Saul A. Kripkes „Name und Notwendigkeit“ ist eines der einflussreichsten Werke der modernen Philosophie. Verschiedenste Debatten, über den semantischen Externalismus, den Essentialismus, den wissenschaftlichen Realismus oder die Modallogik sind davon angeregt wurden. Das Problem, wie wir mit den Modalitäten der Notwendigkeit und Apriorizität umgehen, hat eine lange Tradition und wurde von Kripke aber neu formuliert. Durch seine Anschauungen über starre Bezeichnung und metaphysische Notwendigkeit, konnte Kripke den Essentialismus, der lange als überholt galt, neue Stärke verleihen. Viele sahen, dass Kripke da etwas entdeckt hatte, es war aber nicht genau klar, was es war.Im Folgenden soll vor allem Kripkes Konzept der metaphysischen Notwendigkeit untersucht werden. Kripke behauptet, es gäbe Tatsachen, die in jeder möglichen Welt bestehen, also im starken Sinne notwendig sind. (Das berühmteste Beispiel ist wahrscheinlich, dass Wasser H2O ist.)So eine starke These wurde viel kritisiert und das zu Recht. Es erscheint unklar zu sein, wie man mit Hilfe von Intuitionen über mögliche Welten, so etwas wie metaphysische Wahrheiten erkennen kann. Deswegen soll zuerst Kripkes Darstellung kurz skizziert werden, um sie dann zu kritisieren. Dabei wird sich vor allem auf Hilary Putnam berufen, der zuerst eine ähnliche Auffassung wie Kripke vertrat, dann jedoch sich von seinen starken metaphysischen Ansprüchen distanziert hat. Er hat versucht den Gehalt der Theorie zu übernehmen, indem er die metaphysischen Intuitionen, durch eine Rekonstruktion sprachlicher Intuitionen ersetzte. Letztendlich soll gezeigt werden, dass für einen (wissenschaftlichen) Realismus, keine starken Thesen über metaphysische Notwendigkeit vertreten zu werden brauchen. Linguistische Intuitionen können uns dabei helfen, Kriterien festzulegen, die es ermöglichen bestimmte Probleme, wie zum Beispiel die Frage nach dem Wahrheitswert von kontrafaktischen Konditionalen zu lösen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Saul A. Kripke und metaphysische Notwendigkeit
1.2 Problemfeld: Apriorität, Notwendigkeit und Analytizität bei Kant
2 Saul A. Kripke „Name und Notwendigkeit“
2.1 Apriorität und Notwendigkeit
2.2 Starre Bezeichnung
2.3 Mögliche Welten
3 Metaphysische Notwendigkeit
3.1 De dicto und de re Modalität
3.2 Putnams Argument gegen metaphysische Notwendigkeit
3.3 Metaphysische vs. linguistische Intuitionen
4 Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Konzept der metaphysischen Notwendigkeit bei Saul A. Kripke im Kontext der modernen Philosophie. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, wie sich metaphysische Wahrheiten durch Intuitionen über mögliche Welten erschließen lassen und inwieweit diese gegenüber einer rekonstruktiven linguistischen Analyse abzugrenzen sind.
- Kripkes Theorie der starren Bezeichnung
- Das Verhältnis von Apriorität und Notwendigkeit
- Unterscheidung zwischen de dicto und de re Modalität
- Kritische Auseinandersetzung mit Hilary Putnams Argumenten
- Die Rolle von Intuitionen in der wissenschaftlichen Praxis
Auszug aus dem Buch
3.2 Putnams Argument gegen metaphysische Notwendigkeit
Hilary Putnam entwickelte unabhängig von Kripkes Überlegungen eine sehr ähnliche Auffassung. In seiner berühmten Abhandlung „The meaning of 'meaning'“ (Putnam, 1979) sprach er dabei auch von „logical necessity“. Ein Name für eine Substanz wird, mit einem Paradigma der Substanz in Verbindung gebracht und bezeichnet ab da an starr diese Substanz. Somit ist es logisch notwendig, dass Wasser H2O ist. Damit etwas als Wasser bezeichnet werden kann, muss es dieselbe Zusammensetzung aufweisen, wie das Paradigma. Wasser ist also essentiell H2O.
Später wurde Putnam aber selbst misstrauisch gegenüber der Möglichkeit einer logischen oder metaphysischen Notwendigkeit. Er bietet ein Argument an, das zeigt, dass die Behauptung, dass Wasser in jeder möglichen Welt H2O ist, zu stark ist. Man solle sich vorstellen, Wasser trete nur in H6O3 Molekülen auf. Trotzdem würden wir sagen, es handele sich bei diesem Stoff um Wasser. Putnam merkt zu recht an, dass dieses Argument nicht sonderlich gut sei, da Wasser ja auch in der tatsächlichen Welt als H6O3 auftreten könne. „Wasser ist H2O“ ist also eine Vereinfachung der Aussage: Wasser ist eine Mischung aus H2O, H4O2, H6O3 Molekülen.7 (Vgl. Putnam, 1983: S. 62.)
Also solle man sich vorstellen, Wasser würde in einer möglichen Welt, in der leicht andere physikalische Naturgesetze gelten,, nur als H2O10 auftreten, und dieses Molekül sei in der aktualen Welt nicht möglich. Würden wir sagen, dass dieser Stoff kein Wasser sei? Wahrscheinlich würden wir es trotz allem Wasser nennen. Oder man stelle sich vor, die Bestandteile von Wasser, also H und O treten nicht isoliert auf, sondern nur als Wasser. Dann gäbe es gar keine Zusammensetzung von Wasser aus H und O Atomen und trotz allem würden wir den Stoff Wasser nennen. (Vgl. Ebd.)
