'tubot 8b lesen können, war einst das Begräbnis für die Hinterbliebenen wegen der finanziellen Kosten oft schlimmer als der Tod des Verwandten selbst. So haben sie den Toten einfach liegen gelassen und sind weggelaufen. Rabban Gamliel hat für sich ein einfaches Begräbnis verlangt und wirklich, als er gestorben war, wurde er nur ins Leinenkleid eingehüllt zum Grab getragen. Bis heute wird ein Jude in einen Kittel aus Leinen gehüllt und die Männer noch in Tallit (Gebetsschal) mit entfernten Zizit (Fransen). So werden die Sozialunterschiede aufgehoben. Im Tod sind wir alle gleich. In Israel benutzt man bis heute keinen Sarg, nur wenn es sich die Familie ausdrücklich wünscht. Am Boden des Grabs ist eine Platte aus Stein.

Sind Menora und Davidstern jüdische Symbole?

Israel hat zwei Symbole: die Menora, den siebenarmigen Kerzenständer als Staatssymbol und einen blauen sechszackigen Stern auf der Flagge. Die Menora stellt den Lebensbaum dar und man trifft dieses Symbol in der Synagoge oder auf dem Friedhof schon in der Antike. Dasselbe gilt auch für den sechszackigen Stern, aber nur als Ornament, nicht als Staatssymbol. Viele Synagogen haben dieses Symbol auf den Fenstern und seit dem 17. Jahrhundert ist der Davidstern das häufigste jüdische Symbol in den Synagogen, auf den Friedhöfen, auf den Kultgegenständen und den Stempeln der jüdischen Gemeinden. Die Nazis haben die Juden gezwungen, einen gelben Davidstern zu tragen als Hohn dem nationalen Symbol gegenüber.

Was bedeutet der Name „Jude“?

Jude, griechisch: Ioudaios, lateinisch: Judaeus, wird vom hebräischen Wort Jehuda (Juda) abgeleitet.[4] Juda ist der vierte Sohn von Lea, der ersten Frau des Stammvaters Jakob, und später der Stammvater des vierten von den zwölf Stämmen Israels. Wer im Gebiet des Stammes Juda gelebt hat, wurde Judäer genannt. David herrschte über „Israel und Juda“ (2 Sam 3,10; 24,1), das bedeutet, über 10 Stämme im Norden und 2 Stämme im Süden (Juda und Benjamin). Nach dem Tod Salomons zerfällt das Reich in zwei Staaten: das Reich Israel (mit der späteren Hauptstadt Samaria) und das Reich Judea (mit der Hauptstadt Jerusalem). In Judea wurde „judäisch“ gesprochen, die Gelehrten haben auch aramäisch gesprochen. Judäisch bedeutet hebräisch, wobei interessant ist, dass die Bezeichnung „hebräisch“ in der Tora nicht vorkommt. Was bedeutet das Wort „Juda“ und damit der Name „Jude“? Jehuda wird vom Stamm j-h-d abgeleitet, das bedeutet „loben, danken“. Den Namen hat Lea gewählt und sie hat diese Wahl damit erklärt, dass sie Gott danken will, Gott loben will. Später existierte auch eine aramäische Abkürzung - Jehud.

Kann man Jude werden?

Es gibt viele Wege zu Gott und der jüdische Weg ist einer von vielen, aber nicht der einzige.[5] Man muss nicht Jude sein, um Gottes Gegenwart zu spüren. Das Judentum übt keine Missionstätigkeit aus. Von jedem Menschen erwartet man die Abwendung vom Polytheismus und Zuwendung zu einem einzigen Gott, was mit dem Erfüllen der Grundforderungen der menschlichen Ethik verbunden ist. Es sind die sogenannten sieben Gesetze von Noah. Diese verbieten Götzerei, Unzucht, Mord, Verzehren des Fleisches eines lebendigen Tieres, Lästerung und Diebstahl und verordnen die Rechtsstaatlichkeit. Falls der Nichtjude nach diesen Grundforderungen lebt, gilt für ihn das Wort der Weisen: „Die Frommen aus den Völkern der Erde haben Anteil am zukünftigen Leben.“ (Hilchot m'lachim 11,14). Der Jude hat es um 613 Gebote schwieriger, aber nicht besser. Das Judentum ist aber gegen die Andersgläubigen großzügig und kann ihnen das Tor zum eigenen Glaubenöffnen. Deshalb ist es möglich, Jude zu werden und so automatisch auch zur jüdischen nationalen Gemeinschaft zu gehören. Als Beispiel gilt hier die Moabitin Ruth, die Urgroßmutter von König David. Im Unterschied zum Christentum ist aber das Judentum eine nationale Religion mit Universalzügen.

