Auf dem Parteitag vom 10. bis 16. Oktober 1920 beschloss die MSPD, auf Antrag von Adolf Braun, eine Programmkommission einzusetzen und ein neues Programm auszuarbeiten. Dieses neue Programm wurde auf dem Parteitag zwischen dem 18. und 24. September 1921 in Görlitz beschlossen. In diesem Essay wird der Frage nachgegangen:
Welche lang- und kurzfristigen Entwicklungen hatten Einfluss auf das Görlitzer Programm?
Dieser Fragestellung wird nachgegangen in dem zunächst die Ausgangslage im Bereich der Programmatik skizziert wird. Danach werden kurz- und langfristige Einflüsse auf das Görlitzer Programm aufgezeigt. Hieran schließt die Darstellung der Diskussion um das Görlitzer Programm an. Im vorletzten Arbeitsschritt werden die Inhalte des Görlitzer Programms vorgestellt. Zum Abschluss wird kurz auf die Entwicklung nach dem Görlitzer Programm eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Programmatik der SPD bis 1921
III. Einflüsse für das Görlitzer Programm
IV. Diskussion um das Görlitzer Programm
V. Inhalte des Görlitzer Programms
VI. Entwicklungen nach dem Görlitzer Parteitag
VII. Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht in der Untersuchung der komplexen Einflussfaktoren, die zur Entstehung und inhaltlichen Ausgestaltung des Görlitzer Programms der MSPD von 1921 führten, sowie der Analyse der politischen Rahmenbedingungen der Weimarer Republik, unter denen dieses Programm verabschiedet wurde.
- Historische Kontinuitäten und Brüche in der sozialdemokratischen Programmatik seit dem Erfurter Programm.
- Die Auswirkungen des Revisionismusstreits und der parteiinternen Spaltung (MSPD/USPD) auf die strategische Neuausrichtung.
- Der Einfluss der parlamentarischen Demokratie und der Weimarer Reichsverfassung auf die Parteiprogrammatik.
- Die parteiinterne Diskussion und der Prozess der Entscheidungsfindung auf dem Parteitag von Görlitz.
- Die inhaltliche Neuausrichtung und die Reaktion auf politische Kritik.
Auszug aus dem Buch
III. Einflüsse für das Görlitzer Programm
Die Einflüsse für eine programmatische Neuausrichtung der MSPD lassen sich nicht nur in der Weimarer Republik, sondern auch bereits zuvor im Kaiserreich verorten. So stellte bereits der Revisionismusstreit um das Jahr 1900 einen Einflussfaktor für das Görlitzer Programm dar. Hierbei handelte es sich um eine Debatte, welche von einer Artikelserie in der „Neuen Zeit“ mit dem Titel, „Probleme des Sozialismus“ und einem Buch mit dem Titel, „Die Voraussetzungen des Sozialismus und der Sozialdemokratie“, Eduard Bernsteins ausgelöst wurde. Denn Bernstein konnte weder das Kommunistische Manifest, noch das Erfurter Programm hinsichtlich des Verschwindens der Mittelschicht, noch die marxistische Krisentheorie, der Zunahme von Krisen und Verelendung der Arbeiterschaft, bestätigten. Dennoch wurde der Revisionismus auf mehreren Parteitagen abgelehnt, zuletzt 1903 mit einem leidenschaftlichen Bekenntnis von August Bebel und Karl Kautsky zum Marxismus.
Ein weiterer Einflussfaktor lag in der Spaltung von SPD in MSPD und USPD im April 1917, welche bis in die Weimarer Republik hinein anhielt. Zunächst bestand die USPD aus Revisionisten wie Bernstein und Antirevisionisten wie Hugo Haase. Doch nach dem Weltkrieg war die Bruchstelle nicht mehr entlang Kriegsgegner und Befürwortern, sondern entlang der Anhängerschaft zur Demokratie bzw. Räterepublik. Die Spaltung bewirkte, dass die MSPD nicht mehr das komplette linke Spektrum umfasste und weiter in die Mitte des Parteiensystems rückte. Bereits zu diesem Zeitpunkt war der äußerst rechte Flügel der Partei für eine radikale Neuausrichtung.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Fragestellung nach den lang- und kurzfristigen Einflüssen auf das Görlitzer Programm vor und umreißt das methodische Vorgehen der Untersuchung.
