Die Relevanz von Respekt in internationalen Konflikten. Die Verhandlungen um das iranische Atomprogramm


Magisterarbeit, 2009

110 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Anhangverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Die Relevanz von Respekt
1.2. Respekt in der Disziplin der Internationalen Beziehungen
1.3. Zielsetzung und Vorgehensweise der vorliegenden Arbeit

2. Was ist Respekt?
2.1. Respekt als intrinsischer Wert von staatlichen Akteuren
2.2. Respekt als prozessuale Beziehung zwischen einem Subjekt und einem Objekt
2.3. Respekt als angemessene Berücksichtigung des Objekts
2.4. Konzepte für die inhaltliche Bestimmung von Respekt
2.4.1. Darwalls „Two Types of Respect“
2.4.2. Hudsons „Four Types of Respect“
2.5. Von den Typen zu den Elementen
2.6. Elemente von Respekt und deren Operationalisierung
2.6.1. Berücksichtigung der Präsenz
2.6.2. Berücksichtigung der Interessen
2.6.3. Berücksichtigung der Rechte
2.6.4. Berücksichtigung der Besonderheiten
2.6.5. Respekt im Verhältnis zu den Begriffen Macht und Prestige
2.7. Übersicht

3. Die Verschärfung von Konflikten durch mangelhaft gezollten Respekt
3.1. Respektmangel als Ursache von unkooperativem Verhalten und Konfliktverschärfung
3.2. Verstärkende Variablen für den wahrgenommenen Mangel an Respekt
3.3. Übersicht

4. Der Konflikt um das iranische Atomprogramm von 2003-2008
4.1. Die Problematik um das iranische Atomprogramm
4.1.1. Die Anfänge des iranischen Atomprogramms
4.1.2. Der Konflikt um das Atomprogramm ab 2003
4.2. Die große Bedeutung des Iran in der Vergangenheit und der Bedeutungsverlust
4.2.1. Das hohe Selbstbild des Iran
4.2.2. Bedeutungsverlust-Erfahrungen und Verlustängste des Iran
4.3. Das Verhältnis zwischen USA und Iran seit der islamischen Revolution
4.3.1. Das Verhältnis bis zum Amtsantritt von George W. Bush
4.3.2. Iran als „rogue state“ auf der Achse des Bösen
4.4. Die Mängel an Respekt aus Sicht des Iran
4.4.1. Respektmangel in Bezug auf Präsenz des Iran
4.4.1.1. Iran als Regionalmacht
4.4.1.2. Verweigerung von Kontakt mit dem Iran
4.4.1.3. Regime Change und die Drohungen mit einem Militärschlag
4.4.2. Respektmangel im Bezug auf Interessen des Iran
4.4.2.1. Das Atomprogramm zu zivilen Zwecken
4.4.2.2. Das Atomprogramm zu militärischen Zwecken
4.4.2.3. Der fehlende faire Prozess
4.4.3. Respektmangel im Bezug auf Rechte des Iran
4.4.3.1. Die Rechte des Iran im Bezug auf das Atomprogramm
4.4.3.2. Der Fall Iran vor dem UN-Sicherheitsrat und die Sanktionen
4.4.4. Respektmangel im Bezug auf Besonderheiten des Iran
4.5. Double Standards im Verhalten der USA gegenüber Pakistan und Indien
4.6. Das konfliktfördernde Verhalten des Iran aus Gründen mangelnden Respekts
4.6.1. Die Verschärfung des Konflikts durch Irans unkooperatives Verhalten und konfrontativer Rhetorik
4.6.2. Erzwingen und Erhalt von Respekt
4.6.3. Respekt um seiner selbst Willen
4.6.3.1. Der Widerspruch zu den wirtschaftlichen Zielen
4.6.3.2. Der Widerspruch zu den Zielen im Bezug auf Sicherheit
4.7. Fazit zum Fallbeispiel um den iranischen Atomkonflikt

5. Weitere Fälle

6. Folgerung: Respekt als prinzipielle und prinzipiell bessere Strategie zur Verbesserung internationaler Kooperation

7. Ausblick: Respekt als neue Strategie von US-Präsident Barack Obama ?
7.1. Die neue Rhetorik auf Seiten der USA
7.2. Die Reaktion des Iran

Anhang

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Elemente von Respekt

Abbildung 2: Das Konfliktpotential von mangelndem Respekt

Abbildung 3: Der mangelnde Respekt der USA gegenüber dem Iran

Abbildung 4: Die konfliktverstärkende Wirkung des mangelnden Respekts der USA gegenüber dem Iran

Anhangverzeichnis

Anhang 1 Historie des Iran

Anhang 2 Aktuelle Karten des Iran

Anhang 3 Das politische System der islamischen Republik Iran

Anhang 4 Der Uran-Brennstoff-Kreislauf

Anhang 5 Der Atomwaffensperrvertrag (NPT)

Anhang 6 Das „Grand Bargain Proposal“

Anhang 7 Das P5+1 Verhandlungsangebot vom Juni 2006

Anhang 8 Resolution 1696 des UN-Sicherheitsrates

Anhang 9 Resolution 1803 des UN-Sicherheitsrates

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

1.1. Die Relevanz von Respekt

Russlands Engagement im Georgien-Krieg letzten Jahres wird gemeinhin als reine Machtpolitik gedeutet, die USA handeln seit 9/11 nur nach dem Prinzip der Sicherheitsmaximierung und die Blockadehaltungen verschiedener Staaten – einschließlich Russlands, Chinas und der USA – zu einem internationalen Klimaschutzabkommen werden mit den großen monetären und wirtschaftlichen Kosten in Verbindung gebracht (vgl. Masala 2008; Bals 2008). Auch 20 Jahre nach dem Erscheinen von Wendts Werk „A Social Theory of International Politics“, in dem er die Wichtigkeit von immateriellen Faktoren und identitätsbedingten Interessen für die Analyse des internationalen Systems bekräftigte, scheinen materielle Faktoren nach wie vor unverändert als die grundlegenden zur Erklärung des internationalen Systems und besonders internationaler Konflikte zu gelten.[1]

Dabei existieren Konflikte im internationalen System, in denen ein unkooperatives, konfliktverschärfendes Verhalten von Staaten durch materielle Handlungsmotive, wie Sicherheitsmaximierung oder Wohlstandssteigerung nicht nur unzureichend erklärt werden kann, sondern sogar irrational erscheint, wenn es keine oder keine im angemessenen Verhältnis zu den Verlusten stehenden Gewinne bezüglich materieller Faktoren für die Staaten generiert. Denn warum sollte sich ein Staat in Konflikten engagieren, sie fortführen und verstärken, wenn er dadurch weder die eigene Sicherheit erhöhen noch den Wohlstand mehren kann? Warum zum Beispiel reagierte Russland in solch ungewöhnlich harter Form auf die Pläne der USA, in Europa einen Raketenabwehrschirm zu installieren, und riskierte bleibende Schäden im komplizierten Verhältnis der beiden Staaten, obwohl jener nicht gegen Russland, sondern offiziell gegen den Iran gerichtet war? Oder warum zeigt sich Polen bisweilen wenig kooperativ in Verhandlungen innerhalb der Europäischen Union, brachte sogar den Verfassungsvertrag fast zu Fall, obwohl die Vorteile Polens im Verhältnis zu einem Scheitern sehr gering erscheinen? Der Erklärungsnotstand für dieses Forcieren und Verstärken von internationalen Konflikten erfolgt aus der bisherigen Nichtbeachtung einer weiteren Kategorie, die das Verhalten von Staaten im internationalen System erklären kann: Respekt, nach dem Staaten streben, weil er einen intrinsischen Wert besitzt, und um ihn zu erhalten sogar ein konfliktreiches Verhalten an den Tag legen, wenn er nicht in angemessener Weise gewährt wird.

1.2. Respekt in der Disziplin der Internationalen Beziehungen

Respekt als Forschungsgegenstand ist nicht neu. In der Philosophie hat Respekt als ethisch-moralische Grundlage für ein menschliches Miteinander schon lange Einzug gehalten; ebenso in der Sozialpsychologie wo u.a. in Versuchsgruppen sowohl über horizontalen Respekt – zwischen gleichgestellten Personen oder Gruppen – als auch über vertikalen Respekt – zwischen Autoritäten und Untergebenen – geforscht wird. Dementsprechend hoch ist auch die Zahl der teils sehr detailliert ausgearbeiteten Definitionen und Operationalisierungen von Respekt – von den idealistischen Vorstellungen bei Kant bis hin zu den jüngsten empirischen Forschungsarbeiten der „Respect Research Group“[2] in Hamburg.

Doch im Gegensatz zu Philosophie oder Sozialpsychologie ist Respekt in der Disziplin der Internationalen Beziehungen der Politikwissenschaft ein bisher wenig beachtetes Gebiet und spielt als Analyseinstrument zur Erklärung von staatlichem Verhalten kaum eine Rolle. Auf diesen Umstand hingewiesen und eine grundlegende Konzeptualisierung von Respekt ausgearbeitet, hat bisher lediglich Reinhard Wolf (2008) in seinem Beitrag über Respekt in der Zeitschrift für Internationale Beziehungen. Er behauptet darin, dass Akteure Respekt wegen seines intrinsischen Wertes anstreben und bereit sind für die Gewährung von Respekt Konflikte einzugehen; diese Feststellung könne die Plausibilität von Erklärungen im Hinblick auf das Verhalten von Akteuren sowie die Entstehung, Fortsetzung und Verhärtung von Konflikten erhöhen und dadurch neue, effektivere Lösungsmöglichkeiten von Konflikten eröffnen. Reinhard Wolf lädt Politikwissenschaftler dazu ein, Respekt als Begriff weiter zu spezifizieren sowie auf Respekt aufbauende Hypothesen mit empirischen Beispielen nachzuweisen um so ein neues Forschungsfeld zu eröffnen. Weitere thematische Anknüpfungspunkte finden sich nur bei wenigen Autoren, darunter Noel Kaplowitz (1984 und 1990) und wie bereits erwähnt Alexander Wendt (1999). Das mag verschiedene Ursachen haben: Zum einen sind „harte“, materielle Faktoren, wie etwa die Sicherheitsmaximierung, für die Disziplin traditionell sehr wichtige Faktoren, denen zuerst eine höherrangige Bedeutung zugemessen wird als dem „weichen“ Respekt in seiner sozialen Dimension, weil sie meist offenkundig vorzufinden sind. Zum zweiten haben Modelle und Methoden der Wirtschaftswissenschaften zunehmend Eingang in die Sozialwissenschaften – und damit auch in die Politikwissenschaft – gefunden, die materielle Anreize und Interessen von Akteuren, etwa die Wohlstandsmaximierung gegenüber sozialen bevorzugen. Drittens ist Respekt als eigenständige Erklärungskategorie für staatliches Verhalten für das Feld Internationale Beziehungen schwer zu fassen, da vorhandener Respekt das Erreichen materieller Ziele erleichtert und somit nur als Mittel zum Zweck gesehen werden kann, um „harte“ Ziele zu realisieren (vgl. Wolf 2008: 17-19).

1.3. Zielsetzung und Vorgehensweise der vorliegenden Arbeit

Bezug nehmend auf die bisherige mangelnde Beachtung von Respekt in den Internationalen Beziehungen werden mit der vorliegenden Arbeit folgende Ziele verfolgt: Erstens soll Respekt von der Peripherie weiter ins Zentrum der Betrachtungen geholt werden und als Analyseinstrument für staatliches Verhalten im internationalen System eine präzise Definition fern von moralisierenden Implikationen erhalten. Zweitens soll die Relevanz von Respekt als Analyseinstrument und also eigenes Handlungsmotiv von Staaten an einem einschlägigen Fallbeispiel plausibel gemacht werden. Die Arbeit wird durch die Feststellung dass, wenn der Wunsch zur Kooperation bei Staaten Priorität genießt, die Gewährung von Respekt prinzipiell vorteilhaft ist, und durch eine Bezugnahme auf aktuelle politische Entwicklungen bezüglich des zuvor dargestellten Fallbeispiels abgerundet werden.

Im kommenden zweiten Kapitel erfolgt auf Grundlage der einschlägigen bisher bekannten Arbeiten zu Respekt aus Philosophie und Sozialpsychologie von u.a. Stephen Darwall, S.C. Hudson, Robin Dillon, Richard Sennett, George Mead, Stephen Worchel, Tom Tyler, Steven Blader oder Richard Jenkins, eine theoretische Einordnung von Respekt als soziale Beziehung, sowie eine Zuordnung von inhaltlichen Elementen. Demnach besteht Respekt – nach dem Staaten streben, weil er intrinsischen Wert hat – aus der Berücksichtigung der Präsenz, der Interessen, der Rechte sowie der Besonderheiten eines Staates durch einen Dritten; ein Mangel an Respekt liegt vor, wenn sich die Elemente aus Sicht eines Staates nicht angemessen im Verhalten eines Dritten abzeichnen. Auch soll gezeigt werden, dass sich Respekt nicht mit den Begriffen „Macht“ oder „Prestige“ gleichsetzen lässt. Die einzelnen Elemente werden eine spezifische Ausdifferenzierung erfahren und es werden erste grobe Operationalisierungsvorschläge präsentiert, mit denen ein Mangel oder ein Vorhandensein von Respekt in der Disziplin der Internationalen Beziehungen beobachtbar gemacht werden kann.

In Kapitel 3 wird der Zusammenhang von fehlender wahrgenommener Respektierung eines Staates durch einen Dritten und seinem Konfliktverhalten dargestellt und es wird gezeigt, dass ein Staat bei einem wahrgenommenen Fehlen von Respekt ein unkooperatives und konfliktförderndes Verhalten zeigt, wenn er dadurch den Respektmangel beseitigen oder reduzieren kann. Ein hohes Selbstbild eines Staates, Verlustängste eines Staates hinsichtlich der eigenen Bedeutung sowie Double Standards im internationalen System wirken als verstärkende Variablen auf die Wahrnehmung von Respektmangel eines Staates. Als theoretische Fundierung dienen u.a. die Autoren Axel Honneth und Noel Kaplowitz, sowie entsprechende sozialpsychologische Studien zu kooperativem bzw. unkooperativem Verhalten.

In Kapitel 4 sollen die Relevanz von Respekt für das Engagement von Staaten in Konflikten, die damit verbundenen Folgerungen sowie die Eignung der Operationalisierungsvorschläge anhand der tief greifenden Analyse des Konflikts zwischen den USA und dem Iran um das iranische Atomprogramm ab dem Jahr 2003 veranschaulicht und überprüft werden. Zu diesem Zweck wird zuerst der Konflikt präsentiert und innerhalb eines historischen Abrisses sowohl das Selbstbild des Iran dargestellt als auch auf Verlustängste des Iran hinsichtlich der internationalen und regionalen Bedeutung hingewiesen. Weiter wird anhand der Elemente von Respekt aufgezeigt, dass sich der Iran nicht von den USA respektiert fühlt, was durch das Vorhandensein von Double Standards verstärkt wird. Als Quellen hierfür dienen offizielle Dokumente wie UN-Resolutionen, Analysen von Instituten oder Presseberichte ebenso wie Reden und Aussagen der relevanten Akteure. Die Tatsche, dass Respekt ein eigenes Handlungsmotiv darstellt, und nicht etwa nur vordergründig der Realisierung von materiellen Interessen dient, kann gerade an dem Iran-Fallbeispiel explizit gemacht werden: Hier fördert das Engagement in dem Konflikt die Verwirklichung von materiellen Zielen des Iran gerade nicht, sondern behindert sie sogar, wobei die Gewährung von Respekt jedoch steigt.

Um die allgemeine Bedeutung von Respekt über verschiedene Kulturkreise hinaus darzustellen, erfolgt in Kapitel 5 eine Kurzvorstellung der zwei unter 1.1 erwähnten Fälle um Russlands und Polens unkooperatives bzw. konfliktförderndes Verhalten. Nachdem der Nachweis der Relevanz von Respekt erbracht ist, wird in Kapitel 6 auf den Mehrwert von Respekt hingewiesen um Konflikte zu lösen oder gar nicht erst entstehen zu lassen, wenn der prioritäre Wunsch Kooperation ist. Abschließend wird in einem Ausblick die tatsächliche Relevanz von Respekt in der aktuellen Außenpolitik unter Barack Obama gegenüber dem Iran verdeutlicht.

2. Was ist Respekt?

„Just a little respect“ fordert Aretha Franklin von ihrem Mann in dem Song, der erst zur Hymne der Emanzipation und schließlich der US-Bürgerrechtsbewegung wurde. Doch was fordert sie eigentlich konkret? Welche Forderungen stellten die Afroamerikaner an das Amerika der 1960er Jahre? Was verstehen wir darunter, wenn ein Staat einem anderen Respekt zollt oder verwehrt? Respekt ist eines der häufig auftauchenden Wörter, die sich durch eine hohe Kernprägnanz auszeichnen, jedoch wenig Randschärfe besitzen. Das bedeutet, dass sich jede Person im Alltag unter „Respekt“ – genauso wie etwa unter „Demokratie“ – im Kern ähnliche Vorstellungen machen wird, dass der Begriffe aber tatsächlich nicht eindeutig von anderen Begriffen abzugrenzen und zu unterscheiden ist (vgl. Pfister 1989). Im alltäglichen Sprachgebrauch können derartige sprachlichen Ungenauigkeiten durchaus zu Missverständnissen führen, denn wenn ein Student sagt, er habe Respekt vor einem Professor, kann dies aus Gründen der Hochachtung genauso wie aus Gründen der Furcht erfolgen. Allerdings ist dieser Mangel an Eindeutigkeit in der alltäglichen Kommunikation von vielen verschiedenen Menschen normal und selbstverständlich. Für das wissenschaftliche Arbeiten jedoch ist eine genaue und eindeutige Definition und Zuordnung, eine „systematische Reduzierung semantischer und syntaktischer Varianz durch zumindest partielle Standardisierung und Formalisierung des Sprachgebrauches“ (Gregor 1971: 48) besonders wichtig und notwendig, um Intersubjektivität und Nachprüfbarkeit zu gewährleisten (vgl. Daase/Cederman 2003).

2.1. Respekt als intrinsischer Wert von staatlichen Akteuren

An dieser Stelle soll geklärt werden, ob man im Zusammenhang mit staatlichen Akteuren überhaupt von Respekt sprechen kann und wie Respektstreben intrinsisch – als Wert an sich – motiviert wird. Die grundsätzliche Relevanz von Respekt wird bei der beträchtlichen Anzahl von philosophischen und sozialpsychologischen Arbeiten, die sich mit Respekt und/oder seinen Elemente auseinandersetzen deutlich; Thomas Hill beschreibt Respekt sogar als „common sense morality“ (vgl. Hill 1998). Sozialpsychologisch lässt sich das Streben von Individuen nach Respekt dadurch begründen, dass sie durch Respektbezeugungen der Umwelt eine Bestätigung der eigenen Identität erhalten (vgl. Goffman 2005 und Mead 1973). Auf eine solche Bestätigung sind Individuen in einer sozial konstruierten Welt angewiesen, denn „[w]ithout social identity there is no human world“ (Jenkins 2004: 7). Allerdings stehen bei den Betrachtungen individuelle Personen mit ihrer persönlichen Identität im Vordergrund. Ist es folglich überhaupt möglich, Respekt auf die internationalen Akteure der kollektiv organisierten Staaten zu beziehen? Kann man davon ausgehen, dass ein solcher kollektiver Akteur als Entität nach Respekt strebt und einzelne Personen so handeln, dass das Respektempfinden des Kollektivs erhöht wird und nicht etwa ihr persönliches? Oder tappt man hier in die Falle der Reifizierung[3], weil zumindest nach Max Weber in der Soziologie keine handelnde Kollektivpersönlichkeit existiert, weil „diese Gebilde [u.a. ein Staat, Anm. der Verfasserin] lediglich Abläufe und Zusammenhänge spezifischen Handelns einzelner [einzelner ist im Originaltext hervorgehoben, Anm. der Verfasserin] Menschen [sind], da diese allein für uns verständliche Träger von sinnhaft orientiertem Handeln sind“ (Weber 1922: 6)? Eine solche „Abkürzung“, die Kollektive als Akteure behandelt, ist allerdings vertretbar, „wenn wir mit guten Gründen annehmen können, dass eine Organisation oder Gruppe gemeinsame Kognition und Ziele besitzt, einheitlich handelt und auch von ihrer Umwelt als kollektives, strategiefähiges Subjekt wahrgenommen wird.“ (Schimmelfennig 2004: 61). In diesem Fall kann man auch von einem „korporativen Akteur“ (ebd.) sprechen.

Sozialpsychologische Studien, Experimente und Analysen, die auf den Zusammenhang zwischen individuellen Überzeugungen und Identitätsmerkmalen einerseits, sowie denen von Gruppen andererseits, eingehen, rechtfertigen eine solche Abkürzung, die den Staat als korporativen Akteur betrachtet. Diesen Studien zu Folge schließen sich Individuen, weil sie prinzipiell danach streben, ein positives Selbstbild der eigenen Identität zu erlangen und zu bestätigen, Gruppen mit einer möglichst hohen, das eigene positive Selbstbild unterstützenden Position an[4]. Sind Individuen bereits Teil einer Gruppe, werden sie versuchen, den Status dieser „in-group“ in Relation zu anderen Gruppen, so genannten „out-groups“, zu verbessern, weil eine hohe Position der eigenen Gruppe im Vergleich mit anderen positiv auf das Selbstbild, die individuelle Selbstachtung und das persönliche Selbstwertgefühl zurückwirkt. (vgl. Worchel 2003: 484 und Tyler/Blader 2000: 144f.). So kann man schließen, dass Individuen, für die gerade Respektbezeugungen von außen eine positive Wahrnehmung der eigenen Identität darstellen, danach streben, dass ebenso die „in-group“ als Gesamtes von „out-groups“ respektiert wird (vgl. Giesen 1999: 123). Wird entsprechendes in diesem Sinne kollektives Verhalten untersucht, ist es nicht von Bedeutung, ob es sich um eine kleine Gruppe oder Massenbewegungen handelt (vgl. Worchel 2003: 480). Wenn folglich ein rational denkendes und handelndes Individuum respektvolles Verhalten einfordert, weil der Wunsch nach Respekt ein einem vernunftbegabten Wesen innewohnender Wert ist, weil dadurch der eigenen Identität Wert beigemessen wird, dann werden diese Individuen als kollektiver Akteur ebenso respektvolles Verhalten anderer Kollektive einfordern. Sehr ähnlich geht Alexander Wendt vor, wenn er sein immaterielles staatliches Interesse „collective self-esteem“ (Wendt 2003: 236) präsentiert. Dieses ist das Bedürfnis einer Gruppe nach Respekt, Status, oder einfach „to feel good about itself“ (ebd.). Warum eine Gruppe nach „collective self-esteem“ strebt, begründet Wendt damit, dass dieses Bedürfnis Teil eines jeden Individuums ist, welches das Individuum deswegen auch in seiner Gruppe erfüllt sehen möchte und das dadurch zum Gruppenbedürfnis wird (ebd. 236). Folglich kann man behaupten, dass Respekt einen Wert darstellt, den Staaten auch als korporativer Akteur anstreben und den somit einzelne Individuen innerhalb des Staates für den eigenen Staat als kollektives Bedürfnis zu erreichen suchen; im weiteren Verlauf der Arbeit wird Respekt daher als intrinsischer Wert von individuellen Personen verstanden, der auf den Staat als korporativen Akteur übertragen werden kann.

2.2. Respekt als prozessuale Beziehung zwischen einem Subjekt und einem Objekt

Unabhängig davon, ob Respekt auch auf Gruppen und Kollektive anwendbar ist und welche Elemente er beinhaltet, ist er zu allererst eine prozessuale Beziehung zwischen einem Subjekt und einem Objekt, in der das Subjekt auf das Objekt in einer bestimmten – eben respektvollen – Art und Weise antwortet und reagiert. Um das Objekt dafür notwendigerweise in das eigene Verhalten einbeziehen zu können, es „mitdenken“ zu können, muss das Subjekt Akteursqualitäten besitzen und vernünftig denkend agieren können. Gleiches muss jedoch nicht zwangsläufig auch für das Objekt gelten, denn auch ohne Akteursqualitäten können Gegenstände, Systeme, das Wetter oder die Natur Objekte in einer Respektbeziehung sein (vgl. Dillon 2003). Respekt stellt dabei weder ein fertiges Produkt dar, das in einer Beziehung als Ergebnis vollständig verwirklicht sein kann, noch müssen getroffene Entscheidungen, Übereinkünfte oder Abkommen, die fair und ausgewogen erscheinen, in einer respektvollen Beziehung entstanden sein. Respekt muss, um zu bestehen, vielmehr in einem fortlaufenden Prozess durch „appropriate conduct“ (Dillon 2003) immer wieder neu gezeigt und bestätigt werden (vgl. van Quaquebeke 2007: 3, Wolf 2008: 12).