Wie kann man Jude werden?

Wer Jude werden möchte, muss über die Richtigkeit seiner Absicht überzeugt sein.[6] Es ist nicht möglich, auf Probe Jude zu werden. Der Übertritt wegen dem zukünftigen jüdischen Partner wurde in der Vergangenheit abgelehnt, heute ist es möglich, aber es ist kein wünschenswerter Grund. Niemand ist gleich aufgenommen, denn den Übertritt muss man gründlich vorbereiten. Außer der ehrlichen Absicht sind die Voraussetzungen: viel Studieren, die Grundlehre des Judentums, die religiösen Vorschriften sowie die Grundgeschichte Israels kennen zu lernen. Die Theorie muss man mit der Praxis verbinden, deshalb nimmt der Kandidat schon vor dem Übertritt am Leben der jüdischen Gemeinde aktiv teil und es ist wünschenswert, dass er die Synagoge besucht. Am Ende der Vorbereitung wird der Mann beschnitten, dann vor dem Rabbinergericht (Bejt Din) geprüft und dann muss er im Ritualbad (Mikwe) untertauchen. Bei den Frauen ist es die Prüfung vor dem Rabbinergericht und das Untertauchen im Ritualbad. Damit wird man Jude und diesen Schritt kann man nicht mehr zurücknehmen.

Wie kann ein Jude Rabbiner werden?

Jeder Jude kann Rabbiner werden, in den letzten Jahrzehnten kann in den konservativen und reformen Gemeinschaften auch jede Jüdin Rabbinerin werden.[7] Aber im Unterschied zu den katholischen Priestern gehören Rabbiner nicht zum Priesterstand. Die Priester – Kohanim – werden es durch die Geburt, wenn sie zum Stamm Levi gehören. Der Rabbiner studiert jahrelang in einer Talmudschule oder in einem Rabbinerseminar und dann wird er vom Kollegium der Rabbiner zum Rabbiner ordiniert. Diese Ordination heißt Smicha – übersetzt: das Auflegen der Hände. Diese Geste wurde lange Zeit praktiziert. Heute wird der Rabbiner ernannt und er bekommt das Recht zu lehren und zu richten.

Was ist ein Kaftan und ein Schtreiml?

Der Kaftan ist ein langer Mantel, den die chassidischen Juden bei den festlichen Gelegenheiten anziehen.[8] Er kommt ursprünglich aus Persien. Von dort ist er ins Otomanische Reich gekommen und dann weiter nach Polen, Rumänien, Ungarn und Russland. Im Orient ist der Jude im Kaftan nicht auffällig, weil alle Männer einen langen gestreiften Mantel tragen, aber er ist in Osteuropa und im Westen auffällig. Mit diesem langen Mantel wird er als frommer Jude identifiziert, und deshalb bezeichnet man den Kaftan als „jüdische Bekleidung“. Zum Kaftan gehört ein breiter Seidengürtel. Symbolisch soll er den oberen und den unteren Teil des Körpers trennen, also den reinen Teil, wo sich Herz und Verstand befinden, und den unreinen Teil. Der Schtreiml ist ein Hut mit einem breiten Rand, der Rand kann mit bis zu dreizehn Zobelschwänzen geschmückt werden. Der Schtreiml stammt aus Osteuropa und bis zum 18. Jahrhundert gehörte er zur Tracht des Adels. Unter dem Schtreiml trägt ein Chassid noch eine schwarze oder weiße Kippa.

