Frauenfiguren in Franz Kafkas „Der Proceß“ im historischen Kontext


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Die allgemeine Situation der Frauen um 1900
2.1 Die Frau als Naturwesen und der Mann als Kulturrepräsentant
2.2 Welche Frauenbilder gibt es in der Gesellschaft?

3. Das Frauenbild in „Der Proceß“
3.1 Genauere Analyse von drei Frauenfiguren
3.2 Frauen bei Kafka im Kontext der Zeit
3.3 Herr K.'s Beziehung zu den Frauen und ihre Macht

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Wenn man sich mit den Werken Kafkas beschäftigt, fällt es sehr schwer, die Frauenfiguren, die er zum Leben erweckt, nicht näher zu betrachten. Wie in nahezu jedem Werk zu finden ist, das sich mit Franz Kafkas Leben beschäftigt, hatte er ein schwieriges Verhältnis zu Frauen. Oft wird in der Fachliteratur über den Einfluss der Frauen in Kafkas Leben auf seine Werke diskutiert. Auch bei dem Roman „Der Proceß“ haben Literaturwissenschaftler immer wieder biographische Parallelen gezogen. Sicherlich ist das ein interessantes Themenfeld.

Meine Hausarbeit wird sich allerdings mit einem anderen faszinierenden Aspekt in „Der Proceß“ beschäftigen. Selbst ohne umfangreiche Analyse fällt beim Lesen des Romans schnell auf, dass viele der weiblichen Charaktere sicherlich nicht dem typischen Frauenideal entsprechen, das um 1900 vorherrschend war. Daher liegt es nahe, sie in den historischen Kontext einordnen zu wollen.

Damit das gelingt, widme ich den ersten Teil meiner Hausarbeit erst einmal ausschließlich dem Frauenbild um 1900. Die Fülle an Theorien über die Weiblichkeit, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts aus dem Boden sprossen, sei es von Schopenhauer, Möbius oder Weininger, war ganz enorm. Aus heutiger Sicht gelesen, muten diese Werke geradezu als reaktionär an. Es scheint nicht einfach nur die eine weibliche Hälfte der Menschheit beschrieben zu werden. Es kommt einem vielmehr so vor, als würden die Theoretiker in der Frau eine vollkommen fremde Spezies sehen. Die in den Werken geschilderten Ansichten sind aber in der damaligen Zeit vielfach anerkannt und werden so auch propagiert. Allein der dringende Bedarf an Erklärungen zur Weiblichkeit zeigt schon an, dass die Frau ein Mysterium war, für die ganz andere Regeln galt als für den Mann.

Um mir einen Überblick über dieses „Mysterium“ zu verschaffen, möchte ich ganz allgemein zunächst generell auf die Situation der Frau um die Jahrhundertwende eingehen und knapp darstellen, wie ihre gesellschaftliche und rechtliche Stellung war. Genauer möchte ich im Anschluss daran das Verständnis, das zu dieser Zeit über Frauen bestand, aufzeigen und halte es in diesem Zusammenhang auch für hilfreich, die Geschlechterrollen von Mann und Frau, wenn auch nur am Rande, voneinander abzugrenzen.

Außerdem möchte ich die unterschiedlichen moralischen Frauenrollen, in die man unterteilte, darstellen. So möchte ich herausfinden, wie sich die „ideale Frau“ verhielt und welche Art an Verhalten man als moralisch bzw. als unmoralisch ansah. An dieser Stelle möchte ich aber betonen, dass die Rolle der Frau in ihrer Umgebung auch stark von ihrer sozialen Herkunft abhing. So möchte ich darauf hinweisen, dass viele moralische Konventionen, die im Kleinbürgertum und Bürgertum herrschten, in dieser Art nicht für die Arbeiterklasse galten. Man kann also nicht pauschal von einem Rollenideal sprechen, sondern muss differenzieren.

