Romantik in der Postmoderne. Eine Untersuchung zu den Romanen „Der Alchimist“ und „Brida“ von Paulo Coelho


Bachelorarbeit, 2012

40 Seiten, Note: 2.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Romantik und ihre Merkmale
2.1 Romantische Gefühle
2.2 Philosophie
2.2.1 Fichtes Ich-Bewusstsein
2.2.2 Schlegels Progressive Universalpoesie
2.2.3 Romantische Ironie
2.3 Religion
2.4 Natur
2.5 Romantische Charaktere
2.6 Sprachkonzepte
2.7 Nachtseiten

3 Der Alchimist
3.1 Inhaltsangabe
3.2 Erzählstruktur
3.3 Romantische Gefühle
3.4 Natur
3.5 Religion
3.6 Das Phantastische
3.7 Empirisches und Transzendentales Ich

4 Brida
4.1 Inhaltsangabe
4.2 Erzählstruktur
4.3 Romantische Gefühle
4.4 Das Phantastische
4.5 Natur
4.6 Religion
4.7 Empirisches und Transzendentales Ich
4.8 Nachtseiten

5 Coelho - der Weltbestsellerautor
5.1 Coelho als Persönlichkeit
5.2 Romantikinder Postmodernen

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Heutzutage ist Romantik ein viel benutztes Wort. Vieles erscheint den Menschen romantisch wie z.B. einen Sonnenuntergang, ein Blumenstrauß oder ein Kuss. Manches hat für uns auch romantisch zu sein, damit es uns als wertvoll erscheint. Mit einem Heiratsantrag wird die Vorstellung verbunden, dass er romantisch ist. Er soll an einen besonderen Ort geschehen, unter besonderen Umständen und von einem „Ja" gekrönt sein, was auch schnell kitschig werden kann. Diese Begriffsbedeutung hat jedoch nichts mit dem Begriff Romantik zu tun, unter den diese Arbeit steht.

Der Begriff Romantik für die gleichnamige Epoche grenzt sich von der heutigen Verwendung ab und ist unter den damaligen gesellschaftlichen Umständen zu betrachten. Seine Bedeutung geht tiefer als der oberflächliche Gebrauch für liebevolle Gesten zwischen Liebenden. Er ist geprägt von einer universellen Auffassung der Welt und der Dinge, die sich in ihr befinden. Die Romantiker im Sinne von Literaten waren der Meinung, dass alles in der Poesie danach strebt, eins zu werden: Die Universalpoesie.

Doch wenn der Begriff sich bis heute gehalten hat, fragt sich, ob die Epoche Romantik auch noch vorhanden ist und inwieweit sie sich durchgesetzt hat. Dies soll exemplarisch an zwei Romanen von Paulo Coelho untersucht werden. Die Analyse bezieht sich auf sein bekanntes Werk „Der Alchimist" und auf den Roman „Brida". Zunächst werden dafür die Charakteristika der deutschen und europäischen Epoche der Romantik aufgestellt und betrachtet. Anschließend werden beide Romane auf wichtige Teilaspekte dieser Epoche hin analysiert. Im Vordergrund stehen die inhaltlichen Aspekte und weniger die sprachlichen, was zum einen auf den Umfang der Arbeit zurück zu führen ist und zum anderen darauf, dass in der Romantik im Sinn der Universalpoesie sprachliche Ausgestaltung in keiner bestimmten Form mehr eine Rolle spielt. Letztendlich soll beantwortet werden, ob die beiden Romane romantischer Natur sind.

Da „Der Alchimist" und „Brida" brasilianische Romane sind, stellt sich die Frage, ob die Charakteristika, die aus der Epoche der deutschen Romantik stammen, überhaupt auf diese anwendbar sind. Zunächst unterscheiden sich die gleichnamigen Literaturepochen zur selben Zeit in den Nachbarländern zwar teilweise und sind nicht unmittelbar vergleichbar, jedoch stellt die Epoche Romantik eine Ausnahme dar. Sie ist eine Epoche, die in der Literaturgeschichte immer wieder aufflammt und die aktuellen prägt. Ein bekanntes Revival der Romantik ist die 68er-Bewegung des 20.. Jahrhundert. Nachdem die Neue Sachlichkeit das Leben der Menschen beeinflusst hat, sehnten sich diese nach mehr Gefühl und Lebenssinn. Dies leistete die 68er-Generation durch ein Ausmaß an Gefühlsbetonung und Bewusstseinserweiterung. Die 68er-Bewegung fand international Anklang und somit wurde die Romantik für jeden zugänglich (vgl. Safranski 2007, S. 384 ff.).

