Die Kulturerdteiltheorie nach Albert Kolb am Beispiel des Orientalischen Kulturerdteils


Seminararbeit, 2014
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. DiefünfMerkmalskomplexe nachKOLB
2.1 GeschichteundKultur
2.2 RaumundUmwelt
2.3 Menschen undBevölkerung
2.4 LeitsystemundReligion
2.5 Wirtschaft undInfrastruktur

3. Verknüpfung der Merkmalskomplexe

4. Fazit

5. Quellen-undLiteraturverzeichnis

6. Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

Die Region des Nahen Ostens und Nordafrikas ist gegenwärtig ein Raum, der international mit dauerhaft großem Interesse betrachtet wird, insbesondere durch die Zuspitzung der politischen Lage in Israel, den Bewegungen des Arabischen Frühlings und dem anhaltenden syrischen Bürgerkrieg. Vom Orient als „Pulverfass“ wird in diesem Zusammenhang häufig gesprochen. Doch ist es überhaupt noch angemessen, die Region mit dem eher traditionellen Begriff „Orient“ zu bezeichnen? Hier gehen die Meinungen sowohl zwischen Alltags- und Wissenschaftsdenken, als auch innerhalb der geographischen Forschung weit auseinander. Spricht man nun von Morgenland, Orient, Nahem Osten oder orientalischem Kulturerdteil? Oder ist die Bezeichnung der Region als „Islamischer Kulturerdteil“ viel zutreffender? Nicht zuletzt aufgrund der anhaltenden Kontroversen um Begriffsbestimmungen und Abgrenzungen der Region erscheint es von hohem Wert, sich mit diesem geographischen Raum eingehender zu befassen. Um eine möglichst ganzheitliche Betrachtung der Region zu ermöglichen und dabei sowohl naturräumliche als auch kulturelle Elemente in den Blick zu nehmen, liegt der vorliegenden Arbeit das Konzept der Kulturerdteile zugrunde.

Erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts begann die geographische Forschung, konkrete wissenschaftstheoretische Konstruktionen von Kulturerdteilen hervorzubringen. Dabei war der erste Geograph, welcher den Orient sowohl als physische als auch als kulturelle Ganzheit beschrieb, Ewald Banse (1909) (Hakami & Steffelbauer 2006: 17). Als zentrale „Wesenszüge“ des Orients beschreibt er Wüsten, Palmen, Basare, Harem, Sklaven und Karawanen (Hakami & Steffelbauer 2006: 17). Seinem Modell folgten weitere Geographen, die sich dieser Region der Erde konkret widmeten und deren Merkmale und Besonderheiten erforschten. Für die gegenwärtige Betrachtung wohl am bedeutsamsten ist jedoch das Kulturerdteilkonzept von Albert Kolb (1962), welcher den Orient als einen von insgesamt zehn Kulturerdteilen ausweist. Unter Kulturerdteil versteht er dabei einen Raum subkontinentalen Ausmaßes, dessen Einheit auf dem individuellen Ursprung der Kultur, der einmaligen Verbindung von Natur- und Kulturelementen und einer eigenständigen geistigen und gesellschaftlichen Ordnung beruht (Hakami & Steffelbauer 2006: 18).

Wasaber istnundasBesondereamOrientalsKulturerdteil?Für welcheMerkmale, IdeenundBesonderheitenstehtder Kulturerdteil undwasunterscheidetihnvonangrenzenden Räumen?

Eben jene Fragen stehen im Fokus der vorliegenden Projektarbeit. Um deren

Beantwortung zielführend zu realisieren, erfolgt zunächst eine separate Betrachtung

ausgewählter Merkmalskomplexe, anhand derer die zentralen Eigenheiten des Orientalischen Kulturerdteils herausgestellt werden. Die Analyse folgt dabei dem Kulturerdteilkonzept von Albert Kolb, der insgesamt fünf Merkmalskomplexe unterscheidet, die demgemäß auch der vorliegenden Arbeit zugrunde liegen: (1) Geschichte und Kultur, (2) Raum und Umwelt, (3) Menschen und Bevölkerung, (4) Leitsystem und Religion und (5) Wirtschaft und Infrastruktur. Im Anschluss daran erfolgt die Darstellung der spezifischen Strukturqualität des Orientalischen Kulturerdteils, indem bestimmte Merkmalskomplexe miteinander verknüpft und deren Interdependenzen aufgezeigt werden. Abgerundet wird die vorliegende Arbeit durch ein abschließendes Fazit, welches die zentralen Ergebnisse der Analyse noch einmal zusammenfasst