Bei der Untersuchung dieses Beziehungsprozesses kann der Schwerpunkt unterschiedlich gesetzt werden. Wird der Fokus auf das Subjekt gelegt, dann stehen Gewährung, Versagen oder Entzug von Respekt im Mittelpunkt, nimmt man das Objekt in den Blickpunkt – vorausgesetzt es hat ebenso Akteursqualität wie das Subjekt – geht es um Streben und Fordern nach, oder Verlieren von Respekt. Für das Gebiet der Internationalen Beziehungen ergeben sich somit zwei Anwendungsbereiche. Zum einen ist es möglich, die Vorraussetzungen und Gründe für das Verhalten eines Akteurs, zum Beispiel eines Staates, in der Rolle des Subjekts in der Respektbeziehung zu erforschen, wobei dem Objekt Akteursqualitäten zukommen können, wenn es etwa wie das Subjekt auch ein Staat ist, oder auch nicht, wenn es sich etwa um ein Regime – was nach der Definition von Keohane (1989) keine Akteursqualität besitzt, handelt. Zum anderen kann die Objektperspektive näher beleuchtet werden, in der das Verhalten des Objekts betrachtet wird und dass in diesem Fall logischerweise ein ebenso mit Vernunft agierender Akteur sein muss wie das Subjekt. Da in der vorliegenden Arbeit plausibel gemacht werden soll, dass Akteure – in den spezifischen Fällen Staaten – nach Respekt streben und Konflikte eingehen bzw. verschärfen um ihn zu erhalten, wird hauptsächlich die Objektperspektive Beachtung finden. Dennoch spielt das Verhalten der Subjekte eine wichtige Rolle, da als Vorraussetzung für das unkooperative Verhalten eines Objektes innerhalb von Konflikten zuerst ein mangelhaft gezollter Respekt auf Seiten des Subjekts gegenüber diesem Objekt vorhanden sein und nachgewiesen werden muss. Im Generellen wird das Arbeiten mit dem Faktor Respekt immer beide Perspektiven in unterschiedlichen Gewichtungen einschließen.

2.3. Respekt als angemessene Berücksichtigung des Objekts

Nun wird eine Subjekt-Objekt-Beziehung erst zu einer aus Sicht des Objekts respektvollen, wenn das Subjekt ein für das Objekt angemessenes Verhalten an den Tag legt. Lediglich konkrete Bekundungen und Handlungen sind dabei relevant, weil ausschließlich in diesen ein Objekt erkennen kann, ob es respektiert wird oder nicht (vgl. Sennett 2002: 251). Welche innere Haltung oder welche Gefühle das Subjekt hat, kann ein Objekt nicht erkennen, solange jene nicht im Verhalten des Subjekts sichtbar werden. Respekt wird dementsprechend als „behavior“ verstanden, und nicht etwa als „attitude or feeling which might or might not be expressed behaviorally“ (Dillon 2007), wie ihn die Mehrheit der Autorenschaft auffasst, die moralisch relevante Betrachtungen anstellen.

Für die vorgestellte Definition wird das Verb „berücksichtigen“ gewählt, weil es sich nicht wie „achten“, das häufig ethisch-moralisch aufgeladen ist[5], oder „anerkennen“, das klar in der Rechtssprache definiert ist[6], in eine Richtung vorbestimmt zeigt. Zwar könnte in diesem Sinne das ebenso „neutrale“ Verb „beachten“ Verwendung finden, jedoch liegt „berücksichtigen“ nicht nur semantisch, sondern auch hinsichtlich der Übersetzung sehr nahe an dem lateinischen Ursprungswort „respicere“. Dieses ist wörtlich mit „zurückblicken“, „wiederholt hinsehen“ oder eben „berücksichtigen“ zu übersetzen und meint, dass etwas oder jemand so wichtig ist, dass ein wiederholtes Hinsehen notwendig erscheint und gerechtfertigt ist.

Eine Berücksichtigung die aus Sicht des Objekts angemessen erscheint, setzt ein faires Verhalten des Subjekts voraus; das bedeutet, dass das Objekt sich unvoreingenommen und gleichberechtigt behandelt und individuell gewürdigt sehen möchte (vgl. Simon 2007; Tyler/Balder 2000). Erfolgt dies nicht, wird das Objekt einen Respektmangel wahrnehmen; dieser wird eindeutiger, wenn anderen, vergleichbaren Objekten durchaus eine respektvolle Behandlung zukommt oder das Subjekt an sich selbst privilegierte Maßstäbe ansetzt, denn laut Kant ist eines der hauptsächlichen Laster, mit denen Menschen anderen keine Achtung entgegenbringen, sie also verachten, der Hochmut, „nach welche[m] wir anderen Menschen ansinnen, sich selbst in Vergleichung mit uns gering zu schätzen […]“ (Kant 1797: 454). Dieser Anspruch an Fairness und gleichheitsbasierten Prinzipien an das Subjekt bedeutet jedoch kein Moment der „Gegenseitigkeit“. Die symmetrische Respektbeziehung als Berücksichtigung der wechselseitigen Bedürfnisse zwischen Subjekt und Objekt, wie sie bei Richard Sennetts Definition zentral ist (vgl. Sennett 2002: 73), ist für die vorliegende Arbeit mit Bezug auf das Respektstreben von Staaten nicht relevant, denn Objekte ihrerseits „folgen in ihren Handlungen nicht unbedingt einer Logik der Angemessenheit, sondern ihrem Bedürfnis nach internationalem Respekt“ (Wolf 2008: 18). Ein Objekt fordert also den Respekt von einem Subjekt ein, den es subjektiv für sich als angemessen empfindet, unabhängig davon, ob es selbst genügend Respekt gewährt oder nicht. Im Falle von zwei Staaten ist denkbar, dass sich der eine durch das Verhalten des anderen unzureichend respektiert fühlt und sich als Folge in Konflikten engagiert, um die mangelnde Berücksichtigung zu erzwingen, ohne dass er selbst den Respekt gewährt, den der andere als angemessen empfindet. Ebenso ist es nicht relevant, welcher Grad an Respektbezeugungen dem Objekt gegenüber normativ oder ethisch als angemessen gilt, sondern was das Objekt subjektiv als angemessen empfindet. Diese subjektive Angemessenheit kann dabei für das Subjekt durchaus offenkundig auffindbar sein. Es geht hier folglich weder darum zu klären, ob ein Staat Respekt verdient hat oder nicht, noch um die Frage, ob ein Staat mit wie auch immer begründeter Rechtmäßigkeit Respekt verwehrt oder gewährt, sondern um die Erklärung der Ursachen einer bestimmten Art von Konflikten.

2.4. Konzepte für die inhaltliche Bestimmung von Respekt

Nachdem geklärt ist, in welchem Rahmen sich Respekt aus der vorwiegenden Perspektive des Objekts in den IB bewegen kann, geht es nun um die systematische Darlegung des Inhaltes von Respekt – seiner Elemente – und deren grundlegender Sichtbarkeit. Wie schon zu Beginn erwähnt, geht es bei Abhandlungen über Respekt zumeist um die ethische Seite mit den Fragestellungen ob, warum und in welcher Weise Personen anderen Personen aus moralischen Gründen Respekt gewähren sollten (vgl. Dillon 2007). Als Vater dieser Richtung kann Kant mit seinem Begriff der Achtung[7] gelten, wonach jedes vernunftbegabte Wesen „Zweck an sich selbst“ (Kant 1788: 156) ist, weil es durch die Vernunft autonom in seiner Freiheit ist, sowie Persönlichkeit und eine innere Würde besitzt. Ein vernunftbegabtes Wesen mit Achtung zu behandeln bedeutet demnach, es „niemals bloß als Mittel, sondern zugleich selbst als Zweck zu gebrauchen“ (Kant 1788: 156; vgl. auch Kant 1785: 84f.). Dieser philosophische Impetus kann jedoch nicht als Grundlage für die Erstellung eines empirischen Analyseinstrumentes „Respekt“ dienen, sondern lediglich Hilfestellungen und Ideen liefern. Bezugspunkte für die hier vorgeschlagene Respektdefinition sind demnach umfassende Konzeptualisierungen von Respekt, die sich von den moralischen Implikationen befreien und diese nicht als das Hauptcharakteristikum von Respekt sehen, sondern lediglich als eine bestimmte Richtung von möglichen Betrachtungen. Als solche Bezugspunkte eignen sich die Systematisierungen von Darwall und Hudson, weil dort Respekt grundlegend aufgeschlüsselt wird.

2.4.1. Darwalls „Two Types of Respect“

Stephen L. Darwall stellt mit seiner Aufsplitterung in „recognition respect“ und „appraisal respect“ (vgl. Darwall 1977) eine grundlegende Systematisierung des Begriffs an, die mittlerweile als Standard für den wissenschaftlichen Diskurs gilt (Vgl. Dillon 2003 und Hill 1998). Der „recognition respect“ “can have any of a number of different sorts of things as its object and […] consists, most generally, in a disposition to weigh appropriately in one's deliberations some feature of the thing in question and to act accordingly” (Darwall 1977: 38). Es geht also folglich nicht darum, ein Objekt aus moralischen Gründen in bestimmter Weise zu behandeln, sondern darum, es aufgrund eines vorhandenen Merkmals oder eines gegebenen Faktums, in angemessener Weise für das eigene Handeln zu berücksichtigen. Hier kann es sich sowohl um ein Gesetz, eine Institution, oder eine gefährliche Situation handeln. Die moralische Verpflichtung eine Person im Sinne von Kants „Achtung“ nicht als Mittel zu gebrauchen, wird unter dem eigenen Begriff „moral recognition respect“ von der Gesamtkonzeption abgetrennt und als eigenes zu bearbeitendes Feld aufgestellt (Darwall 1977: 40).