Darüber hinaus wird die Analyse unter der Annahme durchgeführt, dass Luhmanns Theorie der Wahrheit entspricht. Da sich unsere Welt laut führenden Soziologen wie Luhmann (1997, S. 145-170 ) im Zeichen der Globalisierung befindet und nach seiner Ansicht sich jede Regionalgesellschaft zur Weltgesellschaft hin entwickelt, muss sich auch das kulturelle Subsystem einer Regionalgesellschaft den Kommunikationskodes des Systems Kultur und Literaturgeschichte auf globaler Ebene anpassen, um eingegliedert werden zu können. Für diesen speziellen Fall bedeutet es, dass im System Kultur und Literaturgeschichte universale Kodes für die Epoche Romantik vorhanden sein zu müssen, derer sich das jeweilige Subsystem, hier die brasilianische Literatur, auf dem Weg der Eingliederung bedient. Dies spiegelt schon das Wesen der Universalpoesie wider, sofern man dieses Konzept auf andere Zustände überträgt.

Zum Abschluss wird angerissen, wie Paulo Coelho zu seinem Status als Weltbestsellerautor kam und inwieweit dies mit aktuellen gesellschaftlichen Umständen zusammenspielt. Dieser Statuts wird mitunter durch die Persönlichkeit Coelhos bedingt sein, aber auch durch die Orientierungslosigkeit unserer Gesellschaft.

2 Romantik und ihre Merkmale

Die Romantik nimmt unter den deutschen und europäischen Literaturepochen eine besondere Stellung ein. Sie ist die Gegenbewegung zur Aufklärung und dennoch sind aufklärerische Züge stark erkennbar in den thematischen Aspekten und Inhalten. Der Fortschritt seht zu sehr im Mittelpunkt in der Aufklärung und die Romantiker möchten die emotionale Seite des Menschen wieder betonen. Thematisch entspringt die Romantik dem Sturm und Drang, der eine Fortsetzung der Aufklärung ist und diese um Gefühlserregungen erweitert.

Zeitlich lässt sich die Romantik schwer eingrenzen. Üblicherweise einigt man sich auf den Zeitraum von 1790 bis 1830 und selbst dieser Zeitraum ist noch einmal in Früh-, Hoch- und Spätromantik gliederbar. Die Frühromantik verläuft in einander über mit der Klassik und auch die Spätromantik ist nicht scharf trennbar von den Einflüssen anderer Epochen. Thematisch sind die einzelnen Teile der Epochen unterschiedlich geprägt an philosophischen, künstlerischen und geschichtlichen Ereignissen. Besonders hervorzuheben bleibt, dass die Romantik sich nicht als alleinige Literaturepoche versteht. In Verbindung stehen ebenso die Musik und Kunst, die maßgeblich Anteil an der Romantik haben und diese komplettieren. Die Basis dieses Zusammenspiel lässt sich später in der Philosophie Schlegels wieder finden lassen.

Zu den Hauptmerkmalen dieser Epoche zählen die romantischen Gefühle wie Liebe und Sehnsucht, das Phantastische, Natur, Religion, Philosophie und die Nachtseiten, die im Folgenden dargestellt werden. Zusätzlich werden typische romantische Charaktere so wie Motive und das Sprachkonzept thematisiert.

2.1 Romantische Gefühle

In der Aufklärung wurde alleine die Vernunft zur einzigen Losung und Erlösung erklärt. Der Fortschritt bestimmt ab dann das Leben der Menschen und alles war auf ein funktionierendes, nach der Wissenschaft korrektes Dasein ausgerichtet. Dies haben die Menschen als zu wenig empfunden und es entstand als Gegenbewegung die Romantik. Sie legte ihren Schwerpunkt auf die Gefühle des Menschen, räumt der Wissenschaft und Vernunft aber gleichzeitig ihre Berechtigung ein. Das größte unter den Gefühlen ist die Liebe, da sie schon zuvor im 18. Jh. eine große Rolle im Christentum und somit in der Existenz der Menschen spiele (vgl. Schulz 2008, S. 115). Schlegel charakterisiere an dieser Stelle die Liebe als Urmotiv, die sich als Zustand zwischen Chaos und Ordnung zu verstehen habe (vgl. ebd., S. 117). In ihr vereinigt sich das Gegensätzliche und erhebt sich zu einem erstrebenswerten Zustand, der ein dynamischer, unendlicher Prozess sei (vgl. ebd.). Der christliche Wesenszug an der romantische Liebe spiegelt sich in der Natur wider, dass sie das Ziel ist und die wichtigste Bedeutung hat. Doch auch in ihrer Symptomatik zeigen sich Elemente, die an das Christentum erinnern. Erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist das vermeintliche Kennen der Liebenden vor der ersten Begegnung und ihr Wiedersehen in Ewigkeit. „Liebe existiert vor aller Zeit und ist auf diese Weise absolut und unendlich." (ebd., S. 116)

