Obwohl Christa Wolf betonte, ihr „Grundthema“ sei „nicht die Teilung Deutschlands“, sondern die Frage „Wie kommt es, daß Menschen auseinandergehen müssen?“ wurde ihre Erzählung „Der geteilte Himmel“ dennoch häufig ausschließlich unter dem gesellschaftspolitischen Gesichtspunkt rezensiert. Auch die Erzählung „Die Geschwister“ von Brigitte Reimann, die im gleichen Jahr wie „Der geteilte Himmel“ erschien, stellte damals eine der bedeutendsten literarischen Umsetzungen des Problems dar. Doch inwiefern gleichen und unterscheiden sich die beiden Erzählungen inhaltlich? Wie kommt es zum Konflikt und der anschließenden Entzweiung und wie gehen die Figuren mit der Trennung um?
Um diese Fragen beantworten zu können, soll in einem ersten Schritt herausgearbeitet werden, was die beiden männlichen Protagonisten, Manfred in „Der geteilte Himmel“ und Uli in „Die Geschwister“, zur Flucht in den Westen treibt. Dazu muss zunächst geklärt werden, aus welcher Perspektive die beiden Figuren dargestellt sind. Anschließend sollen Manfred und Uli vergleichend charakterisiert und infolgedessen ihr Werdegang, die Ausbildung und ihre Einstellung zur Arbeit genauer untersucht werden. Auch das Verhältnis zu ihren Eltern und die davon geprägte Einstellung zum Sozialismus und der Partei müssen als mögliche Faktoren für die Entscheidung zur Flucht
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Darstellung von Manfred und Ulrich in den Erzählungen
3. Wie kommt es zur Entscheidung zur Republikflucht?
3.1. Werdegang, Ausbildung und Arbeit
3.2. Das Verhältnis zu den Eltern, zum Sozialismus und der Partei
4. Wie kommt es zur Entzweiung?
4.1. Zerwürfnis zwischen den Geschwistern Uli und Elisabeth
4.2. Trennung von Manfred und Elisabeth in „Der geteilte Himmel“
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht vergleichend die Darstellung der Republikflucht und deren Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen in den DDR-Erzählungen „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf und „Die Geschwister“ von Brigitte Reimann. Das primäre Ziel ist es, die Beweggründe der männlichen Protagonisten für ihre Fluchtabsichten sowie die Reaktionen der weiblichen Erzählerinnen auf diese existenzielle Entzweiung herauszuarbeiten.
- Analyse der beruflichen und ideologischen Motive für die Republikflucht
- Vergleich der männlichen Protagonisten Manfred und Uli hinsichtlich ihrer Arbeitseinstellung
- Untersuchung des Einflusses politischer und familiärer Hintergründe auf die Fluchtentscheidung
- Darstellung der emotionalen Konflikte und Entzweiungsprozesse innerhalb der Partnerschaften und Geschwisterbeziehungen
Auszug aus dem Buch
3.1. Werdegang, Ausbildung und Arbeit
Uli ist zum Zeitpunkt der Erzählung 25 Jahre alt, ein Jahr älter als seine Schwester Elisabeth. Sie beschreibt ihn zu Beginn als einen sehr attraktiven, intelligenten und erfolgreichen jungen Mann.
Er ist schön, der schönste Junge, den ich kenne. Er ist klug, viel klüger als ich. Er hat sein Abitur mit Auszeichnung gemacht. Er ist der Beste in seiner Seminargruppe. Die Mädchen laufen ihm nach. Er ist stark ein gewandter Sportler […].8 Nicht nur sein Abitur hat Uli mit Auszeichnung bestanden, auch sein Studium absolviert er hervorragend und schließt das Diplom mit der Note „sehr gut“ ab. Nach seinem Abschluss hat Uli fest mit einem sehr guten, anspruchsvollen und seinen Fähigkeiten entsprechenden Arbeitsplatz als Schiffsbauingenieur gerechnet. Aufgrund der Hilfstätigkeit bei einem republikflüchtigen Professor im vierten Semester wird er dort jedoch abgelehnt.