Warum existiert kein jüdischer Papst?

Der Papst ist als die höchste Autorität in der Lehre und dem Recht nur in einer Kirchenordnung möglich, die nach dem Rang strukturiert ist.[9] Das Judentum ist „demokratisch“, die religiösen Entscheidungen erfolgen nach dem Mehrheitsprinzip. So war es schon in der Antike. Im Staat Israel amtieren zwei Oberrabbiner, einer für den aschkenasischen Teil der Bevölkerung, einer für den sephardischen Teil. Die Oberrabbiner haben ein Gremium zur Hand. Beide gewählten Oberrabbiner sind Staatsangestellten, sie haben ihren Eid dem Präsidenten des Staates Israel abgelegt. Ihre Entscheidungen betreffen aber nur die Rabbiner innerhalb des Staates Israel. Es existiert also keine rabbinische Hierarchie. Jeder Rabbiner außerhalb des Staates Israel ist nur seiner Gemeinde gegenüber verantwortlich. Jeder Rabbiner ist autonom und in jedem Fall ist er eine Autorität für seine Gemeinde. Das Judentum kennt keine Vertretung vor Gott. Mose selbst war kein Vertreter, sondern Interpret der göttlichen Mitteilung, die er ebenso angenommen hat wie das ganze Volk. Was für Mose gegolten hat, gilt um so mehr für den Oberrabbiner.

2. Jüdische Feiertage

Zuerst muss man sagen, dass im jüdischen Kalender mehrmals „ein neues Jahr“ vorkommt. Es ist der Monat Nisan als Anfang des religiösen neuen Jahres. In der Vergangenheit wurde von diesem neuen Jahr auch die Regierung der Könige gezählt. Weiter ist es der 1. Tischri als Rosch HaSchana (Kopf des Jahres), davon zählt man die Jahre – seit der Erschaffung der Welt sind wir heute (2014) im Jahr 5774. Des Weiteren ist es das „Neujahr der Bäume“ – Tu biSchwat (15. Schwat) – man feiert die erste Ernte in Israel und an diesem Tag ist es üblich, vor allem von sieben Arten zu essen, mit denen wir das Land Israel feiern (zwei Getreidearten: Gerste und Weizen und fünf Obstarten: Trauben, Feigen, Dateln, Oliven und Granatäpfel)[10].

Rosch haSchana – Neujahr - dauert zwei Tage, man betrachtet diesen Feiertag als einen langen Tag. Davon rechnet man die Jahre. Dieser Tag hat nach der Tradition mehrere Bedeutungen. Vor allem ist es der Tag der Erschaffung der Menschheit. An diesem Tag feiert man den Geburtstag des ersten Menschen Adam.[11] Rosch haSchana nennt man auch Jom haDin (Tag des Gerichts), weil laut der Meinung einiger Rabbiner Gott an diesem Tag alles richtet, was er erschaffen hat. Der weitere Name für diesen Tag ist Jom haSikaron (Tag der Erinnerung an die Opferung Jizchaks) und Jom T'ruha (Tag des Schofarblasens).

Alle mit diesem Tag verbundenen Bräuche sind wichtig, um zu sichern, dass das neue Jahr gut ist. Zu Rosch haSchana hat das Essen eine besondere Bedeutung. Alles, was man zu Rosch haSchana isst, hat eine lange Tradition. Man isst Chala (Weissbrot) in der runden Form – ein Symbol des Zyklus', der ohne Anfang und ohne Ende ist. Das übrige Jahr hindurch wird Chala in der Form der geflochtenen Striezel gebacken. Man taucht Chala in Honig. Durch seine Süßigkeit wünschen wir uns ein süßes neues Jahr. Man isst auch in Honig getauchte Äpfel – dieselbe Symbolik. Als Symbol der Fruchtbarkeit isst man Fisch, vor allem Karpfen und es werden auch Fischköpfe auf traditionelle Weise zubereitet - man wünscht einander, dass wir am Kopf und nicht am Schwanz sind (also vorne und nicht hinten). An diesem Feiertag isst man auch Granatäpfel, diese symbolisieren einen Wunsch, nämlich dass das neue Jahr fruchtbar und verdienstvoll wird. Außer dieser Speisen isst man auch Rind- oder Hühnerbrühe und Fleisch und das Essen endet mit den Süßigkeiten. Was den Wein betrifft, ist es Brauch, einen süßen weißen Wein zu trinken.

Außer Essen gibt es auch einen speziellen Gruß für diesen Tag. Wir wünschen einander „Schana towa” (gutes Jahr) oder „leschana towa tikatewu wetechatemu” (seien Sie für ein gutes Jahr eingeschrieben und besiegelt). Dieser Wunsch kommt aus dem Talmud (aus dem Traktat Rosch haSchana 6b), wo man sagt, dass an diesem Tag Gott beim Gericht drei Bücher aufmacht: Ein Buch für die Sünder, eins für die Gerechten und das dritte Buch für die Menschen zwischen diesen zwei Gruppen. Die Gerechten werden für das nächste Jahr zum guten Leben eingeschrieben, die Sünder werden zum Tod verurteilt. Das Urteil über die Menschen, die dazwischen sind, kommt erst am Jom Kippur. In der Zeit zwischen Rosch haShana und Jom Kippur haben also diese Menschen noch Zeit, die schlechten Taten zu bereuen. Diese Menschen werden dann ins dritte Buch eingeschrieben und wenn sie sich bewähren, werden sie unter die Lebenden eingeschrieben und wenn nicht, dann unter die Toten. Diese Tradition führt dazu, dass man zu Rosch haSchana nicht nur Schana towa wünscht, sondern auch den zweiten Wunsch. Den gleichen Grund hat dann der Wunsch am Jom Kippur „Gmar chatima towa” (sei dein gutes Schicksal besiegelt).

Das weitere Spezifikum des Festes Rosch haSchan ist Schofarblasen. Schofar ist ein Widderhorn und erinnert an die Opferung von Jizchak, statt ihm wurde ein Widder geopfert.Das Schofarblasen sollen sowohl Männer als auch Frauen hören.

Am ersten Tag von Rosch haSchana – falls er kein Schabbat ist – sagen wir am Fluss oder am Wasser, wo Fische leben, das Gebet Taschlich: Symbolisch werden wir den Sünden los und werfen sie ins Wasser – dabei kehrt man die Taschen um und sagt ein passendes Gebet.

Auch das Gebet zu Rosch haSchana hat mehrere Besonderheiten, beispielweise das Gebet Avinu malkenu (auf Deutsch: Unser Vater, unser König) oder Unetane tokef (auf Deutsch: Wir wollen die Macht der Heiligkeit des Tages schildern).

Die Tage zwischen Rosch haSchana und Jom Kippur sind die Bußtage. Da haben wir die letzte Möglichkeit, uns mit den Menschen zu versöhnen, damit Gott auch uns am Jom Kippur unsere Sünden vergibt.

Jom Kippur - der Versöhnungstag - ein strenger Fasttag. Die Bedingungen für das Fasten sind, dass man nicht badet, man trägt keine Lederschuhe, der Geschlechtsverkehr ist verboten und man benutzt keine Kosmetik. Dieser Tag ist der einzige Fasttag, den die Tora erwähnt. Es ist das Fasten von Essen und Trinken und dauert 25 Stunden. Diese Pflicht gilt für alle Juden. Am Abend vor dem Fasten isst man eine feierliche Mahlzeit (Seudat Mafseket genannt).

