Bewegtes Europa. Migrationsprozesse aus nationaler und supranationaler Perspektive


Magisterarbeit, 2012

136 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Verlauf, Theorie und Daten zur Migration
2.1 Europa als Kontinent der Auswanderung
2.2 Definition und theoretischer Zugang
2.3 Ursachen und Muster von Migrationsbewegungen
2.4 Neuere Entwicklungen und Tendenzen
2.5 Aktuelle Zahlen und Trends

3. Nation, Ethnie, Identitat, Integration und Politik
3.1 Nation, Volk und Staat im Kontext der historischen Entwicklung
3.2 Ethnizitat und (kulturelle) Identitat
3.3 Assimilation - Integration - Multikulturalismus
3.4 Zugang zu staatlichen Systemen

4. Migration seit 1945 anhand nationaler Beispiele
4.1 Vereinigtes Konigreich - ungeliebtes Erbe des Weltreichs?
4.1.1 Politische Weichenstellungen und Entwicklung der Zuwanderung
4.1.2 Multikultur des Weltreiches oder provinzieller Rassismus?
4.1.3 Inklusion oder Konflikte?
4.1.4 Entwicklungen seit der Jahrtausendwende
4.2 Deutschland - Prinzip der Leugnung
4.2.1 Zuwanderung wider Willen?
4.2.2 Der ,,lange Atem“ der ,,ethnischen Gemeinschaft“
4.2.3 Anerkennung der Realitaten
4.3 Zwischenresumee

5. Grenzenloses Europa - Vision oder Wirklichkeit?
5.1 Bisheriger Weg der Europaisierung
5.1.1 Aufbauschritte eines gemeinsamen Migrationsregimes
5.1.2 Entwicklung und Tendenz
5.1.3 Migration und Bevolkerungsstruktur
5.2 Sichere Freiheit“ - Oxymoron eines gemeinsamen Europas?
5.3 Europa als eine Union der Burger?

Abschliefiende Betrachtung

Abbildungsverzeichnis

Literatur- und Quellenverzeichnis

,,Alle Weltgeschichte ist im Kem Geschichte von
Wanderungen. Soweit wir ruckwarts blicken in
den Nebel, der die Anfange der
Menschheitsentwicklung auf diesem Planeten
verhullt, fuhrt alle Bewegung der Kultur auf
Bewegung von Menschenmassen im eigentlichen
Sinne, auf Wanderung zuruck.“ (Franz
Oppenheimer)

1. Einleitung

„Quo vadis Europa?“ Das soil fur die vorliegende Arbeit in doppeltem Sinne relevant sein. In erster Linie wird die Frage etwas freier interpretiert. Es geht um die Betrachtung von Wande- rungsprozessen in einen und innerhalb eines Kontinents. Woher kamen Migranten? Wichtiger aber noch: Wohin gingen und gehen sie?

Bewegtes Europa. Vielfaltiges lasst sich damit assoziieren. Grundsatzlich soll es um die Be­trachtung von Migrationsbewegungen in Europa nach 1945 gehen.

Europa, und insbesondere die EU, gilt heutzutage im globalen Vergleich als friedliche, wohl- habende und daher attraktive Region far Zuwanderer. Das war jedoch nicht immer der Fall. Hierzu wird im ersten Kapitel ein kurzer Exkurs zuruck in die Phase europaischer Auswande- rung erfolgen. Kriege, Hunger, Unfreiheit und Elend fuhrten zu einem Exodus der Bevolke- rung. Daruber hinaus soll dieser Abschnitt als Heranfuhrung an die Thematik dienen. Es werden einige theoretisch-konzeptionelle Grundlagen zur Erklarung von Wanderungspro- zessen dargelegt. Abschliefiend sollen - basierend auf Erhebungen internationaler Organisa- tionen wie der UN - aktuelle Zahlen und Entwicklungen einen Eindruck uber den Umfang des zu behandelnden Phanomens geben.

Bevor anhand konkreter Beispiele auf europaisches Migrationsgeschehen eingegangen wird, widmet sich das zweite Kapitel der Betrachtung verschiedener Akteure und Einflussfaktoren. Weshalb ist es uberhaupt notwendig, sich Gedanken bei der Ubertretung einer unsichtbaren Linie zu machen? Was sind die Wurzeln (politischer) Grenzziehungen und wodurch erklart sich ihre soziale Macht? Hierzu wird ein mehrdimensionaler und interdisziplinarer Ansatz ge- wahlt. Sofern man sich mit Migrationsbewegungen auseinandersetzt, stofit man beinahe un- weigerlich auf die Begriffe der Nation, des „Volkes“ und des Staates. Sie dienen der Beschrei- bung politischer Gemeinwesen und Gemeinschaften. Zugleich werden diese Begriffe oftmals als Ausdruck einer Verbundenheit oder Patriotismus betrachtet.

Interessant ist, dass Patriotismus keineswegs immer nur die Liebe zum Heimatland bezeich- nete. Im Mittelalter war die Idee des amor patriae vorrangig ein christliches Gefuhl, das sich eher auf ein uberirdisches Jenseits, als auf das politische Gemeinwesen bezog.[1]

Wie aber kam es zu dieser Umdeutung und dem Einflussgewinn? In diesem Punkt soll aus historisch-soziologischer Perspektive der Entstehung und dem „Wesen“ von Nation und Staat nachgegangen werden. Daruber hinaus bedeutet der Wechsel des territorialen auch einen Bruch im sozialen Bezugsrahmen. Es stellt sich daher die Frage der Eingliederung oder der Integration. Nach welchen Formen und Mustern konnen Kontakte zwischen Personen unter- schiedlichen ethnischen Ursprungs verlaufen? Hierzu werden ausgewahlte Ansatze zur Erkla- rung individueller und kollektiver Identitat, sowie von Interaktionsprozessen zwischen (kultu- rell) verschiedenen Gruppen erlautert. In Uberleitung zum auf die Praxis bezogenen Teil der Arbeit wird abschliefiend ein Modell vorgestellt, das zur theoretischen Erklarung tatsachlicher Migrationspolitik geeignet ist.

Nach diesen theoretischen Uberlegungen, wird deren praktische Relevanz vergleichend am Beispiel zweier europaischer Staaten (Grofibritannien und Deutschland) belegt. Nicht nur, dass diese Lander sich innerhalb weniger Jahre als Kriegsfeinde gegenuberstanden, unter- scheiden sie sich bezuglich ihrer kulturellen und politischen Tradition deutlich voneinander.

,,Alle Weltgeschichte ist im Kern Geschichte von Wanderungen.“ Geschichte ist nicht als Pro- zess „harter“ Fakten zu begreifen, der entkoppelt von „weichen“ sozialen Entwicklungen ab- lauft. Daher sollen neben den politisch-legislativen Mafinahmen auch die gesellschaftlichen Implikationen von Wanderungsprozessen betrachtet werden.

,,Europa - wohin gehst Du?“ Kaum ein Thema ist derzeit medial so prasent, wie die Frage nach der Zukunft des kollektiven Europas. Seitens der politischen Entscheidungstrager werden in schneller Folge Krisengipfel abgehalten, umfangreiche Kredite gewahrt und sons- tige Moglichkeiten zur Rettung des gemeinsamen Projekts sondiert.

Die Skepsis der Burger hingegen wachst in Anbetracht dieser Entwicklungen.[2]

Vor dem Hintergrund dieser Krisensituation erscheint der zweite Kern dieser Arbeit aktueller dennje. Es soil der Frage nachgegangen werden, inwieweit die europaischen Integrationspro- zesse der vergangenen Jahrzehnte zu einer Transformation der politischen Strukturen gefuhrt haben. Zahlreiche Aspekte alltaglicher Politik werden bereits durch supranationale Rege- lungen der EU gesteuert. Die Kontrolle uber das eigene Territorium gilt als Kernaspekt staatli- cher Souveranitat. Aufgrund der Sensibilitat dieses Bereiches kann Migrationspolitik als (kri- tischer) Gradmesser der europaischen Vergemeinschaftung angesehen werden. Haben die Ent­wicklungen seit Ende des Zweiten Weltkrieges und die steigenden transnationalen Verflech- tungen auch zur Entwicklung einer gemeinsamen europaischen, beziehungsweise supranatio- nalen Einwanderungspolitik gefuhrt? Lasst sich wirklich von einem „grenzenlosen“ Europa sprechen? Erganzend dazu, soll die Akzeptanz des gemeinsamen Europas anhand des Modells der Unionsburgerschaft kritisch gepruft werden. Fuhrte die Einfuhrung dieses Konzepts zu- gleich auch zu einer starkeren Identifikation mit Europa?

Diese Fragestellungen werden als Abschluss der Arbeit im vierten Kapitel aufgegriffen.

Dieser Arbeit liegen verschiedene Zugange zugrunde. Sie lasst sich daher nicht als ,,monoli- thisches“ Produkt betrachten, sondern als Kompositum aufeinander basierender und mitein- ander korrelierender Elemente, die in ihrer Summe zur Beantwortung der Fragestellungen bei- tragen sollen. In Anbetracht dieser Komplexitat erscheint es schwierig, fundierte und allge- meingultige Aussagen uber den Stand der Forschung zu treffen. Daher soll sich an dieser Stelle darauf beschrankt werden, die wichtigsten Autoren und Werke zu nennen, auf die beim Verfassen zuruckgegriffen wurde.[3]

Zur Vermittlung eines grundlegenden Einblicks und Zusammenfassung verschiedener Aspekte der Migrationsforschung eignen die Veroffentlichungen von Han und Treibel.[4] Daruber hinaus bietet auch die Publikation von Massey et a1[5]. einen nutzlichen Uberblick und zugleich eine kritische Bewertung verschiedener Ansatze. Als letztes hierzu sollen noch die Veroffentlichungen von Pries[6] erwahnt werden, der als deutschsprachiger Vertreter der „Transmigration“ eine Alternative zu klassischen Theoriekonzepten bietet.

