In seinem 1990 erschienen Artikel „Die betonierte Zukunft - Zum Wohnungsbauprogramm der DDR“ formulierte Jürgen Rostock zusammenfassend, dass Architektur in der DDR nur ausnahmsweise stattgefunden habe. Es entstand massenhaft Monotonie. Als Hauptursache dieser Monotonie galt dabei die Umstellung des Bauwesens auf die Industrialisierung der bauproduktiven Prozesse ab Mitte der 50er Jahre. Damit verbunden waren nicht nur eine Standardisierung, Typisierung und späteren Reduktion des Wohnungsbaus auf ein Mindestmaß, sondern auch Auswirkungen auf die bauliche Gestalt der Gebäude. Bis Anfang der siebziger Jahre wurden immer wieder neue Bautypen für den Wohnungsbau entwickelt und eingeführt. Mit jedem neuen Serientyp werden funktionelle, konstruktive und technologische Bauelemente weiter vereinfacht und genormt, um trotz Ressourcenmangels die Idee eines Baukastensystems immer näher zu kommen. Ungeachtet der Dominanz des industriellen Bauens durch Vorfertigungen, materialsparender Konzeption und Vor-Ort- Montage wurden die angestrebten ökonomischen, technologisch-konstruktiven und bauproduktiven Anforderungen nicht erreicht. Die Einwohnerdichte lag auf Grund der weitläufigen, offenen Bebauung der Neubaugebiete an den städtischen Randlagen unter den Erwartungen. Auf Beschluss der 5. Baukonferenz des Zentralkomitees der SED und des Ministerrates der DDR sollte ab 1970 ein kosteneffektiveres „Einheitssystem Bau“ entwickelt werden, der nicht nur die Einwohnerzahl steigern, sondern auch den städtischen Raum stärker verdichten sollte. Hintergrund bildete dabei die sozialpolitische Neuorientierung der SED-Führung auf Grund des Wohnungsmangels in der DDR. Die „Lösung der Wohnungsfrage“ war Reaktion auf eine verfehlte Wohnungspolitik in den vorangegangenen Jahren in der Ulbricht-Ära. Die Bauwirtschaft und der Wohnungsbau spielten lange Zeit eine untergeordnete Rolle. In den Nachkriegsjahren war der Aufbau einer vom Westen unabhängigen Schwerindustrie innerhalb der DDR bestimmend. Diese Bemühungen banden für einen langen Zeitraum für den Wohnungsbau notwendiges Geld, Baumaterialien und Humankapital. In erster Linie entstand neuer Wohnraum im Einzugsgebiet großer Städte wie Leipzig, Dresden oder Berlin, an Küstengebieten mit einer vorhandenen Industriestruktur und essentiellen Industrieschwerpunkten wie Eisenhüttenstadt und Hoyerswerda.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
1.1 FRAGESTELLUNG
2 DAS VERSTÄNDNIS VON ARCHITEKTUR UND TECHNIK
3 DAS ROSTOCKER WOHNUNGSBAUPROGRAMM
3.1 ENTWICKLUNGSTENDENZEN IN DEN 50ER UND 60 JAHREN
3.2 DIE GROßWOHNSIEDLUNGEN DER 70ER JAHRE
4 SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die architektonische Bedeutung und Gestaltungspraxis der Plattenbauserie WBS 70 innerhalb der DDR, wobei der Fokus exemplarisch auf den Großwohnsiedlungen in Rostock liegt. Ziel ist es, den gestalterischen Anspruch in Relation zu den ökonomischen und ideologischen Rahmenbedingungen der damaligen Wohnungspolitik kritisch zu beleuchten.
- Die Entwicklung und Standardisierung des industriellen Wohnungsbaus in der DDR.
- Die städtebauliche Transformation Rostocks und die Rolle des Wohnungsbauprogramms.
- Gestalterische Strategien zur Minderung von Monotonie und Anonymität im Plattenbau.
- Die Divergenz zwischen politischem Anspruch und ökonomischer Realität bei der Wohnumfeldgestaltung.
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Großwohnsiedlungen der 70er Jahre
Mit der westlichen Stadterweiterung von Rostock wurden trotz vorgegeben Typenkatalog der WBS 70 Einzellösungen in der Konstruktion ausgearbeitet, die neue städtebaulich-räumliche Varianten für die Anordnungen der Plattenbauten boten. Es wurden Winkelsegmente entwickelt, die Gebäudekrümmungen von bis zu 150 Grad zuließen. Die Wohngebiete Evershagen, Lichtenhagen und Schmarl charakterisieren sich durch eine Zunahme in der Dynamik der Gebäude. Während in den vorherigen Wohngebieten die Geometrie des rechten Winkels dominierte, weisen diese eine mäanderförmige Struktur als städtebauliche Charakteristika auf, die sich dann im Wohngebiet von Schmarl bis zu großförmigen Bändern auflöst (Abb 3). Die klimatischen Verhältnisse an der Ostseeküste sind im Vergleich zum Binnenland rauer und unbeständiger. Der Wind weht meist stark aus nordöstlicher Richtung, die Intensität der Sonneneinstrahlung kann sommers wie winters hoch sein und plötzliche Temperatursprünge sind nicht ungewöhnlich. Die Auswirkungen der klimatischen Herausforderungen versuchten die Architekten Urbanski, Baumbach, Ebert, Lasch, Sager, Weise und Holland bei der Planung des Wohngebiets Evershagen (1969-1974), Lichtenhagen (1974-1976) und Schmarl (1977-1979) über Sprünge in der Geschossigkeit und Fassaden, vergrößerten Tiefendimensionen von Loggien und Balkonen, Ausbildung terrassenartiger Baustrukturen und hofbildenden Anordnungen der Baukörper zu überwinden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Problematik der industriellen Wohnungsbauweise in der DDR und deren Auswirkungen auf das architektonische Erscheinungsbild sowie Festlegung der zentralen Fragestellung.
1.1 FRAGESTELLUNG: Spezifizierung der Untersuchung zur Bedeutung des architektonischen Anspruchs an die WBS 70 unter Berücksichtigung lokaler Variationen in Rostock.
2 DAS VERSTÄNDNIS VON ARCHITEKTUR UND TECHNIK: Analyse der theoretischen Grundlagen und Zielvorgaben für die Gestaltung sozialistischer Wohngebiete sowie der Diskrepanz zwischen Planungsanspruch und ökonomischer Umsetzung.
3 DAS ROSTOCKER WOHNUNGSBAUPROGRAMM: Überblick über die städtebauliche Entwicklung Rostocks von den Nachkriegsjahren bis zur Etablierung des industriellen Wohnungsbaus.
3.1 ENTWICKLUNGSTENDENZEN IN DEN 50ER UND 60 JAHREN: Historische Einordnung des Rostocker Bauwesens und Übergang von der traditionellen Bebauung zur frühen Plattenbauweise.
3.2 DIE GROßWOHNSIEDLUNGEN DER 70ER JAHRE: Detaillierte Betrachtung der gestalterischen Bemühungen in Rostock-Evershagen, Lichtenhagen und Schmarl, der Monotonie industriell gefertigter Baukörper entgegenzuwirken.
4 SCHLUSSBETRACHTUNG: Kritische Zusammenfassung der Ergebnisse hinsichtlich der gescheiterten Ambitionen, den industriellen Wohnungsbau mit individuellen und ortstypischen Gestaltungselementen zu bereichern.
Schlüsselwörter
DDR-Wohnungsbau, WBS 70, industrielle Bauweise, Rostock, Großwohnsiedlungen, Stadtplanung, Fassadengestaltung, Plattenbautechnik, Architekturtheorie, Sozialistischer Städtebau, Wohnungsbauprogramm, Industrialisierung, Urbanistik, Identifikationsprozess, Typisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die architektonischen Gestaltungsmöglichkeiten und die städtebauliche Entwicklung des industriellen Wohnungsbaus in der DDR am Beispiel Rostocker Großwohnsiedlungen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Standardisierung durch die WBS 70, den Versuchen zur individuellen Fassadengestaltung und der Rolle von Architekten bei der Schaffung sozialistischer Wohnumwelten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Es soll beantwortet werden, welche Bedeutung dem architektonischen Anspruch an die Plattenbauserie WBS 70 beigemessen wurde und wie lokale Eigenarten trotz standardisierter Produktionsvorgaben realisiert werden konnten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturgestützte Analyse städtebaulicher Entwicklungen sowie eine Untersuchung exemplarischer baulicher Fallbeispiele der Rostocker Stadtentwicklung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit dem theoretischen Verständnis von Architektur und Technik in der DDR sowie mit der spezifischen Entwicklung der Rostocker Großwohnsiedlungen von den 50er bis zu den 70er Jahren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere WBS 70, industrielle Bauweise, Großwohnsiedlungen, DDR-Wohnungsbau und städtebauliche Monotonie.
Wie versuchten die Architekten in Rostock der Monotonie entgegenzuwirken?
Durch den Einsatz von Winkelsegmenten, mäanderförmigen Strukturen, verschiedenen Fassadenmaterialien und Schmuckelementen sowie durch Abstufungen in der Geschossigkeit wurde versucht, die Eintönigkeit der Plattenbauten zu durchbrechen.
Welche Bedeutung hatten die klimatischen Bedingungen für die Planung?
An der Ostseeküste führten raue klimatische Bedingungen dazu, dass Architekten Balkone, Loggien und terrassenartige Strukturen verstärkt als Gestaltungselemente einsetzten, um auf die lokale Umgebung zu reagieren.
Welche Rolle spielte die politische Ideologie bei der Gestaltung?
Die politische Führung forderte ein "Einheitssystem Bau", das ökonomische Effizienz mit einer spezifisch sozialistischen Wohnumwelt verbinden sollte, was jedoch oft zu einem Konflikt mit dem architektonischen Anspruch auf Individualität führte.
- Arbeit zitieren
- Dipl.-Ing. Christine Wede (Autor:in), 2012, Vielfalt in der Einheitlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274676