2. Die fünf Merkmalskomplexe nach KOLB

2.1 Geschichte und Kultur

Die Geschichte und Kultur des orientalischen Kulturerdteils lässt sich nur schwer vereinheitlichen. Vielmehr gilt es die verschiedenen Entwicklungen zu verdeutlichen. Grundsätzlich wird der Orient jedoch als Wiege der Zivilisation (Hakami & Steffelbauer 2006: 9) bezeichnet, da bereits vor rund 12.000 Jahren Menschen in diesem Gebiet sesshaft wurden. Es bildeten sich erste Formen städtischer Siedlungen im damaligen Mesopotamien, welches zum Großteil dem heutigen Irak entspricht, und Ägypten. Die Bevölkerung setzte an diesen Standorten außerdem die grundlegenden Bausteine für Ackerbau und Viehzucht. (Klett Verlag 2012a)

Vor circa 6000 Jahren bildeten sich vor Ort die ersten Hochkulturen. Dies belegen archäologische Funde der Sumerer aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. im heutigen Gebiet des südlichen Iraks. Die Sumerer gelten als erste Hochkultur die ihre Bilderschrift zur Keilschrift weiterentwickelten (Abb. 1). Die sumerische Schrift stellt somit, neben den ägyptischen Hieroglyphen, die älteste Schrift dar. Grund für eine stetige Weiterentwicklung der Schrift lag insbesondere in der Absicht Gesetze und Macht festschreiben zu können. Ein weiteres Merkmal, welches eine Hochkultur definiert, liegt in der Erbauung von monumentalen Tempel- und Palastbauten sowie in den bereits vorhandenen Handelsverbindungen nach Kleinasien (z.B. Seidenstraße). Auch die Einführung von Geld, in Form von Silber, seit dem

3. Jahrtausend führte zur strukturellen und kulturellen Dynamik der Hochkulturen. Das Resultat dieser immer komplexer werdenden Wirtschafts- und Handelsverbindungen, Verwaltungs-angelegenheiten und dem Ausbau städtischer Siedlungen liegt somit in der (Weiter-)Entwicklung der Hochkulturen im Orient. Der Raum des Orients wird u.a. auch als bedeutender Innovationsraum bezeichnet. Erfindungen und Entwicklungen im Bereich der Naturwissenschaften, Mathematik, Medizin und Astronomie begleiten und erleichtern noch heute unser Leben. (Klett Verlag 2012a)

Eines der markantesten Merkmale dieses Raumes liegt im Ursprung der drei Weltreligionen Judentum, Islam und Christentum. Dieses bunte Mosaik prägte den Raum sowohl historisch als auch kulturell und trägt bis heute zu seinem Erscheinungsbild bei. Welchen Einfluss das Aufeinandertreffen verschiedener Völkerschaften und Glaubensrichtungen auf den orientalischen Kulturerdteil und dessen Leitsystem hat, soll im Abschnitt 2.4 genauer beleuchtet werden.

Um den Kulturerdteil Orient genauer bestimmen zu können, müssen wir verschiedene Kriterien heranziehen. Im Zusammenhang mit dem Merkmalskomplex Geschichte und Kultur wurden bereits die Gesichtspunkte Religion und Leitsystem angesprochen. Der orientalische Raum wurde demnach auch durch die mit den Religionen einhergehenden Strukturen und Herrschaftsformen geprägt. Vorliegende Differenzen führen bis heute noch zu andauernden Staatsbildungs- und Nationalbildungsprozessen. Die meisten heutigen Länder, welche dem Orient zuzuordnen sind, entstanden erst nach dem ersten Weltkrieg. Eine deckungsgleiche historische und kulturelle Entwicklung ist aus diesem Grund nicht vorzufinden. Dieses Merkmal führt auch gegenwärtig noch zu Krisen, Kriegen und Konflikten. (Klett Verlag 2012a)

Neben dem markanten Kriterium Religion, sollte unter dem Aspekt Geschichte und Kultur insbesondere die Sprache genauer betrachtet werden. Um dieses Kriterium mit anderen Merkmalskomplexen in Verbindung bringen zu können, muss die Entwicklung und Verbreitung der arabischen Sprache im orientalischen Raum betrachtet werden. Beim Heranziehen der Abb. 2 wird sichtbar, welche Bedeutung der Sprache zugeschrieben wird. Betrachtet man die Abbildung genauer, so ist vor allem die deutliche Verbreitung des Arabischen als alleinige Amtssprache auffallend. Lediglich in südlichen Randgebieten, die unter dem Einfluss des Orients liegen, wird die arabische Sprache neben einer weiteren Amtssprache gesprochen; in vereinzelten Ländern im nordöstlichen Teil des Orients und seinen Ausläufern wird einzig die arabische Schrift verwendet. Obwohl die arabische Sprache flächendeckend gesprochen wird, sind aufgrund der enormen Entfernungen zahlreiche Dialekte vorzufinden. Ein Aspekt, welcher jedoch die vielen Sprachvarietäten verbindet, liegt im Koran und somit zugleich im Islam. Als Sprache des Koran bezeichnet man das klassische Hocharabisch, welches überhaupt erst durch die schriftliche Überlieferung des Korans erfasst werden konnte. Diese Form des Arabischen verbreitete sich vor allem während der islamischen Eroberungen, die das Hocharabisch zur einzigen Verwaltungssprache ernannte und somit die zunehmende Verbreitung dieser Sprache hervorrief. (Klett Verlag 2011)

An dieser Stelle wird noch einmal deutlich, wie unübersehbar die Vernetzungen sowohl zwischen den Merkmalskomplexen an sich als auch auch zwischen den einzelnen Gesichtspunkten innerhalb des jeweiligen Merkmalskomplexes sind.

2.2 Raum und Umwelt

Die Länder des orientalischen Kulturerdteils in Nordafrika und Vorderasien liegen hinsichtlich der klimatischen Betrachtung vornehmlich im Bereich des subtropischen Trockengürtels (Abb. 3). Für dieses Gebiet kennzeichnend sind die deutlichen Temperaturunterschiede zwischen Sommer und Winter. Im Sommerhalbjahr herrscht eine lange Trockenperiode und große Hitze aufgrund des Einflusses des Nordostpassats. Typisch für das Gebiet südlich des Mittelmeeres ist das sogenannte Mittelmeerklima, dessen wichtigstes Kennzeichen die Niederschlagskonzentration im Winterhalbjahr, verursacht durch die Westwinde, ist. Die Jahresniederschläge nehmen zum einen von den Küsten zum Landesinneren und zum anderen von Westen nach Osten hin ab. Aufgrund der klimatischen Gegebenheiten besteht der Naturraum des Orients zu 75% aus Wüsten und Halbwüsten, zu

15% aus Steppen und zu 10% aus Acker- und Gartenland. Daraus resultieren die charakteristischen Großlandschaften der Küstengebiete, Gebirgsräume, Wüsten und großen Stromtäler (Ed. Hoelzel Verlag 2004: 1).

Bezüglich des großmorphologischen Aufbaus gliedert sich der orientalische Kulturerdteil im Norden in die alpidische Faltengebirgsregion und im Süden in die daran angrenzende Tafel- und Schollenlandregion (Nohlen & Nuscheler 1993: 16).

Die Geofaktoren bedingen sich gegenseitig und führen zu zwei zentralen Ausprä-gungen der Vegetation des Orients. Die mediterrane Vegetation ist von Sommerruhe und Winterregen charakterisiert. Das Vegetationsbild ist zumeist von Koniferen und trockenliebenden Eichen geprägt, wobei Wälder selten sind. Buschland ist häufiger als Wald anzutreffen, da im Laufe der Geschichte eine massive Entwaldung zugunsten von Ackerland, für den Schiffsbau und zur Gewinnung von Holzkohle stattfand. Daher herrschen auf den nährstoffarmen und felsigen Böden vor allem die Pflanzengesellschaften der Macchie und Garrigue vor. Die Steppenvegetation, die im Atlasgebirge und in den Gebirgen und Hochländern der westlichen, zentralen und der Ostsahara vorherrscht, ist sogar noch karger. Hier werden die Bäume mehr und mehr von Büschen ersetzt. Hauptsächlich existieren Nutzgehölze wie der wilde Olivenbaum, die Terpentin liefernde atlantische Kiefer, der wilde Mandelbaum und die süße Lotuspflaume (Minnich 1992).