Der „appraisal respect” unterscheidet sich davon grundlegend, denn „unlike recognition respect, its exclusive objects are persons or features which are held to manifest their excellence as persons or as engaged in some specific pursuit.” (Darwall 1977: 38). Er ist positive und subjektive Wertschätzung auf Seiten des Subjekts gegenüber einem vernunftbegabten Objekt, die in erster Linie kein bestimmtes Verhalten erfordert; er ist vielmehr „the positive appraisal itself“ (Darwall 1977: 39). Darwalls „appraisal respect“ muss sich jemand verdienen, entweder durch Eigenschaften, wie ein guter Zuhörer zu sein, oder durch ein bestimmtes Können, wie etwa ein guter Autor zu sein. Im Gegensatz zu „recognition respect“, der auf Seiten des Subjekts das eine, eben angemessenes Verhalten postuliert, ist „appraisal respect“ abstufbar; d.h. ein Subjekt kann verschiedenen Personen gegenüber verschiedene Grade an Respekt entgegenbringen und dies auch in Aktionen zeigen. (Darwall 1977: 44). Bei Respekt wird folglich zwischen nicht-abstufbarer Anerkennung und Berücksichtigung von gegebenen Fakten sowie abstufbarer Wertschätzung von Leistungen unterschieden.

2.4.2. Hudsons „Four Types of Respect“

Darwalls grundlegende Unterscheidung wird durch die vier Typen von Respekt, die Hudson definiert, verfeinert und weiter veranschaulicht. Er unterteilt Respekt in „Evaluative-Respect“, „Directive-Respect“, „Institutional-Respect“ und „Obstacle-Respect“ (vgl. Hudson 1980: 70). Ersterer kann dabei als appraisal respect verstanden werden, den sich ein personelles Objekt verdienen muss; letztere drei Typologisierungen sind im Grunde eine Verfeinerung von Darwalls „recognition respect“ (vgl. Dillon 2003). „Directive-Respect“ bedeutet die Respektierung bestimmter „directives“, die derart handlungsanleitend sein müssen „that the adressee’s response can be judged as being in accordance with or contrary to it“ (Hudson 1980: 71). Gemeint sind hier mit diesen „directives“ konkrete Anweisungen, Vorschriften oder Gesetze, die entweder selbst das Objekt von Respekt darstellen oder ein Merkmal bzw. Faktum bezüglich eines Objekts darstellen. Bei „Institutional-Respect“ sind die Objekte von Respekt etwas komplexer als gesellschaftliche Praktiken, bestimmte offizielle Ämter oder Personen in offiziellen Rollen definiert. So richtet sich „Institutional-Respect“ zum Beispiel auf das Gesetzessystem als solches, auch wenn nicht jedes einzelne Gesetz Zustimmung findet, oder auf das Amt eines Abgeordneten als solches, auch wenn ein bestimmter Abgeordneter nicht wieder gewählt werden würde. Der letzte der drei, der „Obstacle-Respect“ bezieht sich auf Objekte von Respekt als Barrieren, die ein bestimmtes Verhalten des Subjektes einfordern, damit dieses sein Ziel erreichen kann oder nicht in Gefahr gerät. Das kann sich auf Konkurrenten im Beruf ebenso beziehen, wie auf enge Kurven auf der Landstraße. Auch Hudson trennt moralische Implikationen von seiner Vierer-Aufspaltung ab, indem er „respect for persons“ – noch stärker als Darwall seinen „moral recognition respect“ – als eigenes zu bearbeitendes Feld aufstellt, das mit den drei letztgenannten Respekttypen erklärt werden kann. So sieht Hudson Respekt ebenso wie Darwall als abstufbare Wertschätzung von Leistungen, aber auch als nicht-abstufbare Anerkennung von Rechten, Pflichten und sozialen Gefügen sowie als Obacht und Vorsicht.

2.5. Von den Typen zu den Elementen

Diese zwei Konzepte mit ihren Typen dienen als Raster und Ordnungspunkte für die inhaltliche Bestimmung von Respekt in vorliegender Arbeit. Genauso wie etwa „respect for persons“ in diesen Konzeptionen als separates Forschungsfeld Abgrenzung erfährt, soll „Respekt in den Internationalen Beziehungen“ als eigenes Feld betrachtet werden. Der Begriff Respekt soll dabei nicht umgedeutet oder verdreht werden, sondern auf für die Disziplin der Internationalen Beziehungen heuristisch sinnvolle Elemente zentriert werden, so dass Respekt als Analyseinstrument Verwendung finden kann.[8] Einige Punkte sind dabei besonders zu beachten:

Darwall und Hudson betrachten Respekt aus der Subjektperspektive und legen dabei verschiedene Arten von Respekt fest, die an das Subjekt unterschiedliche Anforderungen stellen; so sollte nach Hudson „Obstacle-Respect“ gezeigt werden, damit sich das Subjekt nicht selbst schadet, „Evaluative-Respect“ hingegen muss das Subjekt weder zeigen noch zollen, und wenn doch, dann kann dies in für das Subjekt legitimer Weise gestuft geschehen. Bei der im nächsten Kapitel vorgelegten inhaltlichen Zentrierung des Respektbegriffs wird allerdings vornehmlich die Objektperspektive eingenommen. Respekt besteht für das Objekt nur dann, wenn es die Respektbezeugungen, die es für sich als angemessen empfindet, in sichtbaren Handlungen wahrnehmen kann. Deswegen kann es keine legitime Abstufung von Respekt geben, denn entweder das Objekt fühlt sich angemessen respektiert oder nicht. Eine durchaus vorhandene Respektbezeugung, die aus Sicht des Subjekts als angemessen erscheint, jedoch nicht aus der des Objekts, wird von diesem als mangelhaft gezollter Respekt, als Respektmangel, aufgefasst werden.

2.6. Elemente von Respekt und deren Operationalisierung

Die grundlegende Einteilung von Darwall und Hudson im Blick, sowie weitere, bereits erwähnte Werke als Orientierungshilfe verwendend, kristallisieren sich vier für die Internationalen Beziehungen relevante inhaltliche Elemente für sichtbaren Respekt heraus: Die „Berücksichtigung der Präsenz“, die „Berücksichtigung der Interessen“, die „Berücksichtigung der Rechte“ sowie die „Berücksichtigung der Besonderheiten“. Die Festlegung auf diese vier Elemente erscheint sinnvoll, da sie voneinander abgrenzbar sind und deswegen eine gezielte Betrachtung ermöglichen. Dabei sind sie jedoch nicht gänzlich unabhängig voneinander zu sehen, sondern bedingen und überschneiden sich. Zielkonflikte ergeben sich daraus jedoch nicht, denn das Nachweisziel – der mangelnd oder angemessene gezollte Respekt – bleibt gleich. Neben der inhaltliche Darlegung dieser vier Elemente erfolgt in den Unterkapiteln auch eine Abgrenzung zu den Begriffen „Macht“ und „Prestige“. Aufgrund des Forschungsstandes kann es an dieser Stelle noch keine detaillierte Operationalisierung, des Begriffs Respekt für die Disziplin der Internationalen Beziehungen geben; allerdings werden grobe Operationalisierungsvorschläge geliefert, die vorhandenen oder nicht vorhandenen Respekt sichtbar machen sollen. Im Zuge der tiefgehenden Analyse des Fallbeispiels um den Konflikt um das iranische Atomprogramm werden die Vorschläge implizit erprobt.

2.6.1. Berücksichtigung der Präsenz

Ein Mangel an Respekt liegt grundlegend dann vor, wenn die Präsenz des Objektes auf der Ebene von „recognition respect“ als Faktum ignoriert oder nicht im Sinne des Objekts aufgefasst wird. Robin S. Dillon spricht diesen Punkt mit der für Respekt zentralen “attention” an, die oft als Weg „trying to see the object clearly, as it really is in its own right, and not simply seeing it through the filter of one's own interpretations, desires, fears, etc.” (Dillon 2003), verstanden wird. Ein Objekt zu respektieren ist folglich nicht vereinbar mit „being oblivious or indifferent to it, ignoring or quickly dismissing it, neglecting or disregarding it, or carelessly or intentionally misidentifying it” (Dillon 2003). Ebenso sieht Axel Honneth in seiner auf Hegels Gedanken aufbauenden Gesellschaftstheorie diesen fundamentalen Aspekt, „dass jedes menschliche Zusammenleben eine Art von elementarer gegenseitiger Bejahung zwischen Subjekten voraussetzt, weil anders ein wie auch immer geartetes Miteinandersein erst gar nicht zustande kommen könnte“ (Honneth 1992: 73).

