Michael Walzers Pfad der Interpretation und die Frage der Zuwanderung in politische Gemeinschaften


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Walzers Wege der Moralphilosophie
2.1 Der Pfad der Entdeckung
2.2 Der Pfad der Erfindung
2.3 Der Pfad der Interpretation
2.4 Zwischenergebnis zur moralphilosophischen Methode Walzers

3. Mitgliedschaft und Zuwanderung in politischen Gemeinschaften
3.1 Faktische Zuwanderung und die Grenzen staatlicher Steuerung
3.2 Fremde und Gefährten
3.3 Kriterien der Mitgliedschaft in heterogenen liberalen Gesellschaften

4. Schlussfolgerungen

5. Literatur

1. Einleitung

In der sich globalisierenden Welt von heute stehen die Nationalstaaten vielen Problemen gegenüber, die sie allein und innerhalb ihrer Grenzen nicht mehr lösen können. Wirtschaftskrisen, Umweltprobleme oder Migrationsströme betreffen die ganze Welt. Da aber die Nationalstaaten nach wie vor die bestimmende politische Instanz sind, die letztlich Entscheidungen fällen und politisch handeln, hat es nach wie vor die höchste Bedeutung wie sie mit diesen Problemen umgehen. Das heißt auch, dass die moralischen Vorstellungen der Bürger und Bürgerinnen der einflussreichsten Staaten in der Welt in besonderer Weise darüber entscheiden, wie und ob die globalen Problemlagen politisch bearbeitet werden. Michael Walzer sieht als Kommunitarist auch gar keine Alternative dazu, so lange es noch keinen Weltstaat gibt. Jede politische Gemeinschaft hat das Recht über alle sie betreffenden Fragen selbst zu entscheiden. Und da diese Gemeinschaften zurzeit die Nationalstaaten sind, ist ihre Perspektive die politisch entscheidende.

In dieser Hausarbeit wird Walzers moralphilosophischer Ansatz sowohl methodisch als auch am Beispiel der Zuwanderungspolitik politischer Gemeinschaften inhaltlich kritisch analysiert. Zunächst wird an Hand seines Werkes „Kritik und Gemeinsinn“ seine favorisierte moralphilosophische Methode herausgearbeitet. Für ihn gibt es drei Pfade der Moralphilosophie, die Entdeckung, die Erfindung und die Interpretation. Letzteren hält er für den angemessenen Weg, Moralphilosophie zu betreiben.

Nach der Zusammenfassung seiner Argumentation zur Methode werden einige von Walzers Argumente aus dem Kapitel „Mitgliedschaft und Zugehörigkeit“ aus seinem Buch „Sphären der Gerechtigkeit“ dargestellt und kritisch analysiert. In diesem Teil wird vor allem herausgearbeitet, welche blinden Flecke und Probleme Walzers Behandlung der Immigration aufweist.

Am Ende der Arbeit soll zum einen deutlich werden, ob Walzers moralphilosophischer Umgang mit Immigration das kritische Potential seiner Methode der Interpretation ausschöpft, und zum anderen, ob und inwieweit sein methodischer Ansatz, eine allein auf eine politische Gemeinschaft bezogene Moralphilosophie zu betreiben, zu einem befriedigenden Umgang mit Grenzen überschreitender Migration führt. So soll möglichst deutlich werden, wo die Grenzen des kritischen Potentials von Walzers Methode der Interpretation liegen.

2. Walzers Wege der Moralphilosophie

2.1 Der Pfad der Entdeckung

Walzer stellt in seinem Buch „Kritik und Gemeinsinn“ drei Wege der Moralphilosophie vor. Er nennt sie die Pfade der Entdeckung, der Erfindung und der Interpretation. Er selbst favorisiert den Pfad der Interpretation.1

Eine neu entdeckte Moral ist dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht mit den bisher herrschenden moralischen Ver- und Geboten in Verbindung steht. Walzer vergleicht sie mit der Entdeckung eines neuen Landes und betrachtet göttliche Offenbarungen als typisch für diesen Pfad:

„Die moralische Welt [die neu entdeckt wurde] ist wie ein neuer Kontinent. Und der religiöse Führer (Gottes Diener) ist wie ein Entdecker, der uns die neue Botschaft von der Existenz dieses Kontinents und die erste Karte von seiner Gestalt und Ausdehnung überbringt.“2

Ein Charakteristikum dieses Weges ist seine radikale Kritik an der herrschenden Moral, die sich aber in dem Moment, in dem die neue, offenbarte Moral von der politischen Gemeinschaft angenommen wird, erschöpft:

„Eine Offenbarungsmoral wird immer in scharfem Gegensatz zu unseren überlieferten Vorstellungen und Praktiken stehen. Das mag sehr wohl ihr Hauptvorzug sein. Doch dieser Vorzug ist notwendigerweise nur kurzlebiger Natur. Sobald nämlich die Offenbarung einmal angenommen und die neue moralische Welt besiedelt worden ist, hat sie ihre kritische Spitze verloren.“3

Derselbe Faktor, der der neu entdeckten Moral ihr kritisches Potential gab, nämlich die göttliche Autorität, nimmt sie ihr im Moment ihres Erfolges wieder. Jeder Kritiker der neuen moralischen Ordnung sieht sich jetzt dem Vorwurf ausgesetzt, gegen die göttliche Ordnung zu opponieren. Kritik ist nur noch im Rahmen dieser Ordnung möglich oder durch eine neue Moral, die abermals den Anspruch stellt, die jetzt herrschende zu verdrängen.