Es fällt auf, dass Wasser den limitierenden Faktor im orientalischen Kulturerdteil darstellt. Die signifikante Aridität, die sich aus der naturräumlichen Ausstattung ergibt, hat Auswirkungen auf die Nutzung, die Wirtschaftsweise, die Landwirtschaft und die damit verbundene Bewässerung. Da die größten Teile des Gesamtgebiets des Orients von Wüsten eingenommen werden, spielen künstliche Bewässerung und Oasenkulturen eine wichtige Rolle. Daraus entwickelte sich die Wanderweidewirtschaft mit dem im Orient meist vorherrschenden Halbnomadismus. Ackerbau wird überwiegend in der Oasenwirtschaft oder mit Hilfe der Kanalbewässerung organisiert, wobei die Ackerbauern in Abhängigkeit von den Naturfaktoren sesshaft geworden sind (Fochler-Hauke 1968: 135).

Aus der naturräumlichen Ausstattung ergeben sich für den orientalischen Kulturerdteil Gunsträume an den Küsten und entlang von großen Strömen, die für die Menschen daher von großer Bedeutung sind.

2.3 Menschen und Bevölkerung

Bei der Betrachtung des Aspekts der Menschen und der Bevölkerung im orientalischen Kulturerdteil fällt auf, dass der limitierende Faktor Wasser auch in diesem Bereich wirkt. So ist zu erkennen, dass die Bevölkerung aufgrund der naturräumlichen Ausstattung überwiegend in Gunsträumen lebt, die eine ausreichende Versorgung mit Wasser und Nahrung gewährleisten. Solche Gunsträume sind die bevorzugten Siedlungsräume des Orients: Küstengebiete ohne Wüstenklima, Becken im Gebirge mit relativ guter Wasserversorgung, Längstäler der Gebirge, Gebirge mit höheren Niederschlägen als im ariden Umland sowie Fluss- und Grundwasseroasen (Ed. Hoelzel Verlag 2004: 1).

Im Orient leben bei einem Bevölkerungswachstum von 2,4 Prozent fast 400 Millionen Menschen. Das Bevölkerungswachstum der Europäischen Union liegt im Vergleich dazu nur bei 0,45%, in Deutschland gar bei 0,13%. Alle Staaten des Orients haben eine hohe Geburten- und eine niedrige Sterbeziffer, was das Wachstum der Bevölkerung begründet. Charakteristisch für den Kulturerdteil ist eine junge Bevölkerung, da in vielen Staaten mehr als die Hälfte der Einwohner unter 30 Jahre alt ist. Daraus resultieren für den Staat die grundsätzlichen Herausforderungen der Anpassung der öffentlichen Infrastruktur an die wachsende Bevölkerung und die Finanzierung weiterer Kindergärten, Schulen und Universitäten. Da jedoch der Anteil Nicht-Erwerbsfähiger an der Gesamtbevölkerung so hoch ist, fehlen massiv Steuereinnahmen für eben diesen Ausbau der öffentlichen Infrastruktur. Zudem verschärft die hohe Jungendarbeitslosigkeit das Finanzierungsproblem der Staaten weiten, denen zusätzliche Einnahmen aus Ölexporten fehlen. (Lucas 2012: 46)

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Kulturerdteiltheorie nach Albert Kolb am Beispiel des Orientalischen Kulturerdteils
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Geographie)
Veranstaltung
Seminar Entwicklungsprobleme
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
21
Katalognummer
V274794
ISBN (eBook)
9783656678694
ISBN (Buch)
9783656678700
Dateigröße
3534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kulturerdteiltheorie, albert, kolb, beispiel, orientalischen, kulturerdteils
Arbeit zitieren
Franziska Letzel (Autor), 2014, Die Kulturerdteiltheorie nach Albert Kolb am Beispiel des Orientalischen Kulturerdteils, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274794

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