Als massivste Verweigerung von Respekt gilt das Ignorieren, denn „[u]nabhängig von allen spezifischen Rechten, Leistungen oder Eigenschaften legen wir in der Regel erst einmal Wert darauf, dass unsere Präsenz zur Kenntnis [Hervorhebung im Original, Anm. der Verfasserin] genommen wird“ (Wolf 2008: 10). Ignorieren bedeutet, dass dem Objekt jegliche, wie auch immer gerichtete Relevanz abgesprochen wird (vgl. Margalit 1997: 127ff.). Das Objekt an sich ist derart unwichtig und unbedeutend, dass – in der wörtlichen Übersetzung des lateinischen „respicere“ – ein Zurückblicken oder genaues, wiederholtes Hinsehen nicht notwendig oder lohnenswert erscheint, weil die Anwesenheit des Objektes schlichtweg nicht zählt (Sennett 2002: 15). Staaten können andere zum Beispiel ignorieren, indem sie sie nicht zu Konferenzen oder Gipfeltreffen einladen oder offizielle diplomatische Beziehungen verweigern. Doch auch wenn das Objekt Beachtung erhält, kann diese respektlos erscheinen, wenn sie nicht dem Selbstbild hinsichtlich der eigenen Wichtigkeit und dem damit verbundenen, selbst gegebenen Status des Objektes entspricht (vgl. Margalit 1997: 128). Der Status wird gemeinhin als „soziale Hierarchie“ (Sennett 2002: 72) unter den Akteuren verstanden, was sich auch in rechtlichen oder quasirechtlichen Einstufungen der Akteure ausdrückt (vgl. Wolf 2008: 13). So kann ein Staat zwar zu einer wichtigen Konferenz eingeladen sein und fühlt sich dennoch nicht respektiert, weil er beispielsweise nicht seinem selbst wahrgenommenem Status entsprechend als wichtige aufstrebende Wirtschaftsmacht eingestuft wird, sondern weiterhin als ein unbedeutendes Land der ehemals so benannten „Dritten Welt“. Es ist denkbar, dass eine nicht im Sinne des Objekts angemessene Berücksichtigung bis zu einer gefühlten Demütigung reicht, die nach Evelin Lindner als „the enforced lowering of any person or group by a process of subjugating their dignity“ (Lindner 2006: xiv) aufgefasst werden kann[9].

Die Berücksichtigung der Präsenz bezieht sich jedoch nicht nur auf den Status in seiner sozialen Dimension, sondern muss auch den physischen Status mit einbeziehen. Die Wahrung der staatlichen Souveränität und Integrität eines Landes durch Dritte scheint offensichtlich ein wesentlicher Aspekt zu sein, damit sich ein Staat respektiert fühlt, weil dies in direktem Zusammenhang mit seiner physischen Existenz steht. Angriffe auf den physischen Status können beispielsweise Verletzung der territorialen Grenzen, militärische Drohungen und Angriffe oder Umsturzpläne durch Dritte bedeuten.

Präsenz bezieht sich folglich auf die erforderliche Berücksichtigung des Objekts aufgrund seiner sozialen und physischen Existenz, seines sozialen und territorialen Status, sowie der entsprechenden Bedeutung und Relevanz.

2.6.2. Berücksichtigung der Interessen

Ein Respektmangel liegt ebenso vor, wenn die konkreten materiellen Interessen des Objektes nicht angemessen berücksichtigt werden. Die tatsächliche Verwirklichung eines Interessen ist grundsätzlich ein wichtiger Punkt, aber im Bezug auf Respekt nicht der entscheidende. Es geht für das Objekt viel mehr darum, ob es möglich ist, die Interessen in einem fairen Prozess einzubringen und ob sie ernst genommen werden (vgl. Sennett 2002: 67ff.), also vielmehr um die Chance, als um die tatsächliche Verwirklichung. In sozialpsychologischen Gruppenversuchen zu kooperativem Verhalten fühlten sich die Testpersonen dann respektiert, wenn ihre Meinungen und Wünsche Zugang in die Gruppendiskussionen fanden und handelten in Folge in einem höheren Maße am Gemeinwohl orientiert, auch wenn dies nicht ihren konkreten Interessen entsprach. Wichtige Faktoren für respektvolles Verhalten innerhalb der Gruppe, wie auch zwischen zwei Personen sind u.a. Diskussionen, um die Entscheidungen und Aktionen der anderen besser zu verstehen oder die Erkenntnis, dass die anderen und ihre Meinung wichtig sind. Werden diese Faktoren nicht erfüllt, stellt sich für die Personen ein Gefühl des mangelnden Respekts ein, was ein weniger am Gemeinwohl orientiertes Handeln zur Folge hat (Vgl. De Cremer 2002 und Simon 2007). Ähnlich zeigen grundlegende Studien zu respektvoller Führung, dass Mitarbeiter motivierter und leistungsbereiter sind, wenn sie sich von ihrer Führungskraft respektiert fühlen. Das ist unter anderem dann der Fall, wenn die Führungskraft den Untergebenen als voll- und gleichwertigen Gegenüber anerkennt, ehrliches Interesse an seinen Meinungen und Einschätzungen zeigt, die Interessen und Vorlieben berücksichtigt, auf seine Wünsche eingeht, ihn und seine Arbeit ernst nimmt, ihn fair und höflich behandelt und sich gerecht verhält (Vgl. Quaquebeke 2008). Viele dieser Punkte lassen sich durchaus auf staatliche Akteure, die schließlich aus Menschen bestehen, im internationalen System übertragen – vor allem von John Rawls wird die Wichtigkeit von fairen Prozessen im zwischenstaatlichen Bereich erwähnt (Rawls 1993). Genauso wie Mitglieder in einer Gruppe oder Untergebene einer Führungskraft in einem Unternehmen werden Staaten als Objekte einen Mangel an Respekt wahrnehmen, wenn die Interessen nicht angemessen und fair beachtet werden. Ein solcher Mangel an Respekt kann in Reden und Bekanntmachungen durchscheinen, bei inoffiziellen oder Ad-hoc-Treffen auftreten, aber auch in einem institutionalisierten Rahmen erscheinen, zum Beispiel bei regelmäßigen Treffen mit festgesetzten, ausgewogenen Redezeiten, die eine gewisse Fairness garantieren sollten. Letzterer Fall dürfte für das Objekt in besonderem Maße belastend sein, weil die Respektverwehrung im Sinne von Hudsons „Institutional-Respect“, bei dem die Objekte „social institutions or practices, the positions or roles defined within an institution or practice, and persons or things that occupy the positions or represent the institution” sind und der durch „behavior that conforms to rules that prescribe certain conduct as respectful” (Dillon 2003) ausgezeichnet ist, erfolgt. Das Objekt scheint hier so wenig wert zu sein, dass sogar institutionalisierte Regeln, die einen fairen Umgang garantieren sollen, nicht berücksichtigt werden.

Die staatlichen Interessen lassen sich prägnant nach George und Keohane als „physical survival“, „liberty“ und „economic subsistence“ nach der gängigen Unterscheidung „life“, „liberty“ und „property“ beschreiben (vgl. George/Keohane 1980: 224). Dem einen Staat können etwa wirtschaftliche Verbesserungen anhand von Kooperationsprojekten oder Handelsabkommen besonders wichtig sein, dem anderen sicherheitspolitischer Schutz in Form von Beitrittswünschen zu Verteidigungsbündnissen oder Aufrüstungsmaßnahmen. Das wichtigste dabei ist, dass diese Interessen eines Staates von einem anderen erhört, diskutiert, einbezogen und ernst genommen werden.

2.6.3. Berücksichtigung der Rechte

Aber nicht nur, wenn aus Sicht des Objekts die Berücksichtigung der Interessen verwehrt bleibt, liegt ein Mangel an Respekt vor, sondern vor allem auch dann, wenn zustehende Rechte nicht gewährt werden bzw. bestimmten „directives“ im Sinne von Hudsons „Directive-Respect“ nicht Folge geleistet wird. Denn gerade diese Anerkennung von legalen Rechten durch Dritte bestätigt in positiver, nicht beschränkender Hinsicht die eigene Identität als autonomen gleichrangigen Akteur, was „the active ingredient of respect“ darstellt (Simon 2007: 321). Das Objekt wird nicht etwa als abhängig von etwas oder jemandem verstanden, sondern als „[having] the juridical status of a sovereign person“ (Wendt 2003: 32). Durch diese Anerkennung entsteht eine die eigene Identität bestätigende Gleichrangigkeit innerhalb einer Rechtsgemeinschaft, in der sozial akzeptierte Ansprüche geltend gemacht werden können. Weil Rechte diesen öffentlichen Charakter besitzen und einklagbar sind, „[ermächtigen] sie ihren Träger zu einem von den Interaktionspartnern wahrnehmbaren Handeln […], was ihnen die Kraft verleiht, die Ausbildung von Selbstachtung zu ermöglichen“ (Honneth 1992: 194).

Werden folglich legale Rechte, die das Objekt als Teil einer Rechtsgemeinschaft ihm zustehend empfindet, nicht respektiert, ist dies ein Mangel an Respekt gegenüber dem Objekt selbst, weil es als nicht gleichrangig betrachtet wird. Dies bedeutet einen direkten Angriff auf die eigene Identität und Selbstachtung und führt dazu, dass Akteure um diese Anerkennung der Rechte kämpfen und zum Eingehen von Konflikten motiviert werden (Honneth 1992: 74). Die Relevanz dieses Honneth’schen Gedankens für die zwischenstaatliche Ebene wird auch von Jürgen Haacke in seinem Aufsatz über die Wichtigkeit von Anerkennung betont (vgl. Haacke 2005: 194). Gerade im internationalen System, das stark von asymmetrischen Beziehungen und gewaltintensiven Auseinandersetzungen zwischen den Staaten geprägt ist, nimmt respektloses Verhalten in der Form von Nicht-Anerkennung von legalen Rechten einen wichtigen Punkt ein. Das liegt zum einen daran, weil anders als innerhalb von Staaten oft eine höhere Instanz fehlt, die bei einer Nichtgewährung von Rechten effektiv einschreiten könnte und zum anderen an der oftmals willentlich schwammigen Formulierung von Vertragstexten. Fälle können sich sowohl im bilateralen oder multilateralen Rahmen ergeben, bei sehr allgemein und offen gehaltenen Schriftstücken wie der Menschenrechtsdeklaration genauso wie bei inhaltlich sehr konkreten Absprachen wie etwa Handelsabkommen.

Eine Nichtgewährung von Rechten, die dem Objekt vorurteilsfrei zustehen, ist deshalb eine gravierende Form von Respektmangel, weil sich das Objekt herabgestuft und ungleich behandelt fühlt.

2.6.4. Berücksichtigung der Besonderheiten

Das letzte der aufgestellten Respektelemente in Anlehnung an die Typen des „appraisal respect“ von Darwall bzw. „Evaluative-Respect“ von Hudson differenziert sich etwas von den bereits genannten. Zwar geht es stets darum, was aus Sicht des Objektes als angemessener Respekt zu verstehen ist, allerdings sind vorangegangene Elemente für das Subjekt leicht bemerkbar oder intuitiv ersichtlich. Es ist wohl unschwer herauszufinden, wenn nicht gar offenkundig, welchen Status sich ein Staat zuordnet, welche Interessen er wie vorbringen möchte und welche zustehenden Rechte er beansprucht. Weil ein Respekt gewährender Staat also unschwer feststellen kann, wann sich ein anderer in diesen Elementen angemessen respektiert fühlt, scheint die Bezeichnung „objektiver Respekt“ passend zu sein. Berücksichtigt ein Staat diese Faktoren nicht, ist davon auszugehen, dass er sich bewusst ist, dass das Objekt dies negativ auffassen wird.

Anders verhält es sich jedoch mit Besonderheiten eines Objektes für die es ebenso besondere Berücksichtigung – eine positive Bewertung – erwartet. Als eine solche ist Respekt „like esteem and admiration, veneration and reverence, love and honour” (Dillon 2003) aufzufassen, was an dieser Stelle mit dem deutschen „wertschätzen” wider gegeben wird. Erfahren besondere Merkmale, Eigenschaften, Leistungen, Fähigkeiten, Verdienste, Vorzüge oder Werte, die sich ein Objekt zuschreibt, keine Wertschätzung, kann dies als Respektmangel ausgelegt werden und zu Konflikten führen, auch wenn das Objekt einen objektiven Respekt durchaus erhalten hat (vgl. Wolf 2008: 11f). Das grundsätzliche Problem ist, dass Personen „einer sozialen Wertschätzung [bedürfen], die es ihnen erlaubt, sich auf ihre konkreten Eigenschaften und Fähigkeiten positiv zu beziehen“ (Honneth 1992: 196), dass aber jene Eigenschaften und Fähigkeiten, die das Objekt in sich sieht, von einem Subjekt als Tatsache erkannt oder als verdient angesehen werden müssen, bevor eine Wertschätzung erfolgt. Ein Subjekt benötigt Gründe „for respecting x [das Objekt, Anm. der Verfasserin] (in the evaluative sense), and these reasons will be what the person takes to be facts about x in virtue of which x merits the person’s respect” (Hudson 1980: 72). Solche Gründe sind nicht objektiv und in gewisser Weise offenkundig vorhanden, sondern abhängig von dem Subjekt eigenen Bewertungen des Objekts; es erscheint sinnvoll hier von „subjektivem Respekt“ zu sprechen. So ist es möglich, dass Objekte für ihm eigene Besonderheiten Wertschätzung erwarten, die das Subjekt nicht erteilt, weil die „prinzipielle […] Deutungsoffenheit aller gesellschaftlichen Werthorizonte“ (Honneth 1992: 210) dazu führt, dass Subjekt die Besonderheit schlichtweg nicht sieht. Dem Subjekt muss gar nicht bewusst sein, dass sein Verhalten von dem Objekt als negativ aufgefasst wird. Ein solcher Mangel an Respekt durch fehlende Berücksichtigung der Besonderheiten stellt sich dadurch als komplexer und vielschichtiger in seiner Ausprägung heraus, als die anderen vorgestellten Respektelemente.

Wie bei den Interessen kann der Inhalt der Besonderheiten, für die das Objekt im internationalen System Wertschätzung erwartet, sehr breit aufgestellt sein. Ein Staat kann angemessene Beachtung für die Leistung fordern, in einem Konflikt vermittelt zu haben, oder für die Fähigkeit, eine bestimmte Art von Produkten herstellen zu können. Auch für Verdienste wie die Lieferung wichtiger kultureller Beiträge, zum Beispiel durch die Entwicklung von Schriftzeichen, für Vorzüge wie den Besitz alter Kulturgüter oder für die Bekundung von Werten, etwa durch die Zustimmung zur Menschenrechtscharta der UN, können Staaten besondere Berücksichtigung erwarten. Dabei muss das Objekt Wertschätzung nicht zwingend nur für seine ureigenen Besonderheiten als einzelner Staat einfordern oder anders herum nicht erhalten; es ist durchaus möglich, dass ein staatliches Objekt als Teil einer bestimmten Werte- oder Interessensgemeinschaft Respekt erwartet bzw. nicht respektiert wird, zum Beispiel als „Verbündeter der USA“, als „Freund Israels“ oder Mitgliedsstaat der Europäischen Union.

Welche Behandlung aus Sicht des Objekts mit einer Wertschätzung der Besonderheiten, erwartet wird, kann ebenso unterschiedlich sein, und muss sehr genau am konkreten Fall überprüft werden. Denkbar ist beispielsweise eine positive Erwähnung in einer offiziellen Rede eines staatlichen Vertreters genauso, wie eine Einladung zu inoffiziellen oder offiziellen Treffen „Eingeweihter“ bzw. „Betroffener“, eine Aufnahme in bestimmte Bündnisse oder Organisationen oder auch schlichtweg eine Unterlassung von negativen Äußerungen.