Putnam schließt daraus, dass wir in solchen Gedankenexperiment mit Hilfe der Semantik möglicher Welten, nicht metaphysische Wahrheiten entdecken. Vielmehr legen wir Kriterien für Substanz-Identität fest, also unter welchen Umständen wir eine Substanz noch als identisch beschreiben. Wenn wir sagen, dass eine Substanz dann Wasser ist, wenn sie aus H2O besteht, also in genügendem Maße ähnlich ist, wie unsere Paradigmen für Wasser, dann entdecken wir nichts metaphysisches.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz von Kripkes Werk „Name und Notwendigkeit“ ein und erläutert die Problemstellung im Spannungsfeld zwischen Kantischer Philosophie und moderner Modallogik.
1.1 Saul A. Kripke und metaphysische Notwendigkeit: Kurze Vorstellung des Autors und dessen Fokus auf die metaphysische Notwendigkeit.
1.2 Problemfeld: Apriorität, Notwendigkeit und Analytizität bei Kant: Darstellung der Kantischen Auffassung von Urteilstypen, um die spätere Abgrenzung Kripkes zu verdeutlichen.
2 Saul A. Kripke „Name und Notwendigkeit“: Zentrale Einführung in Kripkes Theoriegebilde.
2.1 Apriorität und Notwendigkeit: Untersuchung der Unterscheidung dieser beiden Begriffe bei Kripke und seiner Abkehr von traditionellen Auffassungen.
2.2 Starre Bezeichnung: Erläuterung des Konzepts der starren Designatoren und deren Bedeutung für die Identität über mögliche Welten hinweg.
2.3 Mögliche Welten: Diskussion der semantischen Verwendung von möglichen Welten bei Kripke im Gegensatz zu formallogischen Ansätzen.
3 Metaphysische Notwendigkeit: Tiefere Analyse der metaphysischen Implikationen.
3.1 De dicto und de re Modalität: Differenzierung zwischen den beiden modalen Lesarten und ihre Bedeutung für den Essentialismus.
3.2 Putnams Argument gegen metaphysische Notwendigkeit: Analyse der kritischen Einwände Putnams gegenüber Kripkes starker metaphysischer These.
3.3 Metaphysische vs. linguistische Intuitionen: Untersuchung, ob es sich bei diesen philosophischen Erkenntnissen um eine Metaphysik oder lediglich um eine sprachliche Rekonstruktion handelt.
4 Schlussbemerkungen: Fazit zur Relevanz der Intuitionsanalyse für ein modernes, nicht-metaphysisches Realismusverständnis.
Schlüsselwörter
Metaphysische Notwendigkeit, Saul A. Kripke, Hilary Putnam, Starre Bezeichnung, Apriorität, Mögliche Welten, Essentialismus, Sprachphilosophie, Semantik, De re Modalität, De dicto Modalität, Linguistische Intuitionen, Identität, Immanuel Kant, Modallogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der philosophischen Untersuchung von Kripkes Werk „Name und Notwendigkeit“ und der Frage, wie metaphysische Notwendigkeit begründet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder sind die Modallogik, die Semantik der starren Bezeichnung, die Unterscheidung von Apriorität und Notwendigkeit sowie die Abgrenzung von metaphysischen und linguistischen Intuitionen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Kripkes Konzept der metaphysischen Notwendigkeit kritisch zu beleuchten und zu prüfen, ob es sich dabei um echte metaphysische Entdeckungen oder um eine linguistische Rekonstruktion handelt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt die Analyse und Kommentierung philosophischer Primärtexte sowie den Vergleich zwischen Kripkes Theorie und den kritischen Einwänden von Hilary Putnam.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Erläuterung der Kripkeschen Grundlagen, die Analyse der de dicto/de re Unterscheidung und eine kritische Auseinandersetzung mit der Zuverlässigkeit von Intuitionen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Wichtige Begriffe sind Metaphysische Notwendigkeit, Starre Bezeichnung, Mögliche Welten, Apriorität und die Unterscheidung zwischen metaphysischen und linguistischen Intuitionen.
Inwiefern unterscheidet sich Kripkes Ansatz von Kant?
Während Kant Apriorität und Notwendigkeit eng verknüpft, trennt Kripke diese Bereiche explizit, um die Möglichkeit notwendiger, aber a posteriori erkennbarer Tatsachen aufzuzeigen.
Welche Rolle spielen „mögliche Welten“ in der Argumentation?
Mögliche Welten dienen als semantisches Werkzeug, um die Identität von Gegenständen und deren essentielle Eigenschaften über verschiedene Szenarien hinweg zu bestimmen.
Warum bezweifelt Putnam die metaphysische Notwendigkeit von Wasser als H2O?
Putnam argumentiert mit Gedankenexperimenten, dass wir bei einer anderen molekularen Zusammensetzung des Stoffes vermutlich trotzdem von „Wasser“ sprechen würden, weshalb die notwendige Identität eher ein Kriterium als eine metaphysische Wahrheit sei.
- Citar trabajo
- Danny Krämer (Autor), 2013, Metaphysische vs. Linguistische Intuitionen. Über Saul A. Kripke und metaphysische Notwendigkeit, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274711