Die entdeckte Moral muss keine religiöse sein, auch wenn Walzer das Konzept der Entdeckung mit dem Beispiel der Offenbarung sehr eng verknüpft. Auch Philosophen können eine neue Moral entdecken. Der Philosoph, der diesen Weg geht, muss sich allerdings los reißen „von seinen Sonderinteressen und Kirchturmloyalitäten“4. Er muss einen Standpunkt einnehmen, der sich außerhalb der Gesellschaft befindet und aus dessen Perspektive er sie kritisieren kann. Ob es für einen Menschen möglich ist, einen solchen völlig ungebundenen Standpunkt einzunehmen, bezweifelt Walzer allerdings.5

2.2 Der Pfad der Erfindung

Eine Moral zu erfinden heißt für Walzer, eine moralische Welt zur konstruieren, in der alle Beteiligten bereit sind, zu leben, egal welche Position sie in ihr einnehmen.6 Dieses Ziel bedarf eines Konstruktionsverfahrens, das die Zustimmung aller betroffenen Personen zum Ergebnis ermöglicht.7 Ein solches Verfahren stellt beispielsweise Rawls Schleier des Nichtwissens dar.

Wie auch der Pfad der Entdeckung bietet der der Erfindung die Möglichkeit, eine völlig neue Moral ins Spiel zu bringen, die mit der bisher herrschenden Moral nichts verbindet. Im Falle des Rawlschen Schleier des Nichtwissens wählt der erfindende Philosoph die Vernunft als Leitstern seiner Konstruktion. Er fragt sich beständig, was würden die Menschen für eine herrschende Moral wählen, wenn sie nicht wüssten, welche Position sie in der politischen Gemeinschaft einnehmen werden. Würden sie die Sklaverei befürworten, wenn sie selbst Sklave sein könnten? Vernünftiger Weise würden sie die Sklaverei ablehnen und so auch alle Regeln oder Verhältnisse, die verhindern würden, dass ein Teil der Mitglieder dieser Gemeinschaft sich frei nach ihren eigenen Bedürfnissen entfalten können.

Eine Moral, die auf diesem Weg konstruiert wurde, hat in etwa dieselben Folgen wie eine entdeckte Moral. Sie bietet denjenigen, die sie überzeugt, einen Maßstab um die herrschende Moral zu kritisieren, aber in dem Moment, in der sie selbst tatsächlich zu herrschenden Moral wird, würde sie ihre kritische Spitze verlieren.

Walzer sieht diesen Weg sehr kritisch. Er vergleicht die Menschen hinter dem Schleier des Nichtwissens mit einer Gruppe von Reisenden, die in einem für sie alle unbekannten Hotel für eine Weile gezwungen werden zusammenzuleben und in dieser Zeit dem Wissen um ihre Herkunft und Werte beraubt werden. Der einzige Zweck der Regeln, die sie nun aushandeln müssen, ist ihr Zusammenleben zu organisieren an dem ihnen unbekannten Ort. Das Ergebnis dieses Prozesses ist für Walzer aber dann auch nur in dieser konkreten Situation anwendbar:

„Männer und Frauen hinter einem Schleier des Nichtwissens, denen man alle Kenntnisse ihrer eigenen Lebensweise geraubt hat und die gezwungen sind, mit anderen ähnlich beraubten Männern und Frauen zusammenzuleben, werden vielleicht […] einen modus vivendi (er)finden: keine Lebensweise, sondern eine Überlebensweise. Aber auch wenn diese der einzig mögliche modus vivendi für diese Leute unter solchen Bedingungen ist, so folgt daraus keinesfalls, daß sie auch eine allgemeingültige Rechnung darstellt.“8

Walzer vergleicht den Verlust der eigenen Werte und Handlungsweisen, worunter er auch die Sprache, in der Werte gesellschaftlich verkörpert sind9, versteht, mit dem Verlust eines Zuhauses.10 Wenn es in dem Beispiel nicht nur um eine Handvoll Leute ginge, sondern eine ganze Gesellschaft hinter dem Schleier des Nichtwissens eine neue Moral erfinden würde, dann hätte sie, sobald der Schleier fiele und sich alle Menschen wieder erinnern würden an ihre Werte, Handlungsweisen und Sprache, keinen Grund mehr, sich an die gerade konstruierte Moral zu halten. Vielmehr würden sie wieder zu ihrer vertrauten Moral zurückkehren wie ein Reisender der nach Hause zurückkehrt.11