Als „Klassiker“ der europaischen Migrationsforschung kann Geddes[7] bezeichnet werden. So- wohl zur Erklarung spezieller Entwicklung, als auch zur Darstellung allgemeiner Zusammen- hange ist es aufgrund seiner klaren Struktur und schlussigen Argumentation gut geeignet. Die Beitrage des Sammelbands von Butterwegge/Hentges[8] widmen sich aus verschiedenen Per- spektiven den Migrationsbewegungen und Integrationsprozessen jungerer Vergangenheit. Sie stellen die Grundtendenzen und Grundprobleme internationaler Migration in Zeiten zuneh- mender internationaler Vernetzung im Querschnitt dar.

Fur die Beleuchtung von Migrationsprozessen aus sozialhistorischer Perspektive wurde vor allem auf die Werke von Bade[9] zuruckgegriffen. Sowohl fur die Betrachtung der europaischen Migrationsentwicklung, als auch speziell bei der Darstellung der deutschen Einwanderungs- praxis erwiesen sich diese als hilfreich.

Heckmann[10] lieferte zentrale Grundlagen bei der Erstellung des zweiten Kapitel. Er widmet sich aus soziologischer Perspektive den Auswirkungen von Migration auf gesellschaftliche In- teraktionsprozesse. Es werden die grundlegenden Wechselwirkungen zwischen Einwanderung und Vergesellschaftung dargestellt. Zur Erklarung kultureller und individueller Identitaten wurde weitgehend auf Eickelpasch/Rademacher und Bauman[11] zuruckgegriffen. Bei der Herausarbeitung des Konzepts kollektiver/kultureller Identitaten erwies sich Hall[12] als ob- ligat.

Layton-Henry gibt in seinem Werk detailliert die Entwicklung der britischen Einwande- rungspolitik wieder. Winders narrative Darstellung ist weniger faktenorientiert, dennoch sehr fordernd zum Verstandnis britischer Einwanderungsprozesse und soziokultureller Hinter- grunde. Somerville eignet sich aufgrund der Aktualitat gut zur Erklarung aktueller britischer Migrationspolitik und der zugrunde liegenden Motive.[13]

Neben dem bereits erwahnten Bade, waren fur die Erstellung des Kapitel uber die Bundesre- publik, insbesondere Esser und ThrAnhardt wichtig.[14] Da es sich im letzten Kapitel grofien- teils um die Darstellung aktueller Prozesse der Europaischen Union handelt, sind naturgemafi nur wenige Abhandlungen verfugbar. Es wurde daher hauptsachlich auf Arbeits- und Diskus- sionspapiere von Bendel und Carrera zuruckgegriffen. Dennoch soll abschliefiend Vink er- wahnt werden, dessen Argumentation bezuglich der Vergemeinschaftung und der europai­schen Burgerschaft in die letzten Teilkapitel der Arbeit eingeflossen sind.[15]

2. HistorischerVerlauf, Theorie und Daten zur Migration

2.1 Europa als Kontinent der Auswanderung

Wie aus dem Eingangszitat Franz Oppenheimers ersichtlich wird, handelt es sich bei menschlichen Wanderungsbewegungen keineswegs um ein neuzeitliches Phanomen. Vom „prahistorischen“ Nomadentum uber die Volkerwanderung und Wikingersiedlungen; die Ex- peditionen Marco Polos bis hin zur Erschliefiung des Luftraumes - der Bogen menschlicher Mobilitat lasst sich anhand zahlloser Beispiele aufspannen. Insbesondere aber die Entdeckung der ,,Neuen Welt“ durch Christoph Kolumbus, und die danach einsetzende Eroberung und Ko- lonialisierung des amerikanischen Doppelkontinents, bedeuteten sowohl eine epochale Zasur in der Wahrnehmung des Weltbildes, als auch einen entscheidenden Impuls fur die zunehmen- de Mobilitat Europas.

Typisch fur das Europa der Fruhen Neuzeit waren - neben der Landwirtschaft - die Formen des vorindustriellen Hausgewerbes, wie die Leinenverarbeitung. Sie stellten fur breite Bevol- kerungsschichten die Existenzgrundlage dar. Vor allem in landlichen oder strukturschwachen Gegenden waren dies oftmals die einzigen Moglichkeiten, nicht dauerhaft die Heimatregion verlassen zu mussen.[16] Heimarbeit stellte somit eine Alternative zur Arbeitswanderung dar. Die Mobilitat von Arbeitskraften war grundsatzlich einem Gefalle zwischen Herkunfts- und Zielregion bezuglich der Einsatzmoglichkeiten und des Verdienstes geschuldet. Einfacher for- muliert: die Menschen folgten entweder dem Arbeitsangebot und/oder dem besseren Einkom- men. Es gab - je nach Branche und Saison - verschiedene etablierte international Wande- rungsrouten, die zur Nordsee oder ans Mittelmeer, nach Paris, Madrid oder London fuhrten. Wanderarbeit war insgesamt sehr verbreitet, und die Menschen deutlich weniger sesshaft als man vielleicht vermuten mochte.[17]

Zusatzlich entwickelte sich in Europa ab dem 16. und 17. Jahrhundert zunehmend die Religi­on zum entscheidenden Inklusionskriterium. Spanische Juden, Hugenotten oder englische Ka- tholiken - stets wurde bei diesen Minderheiten ihre abweichende Religion als mangelnde Loyalitat gegenuber der jeweiligen Staatsfuhrung interpretiert. Sie sahen sich wachsenden Diskriminierungen und Repressionen ausgesetzt, wurden gewissermaBen zu „personae non gratae“. Die Folge dieser (gesellschaftlichen) Homogenisierungstendenzen waren ca. 1 Milli­on europaische Religionsfluchtlinge.[18]

Das 18. Jahrhundert brachte ein starkes Bevolkerungswachstum mit sich. Unmittelbar waren davon viele Kleinbauern betroffen, denenjetzt noch weniger Land zur Bearbeitung blieb. Vie- le von ihnen verarmten. Es kam zu einer Proletarisierung ganzer Gesellschaftsschichten, die ihr Dasein nun als Lohn- oder Wanderarbeiter in oftmals prekaren Verhaltnissen fristeten.[19]

Eine Alternative dazu, stellte fur Viele die Auswanderung nach Nordamerika dar. Unabhangig ob okonomische, religiose oder soziale Motive zugrunde lagen: die nordamerikanischen Kolo- nien versprachen ein Vielfaches an individuellem Entfaltungsspielraum und boten die Aus- sicht auf geringere gesellschaftliche und politische Barrieren. Religionsfreiheit und die Mog- lichkeit zum Aufbau eigener Verwaltungsstrukturen wirkten als Anziehungskrafte. Oftmals kam sicher auch ein gewisser Abenteuer- oder Pioniergeist, sowie die Aussicht auf wirtschaft- lichen Erfolg und Unabhangigkeit hinzu. Zu ihrem Leidwesen mussten etliche Emigranten nach der Ankunft feststellen, dass Aufstieg und Wohlstand auch in Amerika keineswegs auto- matische Prozesse waren, sondern das dortige Leben zumeist mit harter Arbeit und zahlrei- chen Entbehrungen verbunden war.[20]

Ein Auswanderer berichtete in einem Brief in die alte schweizerische Heimat im August 1735:

„Die Neuankommenden hat es sehr schwer und hart, dann die Anfang seynd jederzeit beschwerlich [...] Der Jammer ist sehr grofi; es befinden sich so vill Vatter- und Mutter-lose Kinder [...] Uns ist nicht ubel; wer vill Gelt all- hier hat, dem ist sehr wohl, wie auch bey Euch [...] Das Vieh ist allhier sehr wild [.] Das Land ist zimlich fruchtbar. Das indianische Korn wachst 8 bifi 10 Schuh hoch. Die Potatos oder Herdapffel seynd sehr gut und sehr vill besser als die unsere.“[21]

Die Auswanderer nahmen bereits vor ihrer Ankunft erhebliche Risiken und Belastungen auf sich. Die unsaglichen Zustande auf der wochen-, oftmals monatelangen Reise vermag der heutige Passagier kaum nachzuvollziehen. Raumliche Enge, Unwetter, Krankheiten und Nah- rungsmangel waren nur einige der Beispiele fur die Widrigkeiten der Ozeanuberfahrt. Nicht selten fuhrten diese Faktoren zu erheblichen Sterblichkeitsraten an Bord der Schiffe.[22]

Trotz aller Strapazen verstarkte sich die Auswanderung zusehends. Amerika als „Neue Welt“ schien als Ziel pradestiniert: Raum, Ressourcen und ,,wilde Eingeborene“, denen man das Recht auf Nutzung der eigenen Heimat absprach und die man zu „kultivieren“ hatte. Eine dor- tige Niederlassung wurde daher als logischer und naturlicher Schritt empfunden.[23] Das betraf nicht nur Nordamerika. Europaische Expansion und Kolonialisierung war zumeist auch mit Ausbeutung, Vertreibung, Versklavung - bis hin zu physischem oder kulturellem Ge- nozid - verbunden. Exklusion oder Marginalisierung einheimischer Bevolkerungsgruppen waren die Kehrseite einer gestiegenen Mobilitat Europas.[24]

Soziale Umbruche (Industrialisierung) und okonomische Notsituationen (Hungersnote) fuhr- ten zu einer „proletarischen Massenwanderung“ im 19. Jahrhundert. Auch wenn die Emigrati­on nach Amerika verlockend erschien, war sie fur grofie Teile der Bevolkerung unbezahlbar. Hierfur konnte auf verschiedene Modelle der Finanzierung zuruckgegriffen werden.[25] Fur Nordamerika bedeuteten die Massen an Zuwanderern, die v.a. aus England, Irland, Deutschland, Skandinavien und spater auch Italien kamen, ein unschatzbares Potential an Ar- beitskraften zur Erschliefiung des Landes und zum Auf-/Ausbau der Infrastrukturen. Es stellte sich hierbei allerdings vielfach die Frage der kulturellen Eingliederung oder Integration. Dass diese nicht immer sofort gelang, zeigte sich am Entstehen von deutschsprachigen, ethnisch- kulturell homogenen „Inseln“ oder Stadtteilen.[26] Es gab zahlreiche andere Beispiele die bewei- sen, dass es nicht immer an mangelndem Willen zur Integration der Zuwanderer lag, wie ein anderer Brief eines ausgewanderten Schweizers aus dem Winter 1848 belegt:

„Die Amerikaner, mit denen wir bis jetzt in Beruhrung gekommen sind, be- handeln uns hoflich und artig. Wir suchen uns auch moglichst zu amerikani- siren, trinken Thee ohne Milch oder schwarzen Kaffe uber Tisch, essen brav Maisspeisen mit Honig, wie es hier ublich ist [...] wir suchen aus unsern eu- ropaischen Sitten heraus und in die amerikanische Haut zu kriechen. Der Amerikaner gefallt mir sehr. Er ist frank und frei und ungenirt, er erkennt Niemanden uber sich als Gott, bekummert sich um Niemanden als um sich und ist uberall zu Hause.“[27]

Ein weiterer Faktor der die Ubersiedlung nach Amerika begunstigte, war die Einfuhrung der Dampfschifffahrt. Dadurch wurde die Atlantikpassage sicherer, gunstiger, komfortabler und naturlich wesentlich schneller.

Insgesamt ist fur die Phase zwischen 1840 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, trotz ei- ner nennenswerten Ruckkehrquote, von einer europaischen Nettoauswanderung in Hohe von ca. 50 Millionen Personen auszugehen. Hiervon siedelten etwa 72% nach Nordamerika, 21% nach Lateinamerika sowie 7% nach Australien/Neuseeland uber. Viele wahlten auch Zielge- biete in Sudrussland oder Sibirien, da hier ebenfalls grofie Landflachen zur Bewirtschaftung bereitstanden.[28]

Abgesehen von der transatlantischen Auswanderung, entwickelte sich im ausgehenden 19. Jahrhundert ein bluhender und unregulierter europaischer Arbeitsmarkt. Die durch rasante Ur- banisierung entstandenen Ballungsraume (Paris, London, Berlin, Ruhrgebiet,) stellten regel- rechte Magneten fur weitere international Migranten dar.[29] Dies belegt, dass international oder globale Mobilitat keineswegs erst mit dem Fortschreiten des 20. Jahrhunderts zu einem Massenphanomen wurde.

Bevor weitere Aspekte der Thematik beleuchtet werden, soll anhand von ausgewahlte Theori- en, Definitionen und Erklarungsmodellen Klarheit uber das zu untersuchende Phanomen her- gestellt werden.

2.2 Definition und theoretischer Zugang

Migration leitet sich vom lateinischen „migrare“ ab, und bedeutet grundsatzlich nichts anderes als wandern[30], weshalb der Begriff der „Wanderung“ im Rahmen dieser Arbeit mitun- ter synonym verwendet wird. Allgemein ist Migration als Form raumlicher Mobilitat zu be- trachten. Da der Fokus dieser Abhandlung auf internationale Migration gerichtet ist, werden regionale und nationale Formen nicht weiter betrachtet. Je nach Fachrichtung, Zeitgeist oder thematischem Schwerpunkt lassen sich vielfaltige Definitionen finden. Fur die vorliegende Arbeit soll Folgendes als Basis dienen:

,,In den Sozialwissenschaften werden unter dem Begriff der Migration allge­mein solche Bewegungen von Personen und Personengruppen im Raum (spatial movement) verstanden, die einen dauerhaften Wohnortwechsel (change of residence) bedingen.“[31]

Entscheidend hierbei ist das Kriterium des Wohnortwechsels, anhand dessen sich Migration von Formen zirkularer Mobilitat, beispielsweise Urlaubsreisen oder Pendelverkehr, unter- scheiden lasst. Migration ist nicht als einmalige und isolierte Handlung aufzufassen, sondern als fliefiender Prozess, in dessen Kontinuum verschiedene Stufen durchlaufen werden.[32] Zur Illustration der einzelnen Phasen dieses Prozesses eignet sich das klassische Modell nach Shmuel Eisenstadt. Am Anfang steht die Motivbildung: es kommt in der Heimatregion ver- mehrt zu Gefuhlen der Unzufriedenheit und Unsicherheit. Da eine potentielle Migration er- hebliche Unsicherheit birgt, kann dieser Zustand langere Zeit anhalten. Sofern jedoch keine anderen Losungswege gefunden werden, entwickelt sich Migration schliefilich zur einzig moglichen Exit-Strategie. Die eigentliche Wanderung wird vollzogen.[33] Neben dem Wechsel des Wohnorts, sieht sich der Migrant mit einschneidenden sozialen und kulturellen Verande- rungen konfrontiert. Inkorporierte Handlungs- und Verhaltensmuster verlieren an Relevanz. Es kann zu Desozialisation, Unsicherheit und Zukunftsangst kommen.

Den Abschluss bildet die Eingliederung in die Aufnahmegesellschaft. Auch hierbei handelt es sich um einen langfristigen Vorgang: Das Erlernen der Sprache sowie sozialer Praktiken; die Neujustierung eigener Wert- und Moralvorstellungen, und letztlich die Verschmelzung des Migranten mit der Mehrheitsgesellschaft unter dem Verlust eigener sozio-kultureller Spezifi- ka.[34]

Klassische Theorien gehen von einer dauerhaften Verlagerung des Lebensmittelpunktes aus. Aus dieser Perspektive ist Migration ein endgultiger und „unrevidierbarer“ Prozess, der sei- nen formellen Abschluss erst durch die Uberwindung kultureller Differenzen findet.[35] Im Falle traditioneller Auswanderung - wie der europaischen Emigration fruherer Jahrhunderte - mag diese Betrachtung zutreffen. In Anbetracht der Diversifizierung, Beschleunigung und Norma- lisierung globaler Mobilitat, verspricht ein derart statisches Modell aus heutiger Sicht jedoch nur begrenzten Erkenntnisgewinn.

Ein anderer Ansatz wird daher von Ludger Pries gewahlt. Durch die Kategorisierung der Mi­granten anhand ihrer Motivlage, der Aufenthaltsdauer und ihrer psychisch-emotionalen Bin- dung an die Herkunfts- sowie Aufnahmeregion ergeben sich drei weitere Typen: Remigranten, welche nach einem befristeten Aufenthalt - meist zum Zwecke des Gelderwerbs - in die Hei- matregion zuruckkehren. Diaspora-Migranten, die - trotz aller wirtschaftlichen und physi- schen Integration - eine starke mentale Bindung zum alten Bezugssystem beibehalten. Und schliefilich der Typus des Transmigranten[36]. Als Resultat fortschreitender Globalisierung, und dem damit einhergehenden Wachstum internationaler Strukturen und gestiegener Mobilitat, haben sich Migrations- und Biografiemuster entwickelt, die nicht mittels klassischer Theorie- ansatze greifbar sind.

Das Konzept der Transmigration geht davon aus, dass Personen physisch und psychisch in mehreren territorialen und kulturellen Raumen zugleich integriert sein konnen. Ebenso mus- sen auch Lebensmittelpunkte nicht durch nur einen Ort definiert sein.

Dadurch entstehen neue sozio-kulturelle Muster und Vergesellschaftungsformen, die sich durch eine Verbindung von Elementen sowohl der Herkunfts- als auch der Aufnahmegesell- schaft auszeichnen, und damit etwas qualitativ Neues darstellen.[37] Charakteristisch fur Trans- migranten ist:

„dass sie ihr Leben [...] uber die Grenzen von Nationalstaaten hinweg fuh- ren. Dies geschieht zum Teil durch direkte physische Mobilitat zwischen Orten in unterschiedlichen Landern [...] Noch wichtiger aber [...] sind die 'mentale Mobilitat' und die pluri-lokalen, grenzuberschreitenden 'mentalen Landkarten' [...] Ihre alltaglichen Aufmerksamkeitsstrukturen, Aktivitaten und Erfahrungen sind nicht nur auf den Ort fixiert, an dem sie sich korper- lich aufhalten, sondern spannen sich transnational uber verschiedene Orte auf.“[38]

Die Entwicklung transnationaler Lebensformen wird mitunter offiziell gefordert, etwa indem die Moglichkeiten doppelter Staatsburgerschaft ausgeweitet wurden. Man versucht damit die Bindung erfolgreicher Transmigranten an das Heimatland zu erhalten, und somit auch deren Investitionsbereitschaft zu erhohen.[39]

2.3 Ursachen und Muster von Migrationsbewegungen

Was veranlasst Menschen dazu, dauerhaft - oder zumindest fur einen langeren Zeitraum - ihre Heimat zu verlassen? Auch hierfur lasst sich keine monokausale Erklarung linden. Mi­gration ist als komplexer Prozess zu betrachten, dem eine Mischung aus objektiv-exogenen und subjektiv-endogenen Ursachen zugrunde liegt.[40]

So unterschiedlich ihre Biografien, so verschieden sind auch die Motivlagen der Migranten. Selbst die Unterscheidung zwischen freiwilliger und erzwungener Wanderung erscheint frag- wurdig. Lasst sich in Fallen, in denen die Heimatregion aufgrund prekarer Arbeitsmarktsitua- tion und daraus resultierender Armut verlassen wird, wirklich von freiwilliger Migration spre- chen?[41]

Wahrend neoklassische Mikroansatze der Migrationstheorie vor allem die individuelle, ratio­nale und nutzen-maximierende Entscheidung des Akteurs suggerieren, orientieren sich Ma- kroansatze am Modell der Push- und Pullfaktoren. Wanderung wird hierbei als rein objektiver Mechanismus betrachtet, der entkoppelt von individuellen Praferenzen des Individuums ab- lauft.[42] Neuere okonomische Theorien sind auf Haushalte oder ahnliche Bezugsgruppen fo- kussiert, womit also ein Standpunkt der Mesoebene eingenommen wird. Vorteilhaft fur diese Gruppen ist die Moglichkeit der Risikoaufsplittung. Wanderungsmotive sind hierbei entweder hohere Ertragsaussichten durch Investitionsmoglichkeiten, oder eine bessere Absicherung ge- gen eventuelle Schicksalsschlage (Versicherungen). Aufgrund schlechter Infrastrukturen in den Herkunftsregionen, die weder das Eine noch das Andere ermoglichen, wird der Migrati- onsdruck in Richtung wohlhabender Staaten erhoht.[43]

Insbesondere der Ansatz der Push- und Pulltheorie erfreut sich grofier Beliebtheit. Hiermit ist die Vorstellung gemeint, dass bestimmte Schubfaktoren innerhalb eines Gebietes zu erhohter Wanderung in Regionen fuhrt, die komplementar dazu durch das Auftreten von Sogfaktoren[44] gekennzeichnet sind.

Dieser Gedanke liegt prinzipiell auch der Konzeption von Johan Galtung zugrunde. Ent- scheidend fur ihn sind Disparitaten bezuglich des Lebensstandards und der okonomischen- so- wie sozialen Ressourcenausstattung. Daraus resultiert eine Aufteilung der Welt in verschiede- ne „Raume“, die sich in Zentren und Peripherien unterscheiden lassen. Es kommt allerdings weniger auf absolute, sondern eher auf relative bzw. empfundene Ungleichheiten an.[45] Mo- mentan lassen sich zwei dieser globalen Zentren aufzeigen - der Nordwesten (EU, Nordame- rika) und der Sudosten (Japan, Australien, Sudostasien). Hier finden sich ein hoher Lebens- standard und - zumindest in der EU und Nordamerika - politische Stabilitat, die Sicherheit von Freiheitsrechten sowie rucklaufige demografische Tendenzen. Komplementar dazu die Peripheriegebiete des Sudwestens (Lateinamerika, Afrika, Arabien) und Nordostens (Gemein- schaft islamischer Staaten, ehemalige UdSSR) mit geringem Wohlstandsniveau, Instabilitat und teilweise sehr starkem Bevolkerungswachstum.

Aufgrund dieser Rahmenbedingungen lassen sich die momentanen und - sofern keine elemen- taren Umbruche stattfinden - kunftigen Migrationsstrome erklaren bzw. prognostizieren.[46] Der zentralen These der okonomisch-fundierten Theorien folgend, musste sich eine direkte Korrelation zwischen steigenden Lohnen/prosperierender Wirtschaft und wachsender Immi­gration zeigen lassen. Ergo wurde, sobald es zu einer Angleichung des Niveaus - oder zum Abbau von Disparitaten zwischen verschiedenen Regionen kommt - auch die Wanderungsrate signifikant sinken. Dieser Zusammenhang lasst sich jedoch nicht unmittelbar nachweisen. Auch demografische Aspekte erscheinen nur bedingt aussagekraftig. Daher muss angenom- men werden, dass diese Faktoren allein - trotz unstrittiger Relevanz - nicht ausreichen, die Komplexitat moderner Migrationsbewegungen in ihrer Diversitat zu erklaren.[47]

Ein Ansatz zur Erklarung des Auftretens bestimmter Migrationsstrome soil abschliefiend be- trachtet werden: die Theorie der Migrationsnetzwerke. Migrationsnetze basieren auf zwi- schenmenschlichen Verbindungen zwischen Personen in der Entsende- und der Aufnahmere- gion. „Soziales Kapital“[48], um mit Pierre Bourdieu zu sprechen, bildet die Voraussetzung fur diese Netze. Die Theorie geht davon aus, dass Personen auch nach der Migration Kontakte zur Heimatregion aufrechterhalten. Uber diese Verknupfungen erhalten potentielle Wanderer Informationen/Ratschlage aus erster Hand. Diese Hilfestellungen erleichtern die Migrations- entscheidung, reduzieren Risiken (z.B. Isolation in der kulturellen Fremde, Arbeitslosigkeit) und erhohen den kalkulierten Gewinn (Hilfe bei der Suche eines lukrativen Jobs, Unterstut- zung bei Behordengangen, Integration). Weniger die objektiven Faktoren wie Distanz oder Lohnniveau, sondern Struktur und Qualitat jener Netzwerke beeinflussen daher in hohem Mafie den Umfang der Migration.[49]

Die Pioniere der Wanderung tragen hierbei das grofite Risiko, da sie noch nicht auf ein schut- zendes Netz zuruckgreifen konnen. Nachfolgende Migranten verdichten das Netzwerk und re­duzieren die Kosten/Risiken:

,,The first migrants who leave for a new destination have no social ties to draw upon, and for them migration is costly, particulary if it involves ente­ring another country without documents. After the first migrants have left, however, the potential costs of migration are substantially lowered for fri­ends and relatives left behind. Because of the nature of kinship and friend­ship structures, each new migrant creates a set of people with social ties to the destination area. Migrants are inevitably linked to non-migrants, and the latter draw upon obligations implicit in relationship such as friendship to gain access to employment and assistance at the point of destination[50]

Migration wird damit zu einem selbst-generierenden System, jede Wanderung erhoht automa- tisch die Wahrscheinlichkeit weiterer Migrationsentscheidungen.

2.4 Neuere Entwicklungen und Tendenzen

In der zweiten Halfte des 20. Jahrhunderts kam es zu fundamentalen Veranderungen der intemationalen Wanderungsbewegungen. Das Zeitalter post-industrieller Migration ist durch eine wahre Globalisierung des Phanomens gepragt. Ging vor einigen Jahrzehnten noch beina- he 90% des intemationalen Wanderungsgeschehens von den klassischen Kolonialmachten aus, hat sich der Anteil europaischer Migranten seitdem nahezu marginalisiert.[51]

Vor dem Hintergrund der Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges und der, unter ethisch- moralischen Gesichtspunkten, fragwurdigen Einreisepraxis diverser Nationen gegenuber Verfolgten des NS-Regimes, kam es im Jahre 1951 zu einer international verbindlichen Neuregelung des Fluchtlingsrechts.

Laut der Genfer Fluchtlingskonvention (GFK) erklarten sich die Unterzeichnerstaaten bereit, derjenigen Person Aufnahme und Schutz zu bieten die:

,,aus der begrundeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalitat, Zugehorigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder we­gen ihrer politischen Uberzeugung sich aufierhalb des Landes befindet, des- sen Staatsangehorigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befurchtungen nicht in Anspruch nehmen will.“[52]

In Zeiten des Kalten Krieges war die Haltung der westlichen Welt gegenuber Asylsuchenden/Fluchtlingen grundsatzlich sehr aufgeschlossen. Man verstand es als seine burgerlich-liberale Pflicht, und auch als Selbstbestatigung des kapitalistischen Gesellschafts- modells gegenuber der „totalitaren“ sozialistischen Konkurrenz, diese Personen offen zu emp- fangen. Mit dem Ende der Blockkonfrontation erlosch nunmehr das Motiv moralischer bzw. humanitarer Uberlegenheit. Es lassen sich seitdem zunehmende Restriktionen bei der Flucht- lingsaufnahme nachweisen.[53]

Durch Ratifizierung des Protokolls (GFK), traten die Staaten zugleich ein Stuck ihrer nationa- len Befugnisse uber die Aufenthaltsrechte ab. Dies leitet zu einem anderen Problemkomplex uber, dem sich Staaten spatestens seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts ausgesetzt sehen. Unter dem ,,liberalen Paradox“ versteht sich das Dilemma, dass - im Sinne wirtschaftslibera- ler Mechanismen - eine weitreichende Offnung der Markte fur Investitionen, Handel und Konkurrenz (damit automatisch auch fur eine gewisse Migration) die Basis von Wohlstand, funktionierendem Gemeinwesen und Freiheit darstellt. Allerdings war - und ist - die Hoheit uber Territorium, Grenzen und Bevolkerung ein elementares Kriterium staatlicher Souverani- tat.[54] Manche Schliefiungstendenzen sind daher auch als Versuch der Staaten zu betrachten, zumindest ansatzweise dieses zentrale Element der eigenen Daseinsberechtigung zu erhalten.

Freiheit und Gleichheit sind fur das Selbstverstandnis westlich-demokratischer Gesellschaften von entscheidender Bedeutung.[55] Dennoch zeigten sich bereits vor einigen Jahrzehnten lan- derubergreifende Tendenzen partieller Exklusion und Abschottung. Juristische Beschrankun- gen, Ausbau des Grenzschutzes und ein erschwerter Zugang zu wohlfahrtsstaatlichen Institu- tionen liefien sich vielerorts in Europa nachweisen.[56] Hieran wird bereits die Ambivalenz und Selektivitat heutiger Einwanderungspraxis ablesbar. Staaten erkennen zunehmend den Nutzen gezielter und gesteuerter Immigration. Wahrend man bemuht ist, insbesondere hochqualifi- zierte Einwanderer explizit anzuwerben, werden die Barrieren fur gering-Qualifizierte und Asylsuchende sukzessive erhoht. Es finden sich also Offnungs- und Schliefiungstendenzen zu­gleich.[57]

Das Zeitalter der Globalisierung ist gekennzeichnet durch die Zunahme transnationaler Inter- aktionen: Ein nahezu ungebremster Fluss von Gutern, Kapitalien, Informationen und Dienst- leistungen; zugleich universell verfugbare und relativ kostengunstige Verkehrsmittel; die Ent- grenzung der Kommunikations- und Informationsstrukturen. Aus diesen Faktoren ergibt sich zwangslaufig auch eine Beschleunigung internationaler Migration.[58]

In Anbetracht der eklatanten Disparitaten, entwickelte sich in den wohlhabenden Staaten die Angst vor einem ,,Ansturm der Armen“. Dieses Szenario hat sich bislang jedoch nicht reali- siert. In den Armutsregionen der Welt vollzieht sich zwar - begrundet durch Elend, Krieg/Konflikte, Naturkatastrophen - das Gros des Migrationsgeschehens, allerdings handelt es sich dabei zumeist um regionale Bewegungen.

Nur ein Bruchteil der dortigen Migration richtet sich gen EU oder Nordamerika. Zugangsbar- rieren und Reisekosten bedeuten insbesondere fur die Armsten der Armen oftmals unuber- windbare Hindernisse.[59] [60] Hierbei ist auch zu beachten, dass die Entscheidung bezuglich des Ziellandes nicht allein anhand rationaler Kosten-/Nutzenuberlegungen getroffen wird, sondern ebenso durch psychosoziale Aspekte - beispielsweise personliche Bindungen oder Heimatge- fuhle - beeinflusst wird:

„Die Nahe von Herkunfts- und Zielgebiet erleichtert den Entschluss zur Auswanderung, erleichtert die Ruckkehr, reduziert das Risiko und 'verbil- ligt' somit die Wanderungen. Wenn benachbarte Herkunfts- und Zielgebiete uberdies dem gleichen Sprachraum angehoren, dann sinken nicht nur die Transportkosten, sondern auch die 'sozialen' Kosten von Aufnahme und In­tegration/460

Anhand verschiedener Voraussetzungen und Hintergrunde, ergeben sich unterschiedliche Barrieren der Migration. Steffen Angenendt folgend, lassen sich bestimmte Typen differen- zieren. Die „globale Migration44, worunter vor allem die Wanderungsbewegungen hochqualifi- zierter Mitarbeiter internationaler Konzerne, Regierungen und NGOs, sowie von Wissen- schaftlern fallen. Diesem Personenkreis offenbaren sich meist niedrige Hurden beim Eintritt und der Niederlassung in einem anderen Staat. Einen Sonderfall bilden Wanderungen inner- halb bestimmter Integrationsgebiete (EU, NAFTA), bei denen normalerweise keine formellen Hindernisse bestehen. Quantitativ weitaus bedeutender sind jene Migrationsformen, welche nicht diesen Kriterien entsprechen. Arbeitsmigration, Flucht oder Familiennachzug - so un- terschiedlich die Beweggrunde sein mogen, oftmals sind erhebliche Probleme der Grenzuber- windung und Niederlassung hiermit verbunden.[61]

2.5 Aktuelle Zahlen und Trends

Grundsatzlich lasst sich eine Zunahme der internationalen Wanderung in den letzten Jahrzehnten konstatieren. Wahrend man im Jahre 1990 weltweit 155,5 Millionen internationa­ler Migranten registrierte, betrug die Anzahl im Jahre 2010 bereits knapp 214 Millionen. Von diesen lebten ca. 60% in Landern mit einem hohen Wohlstandsniveau, insbesondere Europa (rd. 33% der Migranten) undNordamerika (rd. 23%) waren beliebte Zielregionen.[62] Diese Ge- biete erfuhren neben einem quantitativen Anstieg der Zuwanderung, auch einen relativen Be- deutungszuwachs auf der globalen Migrationskarte. Zusammengenommen lebten hier 56% (2010) aller Migranten, wahrend 20 Jahre zuvor der Anteil noch bei 49,7% lag (vgl. Abb. 1).

Seit den 1950er Jahren haben die wohlhabenden Staaten - bis auf wenige Ausnahmen - stets eine positive Netto-Migration[63] verzeichnet. Es wird erwartet, dass sich diese Tendenz fort- setzt und man innerhalb der nachsten Jahrzehnte in entsprechenden Regionen mit einem Wan- derungssaldo von ca. 2,4 Millionen Personen p.a. zu rechnen hat.[64] In den weniger entwickel- ten Staaten hingegen lasst sich eine wachsende Negativbilanz der Migration nachweisen (vgl. Abb. 2). Sofern keine fundamentalen Umbruche stattfinden, ist von einer Fortsetzung dieser Entwicklungen auszugehen. Neben einer Diversifikation und Pluralisierung der Wanderungs- bewegungen, wird es vermutlich zu einem Anwachsen der Migrationsstrome auf ca. 400 Mil­lionen Personen in der Mitte des 21. Jahrhunderts kommen.(->evtl Fufinote einfugen,IOM, S.3.)Ein Faktor, der zu dem prognostizierten Anstieg der Wanderung in die wohlhabenden Staaten beitragt, ist das enorme Wachstum des Arbeitskraftepotentials in den weniger entwi- ckelten Staaten, welches sich von 2,4 Milliarden Personen (2005) auf rd. 3,6 Milliarden im Jahre 2040 erhohen wird. Komplementar dazu ist, aufgrund ungunstiger/rucklaufiger demo- grafischer Entwicklungen, mit einem deutlich steigenden Arbeitskraftemangel in den fuhren- den Wirtschaftsnationen zu rechnen. Daher werden sich die aktuellen Bewegungsmuster inter­national (Arbeits-)Migration weiter verstarken.[65]

Allein die Fluchtlingsmigration ist - laut statistischer Erhebung - sowohl in absoluten Zahlen, als auch in Relation zum Gesamtumfang tendenziell sinkend. Galten im Jahre 1990 noch 18,5 Millionen Menschen (rd. 12% aller Migranten) offiziell als Fluchtlinge, reduzierte sich diese Zahl bis 2010 auf 16,3 Millionen Personen (rd. 8% der Gesamtmigration).[66]

Die Staaten mit den hochsten Aufnahmezahlen von Migranten waren - in absteigender Rei- henfolge - die USA, Russland und Deutschland. Europa kommt besondere Bedeutung zu. Hier finden sich sechs der zehn Hauptaufnahme- bzw. Aufenthaltsnationen von Zuwanderern (vgl. Abb. 3). Vor allem west- und mitteleuropaische Staaten registrierten einen anhaltenden oder wachsenden Zuzug. Zwischen 2005 und 2010 erhohte sich die Zahl der dort ansassigen Immigranten um 5,6 Millionen auf 51 Millionen Personen.[67]

Bemerkenswert ist der Transformationsprozess, der sich vor allem in sudeuropaischen Lan- dem zeigt. Waren Staaten wie Spanien oder Italien in der Vergangenheit eher den Auswande- rungslandern zuzuordnen, entwickelten sie sich - durch demografischen Wandel und andere soziookonomische Veranderungen - seit den 1990er Jahren zu wichtigen Aufnahmestaaten von Migranten mit einer deutlichen Netto-Einwanderung.[68] Dieser Trend verstarkte sich aber- mals zu Beginn des neuen Jahrtausends, innerhalb nur eines Jahrzehntes vervielfachte sich die Anzahl der dortigen Zuwanderer (vgl. Abb. 4).

Migranten sind tendenziell starker durch Krisen betroffen als andere Bevolkerungsgruppen. Rezessionen fuhren unter Einwanderern meist zu einem uberdurchschnittlichen Anstieg der Arbeitslosenquote. Jobs in anfalligen Wirtschaftszweigen, mangelnder Kundigungsschutz oder auch ein geringeres Qualifikationsniveau lassen sich als potentielle Erklarungsansatze hierfur heranziehen. Trotz einer leicht sinkenden Tendenz im Zuge der aktuellen (globalen) Wirtschaftskrise, kam es dennoch nicht zu einem signifikanten Einbruch der Zuwanderung in die beliebten Aufnahmeregionen Europas und Nordamerikas. Potentielle Migranten warten oftmals die erhoffte okonomische Gesundung ab, um ihre geplante Migration zu einem spate- ren Zeitpunkt in die Tat umzusetzen. Bezeichnet wird dieser Zustand als ,,Taktik des Abwar- tens und Beobachtens“.[69]

3. Nation, Ethnie, Identitat, Integration und Politik

Was aber bedeutet die Migration von einem Land in ein anderes? Was sind die historisch- soziologischen Wurzeln von Gesellschaft und Gemeinschaftsgefuhl? Wodurch entstehen Ver- trautheit und Fremde, Sympathie oder Ablehnung? Worauf basieren Identitaten? Welche Fak- toren sind bei der Eingliederung in einem anderen Staat von Relevanz? Welche Grunduberle- gungen seitens der Regierungen konnen bei der Einwanderungspolitik von Bedeutung sein? Hierzu sollen in diesem Kapitel anhand verschiedener Zugange die Aspekte von Nation, Staat, Ethnie und des Umgangs unterschiedlicher kultureller Gruppen umrissen werden.

3.1 Nation, Volk und Staat im Kontext der historischen Entwicklung

In vormodernen Zeiten war es normal, dass heterogene Gruppen gemeinsam innerhalb eines Gebietes lebten. Identitat und Solidaritat entsprangen vornehmlich geografischer Nahe und ahnlichen Interessen. Klassenunterschiede oder Herrschaftsverhaltnisse waren fur das Ge- fuhl der Zusammengehorigkeit wesentlich entscheidender als kulturelle Differenzen.[70] Erst durch die Idee der Nation entstand die Vorstellung „homogener“ Volker. Der Begriff der Nati­on entstammt dem lateinischen „natio“, und leitet sich somit von der „Geburt“ ab.[71] Eine uni- verselle Definition allerdings fallt schwer.[72]

In Deutschland, praziser ausgedruckt im Heiligen Romischen Reich Deutscher Nation, kam es nur zogerlich zur Herausbildung eines „nationalen Bewusstseins“. Dies mag schlicht und ein- fach an der Tatsache gelegen haben, dass es keine einheitliche deutsche Nation gab. Bedingt durch Partikularismus, entwickelten sich Formen regionalen oder lokalen Patriotismus.[73]

Von einer ubergreifenden Verbundenheit, beispielsweise der Wurttemberger mit den Hannove- ranem, ist hingegen kaum auszugehen. Ab dem 18. Jahrhundert zeigten sich insbesondere uber die hochdeutsche Sprache zaghafte Versuche, eine ,,nationale Einheit“ zu generieren. Vor allem waren diese Bestrebungen als Emanzipationsversuch gegenuber der franzosischen Kul- turhegemonie gedacht. Allerdings blieben diese Bemuhungen weit von einer Massenbewe- gung entfernt; hauptsachlich waren sie auf akademische Kreise beschrankt, womit sie wohl eher als intellektuelle Provokation anzusehen sind.[74]

Ab dem 19. Jahrhundert fuhrte verstarkt das Moment der „Geburt“ in vielen Gebieten Euro- pas - insbesondere jetzt auch in Deutschland - zur Auspragung eines ethnischen Nationalis- mus, welcher hierzulande zur dominanten philosophischen, politischen und sozialen Ideologie avancierte. Es kam dabei zu einer Betonung der Abstammung und ethnisch-kultureller Ge- meinsamkeiten, die nun als entscheidende Zugehorigkeitskriterien fur Volk und Nation zu- grunde gelegt wurden. Ziel war die Herstellung einer Deckungsgleichheit ethnischer und terri- torialer Grenzen, im Ideal die vollkommene Homogenisierung der Gesellschaft. Unterstutzt wurde das durch den Mythos einer fiktiven harmonischen Gemeinschaft.[75] Dies implizierte automatisch die Exklusion von Anderen, welche sich nicht in diese „Gemeinschaft“ einglie- dern lassen konnten oder wollten.

Als ein exponierter Vertreter attestierte Johann Gottlieb Fichte ,,den Deutschen“ besondere Qualitaten. Seiner Argumentation folgend, wurde durch den Sieg Arminius im Teutoburger Wald, neben der romischen Expansion zugleich auch die Weltherrschaft Roms gebrochen. Fichte behauptete, die Deutschen seien als Verkorperung des „Urvolks“ und Trager einer „Ur- sprache“ der einzig mogliche Ausgangspunkt zur Perfektionierung menschlichen Daseins . Fur ihn resultierten das „uberlegene“ Wesen und der Charakter der Deutschen und ihrer Nati­on, aus der einzig „wahren“ Muttersprache. Eben diese speziellen und einzigartigen Qualita­ten begrunden in der Quintessenz die Uberlegenheit und den Hegemonialanspruch der Deut­schen, aus der eine hohere Existenzstufe der Menschheit im Allgemeinen hervorgehen sollte.[76]

Die Faszination des Nationengedankens erklart sich zum Teil auch durch die Erosion des kirchlichen Einflusses. Das Motiv einer nationalen Abstammungs-, Kampf- und Schicksalsge- meinschaft bot starkes Orientierungs- und Inklusionspotential. Durch den Wegfall der omni- prasenten kirchlichen Deutungshoheit entstand ein gesellschaftliches Vakuum. Hier trat nun die Nation als das allumfassende neue Prinzip der Orientierung und Inklusion auf. Nationalis- mus wurde damit sozusagen zur politischen Religion.[77] Pointiert formuliert wurde dies durch einen weiteren prominenten Intellektuellen, Ernst Moritz Arndt:

„Ein Volk zu sein, ein Gefuhl zu haben fur die eine Sache, mit dem blutigen Schwert der Rache zusammenzulaufen, das ist die Religion unserer Zeit [...]

Das ist die hochste Religion, zu siegen und zu sterben fur die heilige Sache der Menschheit [.] das ist die hochste Religion, das Vaterland lieber zu ha­ben als Herren und Fursten, als Vater und Mutter, als Weiber und Kinder.“[78]

Ahnlich echten Religionen, fiel der Nation damit die Bedeutung einer hohen sittlich-mora- lisch-normativen Instanz zu. Einwohner ordneten individuelle Praferenzen den Forderungen einer ubergeordneten Macht unter. Als hochste Ehre wurde, wie aus obigem Zitat hervorgeht, die Opferung des eigenen Lebens zum „Wohle“ von Volk und Nation betrachtet. Die ,,heilige Sache der Gemeinschaft“ galt als wesentlich bedeutsamer als das personliche Schicksal Ein- zelner.

Volk und Nation haben also verschiedene Bedeutungsdimensionen: Einmal als romantisch-v- erklarte, fiktive Abstammungs- und Sprachgemeinschaft, womit eine „Urwuchsigkeit“ oder Naturlichkeit dieser „Einheit“ suggeriert wurde. Wichtig ist aber auch die Interpretation als Schicksalsgemeinschaft, die sich durch den Kampf - also den Sieg oder die Niederlage gegen andere Volker - zusammenfindet.[79]

Wie dargelegt, sind Nationen als imaginare Gemeinschaften zu begreifen. Sobald dieser Ge- meinschaftsgedanke allerdings einmal erzeugt, und in das Bewusstsein der Bevolkerung im- plantiert ist, wird er zu einem bedeutsamen Einflussfaktor der Wahrnehmung und des indivi- duellen, sowie kollektiven Handelns.[80] Folglich spielt es fur die soziale Praxis keine Rolle mehr, dass diese Gemeinschaft eine kontrafaktische Konstruktion ist.[81]

Es existierten auch in zeitgenossischer Betrachtung durchaus divergierende Meinungen uber das „Wesen“ einer Nation. Der renommierte franzosische Gelehrte Ernest Renan beispiels- weise, sprach sich explizit gegen einen Nationsbegriff aus, der sich uber „Rasse“, Sprache, Religion oder Territorium definiert.[82] Als Gegenpol zu den verbreiteten volkisch-rassistischen Interpretationen, liefi seine Position deutlich mehr Inklusionsspielraum. Fur ihn definierten sich Nationen folgendermafien:

,,Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge [...] machen diese Seele, dieses geistige Prinzip aus. Eines davon gehort der Vergangen- heit an, das andere der Gegenwart. Das eine ist der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen, das andere ist das gegenwartige Einverneh- men, der Wunsch zusammenzuleben [...] In der Vergangenheit ein gemein- schaftliches Erbe von Ruhm und von Reue, in der Zukunft ein gleiches Pro- gramm verwirklichen [...] das ist mehr wert als gemeinsame Zolle und Grenzen [...] Das ist es, was man ungeachtet der Unterschiede von Rasse und Sprache versteht [...] Eine Nation ist also eine Solidargemeinschaft, ge- tragen von dem Gefuhl der Opfer, die man gebracht hat, und der Opfer, die man noch zu bringen gewillt ist. Sie setzt eine Vergangenheit voraus, aber trotzdem fafit sie sich in der Gegenwart in einem greifbaren Faktum zusam- men: der Ubereinkunft, dem deutlich ausgesprochenen Wunsch, das ge­meinsame Leben fortzusetzen.“[83]

Nation in diesem Verstandnis stellt etwas Abstraktes, „Spirituelles“ dar, dessen Existenz vom gemeinsamen Willen zur Erhaltung abhangt. Auffallig auch hierbei ist die besondere Beto- nung der Historizitat, eine (gefuhlte) gemeinsame Vergangenheit. Trotz aller Differenzen, war also auch fur Renan eine ahistorische Nation nicht denkbar.

Die Niederlagen gegen Napoleon bedeuteten fur die deutschen Staaten den Impuls zur Ent- wicklung eines starkeren Nationalbewusstseins. Besatzung und Fremdherrschaft lieferten die soziale Dynamik zur Veranderung. Bei den westlichen Nachbarn hatte sich dieses Bewusst- sein bereits durch die Revolution im Jahre 1789 eingestellt.[84]

Dies deutet bereits die Besonderheit der deutschen Nationsgeburt an. Im Unterschied zu ande- ren Landern, handelte es sich um einen externen Impuls, der zu Modifikation der internen Wahrnehmungsdisposition fuhrte. In England beispielsweise, kam es bereits wesentlich fruher zur Herausbildung eines „nationalen Bewusstseins“. Gemeinsame Sprache, die Emanzipation der eigenen Konfession (anglikanische Kirche) und das klar umgrenzte Territorium fuhrten zu einer weitreichenden gesellschaftlichen Inklusion vieler verschiedener Stromungen. Die kul- turelle und nationale Identitat Englands erreichte fruhzeitig ein hohes Niveau.[85] Als Resultat des gewonnenen Krieges gegen Frankreich im Jahre 1871, weist die Einigung Deutschlands ein weiteres Spezifikum auf: Das demutigende Zeremoniell der Kaiserkronung im Spiegelsaal von Versailles, kann als Sinnbild einer tiefempfundenen Verachtung gegenuber dem franzosischen Rivalen betrachtet werden. Allgemeiner, lasst sich in dieser Symbolik die grundlegende Ablehnung der westeuropaischen (insbesondere der franzosischen und engli- schen) burgerlich-demokratischen Werte erkennen. Die nationale Identitat Deutschlands resul- tierte also aus einer Feindschaft, oder dem Antagonismus zu anderen Nationen.[86] Wahrend der Nationalismus Frankreichs und Englands sich aus eigenen, gemeinsam vollbrachten progres- siven Leistungen, wie dem Sturz des „Ancien Regime“ oder dem englischen Burgerkrieg speiste, lasst sich im Falle Deutschlands somit eher ein reaktionarer und destruktiver Charak- ter konstatieren.

Der Begriff der „verspateten Nation“ bezeichnet sowohl das politisch-faktische, als auch emo- tional-psychologische „Hinterherhinken“ Deutschlands auf dem Weg zur eigenen, vereinten Staatsnation. Da es sich aufierdem um eine „oktroyierte“ Staatsgrundung handelte, fehlte dem Prozess die Vehemenz und intrinsische Motivation einer genuinen Volksbewegung. Insgesamt lasst sich ein tief verwurzelter Mangel an Demokratie- und Politikbewusstsein attestieren, der seinen Niederschlag in der aggressiven und autoritaren Politik spaterer Jahre fand.[87]

Um diesen Abschnitt abzuschliefien, soil nun noch kurz dem Wesen des Staates nachgegangen werden. Sich vom lateinischen „status“ ableitend, meint der Begriff soviel wie „Zustand“ oder „Rang“.[88] Der Staat kann definiert werden als:

„Eine politisch-rechtliche Ordnung, die eine Personengemeinschaft auf der Grundlage eines Staatsvolks innerhalb eines raumlich abgegrenzten Gebie- tes zur Sicherstellung bestimmter Zwecke (Staatszwecke) auf Dauer bindet und der Staatsgewalt unterwirft.“[89]

Der Staat wird zum Monopolist legitimer (physischer) Gewaltausubung. Im Falle moderner, demokratischer Staaten bedeutet dieser Gewaltverzicht der Burger zugleich die Zusicherung bestimmter Rechte.[90]

Um nochmal einen zentralen Punkt hervorzuheben: Fur das Konzept der Nation waren (zu- mindest in Deutschland) die Komponenten „Volk“ und ,,ethnischer Nationalismus“ von ent- scheidender Bedeutung. Das Ziel war die Schaffung einer moglichst homogenen ,,Gemein- schaft“. Exklusion und teilweise offene Anfeindungen gegenuber anderen Gruppen, die sich nicht „germanisieren“ lassen wollten oder konnten, stellten die Konsequenz daraus dar.[91] Im Unterschied dazu, wird Inklusion in modernen Staaten nicht (nur) uber die Abstammung, son- dern vielmehr uber gemeinsame Werte, Ziele und die Teilhabe in den einzelnen Instanzen des offentlichen und privaten Lebens einer Gesellschaft verwirklicht. Sie lassen sich somit als po- litische Interessensgemeinschaft begreifen.[92] Die Teilhabe an dieser Gemeinschaft ist freiwil- lig und bewusst, wahrend die ethnische Nation einen automatischen und biologistischen Kon- sens konstruiert.

Der reale Staat und die imaginare Nation stehen allerdings in einem gewissen Kontrastver- haltnis zueinander. Staaten sind oftmals nicht in der Lage, das diffuse Verlangen nach einer „Gemeinschaft“ zu stillen, was mitunter zu Destabilisierung und Konflikten fuhren kann.[93] Nationalstaaten versuchen nun diesen Konflikt aufzulosen. Sie lassen sich als Zweckbundnis zwischen Staat und Nation auffassen. Da Staaten rationale Konstrukte sind, werden sie oft­mals mit Loyalitatsproblemen konfrontiert, die sich aus mangelnder Identifizierung der Bur­ger und dem (empfundenen) Legitimitatsdefizit ergeben. Daher bedienen sie sich zusatzlich der emotionalen Komponente des Nationenbegriffs. Widerstand gegenuber dem Staat kann somit zu einem ,,unmoralischen Verrat“ an der gemeinsamen Sache, zu einem normativ ge- achteten Vergehen stilisiert werden.[94]

Verstarkt seit Ende des 19. Jahrhunderts zeigten sich europaweit erneut uberhohte Tendenzen nationalistischer Inklusion und Kollektivierung. Der Wettlauf der Grofimachte um Expansion und Einfluss verscharfte sich. Slogans wie ,,right or wrong, my country“ oder auch das spater von den Nationalsozialisten verwendete „Du bist nichts, Dein Volk ist alles“ lassen sich als Indikatoren eines zugespitzten Nationalismus und Patriotismus verstehen.[95]

Es sollte an diesem Punkte klar geworden sein, dass die Begriffe Nation, Volk und Staat stark miteinander verwoben sind. Insbesondere durch die verschiedenen Definitionen und philoso- phisch-theoretischen Interpretationen, fallt eine klare Trennung nicht immer leicht. Die ge- fuhrte Argumentation diente einer Verdeutlichung der Grundmomente dieser Kategorien.

[...]


[1] Vgl. Saskia Sassen, Das Paradox des Nationalen. Territorium, Autoritat und Rechte im globalen Zeitalter, Frankfurt a. M. 2008, S.81.

[2] Vgl. Philip PLICKERT/Hendrik Kafsack, Europa am Scheideweg. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.11.2012.

[3] Daruber hinaus entstammte die Inspiration zum Verfassen dieser Abschlussarbeit einem besuchten Seminar unter dem Titel ,,Soziologie der Migration*1. Die im Rahmen der Lehrveranstaltung und beim Schreiben der Seminararbeit (siehe Quellenverzeichnis) angeeigneten Kenntnisse, sind in erweiterter und vertiefter Form in die Magisterarbeit eingeflossen, woraus sich automatisch gewisse strukturelle Parallelen ergeben.

[4] Petrus Han, Soziologie der Migration. Erklarungsmodelle - Fakten - Politische Konsequenzen - Perspektiven, Stuttgart 2010.

Annette Treibel, Migration in modernen Gesellschaften. Soziale Folgen von Einwanderung, Gastarbeit und Flucht, Weinheim 1999.

[5] Douglas S. Massey et al., Worlds in Motion. Understanding International Migration at the End of the Millenium, Oxford 1998.

[6] Ludger Pries, Internationale Migration, Bielefeld 2001.

Ludger Pries, Transnationalisierung. Theorie und Empirie grenzuberschreitender Vergesellschaftung,Wiesbaden 2010.

[7] Andrew Geddes, The Politics of Migration and Immigration in Europe, London 2003.

[8] Christoph Butterwegge/Gudrun Hentges (Hrsg.), Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung. Migrations- Integrations- und Minderheitenpolitik, Wiesbaden 2009.

[9] Klaus J. Bade, Europa in Bewegung. Migration vom spaten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Munchen 2000.

Klaus J. Bade, Sozialhistorische Migrationsforschung, Gottingen 2004.

[10] Friedrich Heckmann, Ethnische Minderheiten, Volk und Nation. Soziologie inter-ethnischer Beziehungen, Stuttgart 1992.

[11] Rolf Eickelpasch/Claudia Rademacher, Identitat, Bielefeld 2004.

Zygmunt Bauman, Identity. Conversations with Benedetto Vecchi, Cambridge 2005.

[12] Stuart HALL/Ulrich Mehlem, Rassismus und kulturelle Identitat. Ausgewahlte Schriften 2, Hamburg 2000.

[13] Zig Layton-Henry, The politics of Immigration. Immigration, 'Race' and 'Race' Relation in Post-war Britain, Oxford 1992.

Robert Winder, Bloody Foreigners. The Story of Immigration to Britain, London 2007.

Will Somerville, Future Immigration Patterns and Policies in the United Kingdom. In: Bertelsmann Stiftung/Migration Policy Institute (Hrsg.): Migration, Public Opinion and Politics, Gutersloh 2009, S. 314-339.

[14] Dietrich ThrAnhardt, Deutschland als Magnetgesellschaft. Konzepte, Erfolge und Dilemmata der Einwanderungspolitik. In: Neuhaus (Hrsg.): Migration und Integration, Erlangen 2002, S. 9-41.

Hartmut Esser, Gastarbeiter. In: Benz (Hrsg.): Die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Band 2: Wirtschaft, Frankfurt a. M. 1989, S. 326-361.

[15] Petra Bendel/Friedrich Ebert Stiftung (FES), Europaische Migrationspolitik. Bestandsaufnahme und Trends, Bonn 2009. Sergio Carrera et al., Labour Immigration Policy in the EU: A Renewed Agenda for Europe 2020. Centre for European Policy Studies PolicyBriefNo.240, Brussel 2011. Maarten Vink, Limits of European Citizenship. European Integration and Domestic Immigration Policies, London 2005.

[16] Vgl. Klaus J. Bade, Europa in Bewegung. Migration vom spaten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Munchen 2000, S.19f.

[17] Vgl. Saskia Sassen, Migranten, Siedler, Fluchtlinge. Von der Massenauswanderung zur Festung Europa, Frankfurt a. M. 1997, S.21f.

[18] Vgl. Sassen, Migranten, Siedler, Fluchtlinge, S. 24.

[19] Vgl. Ebd., S. 27f.

[20] Vgl. Karl H. Schneider, Amerikaauswanderung im 18. und 19. Jahrhundert. Verflechtung von Faktoren. In: Liebig (Hrsg.): Migration und Weltgeschichte, Schwalbach i. Taunus 2007. S. 37-57, hier S. 40ff.

[21] Zitiert nach Leo ScHELBERT/Hedwig Rappolt, Alles ist ganz anders hier. Auswandererschicksale in Briefen aus zwei Jahrhunderten, Olten 1979, S. 63.

[22] Vgl. Helmut Schmahl, Die Bedingungen der Reise - das 'Redemptioner-System'. URL: http://www.auswanderung-rlp.de/auswanderung-nach-nordamerika/1718-jahrhundert/die-bedingungen-der- reise-das-redemptioner-system.html (abgerufen am 05.07.2012).

[23] Vgl. Sassen, Migranten, Siedler, Fluchtlinge, S. 35f.

[24] Vgl. Stephen CASTLES/Mark J. Miller, Die Formung der modernen Welt durch globale Migration. Eine Geschichte der Wanderungsbewegungen bis 1945. In: Pries (Hrsg.): Transnationale Migration, Baden- Baden 1997. S. 47-61, hier S. 48.

[25] Anfangs verpflichteten sich mittellose Auswanderer als „Indentured Servants'1 (Schuldknechte). Im Ge- genzug wurde ihnen die Schiffspassage gezahlt. Sie verpfandeten ihre Arbeitskraft in der Zielregion auf drei bis zehn Jahre, anschliefiend erhielten sie entweder Geld oder Land - mitunter auch Naturalien. Oftmals bedeutete dies sklavenahnliche Bedingungen und extreme korperliche Belastungen. Spater wurde das „Redemptioner-System“ eingefuhrt, bei dem man zumindest ansatzweise mehr Einfluss auf die Form der Schuldabarbeitung hatte. Ab 1820 setzten sich zunehmend andere Finanzierungsformen, wie Darlehen oder staatliche Unterstutzungen durch (Vgl. Bade, Europa in Bewegung, S. 123ff.).

[26] Vgl. Schneider, Amerikaauswanderung im 18. und 19. Jahrhundert, S. 52f.

[27] Zitiert nach Schelbert/Rappolt, Alles ist ganz anders hier, S. 240.

[28] Vgl. Sassen, Migranten, Siedler, Fluchtlinge, S. 58.

[29] Vgl. Bade, Europa in Bewegung, S. 68f.

[30] Vgl. Friedrich KLUGE/Elmar Seebold, Kluge - Etymologisches Worterbuch der deutschen Sprache, Berlin 2011, S. 244.

[31] Petrus Han, Soziologie der Migration. Erklarungsmodelle - Fakten - Politische Konsequenzen - Perspektiven, Stuttgart 2010, S. 6.

[32] Vgl. Han, Soziologie der Migration, S. 6f.

[33] Vgl. Han, Soziologie der Migration, S. 43ff.

[34] Vgl. Han, Soziologie der Migration, S. 43ff.

[35] Vgl. Christoph REINPRECHT/Hilde Weiss, Migration und Integration. Soziologische Perspektiven und Erklarungsansatze. In: Fassmann/Dahlvik (Hrsg.): Migrations- und Integrationsforschung - multidisziplinare Perspektiven., Gottingen 2012. S. 13-33, hier S. 16.

[36] Vgl. Ludger Pries, Internationale Migration, Bielefeld 2001, S. 39.

[37] Vgl. Ludger Pries, Transnationalisierung. Theorie und Empirie grenzuberschreitender Vergesellschaftung, Wiesbaden 2010, S. 62.

[38] Ebd., S. 66.

[39] Vgl. Han, Soziologie der Migration, S. 64f.

[40] Vgl. Han, Soziologie der Migration, S. 12.

[41] Vgl. Andrew Geddes, The Politics of Migration and Immigration in Europe, London 2003, S. 8.

[42] Vgl. Douglas S. Massey et al., Worlds in Motion. Understanding International Migration at the End of the Millenium, Oxford 1998, S. 8.

[43] Vgl. ebd., S. 21ff.

[44] Unter Push-Faktoren werden Umstande verstanden, die Menschen dazu notigen ihre Heimatregion zu verlassen. Beispiele hierfur konnen Naturkatastrophen, Armut, Krieg, Diskriminierung oder Verfolgung sein. Pull-Faktoren sind hingegen Aspekte, welche eine Wanderung in bestimmte Gebiete attraktiv erscheinen lassen. Eine gute Arbeitsmarktsituation, hohes Lohnniveau, Sicherheit, Freiheit etc. lassen sich hierzu anfuhren (Vgl. Franz Nuscheler, Internationale Migration. Flucht und Asyl, Wiesbaden 2004, S. 102.).

[45] Vgl. Johan Galtung, Globale Migration. In: Butterwegge/Hentges (Hrsg.): Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung, Wiesbaden 2009. S. 11-22, hier S. 12.

[46] Vgl. Galtung, Globale Migration, S. 15ff.

[47] Vgl. Massey et al., Worlds in Motion, S. 8ff.

[48] Unter sozialem Kapital versteht man nutzbare Ressourcen, die sich aus den Beziehungen der Akteure ergeben. Anerkennung, Vertrauen, Respekt etc. bilden die imaginare Wahrung. Je grofier und intensiver das Netzwerk des Akteurs, umso grofier auch das soziale Kapital, welches sich beispielsweise in Hilfs- und Unterstutzungsleistungen niederschlagen kann (Vgl. Pierre Bourdieu, Okonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital. In: Kreckel (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten, Gottingen 1983. S. 183-198, hier S. 190f.).

[49] Vgl. Pries, Internationale Migration, S. 34f.

[50] Massey et al., Worlds in Motion, S. 43.

[51] Vgl. ebd., S.2f.

[52] United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR), Abkommen uber die Rechtsstellung der Fluchtlinge vom 28. Juli 1951.

[53] Vgl. Geddes, The Politics ofMigration and Immigration in Europe, S. 18.

[54] Vgl. James F. Hollifield, Offene Weltwirtschaft und nationales Burgerrecht Das liberale Paradox. In: Thranhardt/Hunger (Hrsg.): Migration im Spannungsfeld von Globalisierung und Nationalstaat, Wiesbaden 2003. S. 35-57, hier S. 36f.

[55] Freiheit ist in der politikwissenschaftlichen Sprache des Abendlandes ein Schlusselbegriff fur eine Ordnung des Gemeinwesen, welche die Autonomie des Einzelnen besonders schutzt. Freiheit wird als Gegenbegriff zu Knechtschaft und freiheitsunterdruckenden Ordnungen (Autokratie, Tyrannis) verstanden. Sie ist Kernbestandteil der Grundrechte in Demokratien und somit auch des Verfassungsstaates (Vgl. Manfred G. Schmidt, Worterbuch zur Politik, Stuttgart 2010, S. 270).

Die Aspekte von Freiheit und Gleichheit traten und treten zumeist in Kombination auf. Siehe dazu John Locke, die amerikanische Unabhangigekeitserklarung oder das Motto der franzosischen Revolution. Die Verbindung von Freiheit und Gleichheit wird als Voraussetzung fur das Funktionieren demokratischer Prozesse betrachtet. Freiheit und Gleichheit sind damit Grundwerte demokratischer Gesellschaften (Vgl. Everhard Holtmann (Hrsg.), Politik-Lexikon, Munchen 2000, S. 197ff.).

[56] Vgl. Geddes, The Politics ofMigration and Immigration in Europe, S. 20ff.

[57] Vgl. Hollifield, Offene Weltwirtschaft und nationales Burgerrecht, S. 50.

[58] Vgl. Franz Nuscheler, Globalisierung und ihre Folgen. Gerat die Welt in Bewegung? In: Butterwegge/Hentges (Hrsg.): Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung, Wiesbaden 2009. S. 23­35, hier S. 25ff.

[59] Vgl. Steffen Angenendt, Wanderungsbewegung und Globalisierung. Zusammenhange - Probleme - Handlungsmoglichkeiten. In: Butterwegge/Hentges (Hrsg.): Zuwanderung im Zeichen der Globalisierung. Seite 37-53, hier S. 40f.

[60] Heinz FASSMANN/Rainer Munz, Europaische Migration - ein Uberblick. In: Fassmann/Munz (Hrsg.): Migration in Europa., Frankfurt a. M. 1996. S. 13-52, hier S. 45.

[61] Vgl. Angenendt, Wanderungsbewegung und Globalisierung, S. 41ff.

[62] Vgl. United Nations (UN) (Hrsg.), International Migration Report 2009. A Global Assessment, New York 2011, S. 1.

[63] Unter der Netto-Migration ist die Differenz zwischen der Zu- und Abwanderung einer Region zu verstehen. Bevolkerungsgewinne werden daher als positive Netto-Migration bezeichnet (Vgl. Han, Soziologie der Migration, S. 9.).

[64] Vgl. UN, International Migration Report 2009, S. 16.

[65] Vgl. International Organization for Migration (IOM) (Hrsg.), World Migration Report 2010. The Future of Migration. Building Capacities for Change, Genf 2010, S. 3f.

[66] Vgl. UN, International Migration Report 2009, S. 4.

[67] Vgl. IOM, World Migration Report 2010, S. 185.

[68] Vgl. UN, International Migration Report 2009, S. 10.

[69] Vgl. IOM, World Migration Report 2010, S. 122f.

[70] Vgl. Friedrich Heckmann, Ethnische Minderheiten, Volk und Nation. Soziologie inter-ethnischer Beziehungen, Stuttgart 1992, S. 39f.

[71] Vgl. Kluge/Seebold, Kluge - Etymologisches Worterbuch der deutschen Sprache, S. 648.

[72] Aus aktueller Perspektive wird zwischen der „Volksnation“ (ethnisch relativ homogene Gruppe), „Kulturnation“ (gemeinsame Verhaltensmuster), „Staatsnation“ (keine spezifischen Kriterien, allein die Existenz als politischer Verband) und der „Staatsburgernation“ (uber die demokratischen, freiheitlichen und gleichwertigen Beteiligungsprozesse der Burger definiert) unterschieden (Vgl. Uwe ANDERSEN/Wichard Woyke (Hrsg.), Handworterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 2009, S. 449.).

[73] Vgl. Hagen Schulze, Staat und Nation in der europaischen Geschichte, Munchen 1999, S. 146.

[74] Vgl. Schulze, StaatundNationinder europaischen Geschichte, S. 146f.

[75] Vgl. Heckmann, Ethnische Minderheiten, VolkundNation, S. 43f.

[76] Vgl. Kurt Lenk, Volk und Staat. Strukturwandel politischer Ideologien im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart 1971, S. 75ff.

[77] Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Nationalismus und Nation in der deutschen Geschichte. In: Berding (Hrsg.): Nationales Bewufitsein undkollektive Identitat, Frankfurt a. M. 1994. S. 163-175, hier S. 166f.

[78] Ernst Moritz Arndt 1807, zitiert nach Heinrich August Winkler, Geschichte des Westens, Band 1: Von den Anfangen in der Antike bis zum 20. Jahrhundert, Munchen 2009, S. 402 (Hervorhebung im Original).

[79] Vgl. Jurgen Habermas, Inklusion versus Unabhangigkeit. Zum Verhaltnis von Nation, Rechtsstaat und Demokratie. In: Hettling/Nolte (Hrsg.): Nation und Gesellschaft in Deutschland, Munchen 1996. S. 115­127, hier S. 115.

[80] Vgl. James J. Sheehan, Nation und Staat. Deutschland als „imaginierte Gemeinschaft“. In: Hettling/Nolte (Hrsg.): Nation und Gesellschaft in Deutschland. S. 33-45, hier S. 34.

[81] Dieses Phanomen ist kein Spezifikum der Nation, sondern lasst sich anhand eines soziologischen Axioms auf verschiedenste Szenarien ubertragen. Das „Thomas-Theorem“ besagt: sofern eine Situation von den Akteuren als real aufgefasst wird, so ist sie fur die Beteiligten in all ihren Konsequenzen auch real (Vgl. Hartmut Esser, Soziologie. Spezielle Grundlagen, Band 1: Situationslogik und Handeln, Frankfurt a. M. 1999, S. 63.).

[82] Vgl. Ernest Renan, Was ist eine Nation? In: Jeismann/Ritter (Hrsg.): Grenzfalle, Leipzig 1993. S. 290­311, hier S. 298ff.

[83] Renan, Was ist eine Nation?, S. 308f.

[84] Vgl. Wehler, Nationalismus und Nation in der deutschen Geschichte, S. 165.

[85] Vgl. Schulze, StaatundNationinder europaischen Geschichte, S. 136f.

[86] Vgl. ebd., S.241.

[87] Vgl. Andersen/Woyke, Handworterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, S. 450.

[88] Vgl. Kluge/Seebold, Kluge - Etymologisches Worterbuch der deutschen Sprache, S. 873.

[89] Manfred G. Schmidt, Worterbuch zur Politik, Stuttgart 2010, S. 750.

[90] Grundsatzlich gehoren dazu verschiedene Grund- und Menschenrechte. Diese sind in der jeweiligen Verfassung niedergelegt und konnen gegenuber dem Staat eingeklagt werden (Vgl. Klaus ScHUBERT/Martina Klein, Das Politiklexikon. Begriffe - Fakten - Zusammenhange, Bonn 2011, S. 282f. undS. 71f.).

[91] Vgl. Heckmann, Ethnische Minderheiten, Volk und Nation, S. 211f.

[92] Vgl. ebd., S. 216f.

[93] Beispielsweise wurde das Elsass aufgrund der unterstellten kulturellen Gemeinschaft von den Deutschen stets zu ihrer Nation gerechnet (Vgl. Sheehan, Nation und Staat, S. 43.).

[94] Vgl. RolfEICKELPASCH/Claudia Rademacher, Identitat, Bielefeld 2004, S. 71f.

[95] Vgl. Schulze, Staat und Nation in der europaischen Geschichte, S. 267f.

Ende der Leseprobe aus 136 Seiten

Details

Titel
Bewegtes Europa. Migrationsprozesse aus nationaler und supranationaler Perspektive
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,6
Autor
Jahr
2012
Seiten
136
Katalognummer
V274583
ISBN (eBook)
9783656663904
ISBN (Buch)
9783656664833
Dateigröße
1275 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bewegtes, europa, migrationsprozesse, perspektive
Arbeit zitieren
Magister Clemens Walter (Autor), 2012, Bewegtes Europa. Migrationsprozesse aus nationaler und supranationaler Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274583

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