Der zweite Teil der Hausarbeit soll sich nun mit den Frauenfiguren in Kafkas Roman beschäftigen. Ich habe mich dafür entschieden, drei Frauenfiguren, die mir in diesem Zusammenhang besonders auffällig erschienen, näher zu untersuchen. Hier möchte ich nah am Roman arbeiten und Verhaltensweisen und Äußerungen der Frauen interpretieren. Dadurch sollte sich jeweils ein deutliches Bild des jeweiligen Charakters abzeichnen, das anschließend mit dem historischen Frauenbild verglichen werden kann. Dadurch hoffe ich herauszufinden, inwieweit die Frauen in Kafkas Roman dem historischen Bild entsprechen bzw. nicht entsprechen und wie sie sich bezüglich moralischer Konventionen verhalten. Da mir bei meiner Recherche über das damalige Frauenbild aufgefallen ist, dass es um 1900 sehr viele Versuche zur Verwissenschaftlichung der Geschlechterrollen gibt, natürlich ausschließlich aus männlicher Perspektive, die die Ungleichheit von Mann und Frau beweisen wollten, meist mit dem Anspruch, die Unterlegenheit der Frau wissenschaftlich zu belegen, möchte ich auch untersuchen, ob die Frauen Josef K. tatsächlich unterlegen sind.

Vorweg möchte ich aber noch etwas einwerfen. Obwohl Kafka aus dem österreichischen Kaiserreich stammt, bezieht sich der überwiegende Teil meiner historischen Informationen bezüglich der sozialen Gepflogenheiten der verschiedenen Klassen, auf das Deutsche Kaiserreich. Die Unterschiede dürften aber trotzdem lediglich gering gewesen sein, zumal Kafka als Angehöriger des jüdischen Mittelstandes der deutschen Kultur sehr nahe gewesen sein wird.

2. Die allgemeine Situation der Frauen um 1900

Obwohl die industrielle Revolution, die in Deutschland in den 1850er Jahren begann, Modernisierung und Fortschritt in vielen Bereichen mit sich brachte, gibt es längst noch keine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Das Rollenideal in der bürgerlichen Familie war unumstößlich, der Mann hatte die Rolle des Versorgers, die Frau kümmerte sich um Haushalt und Kinder. Das Familienmodell war patriarchisch, der Mann war das Familienoberhaupt und die Frau stand unter ihm. Auch politisch war sie benachteiligt. Frauen war es nicht erlaubt, zu wählen, und Zugang zu höherer Bildung war erschwert. Gesellschaftlich und rechtlich besonders stark benachteiligt wurden ledige Mütter und ihre Kinder.[1] Auch die Moralvorstellungen ließen den Männern mehr Freiräume als den Frauen. Auch unverheiratete Männer konnten ihre Sexualität frei ausleben, was einer Frau natürlich strikt untersagt war.

Es gab zwar bereits eine Frauenbewegung, die sich gegen die zahlreichen Benachteiligungen zur Wehr setzte, diese konnten sich zu diesem Zeitpunkt der männlichen Macht gegenüber aber noch nicht erfolgreich behaupten.

Den juristischen und gesellschaftlichen Diskriminierungen waren zwar Frauen aller sozialen Schichten ausgesetzt, dennoch unterschied sich das Frauenbild der verschiedenen Klassen teilweise stark voneinander. Durch den Wandel von überwiegend landwirtschaftlich geprägter Gesellschaft zu einer Industriewirtschaft verlagerten sich auch die räumlichen Arbeitsbereiche der Menschen. Während der Mann in der Regel einer Tätigkeit außerhalb des Hauses nachging, war die Frau durch Haushalt und Kinder ans Haus gebunden. Allerdings war es in der Arbeiterklasse sehr weit verbreitet, dass die Frau auch einer bezahlten Arbeit, oft auch von zu Hause aus, etwa als Schneiderin oder Wäscherin, oder in Fabriken, nachging, da der Lohn ihres Mannes zum Versorgen der Familie selten ausreichend war. Es ging also allein um das Überleben der Familie.