II. Programmatik der SPD bis 1921: Das Kapitel skizziert die Ausgangslage durch das Erfurter Programm von 1891, welches den theoretischen und praktischen Rahmen für die Sozialdemokratie bis 1921 bildete.
III. Einflüsse für das Görlitzer Programm: Hier werden zentrale Faktoren analysiert, darunter der Revisionismusstreit, die Spaltung der Partei in MSPD und USPD sowie der Übergang zur parlamentarischen Demokratie.
IV. Diskussion um das Görlitzer Programm: Dieser Abschnitt beschreibt den Prozess der Programmfindung in Unterkommissionen sowie die parteiinterne Kontroverse um die Integration marxistischer Begriffe.
V. Inhalte des Görlitzer Programms: Kapitel V erläutert die inhaltlichen Neuerungen, insbesondere die Zielgruppenerweiterung der Partei und die Anpassung an die Gegebenheiten der Weimarer Verfassung.
VI. Entwicklungen nach dem Görlitzer Parteitag: Das Kapitel befasst sich mit der öffentlichen Kritik am Programm und der raschen Ablösung durch spätere Parteitagsbeschlüsse bis hin zum Heidelberger Programm.
VII. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zur Entstehungsgeschichte des Görlitzer Programms zusammen und ordnet die Bedeutung der identifizierten Einflussfaktoren abschließend ein.
Schlüsselwörter
Görlitzer Programm, MSPD, USPD, Sozialdemokratie, Revisionismusstreit, Erfurter Programm, Weimarer Republik, Arbeiterbewegung, Koalitionspolitik, Parlamentarismus, Marxismus, Klassenkampf, Parteiprogrammatik, Deutsche Sozialdemokratie, Parteispaltung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehungsgeschichte und den inhaltlichen Hintergründen des Görlitzer Programms der MSPD, das im Jahr 1921 auf dem Parteitag in Görlitz verabschiedet wurde.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten zählen die historische Entwicklung der sozialdemokratischen Programmatik, die Auswirkungen der Parteispaltung von 1917 sowie die Herausforderungen durch die Etablierung der parlamentarischen Demokratie in der Weimarer Republik.
Was stellt die primäre Forschungsfrage dar?
Die zentrale Fragestellung lautet: Welche lang- und kurzfristigen Entwicklungen hatten maßgeblichen Einfluss auf die Ausgestaltung des Görlitzer Programms?
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Bearbeitung verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer deskriptiven und analytischen Aufarbeitung historischer Quellen und Dokumente zur Programmatik der SPD, um die Genese des Programms nachzuvollziehen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Ausgangslage, die Analyse politischer Einflussfaktoren, den Prozess der parteiinternen Diskussion und die detaillierte Vorstellung der inhaltlichen Schwerpunkte des Programms.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Wichtige Begriffe umfassen den Revisionismusstreit, die Spaltung der Arbeiterbewegung, das Erfurter Programm, die parlamentarische Demokratie und die programmatische Neuausrichtung der MSPD.
Warum war der Revisionismusstreit für das Görlitzer Programm relevant?
Er markierte einen langjährigen Diskurs über die Gültigkeit marxistischer Thesen, wie etwa die Verelendung der Arbeiterschaft, was die MSPD letztlich dazu zwang, ihre programmatische Basis an die Realitäten der neuen Staatsform anzupassen.
Inwiefern beeinflusste die Weimarer Verfassung das Programm?
Da viele Forderungen des alten Erfurter Programms, wie etwa Wahlrechtsreformen, durch die neue Verfassung bereits erfüllt oder obsolet geworden waren, musste das Görlitzer Programm inhaltlich neu ausgerichtet werden.
Welche Rolle spielte die Kritik von Hans Marckwald?
Seine Kritik richtete sich gegen den als zu weit rechts empfundenen Kurs der Parteiführung, was den permanenten internen Spannungszustand der MSPD und die Kurzlebigkeit des Görlitzer Programms verdeutlicht.
Warum wurde das Görlitzer Programm bereits 1922 abgelöst?
Die Ablösung war eng mit der Wiedervereinigung von MSPD und USPD verknüpft, die eine Revision des Programms erforderlich machte, um die verschiedenen Flügel der Partei wieder in einem gemeinsamen Programm zu vereinen.
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- Christoph Deichert (Author), 2014, Das Görlitzer Programm 1921, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/274910