2.6.5. Respekt im Verhältnis zu den Begriffen Macht und Prestige

Oft werden die Begriffe Macht und Prestige mit Respekt in Beziehung gebracht. So wird angenommen, dass große Macht oder viel Prestige gleichzeitig einen hohen Grad an Respekt bedeuten. Sicherlich trifft diese Behauptung zu, denn ein mächtiger Akteur wird in seiner Präsenz, seinen Interessen und seinen Rechten angemessen berücksichtigt werden. Doch dies muss nicht bedeuten, dass seine Handlungen auch angemessenen gewertschätzt werden – starke Akteure können sich durchaus weniger respektiert fühlen, wenn es um ihre Besonderheiten geht, als vergleichsweise schwache. Auch wenn Korrelationen zwischen Macht und Prestige auf der einen Seite, und Respekt auf der anderen Seite existieren, stellen jene Begriffe kein Element für Respekt in der dargelegten Definition dar, in dem Sinne, dass ein Objekt angemessene Berücksichtigung seiner Macht- oder Prestigestellung erwartet, um sich respektiert zu fühlen. Macht, Prestige und Respekt liegen vielmehr auf einer gemeinsamen Ebene und sind weniger Bestandteile voneinander. Denn aufgefasst als soziale Beziehungen, entstehen und definieren sich Macht und Prestige – genauso wie Respekt – selbst erst in sozialer Interaktion. So bedeutet Macht nach Webers grundlegender Definition „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“ (Weber 1922: 28); Prestige kann der Macht verwandt als „probability that a command with a given specific content will be obeyed by a given group of persons.“ (zit. N. Gilpin 1981: 30) bezeichnet werden und bezieht sich „auf die Gefühle, die der Status bei anderen Menschen auslöst (Sennett: 2002: 72). Bestimmte Tatsachen – wie der Status in der dargelegten Definition unter dem Respektelement „Präsenz“ – können folglich ebenso als Grundlage für Prestige oder auch Macht herangeführt werden. Beide sind jedoch eigene soziale Beziehungen und für eine grundlegende Definition von Respekt nicht weiter relevant.

2.7. Übersicht

Aus den Kapiteln lassen sich folgende Hauptaussagen für Respekt in der Disziplin der Internationalen Beziehungen ziehen:

- Respekt ist eine Beziehung zwischen einem Subjekt und einem Objekt, in der das Subjekt Respekt gewährt und dem Objekt Respekt zu Teil wird.
- Ein Staat strebt als Objekt grundsätzlich nach Respekt, weil Respekt durch die damit verbundene Bestätigung der eigenen Identität intrinsischen Wert besitzt.
- Ein Staat als Objekt kann nur solche Respektbezeugungen wahrnehmen, die im Verhalten des Subjekts sichtbar werden.
- Ein Staat als Objekt fordert den Respekt ein, den es für sich als angemessen betrachtet, unabhängig davon, ob er selbst angemessenen Respekt gegenüber Dritten zollt.
- Die inhaltlichen Elemente von Respekt sind „Berücksichtigung der Präsenz“, „Berücksichtigung der Interessen“, „Berücksichtigung der Rechte“ sowie „Berücksichtigung der Besonderheiten“.

Die obigen Aussagen lassen sich zu folgender Definition prägnant zusammenfassen:

Sind Subjekt und Objekt gleichermaßen staatliche Akteure in den Internationalen Beziehungen, dann ist Respekt als prozessuale Beziehung zwischen einem Subjekt und einem Objekt aus Sicht des Objekts dann realisiert, wenn das Subjekt die Präsenz, die Interessen, die Rechte sowie Besonderheiten des Objekts in für das Objekt angemessener und sichtbarer Weise berücksichtigt.

- Eine Respektrealisierung liegt zwischen zwei Staaten demnach dann vor, wenn das staatliche Subjekt die Respektelemente in angemessener und sichtbarer Weise in seiner Beziehung mit dem staatlichen Objekt berücksichtigt.
- Ein Respektmangel liegt vor, wenn das Subjekt einzelne, mehrere oder alle Elemente in seiner Beziehung mit dem Objekt nicht angemessen und sichtbar berücksichtigt.

[...]


[1] Für eine Darstellung der staatlichen Interessen in materieller, aber auch in immaterieller Hinsicht siehe George/Keohane 1980 und Wendt 1999.

[2] Diese Hamburger Gruppe junger Wissenschaftler forscht über Respekt in verschiedenen Bezügen. Informationen bietet die Homepage www.respectresearchgroup.org.

[3] Unter Reifizierung oder auch Verdinglichung versteht man im Anschluss an Karl Marx und Georg Lukács die Verschleierung des gesellschaftlichen Charakters sozialer Institutionen oder Sachverhalte. So wird von einem „handelnden“ Staat gesprochen und vernachlässigt, dass staatliches Handeln auf Einzelpersonen zurückgeht, die ihrerseits innerhalb des Staates sozial interagieren (vgl. Daase/Cederman 2003).

[4] Das Selbstbild kann als die Vorstellung verstanden werden, die wir uns aufgrund der eigenen Identität – aufgefasst als sozialer Erfahrungs- und Tätigkeitsprozess – über uns selbst machen, im Gegensatz zum Fremdbild, das als Vorstellung verstanden werden kann, die sich andere aufgrund unserer Identität über uns machen. Selbstbild und Fremdbild können dabei voneinander abweichen (vgl. Mead 1973, Frey/Haußer 1984 und Schachinger 2005). Für Genaueres zur Bedeutung des Selbstbildes siehe Kapitel 3.2.

[5] Nach Kants (1788) begrifflicher Definition von „Achtung“.

[6] Nach Fichtes (1798) begrifflicher Definition von „Anerkennung“.

[7] An dieser Stelle wird auf die vorhandenen, aber nicht gravierenden übersetzerischen Besonderheiten mit der dominierenden Wissenschaftssprache Englisch hingewiesen. So kann es sich als schwierig herausstellen und zu Verwirrungen führen, einzelne Begriffe zum Thema Respekt adäquat zu übersetzen, wie zum Beispiel Kants „Achtung“. Deshalb erscheint es ratsam, mit dem Originalbegriff zu arbeiten bzw. ergänzende Erklärungen zu liefern. Ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem deutschen „Respekt“ und dem englischen „respect“ wie in Valentin Heyde herausstellt (vgl. Heyde 2005) kann jedoch nicht festgestellt werden. Zwar wird Kants „Achtung“ in seinen Werken mit „Respect“ übersetzt (vgl. Kant 1788 und 1952), wobei im Falle unbedarfter Rückübersetzung von „respect“ mit „Respekt“ jener gerade mehr als nur „Achtung“ bedeutet; das moralische Konzept von Kants „Achtung“ gegenüber Personen wird jedoch im wissenschaftlichen Diskurs mit „respect for persons“ bezeichnet. Folglich werden der deutsche „Respekt“ und der englische „respect“ durchaus als in gleicher Weise allgemein und übergeordnet aufgefasst (vgl. Darwall 1977, Dillon 2003 und 2007, sowie Hill 1998).

[8] Eine Umdeutung von Respekt nimmt zum Beispiel Valentin Heyde vor. Respekt beinhaltet bei ihm nur abstufbare Respektelemente wie Wertschätzung; nicht abstufbare wie die Anerkennung von Rechten sieht er nicht als Teil „seines“ Respekts (vgl. Heyde 2005).

[9] Diesbezüglich liefert Kant interessante Implikationen. In anschaulichen Ausführungen erklärt er seine Auffassung von Achtung vor allem im negativen Sinn als Tadelung von Lastern, weil anderen Menschen Achtung zu beweisen „nur eine negative Pflicht ist“ (Kant 1797: 459). Die drei hauptsächlichen Laster, mit denen Menschen anderen keine Achtung entgegenbringen, sie vielmehr verachten, sind – wie weiter oben im Text bereits genannt – der Hochmut, aber auch das „Afterreden“, worunter Kant nicht „eine falsche, vor Recht zu ziehende Nachrede [versteht], sondern bloß die unmittelbare, auf keine besondere Absicht angelegte, Neigung […] etwas der Achtung für andere Nachteiliges ins Gerücht zu bringen“ (Kant 1797: 456) versteht, sowie die „Verhöhnung“, welche als „Bosheit“ und „Spottsucht“ beschrieben wird, als „die leichtfertige Tadelsucht und der Hang, andere zum Gelächter bloß zu stellen […] um die Fehler eines anderen zum unmittelbaren Gegenstande seiner Belustigung zu machen (Kant 1797: 457). Vor allem in den letzten beiden Lastern ist ein in demütigendes Verhalten im Sinne einer „Unterjochung der Würde“ (vgl. Lindner 2006; xiv) zu erkennen.

Ende der Leseprobe aus 110 Seiten

Details

Titel
Die Relevanz von Respekt in internationalen Konflikten. Die Verhandlungen um das iranische Atomprogramm
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für politische Wissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
110
Katalognummer
V274883
ISBN (eBook)
9783656668565
ISBN (Buch)
9783656668534
Dateigröße
5018 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Internationale Beziehungen, Respekt, Status, Iran
Arbeit zitieren
Isabella Hermann (Autor), 2009, Die Relevanz von Respekt in internationalen Konflikten. Die Verhandlungen um das iranische Atomprogramm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274883

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