Es gibt aber auch eine weniger radikale Möglichkeit des Pfades der Erfindung. Walzer nennt ihn den minimalistischen Pfad. Hierbei wird nicht von allen Werten und Prinzipien einer Gesellschaft abgesehen, sondern nur von Gefühlen wie persönlichem Ehrgeiz und Vorteilsstreben:

„Wie lassen also alles Wissen über unsere Stellung in der Gesellschaft sowie unsere privaten Verbindungen und Verpflichtungen fahren, aber diesmal nicht unser Wissen um die Grundwerte […], die wir teilen. Wir möchten also die moralische Welt, in der wir leben, zwar durchaus von innen, aber von ‚keinem bestimmten Standpunkt‘ innerhalb dieser Welt beschreiben.“12

In dieser Version wird nicht etwas radikal Neues konstruiert, sondern von den gegebenen Idealen einer Gesellschaft ausgegangen. Die Moral dieser Gesellschaft wird zum Maßstab des moralischen Philosophierens. Dementsprechend kann das Ergebnis dieser minimalistischen Erfindung nicht so radikal sein, wie das der nicht-minimalistischen Erfindung. Es handelt sich bei diesem Weg eher um eine „Reflexion über das Vertraute, als ein Wieder(er)finden unseres eigenen Zuhauses“13. Dieser vertraute Ausgangspunkt kann für eine Gesellschaft, die sich in der Praxis von ihren eigenen Idealen zu sehr entfernt hat, eine empfindliche Kritik bereitstellen, einen Umsturz der Moral wie im Falle einer göttlichen Offenbarung ist aber ausgeschlossen.

2.3 Der Pfad der Interpretation

Wenn man vom minimalistischen Pfad der Erfindung absieht, haben alle bisher von Walzer ins Spiel gebrachten Methoden der Moralphilosophie gemeinsam, dass sie etwas radikal Neues entdecken oder erfinden und damit eine Opposition zur herrschenden Moral begründen. Außerdem ziehen beide Pfade ihre kritische Kraft aus der Distanz zur politischen Gemeinschaft.14

Der Pfad der Interpretation steht dem entgegen. Denn er geht von der herrschenden Moral aus und versucht aus einer innergesellschaftlichen Perspektive heraus das kritische Potential der Moralphilosophie auszuloten. Die These ist dabei:

„daß weder Entdeckung noch Erfindung notwendig sind, weil wir bereits über das verfügen, was sie uns zu beschaffen versprechen. […] Wir müssen die moralische Welt nicht erst entdecken, da wir immer schon in ihr gelebt haben. Wir brauchen sie nicht zu erfinden, weil sie bereits erfunden wurde -wenngleich nicht gemäß irgendeiner philosophischen Methode. Kein Konstruktionsverfahren wachte über ihren Aufbau, und das Ergebnis ist zweifellos unstrukturiert und ungewiß.

[...]


1 Walzer 1990, S. 11.

2 Walzer 1990, S. 12.

3 Walzer 1990, S. 12f.

4 Walzer 1990, S. 13.

5 Walzer 1990, S. 14f.

6 Walzer 1990, S. 20.

7 Walzer 1990, S. 19.

8 Walzer 1990, S. 23.

9 Walzer 1990, S. 22.

10 Walzer 1990, S. 23.

11 „Warum sollten neu erfundene Prinzipien das Leben von Menschen bestimmen, die bereits eine gemeinsame Moral und Kultur teilen und eine gemeinsame natürliche Sprache sprechen?“ Wir würden „uns noch nach unserem Zuhause sehnen, das wir einst hatten, an das wir uns aber nicht mehr erinnern können. Wir würden uns nicht moralisch daran gebunden fühlen, beständig in dem von uns entworfenen Hotel zu leben.“ Walzer 1990, S. 23f.

12 Walzer 1990, S. 25.

13 Walzer 1990, S. 26.

14 Vgl. zur Distanz beim moralphilosophischem Argumentieren: Walzer 1990, S. 46 ff und S. 79.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Michael Walzers Pfad der Interpretation und die Frage der Zuwanderung in politische Gemeinschaften
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Methodenfragen der politischen Theorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
22
Katalognummer
V274242
ISBN (eBook)
9783656668961
ISBN (Buch)
9783656668947
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
michael, walzers, pfad, interpretation, frage, zuwanderung, gemeinschaften
Arbeit zitieren
Andreas Wiedermann (Autor), 2014, Michael Walzers Pfad der Interpretation und die Frage der Zuwanderung in politische Gemeinschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274242

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