Im Bürgertum waren berufstätige Frauen zunächst unüblich. Entweder wurden sie durch das Elternhaus versorgt oder später durch den Ehemann. Im Kleinbürgertum änderte sich das allerdings zur Jahrhundertwende immer mehr. Auch hier wurde es in vielen Familien nötig, dass die Ehefrau bzw. die Tochter mit verdient. Typische Berufe der Kleinbürgerfrauen sind Sekretärin, Verkäuferin und Pflegekräfte.

Gemeinsam bleibt Angehörigen aller Schichten, dass, wenn sie arbeiten, sie typischen Frauenberufen nachgehen und von der männlichen Berufswelt weitgehend isoliert bleiben. Das Vordringen in die männliche Arbeitswelt empfanden viele Männer als Bedrohung und hießen es daher nicht gut.

2.1 Die Frau als Naturwesen und der Mann als Kulturrepräsentant

Wie bereits angedeutet, gab es eine strikte Rollenverteilung und auch festgefahrene Ansichten bezüglich der Unterschiede der Geschlechter.

Während der Mann die Kultur repräsentierte, man ihm Attribute wie Verstand, Moral und Rationalität zuschrieb, sah man die Frau als Naturwesen an, das sich durch „Irrationalität, Launenhaftigkeit, animalische[n] Trieb, Emotionalität, Unberechenbarkeit und das Fehlen jeglicher intelligibiler Fähigkeiten“[2] auszeichnet. Man nahm an, dass sie ihren Trieben ausgeliefert sei und somit reine Sexualität, auf die allein sie reduziert wurde, verkörperte. Von dieser wurde sie nach pseudowissenschaftlicher Ansicht vollkommen ausgefüllt, nicht wie der Mann, der sich nebenher auf gesellschaftliche und intellektuelle Dinge besinnen konnte.[3] Ihre Bestimmung war also „Begattung und Fortpflanzung.“[4] Eine individuelle Persönlichkeit wurde ihr damit vollkommen abgesprochen, es ging sogar soweit, ihr Seelenlosigkeit zu unterstellen.[5] All dies führte nun zu der Schlussfolgerung, dass die Frau als Verkörperung niedrigster Triebe auch intellektuell absolut unterlegen sei. Der Mann war also nicht nur Repräsentant der Kultur, sondern auch alleiniger Erschaffer dieser, dem jeglicher Fortschritt zu verdanken war.

Auch aufgrund ihrer körperlichen Eigenschaften, der Fähigkeit Kinder zu gebären und großzuziehen, oft unter schweren gesundheitlichen Opfern sah man sie als der Natur nahestehend an und erklärte so auch ihre Position als Hausfrau und Mutter als naturgegeben.

Auf dieser Grundlage ließen sich nun zahlreiche Behauptungen aufstellen, und die bereits existierenden Rollenvorstellungen, die im nächsten Kapitel näher erläutert werden sollen, konnten gefestigt und wissenschaftlich begründet werden.

[...]


[1] Vgl. Haefs, Gabriele und Gille, Klaus 1994: 11ff

[2] Catani, Stephanie2005: 69

[3] Weininger, Otto 1905: 112

[4] Ebenda: 112

[5] Vgl. ebenda: 240 ff

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Frauenfiguren in Franz Kafkas „Der Proceß“ im historischen Kontext
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Germanistik)
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V274332
ISBN (eBook)
9783656670940
ISBN (Buch)
9783656670858
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frauenfiguren, franz, kafkas, proceß, kontext
Arbeit zitieren
Katrin Rüttger (Autor), 2013, Frauenfiguren in Franz Kafkas „Der Proceß“ im historischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274332

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Frauenfiguren in Franz Kafkas „Der Proceß“ im historischen Kontext



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden