Indianer und Nationalstaat - Autonomiebestrebungen der Mískito in Nicaragua


Seminararbeit, 1999
14 Seiten, Note: 2+

Leseprobe

Inhalt

I. Einführung
1. Geographie
2. Geschichte der Mískito

II. Autonomieentwicklung der Mískito
1. Die Kolonialzeit
2. Das zwanzigste Jahrhundert
Der Einfluß der USA
MISURASATA gegen Sandinisten
Die YATAMA

III. Schluss
1. Heutige Situation
2. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Kartenverzeichnis

Anlage: Karte Nicaraguas mit Moskito-Küste

I. Einführung

Zum besseren Verständnis der heutigen Situation der Mískito halte ich es für notwendig, zunächst einen allgemeinen Überblick über die unter Punkt 1. genannten Bereiche zu schaffen, um dann mit der geschichtlichen Entwicklung näher auf die politischen Umstände, in die sich der Autonomieprozeß der Indianer unweigerlich einbindet, einzugehen:

1. Geographie

Die Mískito-Indianer (ca.150.000[1] ) leben an der Atlantikküste der Staaten Honduras und Nicaragua in Zentralamerika[2], ein Gebiet, welches auch Moskito-Küste, Mosquitia (engl.) oder Yapti Tasba (mískito) genannt wird. Die Moskito-Küste ist Teil des größten zusammenhängenden Regenwaldgebietes nördlich des Äquators. Dieses Gebiet ist aufgrund seiner geographischen Gegebenheiten (Jungle-/ und Sumpflandschaften) zu einem großen Teil nur mit Kanus über kleine Wasserwege bzw. über den Seeweg zu erreichen. Der Lebensraum der Mískito erstreckt sich heutzutage über einen etwa 65 km breiten und 360 km langen Küstenstreifen vom Süden Nicaraguas bis nach Honduras hinein[3].

In diesem Regenwaldgebiet und dem angrenzenden Karibischen Meer befinden sich zu ca. 80% die natürlichen Ressourcen (Bodenschätze, Hölzer, Meeresfrüchte) des gesamten Landes Nicaragua, so daß es vor allem in unserem Jahrhundert zu massiven Ausbeutungen dieser Ressourcen (und der als Tagelöhner angeheuerten Indianer) durch überwiegend ausländische - und hier insbesondere US-amerikanische - Firmen gekommen ist (s. Punkt 2).

2. Geschichte der Mískito

Hervorgegangen sind die Mískito-Indianer aus der Vereinigung von afrikanischen Gruppen mit Sumu-Indianern der Bawikha-Gruppe (Zimmer 1985:2). Sie sind als unter dem Namen Mískito erst seit Mitte des 17. Jahrhunderts bekannt[4].

Vor der Kolonialisierung betrieb die autochthone Bevölkerung seminomadische Subsistenzproduktion (Fischfang, Jagd, Ackerbau) und führte periodisch auch Kriege untereinander.

Die Mískito sprechen heutzutage Mískito, Creole-Englisch und Spanisch (in dieser Reihen­folge und Häufigkeit) (Lindig/Münzel 1978: 81). Ihre protestantische Religion geht auf den Einfluß amerikanischer und britischer Missionare der mährischen Kirche[5] im 19. Jahrhundert zurück; dadurch unterscheiden sie sich von der mestizischen Bevölkerung, die katholisch ist und ausschließlich Spanisch spricht.

Zusammen mit den Ethnien der Sumu (ca. 9000) und Rama (ca. 800) machen sie heute etwa 5% der indigenen Bevölkerung von Nicaragua aus (Burke 1995). Sie teilen sich den Lebensraum nicht nur mit den Sumu und Rama, sondern auch noch mit den Nachkommen eingewanderter Creoles[6] und der mestizischen Bevölkerung, die sie abfällig als Spaniards[7] bezeichnen.

II. Autonomieentwicklung der Mískito

1. Die Kolonialzeit

Die spanische Conquista, die mit Cortés um 1525 an die mittelamerikanische Atlantikküste vordrang, vermochte nach heftigen Kämpfen die Indianer an die unzugängliche Mosquitia zurückzudrängen, nicht aber sie zu versklaven oder auf andere Art zu indoktrinieren, so daß schon damals die Weichen für die autonome Haltung der Indianer gestellt wurden (Lindig/Münzel 1978:79).

Sie verbanden sich in der Folge zuerst mit den Seeräubern und Piraten, deren anarchistischer ´Gegenstaat´ in der Karibik im 17. Jahrhundert florierte und expandierte, denn deren feindliche Haltung gegenüber den Kolonialmächten - insbesondere gegenüber den Spaniern – wurde gerne von den Einheimischen unterstützt, indem sie den Piraten Zuflucht an der Küste boten und sie mit Nahrungsmitteln versorgten (Lindig/Münzel 1978:80).

Später stellten sich die Mískito auf ein Bündnis mit den Briten um und 1687 richtete der Gouverneur von Jamaika ein englisches Protektorat ein, dessen Stützpunkte sich vom heutigen Belize bis nach Panama erstreckten. Der Gouverneur ernannte einen aus dem dort herrschenden Kazikentum hervorgegangen Mískito-Häuptling zum Befehlshaber über das Gebiet, welches daraufhin zu einem Zufluchtsort für entlaufene schwarze Sklaven und rebellische Indianer aus der ganzen Zirkumkaribik wurde; für die Briten diente das Protektorat als strategische Rückendeckung in der Karibik.

So kam es zum prägenden englischsprachigen Einfluß durch die Creoles, die sich nach und nach mit den Indianern vermischten (Lindig/Münzel 1978: 80/81).

1783 verzichtete Großbritannien in einem Vertrag mit Spanien auf das Protektorat, woraufhin die Spanier die Mískito abermals bis in ihr angestammtes Kernland, der Mosquitia, zurückdrängten. Dort lebten sie in relativer Autonomie bis zum Abzug der Spanier aus Mittelamerika (1821). Danach nahmen sie wieder Handelsbeziehungen mit den Briten auf und tauschten mit diesen Holzprodukte (Kautschuk, Kopal [Harz]) und Schildkrötenpanzer gegen europäische Industrieprodukte wie Kleidung und Macheten, bis die Briten 1860 ihr Protektorat erneut aufgaben und der nicaraguanischen Regierung überstellten[8], unter der Voraussetzung, daß diese es als autonomes Gebiet anerkennen sollten (ibid.).

2. Das zwanzigste Jahrhundert

Der Einfluß der USA

1894 fielen nicaraguanische Truppen ein und besetzten das Gebiet, aber die Mískito leisteten erbittert Widerstand gegen die Modernisierungspläne der Regierung in ihrer Region.

Die internen Streitigkeiten in der Regierung zwischen Liberalen und Konservativen und die daraus resultierenden Unruhen unter der Bevölkerung veranlaßten Präsident Diaz 1912, die Vereinigten Staaten von Amerika um Hilfe zu bitten.

So konnten die USA ihren Einfluß an der Mosquitia, an der sie landeten, geltend machen, und die nächsten Jahre kamen US-amerikanische Firmen zum ersten Mal an die Moskito-Küste, um dort Hölzer und Edelmetalle zu gewinnen sowie Bananenplantagen einzurichten. „Die klassisch imperialistische Herrschaft der USA ließ Gold, Edelhölzer, chicle [Anm.: Kaugummirohstoff], Schildkröten und später auch Austern und Langusten meist durch indianische Tagelöhner ausbeuten“ (Schneider 1982: 30).

Die US-Marines blieben von 1912-1933 an der Mosquitia, wo ihnen Augusto César Sandino, der als Guerilla-Führer aus dem nicaraguanischen Bürgerkrieg 1925/26 hervorgegangen war, Widerstand bot und Kooperativen in einer ´Befreiten Zone´ entlang des Río Coco im Gebiet der Mískito gründete. Erst nach der Präsidentenwahl 1933 begannen die USA mit dem Abzug ihrer Truppen.

[...]


[1] Diese und folgende Bevölkerungszahlen nach Burke 1995.

[2] Der Großteil des von ihnen bewohnten Gebietes liegt in Nicaragua; daher werde ich mich in dieser Hausarbeit auch hauptsächlich mit Nicaraguas Mískito–Indianern beschäftigen.

[3] Vergl. Karte im Anhang.

[4] Diese Bezeichnung geht wahrscheinlich auf die Briten zurück, welche die Einheimischen mit den (lästigen) Moskito-Mücken verglichen (Schneider 1982: 28).

[5] Moravian Church (deutsch: Mährische Kirche), auch als Unitas Fratrum bezeichneter amerikanischer Zweig der Erneuerten Brüderunität, einer protestantischen Erweckungsbewegung, die 1727 im sächsischen Herrnhut als Nachfolgerin der Böhmischen Brüder entstand (Microsoft Encarta 98 Enzyklopädie).

[6] Hier: Afro-Amerikaner.

[7] Spanier.

[8] Nicaragua erklärte 1838 seine Unabhängigkeit.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Indianer und Nationalstaat - Autonomiebestrebungen der Mískito in Nicaragua
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (IAE)
Veranstaltung
Einführung in die Teilbereiche der Ethnologie
Note
2+
Autor
Jahr
1999
Seiten
14
Katalognummer
V27446
ISBN (eBook)
9783638294966
ISBN (Buch)
9783638760492
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Problematik indianischer Selbstbestimmung und Identitätsfindung im Kreuzfeuer nationaler und internationaler Interessen auf politischer und wirtschaftlicher Ebene am Bespiel der Indianergruppen der Moskito-Küste Nicaraguas.
Schlagworte
Indianer, Nationalstaat, Autonomiebestrebungen, Mískito, Nicaragua, Einführung, Teilbereiche, Ethnologie
Arbeit zitieren
Claudio Priesnitz (Autor), 1999, Indianer und Nationalstaat - Autonomiebestrebungen der Mískito in Nicaragua, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/27446

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