In diesem Gefüge ist die körperliche Liebe nicht zu vernachlässigen. Novalis selbst habe die Erotik des Geistes und Sexualität untersucht, deren Erkenntnisse er in Klingsohrs Märchen verarbeitet habe, das in seinem „Heinrich von Ofterdingen" einen metaphorischen Platz einnimmt. Mit Hilfe der inzestuösen Liebe thematisiere er, wie durch die Verbindung mit der Liebe und dem neu entdeckten Ich-Bewusstsein in der Romantik sich zwanghafte Triebe1 die Bahn brächen (vgl. ebd., S.117). In Klingsohrs Märchen verführte die Hebamme Ginnistan Eros, indem sie die Gestalt seiner Mutter annahm.

Im Vordergrund der romantischen Liebe steht nicht sie selbst als geistige und/oder körperliche Liebe. Vielmehr fokussiert sich die Aufmerksamkeit auf die Suche und Sehnsucht nach der Liebe, nach dem Transzendentalem, wofür sie steht. Huch (1985, S. 228) beschreibt den Prozess als sich voneinander Losreißen und den zwanghaften Drang nach Wiedervereinigung als wahren Charakter der Liebe. Je größer die Zerrissenheit und der Mangel sei, desto größer sei auch die Liebe. Laut Blankenagel (1940) sei dieser Zustand das Hauptmotiv der Romantik. „Die eigentliche Seele der Romantik war unendliches Sehnen ohne Ziel Grenze oder Zweck." (Blankenagel 1940, S.330) Da dieser transzendentale Zustand nie zu erreichen ist, bleibt es bei der Sehnsucht nach diesem Zustand. Ausdruck findet dieser Vorgang in den Texten der Romantik oft in Form von Wanderliedern und in Märchen, die sich thematisch mit Fernweh und Reisen beschäftigen.

Neben diesen „romantischen Gefühlen" lassen sich auch viele negative Emotionen in der Romantik finden. Die Sehnsucht kann sich in einer Melancholie niederschlagen sowie in einer pathologischen Gefühlslosigkeit. Zu diesem Punkt wird im Unterkapitel romantische Charaktere näher darauf eingegangen.

2.2 Philosophie

Der Zeitgeist dieser Epoche bricht neue Bahnen auf und bezieht im Gegensatz zur Aufklärung die Gefühlswelt mit ein. Grenzen werden nun in einem anderen Maße überschritten. Es mündet in einem Ausdruck des Phantastischen. Ein Spiel mit dem Irrationalen, Unergründlichem und Unbewussten zieht sich durch die gesamte Epoche. Ausschlaggebend ist nicht mehr die Welt, die für uns erfahrbar ist, sondern die Welt, die aus unseren Gedanken und Ideen geboren werden kann. In diesem Zusammenhang thematisiert Fichte seine Gedanken zum Ich, insbesondere zum empirischen und transzendentalen Ich. Schlegel ist der Auffassung, dass diese Welt gleichzeitig unendlich ist und sich in einem großen Sinnzusammenhang wieder findet. Im Folgenden werden die Grundzüge ihrer Gedanken und das Gesamtresultat in Form der romantischen Ironie dargestellt.

2.2.1 Fichtes Ich-Bewusstsein

„[Johann Gottlieb, S.W.] Fichte hat die Deutschen Ich sagen gelehrt." ( 2008, S. 95) Anhand dieses Zitates ist erkennbar, dass Fichtes Erkenntnisse die Deutschen nachhaltig beeinflusst hat und sein zentraler Gedanke das Bewusstsein des eigenen Ichs gewesen ist. Für die damalige Zeit ist dieser Gedanke neu gewesen; bisher hatte man von sich selbst in der dritten Form gesprochen. Für Fichte sei die Welt in zwei Kategorien aufgeteilt gewesen, in das Ich und in das Nicht-Ich. Das Ich seien die bereits genutzten Erfahrungsmöglichkeiten, während das Nicht-Ich, die noch nicht erfahrenen, aber erfahrbaren widerspiegle (vgl. ebd., S. 96). Dies bedeutet, dass die Welt eine Welt aus verschiedenen Möglichkeiten besteht, die es für den Menschen zu nutzen gilt. Die Persönlichkeit ist nichts anderes als die Synthese der gemachten Erfahrungen. Des Weiteren nimmt Fichte an, dass jeder durch seine Gedanken sein eigenes Ich kreiere. Das Ich sei kein festes Konstrukt, sondern stetig in Bewegung, um sich mit den ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Wirklichkeit sei, die passende Alternative für das Ich aus den vorliegen herauszufiltern (vgl. Safranski 2007, S. 75ff.). Dies ist ein aktiver Schöpfungsakt, der nie vollendet ist und durch eigenes Erleben und Reflektieren begleitet wird. Diese Dynamik ist charakteristisch für die Epoche. Ferner spreche Fichte von zwei Ichs, dem empirischen und dem transzendentalen. Das eine sei die alltägliche, erfahrbare Welt und das andere mit der Einbildungskraft verbunden. Beide seien durch eine Bewusstwerdung und Selbstbestimmtheit miteinander verknüpft (vgl. ebd., S. 78). Das Individuum ist dazu aufgefordert, sich mit dem denkbaren Unmöglichen zu beschäftigen und ein aktiver Teil von diesem Ganzen zu werden. Das empirische Ich, das tätige und bewusste, soll sich zum transzendentalen, dem unbewussten und uneingeschränkten, hin entwickeln.

2.2.2 Schlegels Progressive Universalpoesie

Friedrich Schlegel veröffentlichte zur Zeiten der Frühromantik sein Athenäums-Fragment, das sich kritisch mit Literatur und Gesellschaft auseinandersetzen sollte. Zwar etablierte es sich nicht lange in den gebildeten Kreisen, profilierte dennoch maßgeblich den Beginn der Romantik. Besonders das 116. Fragment, in dem Schlegels Progressive Universalpoesie thematisiert wurde, ist ein Pflichtprogramm bei der Betrachtung der Romantik. Schlegel ist der Meinung, dass der Mensch in der Poesie Erlösung findet. Das Konzept seiner Universalpoesie soll dabei helfen Grenzen zu überbrücken. Hierbei beschränke sich Schlegel nicht nur auf die Poesie, sondern weist seine Universalpoesie auch als Universallösung aus, die das geteilte Leben wieder vereint und das vernetzte Denken fördert (vgl. Safranski 2007, S. 59 f.) Bei diesem Prozess werden grenzüberschreitende ergo transzendentale Erfahrungen gesammelt, die zu einem fortschrittlichen Zustand bzw. fortschreitenden Vorgang führen. Es ist ein nie endender Prozess.

Kaiser postuliert(2010, S. 23), dass der formale Aufbau des Fragments selbst Schlegels Meinung zur Poesie entspreche. Es sei im dauerhaften Prozess und nie ein Endprodukt, welches trotzdem auf das Ganze hindeute. Da das Fragment nur ein Bruchstück von etwas sein kann, muss es etwas geben von dem es nur ein Teil sein kann. Durch die Zusammensetzung mehrerer Fragmente kann es zu einem Endprodukt kommen. Da es aber in der Natur des Fragments liegt, ein Bruchstück zu sein, kann es nie etwas Ganzes sein.

2.2.3 Romantische Ironie

Ironie ist im Allgemeinen ein Spiel mit einer Botschaft, der zwischen den Zeilen eine anders gemeinte Botschaft beigemischt ist. Es muss nicht unbedingt das Gegenteil des Gesagten sein. Aus den beiden vorher beschriebenen philosophischen Konzepten setzt sich die romantische Ironie zusammen. Das Subjekt mit seinen transzendentalen Erfahrungen steht im Mittelpunkt dieser. Es ist dazu gehalten, immer wieder zu reflektieren. Das bedeutet nichts anderes als, dass man auch auf sich sich selbst zurück bezieht und dabei auf seine eigene Grenzen stößt. Unweigerlich wird der Mensch während der Bewusstwerdung seiner Selbst oder anderem feststellen, dass der Anteil an Unendlichkeit höher ist als der Teil an Wissen und dass es unmöglich ist, sich alles zu eigen zu machen(vgl. Safranski 2007, S. 63 ff.). Dieser ambivalente Zustand ist die romantische Ironie. Der Mensch kann sich einer Tatsache nie sicher sein, da er sie auch nie gänzlich erfassen kann. Somit ist alles von einem Geheimnis umhüllt, was sich im Spiel mit dem Phantastischen ausdrückt.

2.3 Religion

Die Rückkehr zum Mittelalter prägte die Romantik insofern, dass die Werte des Mittelalter wieder Beachtung fanden und somit auch das Christentum erneut in den Fokus der Aufmerksamkeit rückte. Durch die Aufklärung wurde die Abhängigkeit an die Kirche verteufelt, doch die Romantiker haben sich als Christen verstanden. Für sie habe die Welt aus Poesie, dem Erdverbundenem, und Philosophie, dem mit Gott Verwandtem, bestanden, das nur in der Religion verbunden werden könne, da die Religion selbst unergründlich sei und sie zur Gott führe(vgl. Blankenagel 1940, S. 327f.). An dieser Auffassung wird Schlegels Universalkonzept erkennbar. Nichts kann ohne einander und erfüllt einen bestimmten Zweck mit dem Ziel, der Unendlichkeit ein Stück näher zu kommen. Gott und Religion stehen stellvertretend für die Unendlichkeit. Bemerkenswert ist, dass in diesem Zusammenhang Religion und Philosophie in keinem Widerspruch stehen, sondern sogar zusammengehören. „Ohne Poesie wird die Religion dunkel, falsch und bösartig; ohne Philosophie wird sie verderbt und wollüstig bis zur selbst Entmannung." (ebd., S. 328) Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass, wie Schulz (2008, S. 97) feststellte, sich die Sprache der romantischen Philosophie an Empfindungen , Bilder und Vorstellung des Christentums wie Liebe, Schmerz, Passion, Universalität des Glaubens und Heilsgeschichte bedient.

Paradoxerweise hätten die Romantiker durch ihre Werke die Säkularisierung vorangetrieben (vgl. Schulz 2008, S. 94f.). Das ist so zu verstehen, dass die Romantiker in ihrer tiefen Ehrfurcht gegenüber dem Christentum in jeder Situation christliches Material entdeckten und verwerten wollten. Diese Inhalte wurden immer abstrakter gewählt und der Zusammenhang für den Leser war kaum nachvollziehbar, so dass es zu einer Entfremdung von der Religion kam. Die vermeintlichen christlichen Bezüge wurden immer weltenähnlicher und auch in Zusammenhang mit der Religion verständlich, was dazu führte, dass der Aspekt Religion gänzlich weggelassen wurde.

2.4 Natur

Ein weiteres zentrales Motiv der Romantik ist die Natur. Die Industrialisierung schreitet weiter voran und die Verstädterung nimmt zu. Daraufhin entwickle der Romantiker eine Affinität zur Natur, die ihm als lebendig im Gegensatz zum mechanisiertem Leben erscheine (vgl. Hoffmeister 1990, S. 184f.). Außerdem sei die Natur nach Tieck unsere Heimat, in der sich die Familie Mensch Zuhause befinde, da Gott in ihr überall sei (vgl. Schulz 2008, S. 101). Ferner verkörpert die Natur das romantische Sehnen, da sie stets im Werden sei, aber nie das Sein erreiche. In ihr finde sich das Göttliche und Vollkommene wieder. Sie erinnere den Menschen an seine eigene Göttlichkeit und vermittle ihm die Kraft, sie zu entdecken (vgl. Blankenagel 1940, S. 331). Schließlich stehe die Natur zwischen der Ewigkeit und Vergänglichkeit, die ähnlich der Liebe zum Transzendieren verleite. Der Mensch sei als geistige Natur ebenso diesem Dualismus aus Ewigkeit, Geschichte, Gesetzen, Regelmäßigkeiten, der Vergänglichkeit, aber immer weiter bestehendem Kreislauf und Fortschreiten unterworfen (vgl. Schulz 2008, S. 102).Dies schlägt sich nieder in Bilder und Motiven der Natur, die von Romantikern gerne benutzt werden, um den Menschen zum Phantasieren anzuregen. Das berühmteste Motiv ist Novalis' blaue Blume, die in Naturgestalt die Liebe Heinrichs darstellt, nach der er sich sehnt und wegen ihr zur Reise aufbricht.

2.5 Romantische Charaktere

Die romantischen Charaktere sind vielfältig in ihrer Ausgestaltung angelegt, doch haben sie eine gemeinsame Basis. Sie sammeln transzendentale Erfahrungen in ihrer empirischen Welt. Sie erleben Dinge und Situationen, die ihren Mitmenschen verschlossen bleiben und teilweise auf Unverständnis seitens der Gesellschaft stoßen. Ein Beispiel hierfür ist Chamissos Peter in „Peter Schlemihls wundersame Geschichte". Peter verkauft seinen Schatten an das Böse und wird fortan von sozialen Interaktionen ausgeschlossen, weil seine Umwelt ihm misstraut und Abstand von ihm nehmen möchte. Peters transzendentale Erfahrung macht ihn zum Außenseiter. Dies führt dazu, dass den romantischen Charakteren wegen ihren Erfahrungen mit dem Übernatürlichen ihre empirische Welt als unvollständig und lästig erscheint. Nach Schulz (2008, S. 105) hätten alle romantischen Charakter trotz ihrer Vielfalt dieses gemein. Sie würden enttäuschende Situationen erleben, in den sie resignieren, darauf der Welt entsagen und ihr entfliehen oder rebellieren und in selten den Willen zur Missionierung entwickeln. Aufgrund ihrer veränderten und sensibilisierteren Wahrnehmung der Welt würde sie eine Vielzahl an negativen Gefühlen wie Melancholie, Weltschmerz, Unrast und Zynismus begleiten. Dies resultiere in eine pathologische Gefühlslosigkeit bis hin zur Selbstzerstörung oder Zerstörung seiner Umwelt. Ebenso könne der Wunsch entstehen, die Welt zu erlösen. Die Protagonisten würden sich entweder als höher Privilegierte gegenüber der Gesellschaft betrachten und gegen sie rebellieren oder durch ihre innere Zerrissenheit ruhelos reisen sie durch die Welt, um ihre Sehnsucht zu stillen (vgl. Hoffmeister 1990, S. 167ff. u. S. 174f.). Somit ist der typische romantische Protagonist ein „von innerer Unruhe getriebene[r], melancholische^], desillusionierte[r], zeitkritische^] und sich durch die gängigen Menschen nicht mehr gebunden fühlende[r]" (Schulz 2008, S. 104) Charakter. Darüber hinaus ähneln die weiblichen Protagonisten ihren männlichen Kollegen. Entweder würden sie als unschuldige, romantische Liebe auftreten, die die Erfüllung aller Sehnsucht sei oder sie stellen die Femme Fatale dar, die ihre eigenen unerfüllten Sehnsüchte rächen wollen würde (vgl. Hoffmeister 1990, S. 178 ff.).

2.6 Sprachkonzepte

In der Romantik wird der Sprache ein besonderen Platz eingeräumt, da Sprache allgegenwärtig ist. So wie Novalis formulierte: „Der Mensch spricht nicht allein - auch das Universum spricht - alles spricht - unendliche Sprachen." (Schmitz-Emans 2007, S. 39f.) Alles hat ein Bedürfnis sich mitzuteilen, was auf unterschiedlichen Weisen geschieht. Der Ursprung der Sprache stecke in der Natur, die sich über Metaphern äußere. Metapher hätten einen wahrheitsgemäßen und offenbarenden Charakter, die auf das Unendliche, ergo Transzendentale, hinweisen würden, da dieses Unendliche unaussprechlich sei. Da jede Sprache auch einen metapherartigen Zug aufweise, lasse sich daraus schlussfolgern, dass Metaphern die Universalsprache bzw. der Anfang dieser seien (vgl. ebd., S. 40).

[...]


1 Die Verwendung dieser Wortwahl und dem Phänomen lassen auf die spätere Psychoanalyse von Freud schließen, die ihrem Ursprung nach in der Romantik fand.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Romantik in der Postmoderne. Eine Untersuchung zu den Romanen „Der Alchimist“ und „Brida“ von Paulo Coelho
Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg)
Note
2.3
Autor
Jahr
2012
Seiten
40
Katalognummer
V274361
ISBN (eBook)
9783656763130
ISBN (Buch)
9783656763147
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Romantik, Postmoderne, Paulo Coelho, Brida, Der Alchimist
Arbeit zitieren
Sara Weege (Autor), 2012, Romantik in der Postmoderne. Eine Untersuchung zu den Romanen „Der Alchimist“ und „Brida“ von Paulo Coelho, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274361

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