Gleich nach Jom Kippur beginnt man mit dem Bauen der Sukka für das Fest Sukkot (Laubhüttenfest). Diese Feiertage symbolisieren die Unbeständigkeit der Behausung, worin die Israeliten während des Wanderns durch die Wüste wohnen mussten. Die Sukka baut man zum Beispiel auf einem Balkon, wenn darüber kein anderer Balkon ist. Das Dach ist wichtig – es muss aus einem „unfesten“ Material sein, beispielsweise aus Zweigen und man muss durch das Dach den Himmel sehen. Während Sukkot ist es Pflicht, in der Sukka zu sein – wenigstens dort zu essen, wenn man dort wegen des Wetters nicht schlafen kann. Diese Pflicht gilt nicht für die Frauen. Das weitere Symbol dieser Feiertage sind die sogenanten Arbaa Minim – vier Arten, mit denen man Freude ausdrückt. Diese vier Arten sind das Symbol der Einheit Israels und es sind:[12]

1. Etrog: eine Zitrusfrucht. In dieser Frucht verbinden sich Duft und Geschmack. Ähnlich sind in Israel Menschen, die die Tora studieren und gute Taten ausführen.
2. Lulav: ein Palmzweig. Er bringt Früchte, aber duftet nicht. In Israel gibt es auch Menschen, die die Tora studieren, aber keine guten Taten ausführen.
3. Hadas: eine Myrte. Sie duftet, aber hat keinen Geschmack. In Israel gibt es Menschen, die gute Taten ausführen, aber die Tora nicht studieren.
4. Arava: eine Weidenrute. Sie ist ohne Geschmack und ohne Duft. Ähnlich gibt es in Israel Menschen, die ungebildet sind und auch keine guten Taten ausführen.

Deshalb soll Israel eine Gemeinschaft bilden, damit die Verdienste der Einen die Versöhnung der Sünden der Anderen gewinnen.

Der siebte Tag heißt Hoschana Raba – man macht sieben Mal Gang durch die Synagoge mit den vier Arten. Der achte Tag ist Schemini Azeret (der Schlusstag) – an diesem Tag liest man in der Synagoge das Buch Kohelet. Abends beginnt dann das Fest Simchat Tora (Fest der Torafreude). Nach dem Abendgebet nimmt man alle Torarollen aus dem Aron Hakodesch (Toraschrein) und geht mit ihnen siebenmal durch die Synagoge – das symbolisiert die Torafreude. Zu Simchat Tora endet der Jahreszyklus der Lesung aus der Tora und man beginnt wieder von Anfang an, von Bereschit.

Ein weiteres Fest ist Chanukka (Lichterfest), es beginnt am 25. Kislev. Es ist ein nachbiblisches Fest zum Gedenken an das Wunder, das in der Zeit geschehen ist, als die Griechen die Juden gezwungen haben, ihren Glauben aufzugeben. Als die Griechen den Tempel entweiht haben (im Jahre 165 v. u. Z.), ist nur ein kleines Gefäß mitöl übrig geblieben und diese Menge hat so lange gebrannt, bis man das neueöl erzeugt hat. Dieses Fest feiert den geistigen Sieg der Israeliten über die Griechen.[13] Die Makkabäer wollten in ihrem Kampf die Werte und Praxis der jüdischen Tradition bewahren. Zu Chanukka zündet man jeden Abend einen neunarmigen Kerzenständer – die sogenannte Chanukkia. Die Zahl der Kerzen steigert sich jeden Tag, man beginnt mit einer Kerze am ersten Abend, dann am zweiten Abend sind es zwei Kerzen usw. Am achten Abend zünden wir alle acht Kerzen an. Die neunte Kerze ist der sogenannte „Diener“ (Schames), damit zündet man die Kerzen an (also nicht mit Streichhölzern). Der Kerzenständer soll an einem Ort stehen, wo man ihn von draußen sehen kann, beispielsweise auf dem Fensterbrett. Während die Kerzen brennen, singt man Lieder oder man spielt Gesellschaftsspiele. Spezielle Speisen zu Chanukka sind solche, wozu man vielöl benutzt (Krapfen, Latkes – das sind Kartoffelpuffer usw.). Das erinnert an das Wunder mit demöl.

Im Monat Adar ist das Fest Purim. Purim ist auch ein nachbiblisches Fest und die Handlung spielt in Persien.[14] Das Fest erinnert an den Sieg der Juden über die, die nach ihrer Vernichtung strebten – also über Haman und seine Leute. Die Ereignisse passierten in den Jahren 369-356 v. u. Z. und wir können darüber im Buch Esther lesen. Der Name des Feiertages kommt vom Wort Pur – Los. Durch dieses Los wurde entschieden, an welchem Tag alle Juden ermordet sein sollten. Dank der Königin Esther ist es aber nicht passiert. Das Symbol dieses Feiertages ist die physische Befreiung der Israeliten. Man liest das Buch Esther – Megillat Esther. Die Frauen haben auch die Pflicht, Megillat Esther zu hören. Mit Purim sind fünf Gebote verbunden:

1. das Lesen des Buches Esther
2. Geschenke schicken – Mischloach Manot (Lebensmittel, die man direkt essen kann, wenigstens zwei Arten)
3. Geschenke an Bedürftigen – Matanot la-Evjonim (Geld)
4. Nachmittags veranstaltet man das Festessen
5. man soll fröhlich sein.

Im religiösen Jahr ist das erste Fest im Monat Nisan Pessach Dieses Fest erinnert an die Befreieung der Juden aus der ägyptischen Sklaverei und ihren Weg in die Freiheit. Es dauert acht Tage (in Israel sieben Tage).

Das Fest hat mehrere Namen – je nach der Bedeutung, die wir ihm geben. So nennt man es auch Chag haMatzot (Fest der ungesäuerten Brote), Chag haAviv (Frühlingsfest) oder Zman Cherutenu (Zeit unserer Befreiung). Pessach beginnt am 15. Nisan. Zu den Hauptmerkmalen gehört, dass wir Gesäuertes (Chametz) weder essen noch besitzen dürfen. Pessach feiert man vor allem in der Familie – am Vorabend ist der sogenannte Seder – also das gemeinsame Essen, der Ablauf richtet sich aber genau nach der Pessach - Hagada (Pessach – Erzählung) und damit ist das inkludierte Essen auch eine religiöse Tat. Am ersten Pessachabend muss man Matzot (ungesäuerte Brote) essen.

Erwähnen wir aber auch die modernen Gedenktage, die wir heute im jüdischen Kalender finden. Am Anfang des Monats Ijar ist es Jom haZikaron – der Gedenktag an die Opfer des Holocaust (4. Ijar) und einen Tag später Jom haAtzma'ut – der Tag der Unabhängigkeit – der Gründung des Staates Israel (5. Ijar). Ende des Monats dann Jom Jeruschalajim – die Wiedervereinigung Jerusalems 1967 nach neunzehnjähriger Teilung der Stadt (28. Ijar). Der Ostteil der Stadt wurde 19 Jahre von Jordanien besetzt.

Am 50. Tag nach Pessach sind Schawuot (Wochenfest, auf Hebräisch im Plural). Auch diese Feiertage haben mehrere Bezeichnungen: Schawuot (Wochenfest), Zman Matan Toratenu (Zeit des Schenkens unserer Tora), Chag haKazir (Fest der Ernte) oder Jom haBikurim (Tag der ersten Früchte). Welche Traditionen sind mit diesem Fest verbunden? Man schmückt die Synagoge mit grünen Zweigen. Es ist Brauch, Milchspeisen zu essen. Zu Schawuot liest man das Buch Ruth.[15]

Im jüdischen Kalender finden wir aber nicht nur Feiertage, es gibt hier auch Fasttage. Außer dem schon erwähnten Jom Kippur ist es der 9. Av (Tischa beAv) als Fasttag und Trauertag. Man erinnert sich an die Zerstörung beider Tempel. Das Fasten dauert 25 Stunden, man darf nichts essen und trinken. In der Synagoge sitzt man auf niedrigen Stühlen (das symbolisiert das Trauern) und abends liest man in der Synagoge Ejcha (Klagelieder von Jeremiah) und am nächsten Tag die sogenannten Kinot (Klagelieder). Zum Brauch gehört, dass man den Friedhof besucht.

Der sich am häufigsten wiederholende Feiertag im jüdischen Kalender ist aber der Schabbat (der siebte Tag der Woche).[16] Wie und wo feiern wir Schabbat? Schabbat feiern wir vor allem in unserer Familie. Wir brauchen aber auch die Gemeinschaft der anderen Menschen, so feiern wir ihn auch in der Synagoge. Diese gibt uns das Gefühl der Zusammengehörigkeit mit anderen Juden.

Der Schabbat beginnt am Freitag Abend nach dem Sonnenuntergang und endet am nächsten Tag, wenn die Nacht beginnt, also wenn man am Himmel drei Sterne sehen kann. Die Vorbereitung für den Schabbat beinhaltet das Kochen, das Aufräumen, auch Baden und Anziehen der frischen Kleider. Für die Nichtjuden verbindet sich der Begriff Schabbat vor allem mit dem Verbot der Arbeit für die Juden. Der Grundgedanke aber ist, dass man die Welt am Schabbat so lassen soll, wie sie aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen ist – also die Welt durch physische oder geistige Arbeit nicht verändern.

Zu Hause ist alles schon vorbereitet, das Essen gekocht, der Tisch feierlich gedeckt. Auf dem Tisch steht ein Kerzenständer mit den Schabbatkerzen. Es ist die Pflicht der jüdischen Frau, die Kerzen anzuzünden. Es müssen wenigstens zwei Kerzen sein. Nach dem Anzünden der Kerzen beginnt für die Frau der Schabbat. Der Mann geht mit den Kindern in die Synagoge und wenn er nach Hause kommt, singt man zuerst das Lied „Schalom alejchem malachej hasharejt”. Das ist der Gruß an die Schutzengeln, die den Menschen nach Hause begleiten. Nachher singt der Mann zur Ehre seiner Frau das Lied „Eschet chajil” – das 31. Kapitel aus den Sprüchen Salomons. Der Hausherr macht dann den Kiddusch, spricht also den Segen über Wein und Brot. Nach dem rituellen Händewaschen und nach dem Essen von Brot (auch Barches oder Chala genannt) beginnt das Festessen. Das Festessen wird mit dem Gebet nach dem Essen - Birkat hamazon - beendet. Am Schabbat Vormittag geht man in die Synagoge, wo nach dem Gottesdienst ebenfalls ein Kiddusch gemacht wird. Der Nachmittag dient dann dem Ausruhen, dem Treffen mit Verwandten oder Freunden usw. Nach dem Nachmittagsgebet isst man wieder zusammen – es ist „Seuda schlischit“, meistens isst man nur etwas Kleines wie Fisch, Brot, Obst. Sobald man am Himmel drei Sterne sehen kann, endet der Schabbat und man macht zum Schluss Havdala (Trennung). Mit diesem Ritual trennt man den Schabbat von den Wochentagen. So, wie wir uns am Schabbat mit dem Gruß „Schabbat schalom“ (ruhigen, friedlichen Schabbat) begrüßen, so begrüßen wir uns nach dem Schabbatende mit „Schawua tow“ (gute Woche).

[...]


[1] Gradwohl, R.:Frag den Rabbi. Stuttgart: Calwer Verlag, 1995, S. 11.

[2] a. a. O., S. 12.

[3] a. a. O., S. 65.

[4] a. a. O., S. 18.

[5] a. a. O., S. 19.

[6] a. a. O., S. 20.

[7] a. a. O., S. 64.

[8] a. a. O., S. 14.

[9] a. a. O., S. 50.

[10] Stern, Marc: Svátky v životě Židů. Praha: Vyšehrad, 2002, S. 149.

[11] a. a. O., S. 57-60.

[12] a. a. O., S. 111-127.

[13] a. a. O., S. 130.

[14] a. a. O., S. 157.

[15] a. a. O., S. 207-2012.

[16] a. a. O., S. 35-51.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
Bekanntes und unbekanntes Judentum
Untertitel
Eine Einführung ins Judentum
Autor
Jahr
2014
Seiten
50
Katalognummer
V274040
ISBN (eBook)
9783656762058
ISBN (Buch)
9783656762065
Dateigröße
648 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judentum, Einführung
Arbeit zitieren
Eva Saunders (Autor), 2014, Bekanntes und unbekanntes Judentum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274040

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