Als Uli mit Elisabeth über die Gründe spricht, warum er die DDR verlassen will, wird seine Frustration über diese Enttäuschung deutlich: „ […] Mit der Ablehnung fing es an. Dann kam die Enttäuschung über die Arbeit auf der Neptunwerft. Ich bin eine Art Konstruktionszeichner, nicht mehr. Dazu habe ich also studiert, dazu habe ich mein Diplom … Ich will selbständig arbeiten, verstehst du das, ich will Schiffe entwerfen. Ich verblöde. Und dann mein Herr Vorgesetzter …“ […] „Er war mein Kommilitone. Er hat bloß mit Drei bestanden. Aber er ist Genosse, und nur seinem Parteibuch verdankt er den Job.“9
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung kontextualisiert die Teilung Deutschlands und die Fluchtbewegung aus der DDR als zentrales Thema zeitgenössischer Literatur, wobei die Zielsetzung und Methodik des Vergleichs dargelegt werden.
2. Darstellung von Manfred und Ulrich in den Erzählungen: Dieses Kapitel beleuchtet die erzählperspektivische Einbettung der männlichen Protagonisten Manfred und Uli sowie ihre Rolle innerhalb der jeweiligen Romangeschehnisse.
3. Wie kommt es zur Entscheidung zur Republikflucht?: Hier werden die biografischen, beruflichen und ideologischen Gründe analysiert, die die Hauptfiguren in die Resignation und schließlich zur Fluchtentscheidung treiben.
4. Wie kommt es zur Entzweiung?: Das Kapitel untersucht die emotionalen Zerwürfnisse in den Beziehungen, fokussiert auf das Geschwisterverhältnis bei Reimann und die Partnerschaft bei Wolf.
5. Fazit: Die Schlussbetrachtung fasst die wesentlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Werke zusammen und bewertet die verschiedenen Formen der Trennung.
Schlüsselwörter
Republikflucht, DDR-Literatur, Christa Wolf, Brigitte Reimann, Der geteilte Himmel, Die Geschwister, Soziale Entzweiung, berufliche Selbstverwirklichung, Sozialismus, SED, Fluchtmotiv, Geschwisterbeziehung, DDR-Alltag, literarischer Vergleich, ideologischer Konflikt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert und vergleicht die literarische Auseinandersetzung mit der Republikflucht aus der DDR in zwei bedeutenden Erzählungen des Jahres 1963.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Analyse behandelt?
Im Zentrum stehen die Motive der Flucht, das Spannungsfeld zwischen beruflicher Anerkennung und ideologischer Anpassung sowie die Zerstörung zwischenmenschlicher Beziehungen durch politische Rahmenbedingungen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, wie sich die männlichen Protagonisten in ihrem Wunsch nach Flucht gleichen oder unterscheiden und wie die weiblichen Erzählinstanzen diese Entzweiungsprozesse verarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird für den Vergleich verwendet?
Es handelt sich um einen literaturwissenschaftlichen Textvergleich, der sowohl inhaltliche Motive als auch erzählperspektivische Aspekte beider Romane gegenüberstellt.
Was wird primär im Hauptteil der Arbeit untersucht?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Fluchtursachen (biografisch und politisch) sowie eine tiefgehende Analyse der persönlichen Entzweiung zwischen den betroffenen Paaren und Geschwistern.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Republikflucht, Selbstverwirklichung, sozialistische Ideologie, Entzweiung und das Spannungsverhältnis zwischen individuellem Glück und staatlicher Vorgabe.
Welche Rolle spielen die Elternfiguren bei der Entscheidungsfindung von Manfred und Uli?
Die Eltern werden als Vertreter einer bürgerlichen, oft als opportunistisch wahrgenommenen Generation beschrieben, was bei den Söhnen eine Ablehnung gegenüber dem elterlichen Lebensmodell und dem damit verbundenen gesellschaftlichen System hervorruft.
Wie unterscheidet sich das Ende der beiden Erzählungen bezüglich der Trennung?
Während Uli in „Die Geschwister“ letztlich in der DDR verbleibt und eine Versöhnung angedeutet wird, führt der Bau der Berliner Mauer in „Der geteilte Himmel“ zu einer endgültigen, physischen und ideologischen Zementierung der Trennung zwischen Rita und Manfred.
- Arbeit zitieren
- Sabrina Rutner (Autor:in), 2012, Republikflucht und Folgen für die DDR-Literatur. Ein Vergleich von Christa Wolfs „Der geteilte Himmel“ mit Brigitte Reimanns „Die Geschwister“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274089