Das Prinzip der Hysterie an Beispielen aus den "Studien über Hysterie" von Sigmund Freud und Josef Breuer


Hausarbeit, 2012
15 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Hysterie bei Frau und Mann im gesellschaftlichen Kontext
2.1. Die Frau in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts
2.1.1. Hysterie als Schauspiel
2.1.2. Die Anpassungsbereitschaft der Hysterie am Fallbeispiel Anna O.
2.2. Männliche Hysterie

3. Ursachen, Erscheinung und Behandlung der Hysterie
3.1. Die Rolle des Traumas am Fallbeispiel Emmy v. N.
3.2. Die psychische Konstitution von Hysterikerinnen am Beispiel Emmy v. N.
3.3. Das Erscheinungsbild des hysterischen Anfalls
3.4. Die Behandlungsmethoden Sigmund Freuds
3.5. Die Rolle der psychosexuellen Entwicklungsphasen am Fallbeispiel Katharina C.

4. Fazit

Bibliografie

1. Einleitung

Unbeherrschte Tobsuchtsanfälle, laute Weinkrämpfe, panische Ängste – das sind die Indikatoren für die grande hystérie im 19. Jahrhundert. Grande Hystérie, was ist das eigentlich? Der Begriff wird von Jean-Martin Charcot während seiner Zeit als Arzt in der Salpêtrière-Nervenheilanstalt in Paris definiert und geht zurück auf ein jahrhundertealtes Phänomen. Der Begriff bezeichnet den hysterischen Anfall, einen Anfall der "grande mouvements" (der großen Bewegungen). Die folgende Ausarbeitung dient dem Zweck, das Prinzip der Hysterie darzustellen und einen Erklärungsversuch dafür zu wagen, warum es Ende des 19. Jahrhunderts zu einer "Hysterie-Welle" kam, während die Diagnose heute nicht mehr gestellt wird.

Dabei werde ich der Frage auf den Grund gehen, ob es sich bei der Hysterie um eine bloße theatralische Inszenierung oder um eine echte Krankheit handelt und welche Folgen diese Frage für die Gesellschaft hat. Die forschungsgeschichtlichen Hintergründe werden anhand der Rollen von Jean-Martin Charcot sowie Sigmund Freud und Josef Breuer ausgeführt und in direkte Verbindung mit dieser wichtigen Frage gesetzt. Des Weiteren wird zur Sprache kommen, ob die Hysterie ein ausschließlich weibliches Symptom ist oder ob es nicht auch möglich sei, dass Männer darunter leiden können.

2. Die Hysterie bei Frau und Mann im gesellschaftlichen Kontext

2.1. Die Frau in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts

Das neue ideale Familienkonzept der bürgerlichen Kleinfamilie führt im 19. Jahrhundert zu einer extremen Trennung des Kompetenzbereiches der verschiedenen Geschlechter. Während das "starke Geschlecht" (der Mann) in der Öffentlichkeit immer mehr Raum einnimmt und nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erobert, wird die "schwache" Frau in die Küche verbannt. Ihr neuer Kompetenzbereich beschränkt sich auf die Organisation des Haushaltes und Versorgung der Familie. Das Lebensziel der Frau heißt nicht Selbstverwirklichung, sondern gesellschaftliche Akzeptanz. Diese erreicht sie durch die frühe Heirat mit einem wohlhabenden und erfolgreichen Unternehmer und die Zeugung und Erziehung von Kindern. Doch auch wenn der häusliche Bereich das weibliche Terrain ist, verfügt die Frau dort über keinerlei Rechte oder Besitz. Finanzielle Ausgaben müssen vom Ehegatten abgesegnet und der Haushalt nach den Wünschen des Mannes geführt werden. Auch die Kindererziehung wird nach den strengen Vorgaben des Mannes gehandhabt. Auch hierbei haben Disziplin und Sittenstrenge eine normative Funktion.

Darüber hinaus sorgt der herrschende Mann dafür, dass sich die Frau nicht weiterentwickeln oder gegen ihn auflehnen kann und somit von ihm abhängig bleibt. Es stellt sich die Frage, ob das neue Familien-Konzept aus der Angst heraus entstanden ist, dass der Mann seine Macht einbüßen könnte, wenn Frauen ihm ebenbürtig erscheinen und ihm somit seinen Platz streitig machen. Doch diese Überlegung müsste unter einem anthropologischen Gesichtspunkt untersucht werden und würde in diesem Rahmen zu weit führen.

Durch die Macht des Mannes gilt nur eine schwache Frau als weibliche Frau. Zu dieser Schwächlichkeit zählen Bescheidenheit, Sparsamkeit, Zurückhaltung, Entsagung aller Entfaltungsmöglichkeiten und Frigidität außerhalb der ehelichen Sexualpflicht. Selbst durch die erwünschte Kleidung wird die Frau beengt. Hohe Absätze, enge Korsetts und Röcke schränken ihr Bewegungsfeld enorm ein. Bildung wird ihr ebenfalls untersagt, außer sie dient dem Zweck der Kindererziehung, der Religiosität oder dem Haushalt. Darüber hinaus sollte eine Frau ihre Emotionen stets unter Kontrolle halten, da sie sonst als Exzentrikerin bezeichnet wird, wodurch erneut gesellschaftlicher Ausschluss droht. Die bürgerliche Frau ist also physisch und psychisch gefangen. Ihre Angst vor dem Ausschluss aus der Gesellschaft sowie die Angst, ihre Kinder oder ihren Ehegatten zu verlieren sind so stark, dass sie sich dem Mann vollkommen unterwirft. Dennoch leidet die Frau unter ihren ständigen Verlustängsten und ihrem unterdrückten Drang nach Selbstverwirklichung. Durch das ständige Widerspiel von Begierde und Züchtigung, kommt es zu einem Kampf in der Seele der Frau, der nicht nach außen gelangen darf. Einige Frauen mit einer labilen psychischen Konstitution können diesem ständigen Druck nicht lange standhalten. Da die Krankheit die "einzig zugestandene Möglichkeit und auch Ausdrucksform [ist], um seelische Konflikte auszudrücken und darzustellen"[1], flüchten diese Frauen in die Hysterie. Es stellt sich allerdings die Frage, ob hierbei von einer bewusst gesteuerten Flucht gesprochen werden kann, oder ob es sich um einen Nervenzusammenbruch handelt, an dem der Verstand gänzlich unbeteiligt ist.

Es ist sowohl Vorteil als auch Nachteil der Frau, dass die Hysterie als Krankheit verstanden wird. Eine Hysterikerin bewahrt das Bild der schwachen Frau, ihre gesellschaftliche Pflicht bleibt also weiterhin erfüllt. Dennoch bleibt sie unmündig und abhängig vom Mann.

2.1.1. Hysterie als Schauspiel

Kritiker unterstellen der Frau boshafte und hinterlistige Absichten und sprechen von einem inszenierten Schauspiel. Ihnen kommt es entgegen, dass der Hysterie jede organische Ursache fehlt und somit von medizinischer Seite bislang kein Beweis für die Erkrankung erbracht werden kann. In den Augen dieser Kritiker ist das Schauspiel die einzige Kunst, welche die Frau im Gegensatz zum Mann beherrscht. Weibliche Schauspielerei setzen sie mit Lüge, fehlender Tatkraft, List, Verstellung und Intrige gleiche. Zum wirklichen Handeln seien Frauen ihrer Meinung nach nicht fähig, daher müssten sie sich mit Lügen behelfen. Darüber hinaus wird der Hysterie in nahezu jeder Beschreibung gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ein orgiastisches, exzessives Element zugeordnet. Die Kranke würde laut der Auffassung vieler Ärzte das Bedürfnis verspüren, Aufmerksamkeit zu erregen. Hellpach beschreibt im Jahr 1906, der hysterische Anfall sei eine Art Theaterspiel, bei dem man jedoch nicht an eine beabsichtigte Komödie denken dürfe, da ihm ein zwanghaftes Verhalten zugrunde liege.[2]

Er vergleicht die Hysterie mit dem Brüllen eines Kindes, welches einen unbedeutenden Unfall erlebt und weiß, dass es durch sein Schreien Aufmerksamkeit und Mitleid bei seinen Eltern erregt. Würden die Eltern den Unfall hingegen ignorieren, würde das Kind den Schmerz schnell vergessen. Doch auch bei dem Kind handle es sich nicht um eine beabsichtigte Zurschaustellung, vielmehr würde die Vorstellung ihm sei etwas Schlimmes widerfahren, durch das aufgeregte Herbeieilen seiner Bezugspersonen ins Unermessliche gesteigert und suche eine Ausdrucksmöglichkeit. Genau so sei es in der Hysterie der Wunsch nach Verwirklichung oder Ausdruck des seelischen Leidens, welcher die Kranke zu einem solchen Anfall zwinge.

Hellpach gibt seiner Monographie den Titel "Die geistigen Epidemien". Er versteht die Hysterie als eine Epidemie, da sie mit der Dynamik des Lernens verbunden ist. Damit meint er nicht nur, dass Anfälle besonders dann auftreten, wenn andere Hysterika im Raum sind, sondern auch, dass fremde Symptome übernommen werden können.

[...]


[1] Schaps, Hysterie und Weiblichkeit, S. 126.

[2] Vgl. Hellpach, Die geistigen Epidemien, S.78.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Prinzip der Hysterie an Beispielen aus den "Studien über Hysterie" von Sigmund Freud und Josef Breuer
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
Der psychische Apparat
Note
2,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
15
Katalognummer
V274626
ISBN (eBook)
9783656675136
ISBN (Buch)
9783656675129
Dateigröße
497 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
prinzip, hysterie, beispielen, studien, sigmund, freud, josef, breuer
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Sabrina Talbot (Autor), 2012, Das Prinzip der Hysterie an Beispielen aus den "Studien über Hysterie" von Sigmund Freud und Josef Breuer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274626

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das Prinzip der Hysterie an Beispielen aus den "Studien über Hysterie" von Sigmund Freud und Josef Breuer


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden