Jugendsprache. Definition, Geschichte und Funktion


Akademische Arbeit, 2000

27 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmungen
2.1 Definitionen Jugend - Jugendkultur
2.2 Definition Jugendsprache – Abgrenzung zur Umgangssprache und Standardsprache

3. Geschichte der Jugendsprache

4. Forschungsübersicht
4.1 Hennes Modell der Jugendsprache
4.2 Schlobinskis Paradigmenwechsel der Jugendsprachforschung
4.3 Androutsopoulos Untersuchungen

5. Medialer Einfluss auf Jugendsprache

6. Funktionen von Jugendsprache

7. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis (und weiterführende Literatur)

Nachschlagewerke

1. Einleitung

Die Thematik der „Jugendsprache“[1] wird in vielen Bereichen zunehmend kontrovers diskutiert. Mitte der 60er Jahre erschien das Thema anfangs in den Medien, um auf die von Sprachpuristen wachsende Sorge der nachlassenden Sprachleistungen Jugendlicher aufmerksam zu machen. Die Besorgnis um das Verständnis zwischen den Generationen sowie die Unsicherheit über den Umgang mit jugendsprachlichen Ausdrücken weckten das Interesse der Öffentlichkeit. Mit wachsender Toleranz der Gesellschaft und der Verringerung des Generationskonfliktes verlagerten sich die Medieninteressen. Werbeagenturen, Freizeitindustrie und Massenmedien wurden sensibel für jugendsprachliches Material, um damit die „jung gebliebene“ Gesellschaft und die jugendlichen Konsumträger als breite Zielgruppe anzusprechen. Um vermarktete jugendsprachliche Modewörter zu entschlüsseln, werden Wörterbücher herausgegeben. Das im Jahr 2000 vom Dudenverlag erschienene Wörterbuch der Szenesprache unterteilt die von meist Jugendlichen verwendeten Begriffe in verschiedene Subkulturen bzw. Freizeitbeschäftigungen.

Dies ist ein neuer Schritt in den kontextbezogenen Gebrauch von Jugendsprache bzw. Szenesprache. Wörterbücher zur „Übersetzung“ von prägnanten jugendsprachlichen Bezeichnungen neigen dazu, Jugendsprache zu einem Sonderwortschatz zu reduzieren. Der Leser erfährt dabei nicht, in welchen situativen Rahmenbedingungen Jugendliche „ihre Sprache“ sprechen. In welchem Maße beeinflusst das soziale Umfeld die Kreativität der Sprecher und die Innovation spezieller Begriffe, die von Befürwortern als positive Aspekte der Jugendsprache dargestellt werden? Aus welchen Ressourcen schöpfen Jugendliche ihre Ideen für ihre Sprechweisen? Zusammen mit der strukturellen Betrachtung der Lexik erhält man erst einen wissenschaftlichen Blick in das Phänomen der Jugendsprache.

Die Vielfalt der jugendspezifischen Sprechweisen wird beschrieben und der Umgang mit der deutschen Standardsprache bzw. Umgangssprache herausgearbeitet. Um ein Verständnis für das Phänomen Jugendsprache zu wecken, werden Motive und Funktionen der Anwendungen aufgezeigt.

Als Einführung in die Thematik werden in Kapitel 2 die Begriffe Jugend und Jugendsprache zunächst definiert. Im Weiteren wird in Kapitel 3 ein Überblick zur Geschichte der Jugendsprache gegeben, dem sich die Präsentation des wissenschaftlichen Forschungsstands in Kapitel 4 anschließt. Der mediale Einfluss auf die Jugendsprache, als eine Quelle für jugendsprachliche Ausdrücke und Redewendungen, wird in Kapitel 5 abgehandelt. Es folgen Erläuterungen der erwähnten Funktionen und Motive der Jugendsprache im sechsten Kapitel dieser Arbeit.

2. Begriffsbestimmungen

Um eine übereinstimmende komplexe Vorstellung von den Begriffen „Jugend“ und „Jugendsprache“ sicherzustellen, werden sie im Folgenden definiert.

2.1 Definitionen Jugend - Jugendkultur

In der Soziologie wird unter Jugend eine Lebensperiode verstanden, in der ein Mensch nicht mehr als Kind betrachtet wird, ihm jedoch der Status, die Rollen und die Funktionen eines Erwachsenen noch nicht uneingeschränkt zugeschrieben werden (vgl. Brockhaus 1996). Die Jugend beginnt mit der aufkommenden Pubertät und endet mit dem Erreichen einer ausgebildeten, stabilen Persönlichkeitsstruktur, sowie einer verlässlichen Ich-Identität (vgl. Erikson 1977). Die Dauer dieser Lebensphase kann demzufolge nicht nur durch das biologische Alter der Jugendlichen bestimmt werden, sondern ist ebenfalls an soziokulturelle Kriterien, wie berufliche Ausbildung oder ökonomische Abhängigkeit von den Eltern gebunden und dehnt sich immer mehr aus. Während im deutschen Recht Menschen im Alter von 14 bis 17 Jahren als Jugendliche gelten, endet die Mitgliedschaft in Jugendorganisationen von politischen Parteien erst mit 35 Jahren. Ferchhoff (1993) spricht von einer „Relativität des Jugendbegriffs“. Lenzen (1997) legt die Phase der Jugend in das Alter zwischen 13 und 25 Jahren, wobei er auf „unscharfe Ränder“ aufmerksam macht. Die Sozialforschung schließt die Postadoleszenz, die zwischen dem 25. Und 35. Lebensjahr liegt, mit in die Phase der Jugend ein.

Betrachtet man Jugend als Gruppe, so ist sie nach Tenbruck (1965, S. 66)

„wesensmäßig eine soziale Gruppe. Gewiss existiert sie im strengen Sinne nicht kompakt als eine einzige Gruppe, die alle Jugendlichen einschließt, sondern tritt in einer Mannigfaltigkeit von jugendlichen Gruppenbildungen in Erscheinung, die aber nun ihrerseits auf mannigfache Weise durch das Bewusstsein gemeiner Art, die Gleichaltrigkeit der sie ins Leben rufenden und auf sie einwirkenden Kräfte und Bedingungen, sowie durch Überschneidung zwischen den Gruppen, verbunden sind“.

Man kann Jugend folglich in drei Ebenen gliedern: Die „virtuelle Großgruppe Jugend“ (Nowottnik 1989), die Ebene der Jugendkulturen oder jugendlichen Subkulturen und die Ebene der Kleingruppen Gleichaltriger, den sog. Peer-Groups. Jugendkulturen und Peer-Groups helfen Jugendlichen bei ihrer Identitätsfindung. Identitätsprobleme können laut Henne (1986) auf die Gruppe projiziert werden und die Identifikation mit Werten und Personen der Gruppe kann zur Ich-Identititätsfindung beitragen.

„Der Einzelne setzt sich emotional mit anderen gleich und übernimmt deren Werte und Motive in das eigene Ich; grenzt sich gegen andere ab und ist insofern auf dem Weg zu einer Ich-Identität“ (Henne. 1986, S. 204).

Spezifische Verhaltensmuster, Kleidung, Gestik und Sprache sind Mittel zur Mitteilung und Selbstdarstellung. Jede Abweichung von der Gesellschaft gilt dabei als Abgrenzung von der Erwachsenenwelt, sowie von anderen Gruppen und trägt zur Solidarität in der eigenen Gruppe bei. Henne sieht in diesem Zusammenhang die Sprachprofilierung eines Jugendlichen innerhalb einer Gruppe als charakteristisches Merkmal der Jugendphase.

Nach dem zweiten Weltkrieg bildete sich nach dem Vorbild der amerikanischen Jugend und durch die Veränderung der Industriegesellschaft eine eigenständige Jugendkultur (vergl. Brockhaus 1996), die sich später in Subkulturen aufteilte. Nach Schlobinski haben sich Jugendkulturen seit dem Rock’n Roll ihren Markt erobert und sind als Markt anerkannt worden. Heute ist die Gesellschaft gegen Provokationen der Jugendkulturen bzw. -szenen aufgeschlossener geworden. Jugendkulturen dienen häufig als Leitbilder für junggebliebene Erwachsene. Selbst das Outfit der Punk-Szene wurde zeitweilig auf Laufstegen modern. Models trugen Springerstiefel, Nieten und Sicherheitsnadeln als Ohrschmuck und machten diesen Stil „salonfähig“. Dies ist ein Beispiel für die Entwertung der Symbole von Jugendkulturen.

Das Jugendwerk der deutschen Shell hat 1997 in seinen Studien festgestellt, dass jugendkulturelle Stile heute durch schnelllebigere, diffusere und flexiblere Formen im Vergleich zu vorigen Studien (1981) auffallen und ihre wechselseitige deutliche Abgrenzung manchmal verlieren.

„Die jungen Leute bevorzugen Gruppenstile, die Spaß machen, Zerstreuung und Unterhaltung bieten, die unkomplizierten Umgang mit Gleichgesinnten ermöglichen, ohne dass man dabei längerfristige Verpflichtungen eingehen muss“ (Jugendwerk der deutschen Shell. 1997, S. 21).

Gleichzeitig ist der Wunsch nach Abgrenzung zu Kulturen Erwachsener erhalten geblieben. Aktuelle Jugendkulturen, die von Erwachsenen aufgrund fehlender Fähigkeiten oder Fertigkeiten nicht ohne Weiteres imitiert werden können, sind laut Trendforscher Nitschke die Skater-Szene, die Nerds der Computer-Szene und die Hip-Hop-Szene (vergl. Focus 12/2000). Die moderne Jugend muss immer extremere Jugendkulturen produzieren, um sich gegen das wachsende Maß an Toleranz und Gleichgültigkeit der Erwachsenenwelt zu behaupten. Extremsportarten, ausgefallene Kleidungsstile, sowie auch ausgefallene Sprechweisen, erleichtern Jugendlichen die Abgrenzung zur Gesellschaft und zu den Erwachsenen.

2.2 Definition Jugendsprache – Abgrenzung zur Umgangssprache und Standardsprache

Jugendsprache setzt sich aus verschiedenen jugendlichen Sprechweisen zusammen. Demnach sollte von ihr im Plural gesprochen werden, jedoch unter Vorbehalt, da unter Sprache ein Zeichengefüge mit einer eigener Grammatik und ein differenzierter Wortschatz mit normativer Geltung verstanden wird. Jugendsprache setzt hingegen die Standardsprache voraus und ist zudem schnelllebig und ständig Neuerungen ausgesetzt, so dass hier nicht von einer eigenen Sprache die Rede sein kann. Die Literatur bezeichnet diesen Gegenstandsbereich dessen ungeachtet als Jugendsprach-(en)-forschung.

Möhn (1980) ordnet Jugendsprache den Sondersprachen zu, da sie eine ausgrenzende und eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit signalisierende Funktion hat. Sondersprachen stellen eine sprachliche Sonderung gegenüber einer allen Sprachteilnehmern verfügbaren Gemeinsprache (Standard- und Umgangssprache) dar. Im Vergleich zu Fachsprachen, die sachbezogen sind, ist die Sondersprache „Jugendsprache“ sozialgebunden, d.h. sie hat soziale Funktion. Die Juristensprache ist von allen Juristen zu verstehen, wohingegen Jugendsprache nicht unbedingt in allen Jugendgruppen verstanden werden kann.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Pörksen (1984) betrachtet Jugendsprache als Varietät des Deutschen. Henne macht 1986 auf die Heterogenität der Varietät aufmerksam. Dennoch ist Jugendsprache für Henne eine, die jugendlichen Gruppenstile (sprachliche, musikalische und sonstige Ausdrucksbedürfnisse, wie Kleidung o. Ä.) übergreifende Spielart des Sprechens und weniger des Schreibens. Er hält Jugendsprache für ein spielerisches Sekundärgefüge; Sekundärgefüge deshalb, weil sie die Standardsprache voraussetzt.

Lewandowski definiert Jugendsprache im Linguistischen Wörterbuch von 1990 als unkonventionellen Sprachstil Jugendlicher mit zum Teil regionaler und sozialer Differenzierung. Eine spezifische Sprech- und Schreibweise mit „kreativistischem“ Grundzug zur Sprachprofilierung und Identitätsfindung macht Jugendsprache ebenfalls aus. Dabei ist Jugendsprache situativ orientiert, metaphernreich und hyperbolisierend. Betrachtet man Jugendsprache als Gruppensprache, so besitzt Jugendsprache eine sozial abgrenzende, zugleich auch eine Zugehörigkeit signalisierende Funktion als Ausdruck einer spezifischen Jugendkultur. Im Vergleich zur Umgangssprache fällt Jugendsprache durch einen veränderten Wortschatz der Umgangssprache auf sowie durch häufigen Gebrauch von Anglizismen.

[...]


[1] Fortan ohne Anführungszeichen

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Jugendsprache. Definition, Geschichte und Funktion
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
27
Katalognummer
V274546
ISBN (eBook)
9783656662754
ISBN (Buch)
9783656673620
Dateigröße
1128 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jugendsprache, definition, geschichte, funktion
Arbeit zitieren
Nicola Gross (Autor), 2000, Jugendsprache. Definition, Geschichte und Funktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274546

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